MT-Serie zum Kriegsende: Familie Schröder wäre beinah mit der Gustloff untergegangen Robert Kauffeld Minden. Franz und Charlotte Schröder wohnten im schönen Luftkurort Cranz bei Königsberg. Der Badeort an der Samlandküste, der heute zu Russland gehört, trägt jetzt den Namen Selenogradsk, übersetzbar etwa mit „Grüne Stadt“. Es war Anfang 1945 – Franz Schröder war längst Soldat –, als das Ende des Krieges bevorstand und sich die russischen Truppen näherten. Sohn Eckard Schröder, der heute in Häverstädt wohnt, erinnert sich an Berichte seiner Mutter über ihre Flucht, die sie mit seinem damals fünfjährigen Bruder Bernhard unter unsagbaren Strapazen erleben musste. Im Januar 1945 machte sich die Mutter mit ihrem Sohn auf den Weg. Sie war schwanger – Eckard wurde später geboren. Sie haben alles zurückgelassen, nahmen nur das Wichtigste mit. Bei Eis und Schnee ging es Richtung Westen, immer zu Fuß. Besonders gefährlich war der Weg über die Kurische Nehrung im langen Treck der Flüchtlinge, die immer mit Luftangriffen rechnen mussten. Dann wurde Gotenhafen erreicht, die Hafenstadt, die einst Gdingen hieß und heute den Namen Gdynia trägt. Man hatte gehört, dass dort Schiffe bereit ständen, um die Flüchtlinge nach Westen zu transportieren. Und tatsächlich sah Charlotte Schröder dort die „Wilhelm Gustloff“, das große Kabinen-Fahrgastschiff, das zu Friedenszeiten von der Organisation „Kraft durch Freude“ für Kreuzfahrten eingesetzt worden war, inzwischen aber von der Kriegsmarine als Lazarettschiff und als Truppentransporter verwendet wurde. Sie hätten sich in die lange Schlange eingereiht und stundenlang warten müssen, habe die Mutter erzählt, so Eckard Schröder, aber schließlich sei man dem Aufgang zum Deck ganz nah gewesen. Dann erlebten sie die große Enttäuschung: „Das Schiff ist voll, weitere Personen werden nicht aufgenommen“, so die Meldung. Tatsächlich war das Schiff mit später geschätzten mehr als 10.000 Personen völlig überbelegt. Doch die Verzweiflung der Zurückgebliebenen ließ bald wieder Hoffnung aufkommen, und tatsächlich wurden weitere Flüchtlinge von Begleitbooten der Gustloff aufgenommen, darunter auch Charlotte Schröder und ihr Sohn. Wie aus veröffentlichten Protokollen hervorgeht, legte die Gustloff am 30. Januar 1945 gegen Mittag in Gotenhafen ab. Die Begleitboote folgten. Gegen 21 Uhr, auf der Höhe von Stolpmünden, wurde das Schiff von einem sowjetischen U-Boot gesichtet und versenkt. Bis zu 9.000 Personen mussten sterben. Wie Eckard Schröder berichtet, hat seine Mutter ihm von dem schrecklichen Ereignis erzählt, das sie selbst beobachten konnte. Und auch sein verstorbener Bruder Bernhard konnte sich an vieles erinnern. Er ist später als Zeitzeuge befragt worden, als ein Film über die Schiffskatastrophe gedreht wurde. In Rendsburg gingen Charlotte Schröder und ihr Sohn von Bord und hatten zunächst in der Nähe gewohnt, wo dann Eckard am 24. Oktober geboren wurde. Doch wo war der Vater? Man hatte nicht mit der Flucht gerechnet und nicht verabredet, wie und wo man sich wiederfinden könnte. Das Schicksal teilten damals viele Menschen, insbesondere auch Kinder, die ihre Eltern nicht finden konnten. Das Deutsche Rote Kreuz richtete einen Suchdienst ein. Im Rundfunk und auch in verschiedenen Zeitungen wurden Suchanfragen, oftmals mit Bild, veröffentlicht. So auch in der Rundfunkzeitung „Hör Zu“, die erstmals am 15. dezember 1946 erschien. Charlotte Schröder hatte selbst eine Suchmeldung aufgegeben und beobachtete immer alle veröffentlichten Suchmeldungen. Lange Monate vergingen. Die Schröders waren inzwischen nach Olberode bei Kassel umgezogen. „Mutter hat immer wieder mit dem Ohr am alten Volksempfänger gelauscht“, so berichtet Eckard Schröder, „sie hat alle Anzeigen in der Zeitung aufmerksam gelesen – bis sie plötzlich den Vater bei den Suchmeldungen in der „Hör Zu“ entdeckte. Die Freude war unbeschreiblich“. Und dann dauerte es nicht lange, bis der Vater nach Olberode kam. 1979 zog die Familie nach Hausberge und dann nach Minden.

MT-Serie zum Kriegsende: Familie Schröder wäre beinah mit der Gustloff untergegangen

Das zunächst für touristische Zwecke gebaute Schiff diente im Zweiten Weltkrieg als Truppentransporter. Auf seiner letzten Fahrt wurde es für rund 9.000 Flüchtlinge zur Todesfalle. Foto: Imago © imago images/teutopress

Minden. Franz und Charlotte Schröder wohnten im schönen Luftkurort Cranz bei Königsberg. Der Badeort an der Samlandküste, der heute zu Russland gehört, trägt jetzt den Namen Selenogradsk, übersetzbar etwa mit „Grüne Stadt“.

Es war Anfang 1945 – Franz Schröder war längst Soldat –, als das Ende des Krieges bevorstand und sich die russischen Truppen näherten. Sohn Eckard Schröder, der heute in Häverstädt wohnt, erinnert sich an Berichte seiner Mutter über ihre Flucht, die sie mit seinem damals fünfjährigen Bruder Bernhard unter unsagbaren Strapazen erleben musste. Im Januar 1945 machte sich die Mutter mit ihrem Sohn auf den Weg. Sie war schwanger – Eckard wurde später geboren.

Sie haben alles zurückgelassen, nahmen nur das Wichtigste mit. Bei Eis und Schnee ging es Richtung Westen, immer zu Fuß. Besonders gefährlich war der Weg über die Kurische Nehrung im langen Treck der Flüchtlinge, die immer mit Luftangriffen rechnen mussten. Dann wurde Gotenhafen erreicht, die Hafenstadt, die einst Gdingen hieß und heute den Namen Gdynia trägt. Man hatte gehört, dass dort Schiffe bereit ständen, um die Flüchtlinge nach Westen zu transportieren. Und tatsächlich sah Charlotte Schröder dort die „Wilhelm Gustloff“, das große Kabinen-Fahrgastschiff, das zu Friedenszeiten von der Organisation „Kraft durch Freude“ für Kreuzfahrten eingesetzt worden war, inzwischen aber von der Kriegsmarine als Lazarettschiff und als Truppentransporter verwendet wurde.

Sie hätten sich in die lange Schlange eingereiht und stundenlang warten müssen, habe die Mutter erzählt, so Eckard Schröder, aber schließlich sei man dem Aufgang zum Deck ganz nah gewesen. Dann erlebten sie die große Enttäuschung: „Das Schiff ist voll, weitere Personen werden nicht aufgenommen“, so die Meldung. Tatsächlich war das Schiff mit später geschätzten mehr als 10.000 Personen völlig überbelegt. Doch die Verzweiflung der Zurückgebliebenen ließ bald wieder Hoffnung aufkommen, und tatsächlich wurden weitere Flüchtlinge von Begleitbooten der Gustloff aufgenommen, darunter auch Charlotte Schröder und ihr Sohn.

Wie aus veröffentlichten Protokollen hervorgeht, legte die Gustloff am 30. Januar 1945 gegen Mittag in Gotenhafen ab. Die Begleitboote folgten. Gegen 21 Uhr, auf der Höhe von Stolpmünden, wurde das Schiff von einem sowjetischen U-Boot gesichtet und versenkt. Bis zu 9.000 Personen mussten sterben. Wie Eckard Schröder berichtet, hat seine Mutter ihm von dem schrecklichen Ereignis erzählt, das sie selbst beobachten konnte. Und auch sein verstorbener Bruder Bernhard konnte sich an vieles erinnern. Er ist später als Zeitzeuge befragt worden, als ein Film über die Schiffskatastrophe gedreht wurde.

In Rendsburg gingen Charlotte Schröder und ihr Sohn von Bord und hatten zunächst in der Nähe gewohnt, wo dann Eckard am 24. Oktober geboren wurde. Doch wo war der Vater? Man hatte nicht mit der Flucht gerechnet und nicht verabredet, wie und wo man sich wiederfinden könnte. Das Schicksal teilten damals viele Menschen, insbesondere auch Kinder, die ihre Eltern nicht finden konnten. Das Deutsche Rote Kreuz richtete einen Suchdienst ein. Im Rundfunk und auch in verschiedenen Zeitungen wurden Suchanfragen, oftmals mit Bild, veröffentlicht.

So auch in der Rundfunkzeitung „Hör Zu“, die erstmals am 15. dezember 1946 erschien. Charlotte Schröder hatte selbst eine Suchmeldung aufgegeben und beobachtete immer alle veröffentlichten Suchmeldungen. Lange Monate vergingen. Die Schröders waren inzwischen nach Olberode bei Kassel umgezogen. „Mutter hat immer wieder mit dem Ohr am alten Volksempfänger gelauscht“, so berichtet Eckard Schröder, „sie hat alle Anzeigen in der Zeitung aufmerksam gelesen – bis sie plötzlich den Vater bei den Suchmeldungen in der „Hör Zu“ entdeckte. Die Freude war unbeschreiblich“. Und dann dauerte es nicht lange, bis der Vater nach Olberode kam. 1979 zog die Familie nach Hausberge und dann nach Minden.

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