MT-Serie: Therapeuten mit vier Hufen Katja Hormann Minden (mt). James ist Seelentröster, bester Freund, Alltagshelfer – und manchmal auch Erzieher. Mit einer einzigen, winzigen Handbewegung bringt Angelika Sting ihn zum Stehen, wenn die Kinder rund um ihn herum respektlos oder beleidigend werden. „James mag keine Beleidigungen", erklärt sie ihnen dann. Und wenn der stämmige schwarz-weiße Tinker das signalisiert, ist es quasi Gesetz, so viel ist klar. Seit fünf Jahren arbeitet Angelika Sting als Reittherapeutin, immer mit James an ihrer Seite. Geschult werden zum Beispiel Körperhaltung, Fein- und Grobmotorik, aber auch Konzentrationsvermögen, Verantwortung, Rücksichtnahme, Achtsamkeit und Respekt. In Wirklichkeit ist Tinker James natürlich alles andere als empfindlich. Er hat die Ruhe weg und das muss er auch. Die Rasse stammt ursprünglich aus Irland und Großbritannien. Auch James wurde 2011 in Wales geboren und war erst seit sieben Wochen in Deutschland, als Angelika Sting ihn kaufte. Die Pferde sind für ihre ruhige und ausgeglichene Art bekannt und eignen sich daher besonders gut für die Therapie. „Der Charakter des Pferdes muss passen. Ich muss mich zu 150 Prozent auf ihn verlassen können", sagt Angelika Sting. Tolerant, freundlich, lernfähig – James hat all diese Eigenschaften. Er muss sowohl auf Kommandos als auch auf Handzeichen hören. Bei der Arbeit orientiert er sich nur an der Therapeutin. Der Tinker gehorcht ihr aufs Wort. Vorher hat sie mit James wochenlang alles getestet und ausprobiert, denn er darf nicht schreckhaft oder impulsiv sein. Wenn sie Kindern verspricht, dass er sich keinen Schritt bewegt, dann muss sie sich darauf verlassen können, ganz egal, was passiert. „Er weiß, was ich möchte und ich weiß, dass er das macht. Dadurch kann ich mich voll und ganz auf meine Klienten konzentrieren." Eine beliebte Aufgabe ist das Basketballspielen mit einem selbst gebastelten Korb. Während eine Person das Pferd führt, muss eine andere von James Rücken aus Bälle werfen. Dabei ist Konzentration und Teamarbeit gefragt. „Jeder Treffer bringt einen Punkt, jeder Fehlwurf einen für James", erklärt sie. Bei einer anderen Aufgabe werden am Pferd bunte Wäscheklammern befestigt. Der Klient muss vom Rücken aus farblich passende Tücher aus einer Tasche holen und an den Klammern befestigen. Kleiner Nebeneffekt: „Bei einem Mädchen wurde dabei eine Farbenblindheit festgestellt, die vorher niemandem aufgefallen war." Insgesamt, sagt sie, werden die Kinder mutiger und selbstbewusster, aber auch ruhiger und entspannter durch den Umgang mit James. Und Sting verzeichnet stolz die tausend großen und kleinen Erfolge, die ihre Therapie bewirkt. Einmal hatte sie ein Mädchen, das immer nur die rechte Hand benutzt hat. Mit verschiedenen, gezielten Übungen, in denen Spiel und Spaß im Vordergrund stehen, brachte sie es dazu auch die andere zu benutzen. Eine Frau mit einer Spastik, die unter einer halbseitigen Lähmung leidet, kann mittlerweile selbstständig galoppieren. Drei geistig behinderte Jungs, die damals 15 waren, haben sogar einmal am Nikolaus-Turnier des Reitvereins Minden teilgenommen, berichtet Angelika Sting stolz. Sie wurden bewertet wie alle anderen Kinder auch, einer schaffte es sogar auf den zweiten Platz. „Sie haben hart dafür trainiert, da war der Spaß dann mal seltener im Vordergrund. Aber sie hatten ein Ziel, sie wollten da mitmachen und waren voll dabei." Später haben sie sogar zweimal selbstständig den Geschicklichkeitsparcours entwickelt, der Teil des Wettbewerbs ist. Auch an sich selbst könne sie James' heilsame Wirkung immer wieder beobachten, sagt Angelikas Sting. „Die Arbeit mit ihm ist für mich einfach Balsam für die Seele." Dabei ist sie so gut wie nie schlecht gelaunt. „Sobald ich im Auto sitze, freue ich mich immer tierisch auf den Stinker", erzählt sie. Ihre Arbeit hält sie deshalb für den schönsten Job der Welt. Das würde allerdings auch Astrid Stühmeier jederzeit von ihrem behaupten. Auch sie hat einen Weg gefunden, Beruf und Hobby zu verbinden, auch sie bildet mit ihrem Pferd ein eingeschworenes Team, auch wenn sie sich um ganz andere Problemfelder kümmert. Sie bietet seit drei Jahren in Haddenhausen pferdegestütztes Coaching an. Wenn Maistjarna den Kopf senkt und sich mal wieder kein Stück von der Stelle bewegt – dann weiß Astrid Stühmeier genau, was das bedeutet. Pferde kommunizieren über körperliche Signale. Und die waren für Maistjarna nicht eindeutig genug. Also bleibt die Islandstute stehen. Es sind Aha-Effekte wie dieser, die sich Astrid Stühmeier, selbst Sozialpädagogin und Familientherapeutin und leidenschaftliche Reiterin, zu Nutze macht. Ihre Kunden sind die unterschiedlichsten Menschen: Teamleiter die sich fragen „Wie motiviere ich mein Team richtig?", Burnout-Kandidaten, die lernen müssen, sich abzugrenzen und nein zu sagen, um Raum für sich zu gewinnen oder Kinder, denen es an Selbstbewusstsein mangelt. Je nach Fragestellung und Problem entwickelt die Therapeutin dann eine Aufgabenstellung. Im Fokus steht die Hilfe zur Selbsthilfe, in mehreren Einheiten sollen die „Coachees" lernen, durch geleitete Selbstreflexion ihre Selbsterkenntnis zu erhöhen. Nachdem Vertrauen aufgebaut wurde, müssen die Kunden beispielsweise aus verschiedenen Materialien einen Parcours aufbauen. Dabei führen sie Maistjarna am Halfter neben sich her – denn pferdegestütztes Coaching ist anders als die Reittherapie reine Bodenarbeit. Es geht hier nicht darum, das eigene Glück auf dem Rücken des Pferdes zu finden, sondern darum sich durch die Reaktionen des Tieres spiegeln zu lassen, wo man steht und wie man wirkt. Die innere Haltung und Überzeugung spielen dabei eine große Rolle, sagt Astrid Stühmeier: Auch keine Reaktion vom Pferd ist eine Reaktion. „Zu überlegen: Wie reagieren andere, wenn ich mich so verhalte? –-das ist das Ergebnis der Übung.", sagt Astrid Stühmeier. „Im Alltag gibt es viele vergleichbare Situationen, in denen es niemanden wirklich interessiert, was man möchte." Und: „Wir stellen immer wieder fest, dass Pferde eine Reaktion zeigen, die häufig ziemlich treffend ist", erzählt Astrid Stühmeier. Das Pferd spiegele dabei die die inneren, noch verborgenen Gefühle wieder und helfe mit der Unterstützung des Coaches sich darüber klar zu werden, was man eigentlich wirklich will. Astrid Stühmeier ist überzeugt, dass eine artgerechte und natürliche Haltung die Voraussetzung für ein erfolgreiches Coaching ist. Maistjarna lebt in Freilandhaltung, gemeinsam mit zwei anderen Pferden. Viel Auslauf, Frischluft und Sozialkontakt sind das Erfolgsrezept für ein glückliches Pferd. Und nur ein glückliches Pferd taugt als Therapeut auf vier Hufen. Zu zweit Bei der MT-Serie „Zu zweit" geht es um ein Team, das aus vielerlei Gründen zu zweit unterwegs ist: im Leben, im Beruf, beim Hobby. Manchmal sind die beiden so aufeinander angewiesen, dass sie ihre Aufgabe ohne den anderen nicht erfüllen könnten. Manchmal ist die Zweisamkeit selbstgewählt. Die MT-Redaktion freut sich über Vorschläge mit einer kurzen Beschreibung, warum gerade diese beiden Vorgeschlagenen etwas Besonderes sind. Stichwort: „Zu zweit", E-Mail: lokales@MT.de

MT-Serie: Therapeuten mit vier Hufen

Zwei, die sich blind verstehen: Angelika Sting mit ihrem Therapiepferd James. Seit fünf Jahren sind die beiden ein Team und arbeiten unter anderem mit behinderten Kindern – von denen James sich durch absolut gar nichts aus der Ruhe bringen lässt. Fotos: Katja Hormann

Minden (mt). James ist Seelentröster, bester Freund, Alltagshelfer – und manchmal auch Erzieher. Mit einer einzigen, winzigen Handbewegung bringt Angelika Sting ihn zum Stehen, wenn die Kinder rund um ihn herum respektlos oder beleidigend werden. „James mag keine Beleidigungen", erklärt sie ihnen dann. Und wenn der stämmige schwarz-weiße Tinker das signalisiert, ist es quasi Gesetz, so viel ist klar.

Seit fünf Jahren arbeitet Angelika Sting als Reittherapeutin, immer mit James an ihrer Seite. Geschult werden zum Beispiel Körperhaltung, Fein- und Grobmotorik, aber auch Konzentrationsvermögen, Verantwortung, Rücksichtnahme, Achtsamkeit und Respekt. In Wirklichkeit ist Tinker James natürlich alles andere als empfindlich. Er hat die Ruhe weg und das muss er auch. Die Rasse stammt ursprünglich aus Irland und Großbritannien. Auch James wurde 2011 in Wales geboren und war erst seit sieben Wochen in Deutschland, als Angelika Sting ihn kaufte. Die Pferde sind für ihre ruhige und ausgeglichene Art bekannt und eignen sich daher besonders gut für die Therapie. „Der Charakter des Pferdes muss passen. Ich muss mich zu 150 Prozent auf ihn verlassen können", sagt Angelika Sting.

Astrid Stühmeier setzt ihre Islandstute Maistjarna für das pferdegestützte Coaching ein. - © Katja Hormann
Astrid Stühmeier setzt ihre Islandstute Maistjarna für das pferdegestützte Coaching ein. - © Katja Hormann

Tolerant, freundlich, lernfähig – James hat all diese Eigenschaften. Er muss sowohl auf Kommandos als auch auf Handzeichen hören. Bei der Arbeit orientiert er sich nur an der Therapeutin. Der Tinker gehorcht ihr aufs Wort. Vorher hat sie mit James wochenlang alles getestet und ausprobiert, denn er darf nicht schreckhaft oder impulsiv sein. Wenn sie Kindern verspricht, dass er sich keinen Schritt bewegt, dann muss sie sich darauf verlassen können, ganz egal, was passiert. „Er weiß, was ich möchte und ich weiß, dass er das macht. Dadurch kann ich mich voll und ganz auf meine Klienten konzentrieren."

Eine beliebte Aufgabe ist das Basketballspielen mit einem selbst gebastelten Korb. Während eine Person das Pferd führt, muss eine andere von James Rücken aus Bälle werfen. Dabei ist Konzentration und Teamarbeit gefragt. „Jeder Treffer bringt einen Punkt, jeder Fehlwurf einen für James", erklärt sie.

Bei einer anderen Aufgabe werden am Pferd bunte Wäscheklammern befestigt. Der Klient muss vom Rücken aus farblich passende Tücher aus einer Tasche holen und an den Klammern befestigen. Kleiner Nebeneffekt: „Bei einem Mädchen wurde dabei eine Farbenblindheit festgestellt, die vorher niemandem aufgefallen war."

Insgesamt, sagt sie, werden die Kinder mutiger und selbstbewusster, aber auch ruhiger und entspannter durch den Umgang mit James. Und Sting verzeichnet stolz die tausend großen und kleinen Erfolge, die ihre Therapie bewirkt. Einmal hatte sie ein Mädchen, das immer nur die rechte Hand benutzt hat. Mit verschiedenen, gezielten Übungen, in denen Spiel und Spaß im Vordergrund stehen, brachte sie es dazu auch die andere zu benutzen. Eine Frau mit einer Spastik, die unter einer halbseitigen Lähmung leidet, kann mittlerweile selbstständig galoppieren.

Drei geistig behinderte Jungs, die damals 15 waren, haben sogar einmal am Nikolaus-Turnier des Reitvereins Minden teilgenommen, berichtet Angelika Sting stolz. Sie wurden bewertet wie alle anderen Kinder auch, einer schaffte es sogar auf den zweiten Platz. „Sie haben hart dafür trainiert, da war der Spaß dann mal seltener im Vordergrund. Aber sie hatten ein Ziel, sie wollten da mitmachen und waren voll dabei." Später haben sie sogar zweimal selbstständig den Geschicklichkeitsparcours entwickelt, der Teil des Wettbewerbs ist.

Auch an sich selbst könne sie James' heilsame Wirkung immer wieder beobachten, sagt Angelikas Sting. „Die Arbeit mit ihm ist für mich einfach Balsam für die Seele." Dabei ist sie so gut wie nie schlecht gelaunt. „Sobald ich im Auto sitze, freue ich mich immer tierisch auf den Stinker", erzählt sie. Ihre Arbeit hält sie deshalb für den schönsten Job der Welt.

Das würde allerdings auch Astrid Stühmeier jederzeit von ihrem behaupten. Auch sie hat einen Weg gefunden, Beruf und Hobby zu verbinden, auch sie bildet mit ihrem Pferd ein eingeschworenes Team, auch wenn sie sich um ganz andere Problemfelder kümmert. Sie bietet seit drei Jahren in Haddenhausen pferdegestütztes Coaching an.

Wenn Maistjarna den Kopf senkt und sich mal wieder kein Stück von der Stelle bewegt – dann weiß Astrid Stühmeier genau, was das bedeutet. Pferde kommunizieren über körperliche Signale. Und die waren für Maistjarna nicht eindeutig genug. Also bleibt die Islandstute stehen.

Es sind Aha-Effekte wie dieser, die sich Astrid Stühmeier, selbst Sozialpädagogin und Familientherapeutin und leidenschaftliche Reiterin, zu Nutze macht. Ihre Kunden sind die unterschiedlichsten Menschen: Teamleiter die sich fragen „Wie motiviere ich mein Team richtig?", Burnout-Kandidaten, die lernen müssen, sich abzugrenzen und nein zu sagen, um Raum für sich zu gewinnen oder Kinder, denen es an Selbstbewusstsein mangelt.

Je nach Fragestellung und Problem entwickelt die Therapeutin dann eine Aufgabenstellung. Im Fokus steht die Hilfe zur Selbsthilfe, in mehreren Einheiten sollen die „Coachees" lernen, durch geleitete Selbstreflexion ihre Selbsterkenntnis zu erhöhen. Nachdem Vertrauen aufgebaut wurde, müssen die Kunden beispielsweise aus verschiedenen Materialien einen Parcours aufbauen. Dabei führen sie Maistjarna am Halfter neben sich her – denn pferdegestütztes Coaching ist anders als die Reittherapie reine Bodenarbeit.

Es geht hier nicht darum, das eigene Glück auf dem Rücken des Pferdes zu finden, sondern darum sich durch die Reaktionen des Tieres spiegeln zu lassen, wo man steht und wie man wirkt.

Die innere Haltung und Überzeugung spielen dabei eine große Rolle, sagt Astrid Stühmeier: Auch keine Reaktion vom Pferd ist eine Reaktion. „Zu überlegen: Wie reagieren andere, wenn ich mich so verhalte? –-das ist das Ergebnis der Übung.", sagt Astrid Stühmeier. „Im Alltag gibt es viele vergleichbare Situationen, in denen es niemanden wirklich interessiert, was man möchte."

Und: „Wir stellen immer wieder fest, dass Pferde eine Reaktion zeigen, die häufig ziemlich treffend ist", erzählt Astrid Stühmeier. Das Pferd spiegele dabei die die inneren, noch verborgenen Gefühle wieder und helfe mit der Unterstützung des Coaches sich darüber klar zu werden, was man eigentlich wirklich will.

Astrid Stühmeier ist überzeugt, dass eine artgerechte und natürliche Haltung die Voraussetzung für ein erfolgreiches Coaching ist. Maistjarna lebt in Freilandhaltung, gemeinsam mit zwei anderen Pferden. Viel Auslauf, Frischluft und Sozialkontakt sind das Erfolgsrezept für ein glückliches Pferd. Und nur ein glückliches Pferd taugt als Therapeut auf vier Hufen.

Zu zweit

Bei der MT-Serie „Zu zweit" geht es um ein Team, das aus vielerlei Gründen zu zweit unterwegs ist: im Leben, im Beruf, beim Hobby. Manchmal sind die beiden so aufeinander angewiesen, dass sie ihre Aufgabe ohne den anderen nicht erfüllen könnten. Manchmal ist die Zweisamkeit selbstgewählt.

Die MT-Redaktion freut sich über Vorschläge mit einer kurzen Beschreibung, warum gerade diese beiden Vorgeschlagenen etwas Besonderes sind. Stichwort: „Zu zweit", E-Mail: lokales@MT.de

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