MT-Umfrage zum Thema "Digitalisierung an Mindener Schulen": Kein Spaziergang Malina Reckordt,Jan Henning Rogge Minden. Wie ist es um die Digitalisierung an Mindener Schulen bestellt?Wie klappen Distanzunterricht, wie ist die Ausstattung der Schulen und wie viele Schüler haben überhaupt die technische Möglichkeit, dem digitalen Unterricht zu folgen? Die Redaktion wollte das genauer wissen und hat deshalb eine Umfrage gestartet. Fast alle Mindener Schulen haben mitgemacht. Aufbauend auf die Umfrage werden wir uns in den nächsten Monaten weiter mit dem Thema beschäftigen. Zum Auftakt gibt es einen Überblick über die Situation an Grund- und weiterführende Schulen. Die genauen Ergebnisse der Umfrage sind unter diesem Text einsehbar. Die Umfrage 19 der 23 Mindener Grundschulen, Förderschulen und weiterführende Schulen, darunter auch die Berufs und Kollegschulen, haben an der Umfrage zum digitalen Lernen teilgenommen. Nicht befragt wurden Schulen in kirchlicher oder freier Trägerschaft, da sie teilweise auf andere finanzielle Mittel zugreifen können. Da die Umfrage jeweils getrennt an Grundschulen, weiterführende Schulen, darunter auch Berufs- und Kollegschulen und an Förderschulen gerichtet wurde, erfolgt auch die Auswertung anhand dieser Einteilung. Nicht alle Fragen mussten beantwortet werden: So konnten beispielsweise Schulen, an denen kein Distanzunterricht stattfindet hierzu auch keine Aussagen treffen. Die Umfrage wurde gestartet, bevor die Schulen zum Wechselunterricht übergegangen sind. Die Ergebnisse wurden anonymisiert der Stadt Minden zur Verfügung gestellt. Eine Stellungnahme der Stadt liegt noch nicht vor. Grundschulen Die Ergebnisse: An den Grundschulen fällt auf, dass der Großteil der Schülerinnen und Schüler zuhause nicht über die technische Ausstattung verfügen, dem digitalen Unterricht zu folgen. So gaben zwei Schulen an, dass weniger als 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler solche Geräte besitzen, drei Schulen gaben an, dass dieser Wert bei ihnen unter 50 Prozent liege. An zwei weiteren Schulen verfügen mehr als 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler über die nötige technische Ausstattung. An zwei Drittel der befragten Grundschulen arbeitet der überwiegende Teil der Lehrkräfte mit privaten Geräten, ein Drittel arbeitet mit Dienstgeräten. Dass die Schülerinnen und Schüler an Grundschulen schon fähig dazu sind, digitalem Distanzunterricht zu folgen, sehen die meisten Schulen nicht so. So gaben fünf von sechs Befragten an, dass die Fähigkeiten dafür mehrheitlich schlecht seien. Die Probleme: Die Hauptprobleme liegen in der technischen Ausstattung der Schulen begründet. Schon vor einigen Monaten haben die Grundschulen je einen Koffer mit 16 iPads bekommen, die bereits im Unterricht eingesetzt wurden. In diesen Koffern können die Geräte geladen und gewartet werden. Nun haben einige Grundschulen weitere Tablets bekommen – bei denen wichtiges Zubehör fehlt: „Wir haben vor vier Wochen 68 iPads bekommen, es ist aber unklar, wo wir die laden können", sagt zum Beispiel Simone Heitmann, Schulleiterin der Mosaik-Schule. Spezielle Schränke oder Rollwägen, in denen die Geräte sicher verwahrt und geladen werden könnten, würden für die Anzahl der Tablets etwa 3.000 Euro kosten – Geld, das im Schuletat nicht vorgesehen ist. Außerdem fehlen Ladegeräte für die externen Tastaturen, „Ich kann ja nicht lauter Mehrfachsteckdosen kaufen und die Geräte in Klassenräumen aufladen, die nachmittags auch noch vom Ganztag belegt sind", sagt Heitmann. Ein weiteres Problem: Apps, die vom Schulträger nicht vorgesehen sind, von der Schule aber gewünscht sind, müssen selbst angeschafft werden, einen zusätzlichen Etat dafür gibt es aber nicht. Finanziert werden müssen solche zusätzlichen Ausgaben also aus dem Budget, das jede Schule zur Verfügung hat und von dem auch andere Lernmittel, Bücher oder besondere Einrichtungsgegenstände gekauft werden. Die zusätzlichen Ausgaben zum Beispiel für die Tablet-Infrastruktur liegen an manchen Schulen über dem Gesamtetat. Heitmanns Fazit: „Die Geräte könnten schon seit Wochen im Einsatz sein, wenn ich mich da nicht auch noch drum kümmern müsste. Da wünschte ich mir einen starken Partner und konstruktive Unterstützung." Kathrin Kosiek, Schulleiterin an der Hohenstaufenschule, ist grundsätzlich zufrieden mit der technischen Ausstattung. Auch hier werden Tablets bereits im Unterricht eingesetzt und auch an Schüler verliehen, die zuhause kein digitales Endgerät besitzen. „Die meisten Familien wollen diese Geräte aber selbst besitzen und stellen Anträge auf finanzielle Unterstützung", sagt die Schulleiterin. Grundsätzlich plant die Mehrheit der Grundschulen, die iPads auch nach dem Ende der Corona-Pandemie verstärkt einzusetzen. Sowohl Kathrin Kosiek als auch Simone Heitmann stellen fest, dass die Lehrkräfte gerade hochmotiviert sind, die Digitalisierung voranzutreiben. „Viele Lehrer freuen sich und setzen die Geräte gerne ein. Was uns aber noch fehlt, sind die Präsentationsmedien aus dem Digitalpakt", sagt Kosiek. Besonders beschäftigt die Grundschulen das Thema Bildungsgerechtigkeit. „Da nicht alle Kinder digitale Endgeräte haben, erreichen wir nicht alle Schülerinnen und Schüler zu Hause. Das ist nicht gerecht, die Schere geht weiter auseinander", heißt es in der Antwort einer teilnehmenden Grundschulen. „In vielen Haushalten gibt es auch einfach keinen Internetanschluss", sagt Simone Heitmann – in solchen Fällen bringt ein digitales Endgerät dann auch nichts. Und noch ein weiteres Problem spricht sie an: „Eigentlich sollen die Geräte im Unterricht an der Schule eingesetzt werden. Das geht aber nicht, wenn sie gleichzeitig verliehen werden sollen." Weiterführende Schulen Die Ergebnisse: An allen neun befragten weiterführenden Schulen findet digitaler Distanzunterricht statt, der klappt zu zwei Dritteln gut. Drei Schulen gaben „geht so an". Sie arbeiten mit unterschiedlichen Plattformen, so wurde „iServ", „Logineo", „Jitsi" und auch „Microsoft Teams" angegeben. 77,8 Prozent (7 Schulen) der Befragten sind damit auch zufrieden, zwei Schulen nur teils teils. Zu Schaffen macht den weiterführenden Schulen die schlechte Qualität des Internetanschlusses. Die Befragten konnten sich auf einer Skala von 1 (hervorragend) bis 10 (miserabel) entscheiden. Drei Schulen haben eine 10 angegebene, vier Schulen Werte zwischen 7 und 9 und nur zwei Schulen haben sich für eine mittelmäßige Qualität entschieden (4 und 5). An weiterführenden Schulen im Minden verfügen deutlich mehr Schülerinnen und Schüler über die technische Ausstattung, dem digitalen Unterricht zu folgen. 44,4 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass mehr als 75 Prozent der Jugendlichen entsprechende Geräte besitzen, 33,3 Prozent gaben weniger als 75 Prozent an und 22,2 Prozent weniger als 50 Prozent. Die Fähigkeit, dem digitalen Distanzunterricht zu folgen, schätzen die Befragten alle als mehrheitlich gut ein. Auch an weiterführenden Schulen nutzen viele Lehrkräfte private Geräte. An vier der befragten neun Schulen arbeitet der überwiegende Teil mit privaten Geräten. Die Probleme: Die Schulleitungen der Mindener Gymnasien, Realschulen und der Gesamtschule nennen in zwei Videokonferenzen mit der MT-Redaktion alle ein Hauptproblem: Die miserable Internetanbindungen. Teilweise führen sie die Gespräche über ihre privaten Handydatenverbindungen oder von zuhause, weil ein flüssiges Gespräch über die Leitungen der Schulen nicht möglich ist. „Das ist die größte Schwierigkeit bei der Digitalisierung von Schulen, mit der wir es zu tun haben", sagt Heike Plöger, Schulleiterin des Herdergymnasiums. Ihr Lösungsansatz: „Bei der Telekom anrufen und den Anschluss an das Breitbandnetz beauftragen." Der stockende Ausbau des Netzes – statt in diesem Jahr sollen die Schulen jetzt erst 2023 an das schnelle Glasfasernetz der Firma Greenfiber angeschlossen werden (Das MT berichtete) – macht vernünftigen Distanzunterricht unmöglich. „Diese Nachricht hat uns sprachlos gemacht", sagt Ria Urban, Schulleiterin der Freiherr-von-Vincke-Realschule. In einer glücklichen Situation ist hier das Ratsgymnasium, dass bereits vor einigen Jahren aus eigenen Mitteln einen schnellen Internetanschluss eingerichtet hat und nun ohne größere technische Probleme den kompletten Unterricht digital abbildet. Um die Probleme zu umgehen, haben viele Lehrkräfte während der Schulschließungen von zuhause unterrichtet. Durch den Montag gestarteten Wechselunterricht, bei dem die Hälfte der Klassen und Kurse zuhause dem Unterricht folgt, die andere in der Schule präsent ist, müssen die Lehrkräfte nun aber in der Schule unterrichten. Mit dem Ergebnis, dass die Verbindung zu den Schülern zuhause abbricht oder Ton oder Bild ausbleiben. „Bei uns gibt es deshalb Kollegen, die parallel über ihr privates Handy eine Telefonverbindung zu den Schülern zuhause aufbauen, damit die zuhören können", berichtet Bessel-Schulleiter Heiko Seller. An der KTG konnten immerhin viele Kollegen während des Lockdowns aus der Schule unterrichten. „Aber wenn hier vor Ort die Schüler online gehen, geht nichts mehr," sagt Schulleiterin Katharina Langner. Die technischen Probleme der Schulen führen aber auch zu anderen Auseinandersetzungen: „Eltern können die Probleme, die wir haben aber oft nicht verstehen und laden ihren Frust dann bei uns ab", sagt Urban. Die Schulleiter hoffen, dass die Probleme nicht die Erfolge zunichte machen, die es durch den Digitalisierungsschub durch Corona gegeben hat. Auch an den weiterführenden Schulen hätten sich viele Lehrkräfte aber auch Schüler neue Techniken und Fertigkeiten angeeignet und dafür viel Zeit investiert. „Da möchte ich auch mal einen ganz großen Dank an alle aussprechen, dass sie sich darauf eingelassen haben. Das ist eine große Leistung", sagt Rats-Rektorin Cordula Küppers. Und stellt fest: „Das ist eine Expedition – und nicht ein einfacher Spaziergang." Standpunkt zur Digitalisierung an Schulen: Mangelhaft digital Jan Henning Rogge Es gibt nur wenige Dinge, die positiv an der Corona-Krise sind. Doch eins haben wir ihr definitiv zu verdanken: Einem Brennglas gleich richtet sie schonungslos unseren Blick auf die Schwachpunkte und Versäumnisse. Auf kleine und große Katastrophen, die wir viel zu lange nicht betrachtet haben. Bekannt waren sie allerdings alle. Heute richtet die Redaktion das Brennglas auf den Zustand der Digitalisierung an Mindener Schulen. Vor etwas mehr als einem Jahr, am 13. März 2020, fiel die Entscheidung, die Schulen zu schließen. Viele Artikel zum Thema Homeschooling, Digitalisierung und Distanzunterricht sind seitdem erschienen. Mit einer Umfrage unter den Schulen haben wir nun aber erstmals versucht, eine Bestandsaufnahme zum Stand der Digitalisierung zu erstellen. Mit einer Serie werden wir die verschiedenen Bereiche betrachten. Die Ergebnisse der Umfrage aber sollten niemanden überraschen. Es ist das Bild, das sich quer durch viele Institutionen im ganzen Land zieht: Es gibt kaum digitales Lernen, sondern überwiegend frontalen Distanzunterricht. Es mangelt an technischer Ausstattung, ausgebildetem Personal und alltagstauglicher Umsetzung. Ein komplettes Desaster. Denn das alles ist schon lange klar: Seit Jahren fordern Schulen, Schülervertreter, Lehrer- und Elternverbände, dass sich etwas tut. Weil es aber immer „irgendwie geklappt hat", weil immer der Leidensdruck bei Schülern, Lehrern und Eltern lag, und damit eine schwache Lobby hatte, hat sich nichts getan. Und immer wieder hat die Politik versprochen und vertröstet. Ein Beispiel? Erst im Mai 2019 wird mit dem „Digitalpakt" Geld bereitgestellt, um Deutschlands Schulen auf den technischen Stand zu bringen, den andere Industrieländer wie Finnland, die Niederlande oder auch Estland schon Jahre zuvor erreicht haben. Doch damit nicht genug: Es dauert teilweise mehr als ein Jahr, bis die ersten Gelder überhaupt abgerufen werden – auch von Kommunen im Kreis Minden-Lübbecke. Dabei ist es mit der technischen Ausstattung noch nicht getan: Für einen modernen Unterricht, in dem zeitgemäße Technik zum Erarbeiten von Themen eingesetzt wird, in dem die Schüler echte Medienkompetenz erwerben, ist mehr nötig: Fortbildungen für Lehrer, die Ausstattung mit Software, Konzepte für den Einsatz digitaler Mittel. Wenn die Qualität der Bildung für die Zukunft entscheidend ist, sollten wir für unser aller Zukunft hoffen, dass die Aufmerksamkeit, die derzeit auf den Defiziten im Land liegt, nicht mit der Pandemie endet.

MT-Umfrage zum Thema "Digitalisierung an Mindener Schulen": Kein Spaziergang

Distanzunterricht ist derzeit Alltag für fast alle Schüler in Deutschland. In Minden klappt das oft nur eingeschränkt, weil die Schulen technisch nicht dafür ausgerüstet sind. Symbolfoto: Jochen Tack/imago © imago images/Jochen Tack

Minden. Wie ist es um die Digitalisierung an Mindener Schulen bestellt?Wie klappen Distanzunterricht, wie ist die Ausstattung der Schulen und wie viele Schüler haben überhaupt die technische Möglichkeit, dem digitalen Unterricht zu folgen? Die Redaktion wollte das genauer wissen und hat deshalb eine Umfrage gestartet. Fast alle Mindener Schulen haben mitgemacht. Aufbauend auf die Umfrage werden wir uns in den nächsten Monaten weiter mit dem Thema beschäftigen. Zum Auftakt gibt es einen Überblick über die Situation an Grund- und weiterführende Schulen. Die genauen Ergebnisse der Umfrage sind unter diesem Text einsehbar.

Die Umfrage

19 der 23 Mindener Grundschulen, Förderschulen und weiterführende Schulen, darunter auch die Berufs und Kollegschulen, haben an der Umfrage zum digitalen Lernen teilgenommen. Nicht befragt wurden Schulen in kirchlicher oder freier Trägerschaft, da sie teilweise auf andere finanzielle Mittel zugreifen können. Da die Umfrage jeweils getrennt an Grundschulen, weiterführende Schulen, darunter auch Berufs- und Kollegschulen und an Förderschulen gerichtet wurde, erfolgt auch die Auswertung anhand dieser Einteilung. Nicht alle Fragen mussten beantwortet werden: So konnten beispielsweise Schulen, an denen kein Distanzunterricht stattfindet hierzu auch keine Aussagen treffen. Die Umfrage wurde gestartet, bevor die Schulen zum Wechselunterricht übergegangen sind. Die Ergebnisse wurden anonymisiert der Stadt Minden zur Verfügung gestellt. Eine Stellungnahme der Stadt liegt noch nicht vor.


Grundschulen

Die Ergebnisse:

An den Grundschulen fällt auf, dass der Großteil der Schülerinnen und Schüler zuhause nicht über die technische Ausstattung verfügen, dem digitalen Unterricht zu folgen. So gaben zwei Schulen an, dass weniger als 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler solche Geräte besitzen, drei Schulen gaben an, dass dieser Wert bei ihnen unter 50 Prozent liege. An zwei weiteren Schulen verfügen mehr als 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler über die nötige technische Ausstattung. An zwei Drittel der befragten Grundschulen arbeitet der überwiegende Teil der Lehrkräfte mit privaten Geräten, ein Drittel arbeitet mit Dienstgeräten.

Dass die Schülerinnen und Schüler an Grundschulen schon fähig dazu sind, digitalem Distanzunterricht zu folgen, sehen die meisten Schulen nicht so. So gaben fünf von sechs Befragten an, dass die Fähigkeiten dafür mehrheitlich schlecht seien.

Die Probleme: Die Hauptprobleme liegen in der technischen Ausstattung der Schulen begründet. Schon vor einigen Monaten haben die Grundschulen je einen Koffer mit 16 iPads bekommen, die bereits im Unterricht eingesetzt wurden. In diesen Koffern können die Geräte geladen und gewartet werden. Nun haben einige Grundschulen weitere Tablets bekommen – bei denen wichtiges Zubehör fehlt: „Wir haben vor vier Wochen 68 iPads bekommen, es ist aber unklar, wo wir die laden können", sagt zum Beispiel Simone Heitmann, Schulleiterin der Mosaik-Schule. Spezielle Schränke oder Rollwägen, in denen die Geräte sicher verwahrt und geladen werden könnten, würden für die Anzahl der Tablets etwa 3.000 Euro kosten – Geld, das im Schuletat nicht vorgesehen ist. Außerdem fehlen Ladegeräte für die externen Tastaturen, „Ich kann ja nicht lauter Mehrfachsteckdosen kaufen und die Geräte in Klassenräumen aufladen, die nachmittags auch noch vom Ganztag belegt sind", sagt Heitmann.

Ein weiteres Problem: Apps, die vom Schulträger nicht vorgesehen sind, von der Schule aber gewünscht sind, müssen selbst angeschafft werden, einen zusätzlichen Etat dafür gibt es aber nicht. Finanziert werden müssen solche zusätzlichen Ausgaben also aus dem Budget, das jede Schule zur Verfügung hat und von dem auch andere Lernmittel, Bücher oder besondere Einrichtungsgegenstände gekauft werden. Die zusätzlichen Ausgaben zum Beispiel für die Tablet-Infrastruktur liegen an manchen Schulen über dem Gesamtetat. Heitmanns Fazit: „Die Geräte könnten schon seit Wochen im Einsatz sein, wenn ich mich da nicht auch noch drum kümmern müsste. Da wünschte ich mir einen starken Partner und konstruktive Unterstützung."

Kathrin Kosiek, Schulleiterin an der Hohenstaufenschule, ist grundsätzlich zufrieden mit der technischen Ausstattung. Auch hier werden Tablets bereits im Unterricht eingesetzt und auch an Schüler verliehen, die zuhause kein digitales Endgerät besitzen. „Die meisten Familien wollen diese Geräte aber selbst besitzen und stellen Anträge auf finanzielle Unterstützung", sagt die Schulleiterin. Grundsätzlich plant die Mehrheit der Grundschulen, die iPads auch nach dem Ende der Corona-Pandemie verstärkt einzusetzen. Sowohl Kathrin Kosiek als auch Simone Heitmann stellen fest, dass die Lehrkräfte gerade hochmotiviert sind, die Digitalisierung voranzutreiben. „Viele Lehrer freuen sich und setzen die Geräte gerne ein. Was uns aber noch fehlt, sind die Präsentationsmedien aus dem Digitalpakt", sagt Kosiek.

Besonders beschäftigt die Grundschulen das Thema Bildungsgerechtigkeit. „Da nicht alle Kinder digitale Endgeräte haben, erreichen wir nicht alle Schülerinnen und Schüler zu Hause. Das ist nicht gerecht, die Schere geht weiter auseinander", heißt es in der Antwort einer teilnehmenden Grundschulen. „In vielen Haushalten gibt es auch einfach keinen Internetanschluss", sagt Simone Heitmann – in solchen Fällen bringt ein digitales Endgerät dann auch nichts. Und noch ein weiteres Problem spricht sie an: „Eigentlich sollen die Geräte im Unterricht an der Schule eingesetzt werden. Das geht aber nicht, wenn sie gleichzeitig verliehen werden sollen."

Weiterführende Schulen

Die Ergebnisse: An allen neun befragten weiterführenden Schulen findet digitaler Distanzunterricht statt, der klappt zu zwei Dritteln gut. Drei Schulen gaben „geht so an". Sie arbeiten mit unterschiedlichen Plattformen, so wurde „iServ", „Logineo", „Jitsi" und auch „Microsoft Teams" angegeben. 77,8 Prozent (7 Schulen) der Befragten sind damit auch zufrieden, zwei Schulen nur teils teils.

Zu Schaffen macht den weiterführenden Schulen die schlechte Qualität des Internetanschlusses. Die Befragten konnten sich auf einer Skala von 1 (hervorragend) bis 10 (miserabel) entscheiden. Drei Schulen haben eine 10 angegebene, vier Schulen Werte zwischen 7 und 9 und nur zwei Schulen haben sich für eine mittelmäßige Qualität entschieden (4 und 5).

An weiterführenden Schulen im Minden verfügen deutlich mehr Schülerinnen und Schüler über die technische Ausstattung, dem digitalen Unterricht zu folgen. 44,4 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass mehr als 75 Prozent der Jugendlichen entsprechende Geräte besitzen, 33,3 Prozent gaben weniger als 75 Prozent an und 22,2 Prozent weniger als 50 Prozent. Die Fähigkeit, dem digitalen Distanzunterricht zu folgen, schätzen die Befragten alle als mehrheitlich gut ein.

Auch an weiterführenden Schulen nutzen viele Lehrkräfte private Geräte. An vier der befragten neun Schulen arbeitet der überwiegende Teil mit privaten Geräten.

Die Probleme: Die Schulleitungen der Mindener Gymnasien, Realschulen und der Gesamtschule nennen in zwei Videokonferenzen mit der MT-Redaktion alle ein Hauptproblem: Die miserable Internetanbindungen. Teilweise führen sie die Gespräche über ihre privaten Handydatenverbindungen oder von zuhause, weil ein flüssiges Gespräch über die Leitungen der Schulen nicht möglich ist. „Das ist die größte Schwierigkeit bei der Digitalisierung von Schulen, mit der wir es zu tun haben", sagt Heike Plöger, Schulleiterin des Herdergymnasiums. Ihr Lösungsansatz: „Bei der Telekom anrufen und den Anschluss an das Breitbandnetz beauftragen."

Der stockende Ausbau des Netzes – statt in diesem Jahr sollen die Schulen jetzt erst 2023 an das schnelle Glasfasernetz der Firma Greenfiber angeschlossen werden (Das MT berichtete) – macht vernünftigen Distanzunterricht unmöglich. „Diese Nachricht hat uns sprachlos gemacht", sagt Ria Urban, Schulleiterin der Freiherr-von-Vincke-Realschule. In einer glücklichen Situation ist hier das Ratsgymnasium, dass bereits vor einigen Jahren aus eigenen Mitteln einen schnellen Internetanschluss eingerichtet hat und nun ohne größere technische Probleme den kompletten Unterricht digital abbildet.

Um die Probleme zu umgehen, haben viele Lehrkräfte während der Schulschließungen von zuhause unterrichtet. Durch den Montag gestarteten Wechselunterricht, bei dem die Hälfte der Klassen und Kurse zuhause dem Unterricht folgt, die andere in der Schule präsent ist, müssen die Lehrkräfte nun aber in der Schule unterrichten. Mit dem Ergebnis, dass die Verbindung zu den Schülern zuhause abbricht oder Ton oder Bild ausbleiben. „Bei uns gibt es deshalb Kollegen, die parallel über ihr privates Handy eine Telefonverbindung zu den Schülern zuhause aufbauen, damit die zuhören können", berichtet Bessel-Schulleiter Heiko Seller.

An der KTG konnten immerhin viele Kollegen während des Lockdowns aus der Schule unterrichten. „Aber wenn hier vor Ort die Schüler online gehen, geht nichts mehr," sagt Schulleiterin Katharina Langner. Die technischen Probleme der Schulen führen aber auch zu anderen Auseinandersetzungen: „Eltern können die Probleme, die wir haben aber oft nicht verstehen und laden ihren Frust dann bei uns ab", sagt Urban.

Die Schulleiter hoffen, dass die Probleme nicht die Erfolge zunichte machen, die es durch den Digitalisierungsschub durch Corona gegeben hat. Auch an den weiterführenden Schulen hätten sich viele Lehrkräfte aber auch Schüler neue Techniken und Fertigkeiten angeeignet und dafür viel Zeit investiert. „Da möchte ich auch mal einen ganz großen Dank an alle aussprechen, dass sie sich darauf eingelassen haben. Das ist eine große Leistung", sagt Rats-Rektorin Cordula Küppers. Und stellt fest: „Das ist eine Expedition – und nicht ein einfacher Spaziergang."

Standpunkt zur Digitalisierung an Schulen: Mangelhaft digital

Jan Henning Rogge

Es gibt nur wenige Dinge, die positiv an der Corona-Krise sind. Doch eins haben wir ihr definitiv zu verdanken: Einem Brennglas gleich richtet sie schonungslos unseren Blick auf die Schwachpunkte und Versäumnisse. Auf kleine und große Katastrophen, die wir viel zu lange nicht betrachtet haben. Bekannt waren sie allerdings alle.

Heute richtet die Redaktion das Brennglas auf den Zustand der Digitalisierung an Mindener Schulen. Vor etwas mehr als einem Jahr, am 13. März 2020, fiel die Entscheidung, die Schulen zu schließen. Viele Artikel zum Thema Homeschooling, Digitalisierung und Distanzunterricht sind seitdem erschienen. Mit einer Umfrage unter den Schulen haben wir nun aber erstmals versucht, eine Bestandsaufnahme zum Stand der Digitalisierung zu erstellen. Mit einer Serie werden wir die verschiedenen Bereiche betrachten.

Die Ergebnisse der Umfrage aber sollten niemanden überraschen. Es ist das Bild, das sich quer durch viele Institutionen im ganzen Land zieht: Es gibt kaum digitales Lernen, sondern überwiegend frontalen Distanzunterricht. Es mangelt an technischer Ausstattung, ausgebildetem Personal und alltagstauglicher Umsetzung. Ein komplettes Desaster.

Denn das alles ist schon lange klar: Seit Jahren fordern Schulen, Schülervertreter, Lehrer- und Elternverbände, dass sich etwas tut. Weil es aber immer „irgendwie geklappt hat", weil immer der Leidensdruck bei Schülern, Lehrern und Eltern lag, und damit eine schwache Lobby hatte, hat sich nichts getan. Und immer wieder hat die Politik versprochen und vertröstet.

Ein Beispiel? Erst im Mai 2019 wird mit dem „Digitalpakt" Geld bereitgestellt, um Deutschlands Schulen auf den technischen Stand zu bringen, den andere Industrieländer wie Finnland, die Niederlande oder auch Estland schon Jahre zuvor erreicht haben. Doch damit nicht genug: Es dauert teilweise mehr als ein Jahr, bis die ersten Gelder überhaupt abgerufen werden – auch von Kommunen im Kreis Minden-Lübbecke.

Dabei ist es mit der technischen Ausstattung noch nicht getan: Für einen modernen Unterricht, in dem zeitgemäße Technik zum Erarbeiten von Themen eingesetzt wird, in dem die Schüler echte Medienkompetenz erwerben, ist mehr nötig: Fortbildungen für Lehrer, die Ausstattung mit Software, Konzepte für den Einsatz digitaler Mittel.

Wenn die Qualität der Bildung für die Zukunft entscheidend ist, sollten wir für unser aller Zukunft hoffen, dass die Aufmerksamkeit, die derzeit auf den Defiziten im Land liegt, nicht mit der Pandemie endet.

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