MT-Serie Kriegsenkel: Unerledigte Traumata der Eltern können sich übertragen Claudia Hyna Minden (mt). Als 1991 der Zweite Golfkrieg endete, setzten irakische Truppen Ölfelder in Kuwait in Brand. Der Mindener Psychiater Dr. Eckhard Franzius (80) bekam Panik, als er Bilder der brennenden Ölquellen im Fernsehen sah. „Ich war sechs Jahre alt, als der Weltkrieg endete. Da kamen alte Ängste hoch." Franzius ist ehrenamtlicher Klinikseelsorger und engagiert sich im Vorstand des Hospizkreises. Und er ist ein Kriegskind. Im Interview spricht er über vererbte Traumata und Leidensdruck – und was Betroffene tun können. Herr Franzius, Sie waren bei Kriegsende sechs Jahre alt. Wie sind Ihre Erinnerungen? Ich bin in Hannover aufgewachsen, habe Bombennächte im Keller erlebt, wurde aufs Land evakuiert. Mein Vater war im Krieg vermisst. Jahrelang haben wir vergeblich gehofft, dass er nach Hause kommt. Haben Sie sich mit Ihren Erfahrungen auseinandergesetzt? Eine kritische Auseinandersetzung ist mir erst spät gelungen. In dem Zusammenhang habe ich meinem Vater einen abschließenden Brief geschrieben. Ihre eigene Erfahrung mit dem Golfkrieg hat gezeigt, wie alte Ängste durch aktuelle Ereignisse wieder aufbrechen können. Ich habe mich viel mit dem Thema Epigenetik beschäftigt. Sie besagt, dass auch Erfahrungen, die jemand gemacht hat, genetisch übertragen werden können. Bei der Übertragung von Traumata spielen sie eine Schlüsselrolle. Was heißt das für die Generation der Kriegsenkel? Banale Erlebnisse können akute Ängste auslösen. Weit verbreitet bei Kriegsenkeln sind Depressionen, Burnout, Verlustängste. Der Körper ist oft cleverer als das Gehirn. Er produziert Symptome, die entschlüsselt werden müssen. Wie gehen Sie dabei vor? In meiner Privat-Praxis als Psychiater muss ich dann schauen, ob es schlimme Erlebnisse gab oder bei den Eltern bekannt sind. Am Beginn jeder Therapie steht also immer die biografische Anamnese, denn Kindheit und Jugend sind zentral für die Entwicklung. Mit dem Begriff Trauma ist man heute schnell bei der Hand. Muss jedes Trauma behandelt werden? Wer eine Traumabehandlung macht, sollte diese nie hemdsärmelig angehen. Ich setze auf die ressourcen-orientierte Vorgehensweise. Dabei geht es im Kern darum, sich zu ent-ängstigen. Der Patient muss das intensiv üben, denn das ist eine hochkomplexe Sache. Es besteht das Risiko, das Trauma zu verschlimmbessern. Welchen Weg haben Sie gefunden? Um mich kundig zu machen, habe ich das Buch von Elisabeth Drexler gelesen („Ererbte Wunden heilen"), die eine Therapie für Kriegsenkel entwickelt hat. Darauf aufbauend habe ich ein eigenes Konzept entwickelt. Es basiert auf EMDR, das ist eine Desensibilisierung gegenüber traumatischen Erfahrungen und deren Verarbeitung mit Hilfe von Augenbewegungen. Bei einer anderen Methode entwirft der Therapeut mit dem Klienten eine Bühnensituation, wobei das innere Bild des Vaters oder der Mutter auf die Bühne tritt und der Klient mit diesem in Kontakt tritt. Sie haben selbst an einem Kriegsenkel-Seminar teilgenommen. Fortsetzungen sollen folgen. Wem empfehlen Sie den Besuch? Wer sich von der Kriegsenkel-Thematik angesprochen fühlt, den zieht es zu den Seminaren. Er muss Betroffenheit spüren – und diese in manchen Lebensumständen wie eine Behinderung erleben. Es geht immer um Leidensdruck. Wenn der hoch ist, springe ich über meinen eigenen Schatten und hole mir Hilfe. Was kann ein solches Seminar leisten? In dem Kriegsenkel-Seminar geht es darum, Zusammenhänge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen hat. Reden tut den meisten Menschen gut, der Druck wird weniger. Ich habe dort eine offene Atmosphäre erlebt, das kann sehr hilfreich sein. Die Teilnehmer erfahren: Ich bin kein Exot – das kann enorm entlastend sein. In Gesprächen berichten Kriegsenkel von Glaubenssätzen, die sie von ihren Eltern übernommen haben. Kann das auch positiv sein? Kinder übernehmen pädagogische Richtlinien. Das kann sein: „Der Klügere gibt nach", „Reiß dich zusammen" oder auch „Das gehört sich nicht". Was aber mache ich, wenn die Eltern nicht mehr da sind? Dann sagt man zu dem kleinen Mann im Ohr, der einem Dinge einflüstert: Das ist Blödsinn. Das passt dann nicht mehr und das erwachsen gewordene Kind sollte sich bewusst dagegen stemmen. Wer sich für das Thema Epigenetik interessiert, dem empfiehlt der Fachmann folgenden Artikel: Familien und ihre Geheimnisse: Wie unsere Vorfahren unser Leben prägen, Der Spiegel Nr. 51, 15.12.2018. Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 262 oder Claudia.Hyna@MT.de

MT-Serie Kriegsenkel: Unerledigte Traumata der Eltern können sich übertragen

Eckhard Franzius war im Krieg ein kleines Kind. Kritisch auseinandergesetzt damit hat er sich erst spät. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden (mt). Als 1991 der Zweite Golfkrieg endete, setzten irakische Truppen Ölfelder in Kuwait in Brand. Der Mindener Psychiater Dr. Eckhard Franzius (80) bekam Panik, als er Bilder der brennenden Ölquellen im Fernsehen sah. „Ich war sechs Jahre alt, als der Weltkrieg endete. Da kamen alte Ängste hoch." Franzius ist ehrenamtlicher Klinikseelsorger und engagiert sich im Vorstand des Hospizkreises. Und er ist ein Kriegskind. Im Interview spricht er über vererbte Traumata und Leidensdruck – und was Betroffene tun können.

Herr Franzius, Sie waren bei Kriegsende sechs Jahre alt. Wie sind Ihre Erinnerungen?

Ich bin in Hannover aufgewachsen, habe Bombennächte im Keller erlebt, wurde aufs Land evakuiert. Mein Vater war im Krieg vermisst. Jahrelang haben wir vergeblich gehofft, dass er nach Hause kommt.

Haben Sie sich mit Ihren Erfahrungen auseinandergesetzt?

Eine kritische Auseinandersetzung ist mir erst spät gelungen. In dem Zusammenhang habe ich meinem Vater einen abschließenden Brief geschrieben.

Ihre eigene Erfahrung mit dem Golfkrieg hat gezeigt, wie alte Ängste durch aktuelle Ereignisse wieder aufbrechen können.

Ich habe mich viel mit dem Thema Epigenetik beschäftigt. Sie besagt, dass auch Erfahrungen, die jemand gemacht hat, genetisch übertragen werden können. Bei der Übertragung von Traumata spielen sie eine Schlüsselrolle.

Was heißt das für die Generation der Kriegsenkel?

Banale Erlebnisse können akute Ängste auslösen. Weit verbreitet bei Kriegsenkeln sind Depressionen, Burnout, Verlustängste. Der Körper ist oft cleverer als das Gehirn. Er produziert Symptome, die entschlüsselt werden müssen.

Wie gehen Sie dabei vor?

In meiner Privat-Praxis als Psychiater muss ich dann schauen, ob es schlimme Erlebnisse gab oder bei den Eltern bekannt sind. Am Beginn jeder Therapie steht also immer die biografische Anamnese, denn Kindheit und Jugend sind zentral für die Entwicklung.

Mit dem Begriff Trauma ist man heute schnell bei der Hand. Muss jedes Trauma behandelt werden?

Wer eine Traumabehandlung macht, sollte diese nie hemdsärmelig angehen. Ich setze auf die ressourcen-orientierte Vorgehensweise. Dabei geht es im Kern darum, sich zu ent-ängstigen. Der Patient muss das intensiv üben, denn das ist eine hochkomplexe Sache. Es besteht das Risiko, das Trauma zu verschlimmbessern.

Welchen Weg haben Sie gefunden?

Um mich kundig zu machen, habe ich das Buch von Elisabeth Drexler gelesen („Ererbte Wunden heilen"), die eine Therapie für Kriegsenkel entwickelt hat. Darauf aufbauend habe ich ein eigenes Konzept entwickelt. Es basiert auf EMDR, das ist eine Desensibilisierung gegenüber traumatischen Erfahrungen und deren Verarbeitung mit Hilfe von Augenbewegungen. Bei einer anderen Methode entwirft der Therapeut mit dem Klienten eine Bühnensituation, wobei das innere Bild des Vaters oder der Mutter auf die Bühne tritt und der Klient mit diesem in Kontakt tritt.

Sie haben selbst an einem Kriegsenkel-Seminar teilgenommen. Fortsetzungen sollen folgen. Wem empfehlen Sie den Besuch?

Wer sich von der Kriegsenkel-Thematik angesprochen fühlt, den zieht es zu den Seminaren. Er muss Betroffenheit spüren – und diese in manchen Lebensumständen wie eine Behinderung erleben. Es geht immer um Leidensdruck. Wenn der hoch ist, springe ich über meinen eigenen Schatten und hole mir Hilfe.

Was kann ein solches Seminar leisten?

In dem Kriegsenkel-Seminar geht es darum, Zusammenhänge zu erkennen, die man vorher nicht gesehen hat. Reden tut den meisten Menschen gut, der Druck wird weniger. Ich habe dort eine offene Atmosphäre erlebt, das kann sehr hilfreich sein. Die Teilnehmer erfahren: Ich bin kein Exot – das kann enorm entlastend sein.

In Gesprächen berichten Kriegsenkel von Glaubenssätzen, die sie von ihren Eltern übernommen haben. Kann das auch positiv sein?

Kinder übernehmen pädagogische Richtlinien. Das kann sein: „Der Klügere gibt nach", „Reiß dich zusammen" oder auch „Das gehört sich nicht". Was aber mache ich, wenn die Eltern nicht mehr da sind? Dann sagt man zu dem kleinen Mann im Ohr, der einem Dinge einflüstert: Das ist Blödsinn. Das passt dann nicht mehr und das erwachsen gewordene Kind sollte sich bewusst dagegen stemmen.

Wer sich für das Thema Epigenetik interessiert, dem empfiehlt der Fachmann folgenden Artikel: Familien und ihre Geheimnisse: Wie unsere Vorfahren unser Leben prägen, Der Spiegel Nr. 51, 15.12.2018.

Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 262 oder Claudia.Hyna@MT.de

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