MT-Serie Kriegsenkel: Wie die Kriegserfahrung die Nachkommen bis heute prägt Claudia Hyna Minden (mt). Sie stehen im Berufsleben, leben in festen Beziehungen, haben eine liebevolle Verbindung zu ihren Kindern. Und doch haben Elisabeth Berghorn, Markus Blaha und Thomas Hoch das Gefühl, dass bei ihnen etwas falsch läuft. In einer Gesprächsrunde thematisieren sie ihre diffusen Empfindungen – und sehen die Ursache in den Biografien ihrer Eltern und Großeltern, die vom Krieg geprägt waren. So unterschiedlich die Lebensgeschichten der Drei verlaufen sind: Einigkeit besteht in der Einschätzung, dass sich die Kriegserfahrungen der Vorfahren in ihnen fortsetzen – die Traumata, die die Kriegsenkel viele Jahrzehnte später als Belastung empfinden. Thomas Hoch (58) aus Minden zum Beispiel, sagt: „Irgendwie bin ich genauso geworden wie mein Vater." Es ist eine Lebenslüge, die den Sohn fassungslos machte. Zeit seines Lebens hatte der Vater ihm erzählt, der Großvater Thomas Hochs sei im Krieg vermisst, Großmutter und Geschwister seien auf der Flucht aus Ostpreußen ums Leben gekommen. Als Hochs Vater 1991 starb, stellte seine Mutter eine Suchanfrage beim Deutschen Roten Kreuz – und fand 1996 seine noch lebende Großmutter und eine Tante. Es entwickelte sich auf Anhieb ein herzliches Verhältnis. Warum der Vater, der in den Nachkriegswirren als 18-Jähriger von seiner Familie getrennt worden war, später nicht mehr nach ihr suchte, sondern Unwahrheiten behauptete: Darüber kann Thomas Hoch nur spekulieren. Heute glaubt der Diplom-Ingenieur, dass diese Lebenslüge sein eigenes Leben beeinflusst hat. „Als Kind war ich emotional blockiert", sagt er. Er habe alles mit sich abgemacht, konnte sich später nicht auf Frauen einlassen. Echte Nähe habe er nie gespürt. Erst seine heutige Lebensgefährtin habe ihn zu einem sozialeren Wesen gemacht. „Ich rede gern, aber nicht über mich", stellt er fest. Und wenn er von seinem Vater spricht, geht es ihn vor allem um dessen „tolle Lebensleistung". Wie dieser sich allein durchgeschlagen habe nach dem Krieg. Später habe er im Beruf Karriere gemacht, seiner Frau und fünf Kindern habe es an nichts gefehlt. Groll hegt Hoch nicht. Es sei aber „schade", dass ihm Oma, Opa und Tante und damit schöne Kindheitserinnerungen vorenthalten worden seien, bedauert er. 2014 stieß der Mindener auf die Bücher von Sabine Bode (Kriegskinder, Kriegsenkel). „Da ist mir vieles klar geworden", sagt er rückblickend. Er begann, Zeitgeschichte mit Familiengeschichte zu verknüpfen. „Natürlich haben die Jahre der NS-Herrschaft mit Krieg und dem Verlust der Heimat sowie die entbehrungsreiche Nachkriegszeit Spuren in meinem Vater hinterlassen", weiß er heute. „Aber Kinder sind sehr feinfühlig, die spüren so was", sucht er einen Schlüssel für seine sozialen Schwierigkeiten. „Irgendwie bin ich genauso geworden wie mein Vater." Eine Therapie möchte er nicht machen. Ursachenforschung ist ihm aber durchaus wichtig und so nahm er an in diesem Jahr an den Kriegsenkel-Seminaren teil. Den einen typischen Kriegsenkel gibt es nicht, meint er. Und dennoch: Als sich Elisabeth Berghorn, Markus Blaha und Thomas Hoch zur Gesprächsrunde treffen, ist da sofort eine gemeinsame Ebene. Sie kommen schnell ins Gespräch, hören interessiert zu – und finden kein Ende. Ihr Redebedarf ist enorm, obwohl sie sich im „normalen Leben" wahrscheinlich nie kennengelernt hätten. Die Erfahrung des intensives Austausches haben die drei auch in den Kriegsenkel-Seminaren in Minden gemacht. Für Floskeln sei da kein Platz gewesen, sagt Elisabeth Berghorn (63). Die Sozialarbeiterin aus Warmsen erzählt von ihrer Mutter, die seit zwölf Jahren an Demenz leidet und plötzlich Leute im Garten sah. Als sie ins Heim kam, habe sie dort einen Teil ihrer Mahlzeiten für andere aufbewahrt. „Das hatte was von Comedy, war aber sehr erhellend." Ihre Kindheit sei glücklich gewesen, sagt Berghorn. „Trotzdem habe ich so einige Macken", erkennt sie selbstkritisch. Der Vortrag von Michael Schneider 2018 habe etwas mit ihr gemacht. Vor allem einige der sie prägenden Glaubenssätze stimmten sie nachdenklich. Dass Anerkennung nur über Leistung laufe, sei auch ihr Thema, sagt sie. Die gemeinsame Arbeit in den Seminaren sei befreiend gewesen. Zu erkennen, dass bestimmte Glaubenssätze nur übernommen seien, das helfe enorm weiter. Elisabeth Berghorn sieht sich daher im geschichtlichen Kontext. „Meine Biografie beginnt früher, nicht erst mit meinem Geburtstag." Das zu verstehen, habe ihr mehr Boden unter den Füßen gegeben. Kriegsenkel hätten die Chance, die Traumata zu unterbrechen – indem sie übernommene Muster eben nicht an die Kinder weitergeben. In der Nachkriegsgeneration mögen die Sätze wie „Da muss man durch" oder „Jammer nicht" das Überleben gesichert haben. Heute haben sie aus Sicht der Kriegsenkel keinen Sinn mehr. Ist bei mir was falsch?, das hatte sich Markus Blaha (51) manches Mal gefragt. Dass sein Leben aus der Spur geraten war, merkte er vor 20 Jahren. Knapp zehn Jahre hatte der Handelsvertreter eine 60-Stunden-Woche durchgehalten – bis sein Körper eines Tages streikte. „Ich musste meine Akkus aufladen", sagt er. Ganze fünf Monate lang brauchte er dazu, heute spricht er von Burn-out. Wie auch immer man es nennt, es lehrte den heute 51-jährigen Mindener, Körper und Geist weniger zu strapazieren. Er nutzte die erzwungene Ruhepause auch, um das schwierige Verhältnis zu seinen Eltern und seiner Schwester zu sortieren. Warum sie sich nicht verstehen, kann er sich bis heute nicht erklären. Die wütende Zeit habe er aber hinter sich, sagt er. Den Kontakt hat er abgebrochen. „Wir kriegen es einfach nicht hin." Die Gesprächskreis-Teilnehmer arbeiten heute weniger, achten auf ihre Work-Life-Balance, wie Thomas Hoch sagt. Dass es sie geprägt hat, als Kind eines Kriegskindes aufzuwachsen, sehen sie nicht als billige Erklärung für Probleme, die sie hatten und haben. „Das ist nur ein Puzzleteil", umschreibt Elisabeth Berghorn. Markus Blaha denkt schon weiter. Wenn wir schon unsere eigenen Erfahrungen nicht aufarbeiten, was wird erst mit den Millionen Flüchtlingen? fragt er. Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 262 oder Claudia.Hyna@MT.de

MT-Serie Kriegsenkel: Wie die Kriegserfahrung die Nachkommen bis heute prägt

Thomas Hoch arbeitet sich an der Lebenslüge seines Vaters ab. „Irgendwie bin ich so geworden wie er.“ MT- © Foto: Alex Lehn

Minden (mt). Sie stehen im Berufsleben, leben in festen Beziehungen, haben eine liebevolle Verbindung zu ihren Kindern. Und doch haben Elisabeth Berghorn, Markus Blaha und Thomas Hoch das Gefühl, dass bei ihnen etwas falsch läuft. In einer Gesprächsrunde thematisieren sie ihre diffusen Empfindungen – und sehen die Ursache in den Biografien ihrer Eltern und Großeltern, die vom Krieg geprägt waren.

So unterschiedlich die Lebensgeschichten der Drei verlaufen sind: Einigkeit besteht in der Einschätzung, dass sich die Kriegserfahrungen der Vorfahren in ihnen fortsetzen – die Traumata, die die Kriegsenkel viele Jahrzehnte später als Belastung empfinden. Thomas Hoch (58) aus Minden zum Beispiel, sagt: „Irgendwie bin ich genauso geworden wie mein Vater." Es ist eine Lebenslüge, die den Sohn fassungslos machte. Zeit seines Lebens hatte der Vater ihm erzählt, der Großvater Thomas Hochs sei im Krieg vermisst, Großmutter und Geschwister seien auf der Flucht aus Ostpreußen ums Leben gekommen.

Markus Blaha: „Es ist nicht immer angenehm, herauszufinden, wer ich bin. MT- - © Foto: Alex Lehn
Markus Blaha: „Es ist nicht immer angenehm, herauszufinden, wer ich bin. MT- - © Foto: Alex Lehn

Als Hochs Vater 1991 starb, stellte seine Mutter eine Suchanfrage beim Deutschen Roten Kreuz – und fand 1996 seine noch lebende Großmutter und eine Tante. Es entwickelte sich auf Anhieb ein herzliches Verhältnis. Warum der Vater, der in den Nachkriegswirren als 18-Jähriger von seiner Familie getrennt worden war, später nicht mehr nach ihr suchte, sondern Unwahrheiten behauptete: Darüber kann Thomas Hoch nur spekulieren. Heute glaubt der Diplom-Ingenieur, dass diese Lebenslüge sein eigenes Leben beeinflusst hat.

Elisabeth Berghorn sagt: „Meine Biografie beginnt schon vor meinem Geburtstag.“ Sie sieht sich im geschichtlichen Kontext. MT- - © Foto: Alex Lehn
Elisabeth Berghorn sagt: „Meine Biografie beginnt schon vor meinem Geburtstag.“ Sie sieht sich im geschichtlichen Kontext. MT- - © Foto: Alex Lehn

„Als Kind war ich emotional blockiert", sagt er. Er habe alles mit sich abgemacht, konnte sich später nicht auf Frauen einlassen. Echte Nähe habe er nie gespürt. Erst seine heutige Lebensgefährtin habe ihn zu einem sozialeren Wesen gemacht. „Ich rede gern, aber nicht über mich", stellt er fest. Und wenn er von seinem Vater spricht, geht es ihn vor allem um dessen „tolle Lebensleistung". Wie dieser sich allein durchgeschlagen habe nach dem Krieg. Später habe er im Beruf Karriere gemacht, seiner Frau und fünf Kindern habe es an nichts gefehlt. Groll hegt Hoch nicht. Es sei aber „schade", dass ihm Oma, Opa und Tante und damit schöne Kindheitserinnerungen vorenthalten worden seien, bedauert er.

2014 stieß der Mindener auf die Bücher von Sabine Bode (Kriegskinder, Kriegsenkel). „Da ist mir vieles klar geworden", sagt er rückblickend. Er begann, Zeitgeschichte mit Familiengeschichte zu verknüpfen. „Natürlich haben die Jahre der NS-Herrschaft mit Krieg und dem Verlust der Heimat sowie die entbehrungsreiche Nachkriegszeit Spuren in meinem Vater hinterlassen", weiß er heute. „Aber Kinder sind sehr feinfühlig, die spüren so was", sucht er einen Schlüssel für seine sozialen Schwierigkeiten. „Irgendwie bin ich genauso geworden wie mein Vater." Eine Therapie möchte er nicht machen. Ursachenforschung ist ihm aber durchaus wichtig und so nahm er an in diesem Jahr an den Kriegsenkel-Seminaren teil.

Den einen typischen Kriegsenkel gibt es nicht, meint er. Und dennoch: Als sich Elisabeth Berghorn, Markus Blaha und Thomas Hoch zur Gesprächsrunde treffen, ist da sofort eine gemeinsame Ebene. Sie kommen schnell ins Gespräch, hören interessiert zu – und finden kein Ende. Ihr Redebedarf ist enorm, obwohl sie sich im „normalen Leben" wahrscheinlich nie kennengelernt hätten. Die Erfahrung des intensives Austausches haben die drei auch in den Kriegsenkel-Seminaren in Minden gemacht. Für Floskeln sei da kein Platz gewesen, sagt Elisabeth Berghorn (63).

Die Sozialarbeiterin aus Warmsen erzählt von ihrer Mutter, die seit zwölf Jahren an Demenz leidet und plötzlich Leute im Garten sah. Als sie ins Heim kam, habe sie dort einen Teil ihrer Mahlzeiten für andere aufbewahrt. „Das hatte was von Comedy, war aber sehr erhellend." Ihre Kindheit sei glücklich gewesen, sagt Berghorn. „Trotzdem habe ich so einige Macken", erkennt sie selbstkritisch.

Der Vortrag von Michael Schneider 2018 habe etwas mit ihr gemacht. Vor allem einige der sie prägenden Glaubenssätze stimmten sie nachdenklich. Dass Anerkennung nur über Leistung laufe, sei auch ihr Thema, sagt sie. Die gemeinsame Arbeit in den Seminaren sei befreiend gewesen. Zu erkennen, dass bestimmte Glaubenssätze nur übernommen seien, das helfe enorm weiter. Elisabeth Berghorn sieht sich daher im geschichtlichen Kontext. „Meine Biografie beginnt früher, nicht erst mit meinem Geburtstag." Das zu verstehen, habe ihr mehr Boden unter den Füßen gegeben.

Kriegsenkel hätten die Chance, die Traumata zu unterbrechen – indem sie übernommene Muster eben nicht an die Kinder weitergeben. In der Nachkriegsgeneration mögen die Sätze wie „Da muss man durch" oder „Jammer nicht" das Überleben gesichert haben. Heute haben sie aus Sicht der Kriegsenkel keinen Sinn mehr.

Ist bei mir was falsch?, das hatte sich Markus Blaha (51) manches Mal gefragt. Dass sein Leben aus der Spur geraten war, merkte er vor 20 Jahren. Knapp zehn Jahre hatte der Handelsvertreter eine 60-Stunden-Woche durchgehalten – bis sein Körper eines Tages streikte. „Ich musste meine Akkus aufladen", sagt er. Ganze fünf Monate lang brauchte er dazu, heute spricht er von Burn-out. Wie auch immer man es nennt, es lehrte den heute 51-jährigen Mindener, Körper und Geist weniger zu strapazieren.

Er nutzte die erzwungene Ruhepause auch, um das schwierige Verhältnis zu seinen Eltern und seiner Schwester zu sortieren. Warum sie sich nicht verstehen, kann er sich bis heute nicht erklären. Die wütende Zeit habe er aber hinter sich, sagt er. Den Kontakt hat er abgebrochen. „Wir kriegen es einfach nicht hin."

Die Gesprächskreis-Teilnehmer arbeiten heute weniger, achten auf ihre Work-Life-Balance, wie Thomas Hoch sagt. Dass es sie geprägt hat, als Kind eines Kriegskindes aufzuwachsen, sehen sie nicht als billige Erklärung für Probleme, die sie hatten und haben. „Das ist nur ein Puzzleteil", umschreibt Elisabeth Berghorn. Markus Blaha denkt schon weiter. Wenn wir schon unsere eigenen Erfahrungen nicht aufarbeiten, was wird erst mit den Millionen Flüchtlingen? fragt er.

Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 262 oder Claudia.Hyna@MT.de

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