MT-Serie Kriegsenkel: Der Autor Sven Rohde referiert in Minden Claudia Hyna Minden (mt). Die Dynamik im Familiensystem über Generationen hinweg ist Thema eines Vortrags, den Sven Rohde am Mittwoch, 27. November, um 19.30 Uhr im Victoria-Hotel hält. Veranstalter sind die Vereine Hospizkreis Minden und Kriegsenkel. Sven Rohde (58) ist Coach und Autor in Hamburg, er ist im Vorstand des Vereins Kriegsenkel und leitet Seminare. Im Interview spricht er von der Solidarität unter Kriegsenkeln, negativen Glaubenssätzen und dem Vermächtnis an die kommende Generation. Herr Rohde, hinter Ihnen liegen neue Seminare zum Thema Kriegsenkel. Etwa 15 haben sie bereits geleitet. Kann man Sie noch überraschen? Aber natürlich. Jedes Seminar ist anders. Wir beginnen immer mit einer Eingangsrunde, und nach 45 Minuten ist der Raum voller Drama. Es ist immer wieder faszinierend, was die Teilnehmer zu erzählen haben. Von außen mag ein Leben unspektakulär aussehen, aber wenn man näher hinschaut, wird es spannend. Wir erleben in den Seminaren immer wieder, wie einer erzählt, und bei einem anderen Teilnehmer leuchtet ein Erkennen im Gesicht auf. Das sind faszinierende Erlebnisse. Haben Sie ein Beispiel? Wenn jemand berichtet, dass er Gewalt erlebt und darüber ein Rebell in der Familie geworden ist und ein anderer sagt: „Ja, so war das bei mir auch." Das ist ein schöner Moment von Solidarität. In Ihrem Vortrag in Minden geht es um das Thema: Neue Spielräume im Familiensystem erschließen. Was erwartet die Zuhörer im Victoria-Hotel? Die Dynamik der Familien, aus denen Kriegsenkel hervorgegangen sind, ist tatsächlich eine spezielle. Heute erleben viele bei ihren Eltern immer noch den Anspruch, sie sollten sich um sie kümmern. Da wird den Kindern oft keine Entscheidung gelassen, obwohl diese ihr eigenes Leben haben. Das kann belastend sein. Es geht darum zu schauen, wie kann ich mich so abgrenzen, dass ich nicht das Gefühl habe, ich verrate meine Eltern und andererseits nicht das Gefühl habe, ich verrate mich. Wie sich diese Verstrickung auflösen lässt, dazu möchte ich Hinweise geben. Schwere Kost? Was die Gäste erwartet, ist nicht nur bleischwer. Humor ist eine wichtige Tugend, um das Leben besser zu bewältigen. Auch in den Seminaren wird viel gelacht. Wir befinden uns nicht in einer Leidenskonkurrenz. Der Blick auf die eigenen Bedürfnisse sei wichtig, sagen Sie. Kann eine Seminargruppe das überhaupt leisten? Mich erreicht immer wieder die Frage, „soll ich mich auf das Seminar vorbereiten?". Dann sage ich: „Sie sind perfekt vorbereitet, denn sie kommen mit Ihrem Leben". So individualistisch wie unsere Gesellschaft zu sein vorgibt, haben wir letztlich alle die selben Bedürfnisse: wir wollen Liebe, Wertschätzung, Anerkennung, Unterstützung, Gemeinschaft. Wenn man das von anderen erzählt bekommt, ist das der erste Moment, an dem eine Verbindung entsteht. Die Teilnehmer erleben: Ich bin gar nicht so ein verrückter Vogel, wie meine Eltern immer gesagt haben. Im Austausch erfahren sie: Den anderen im Seminar geht es genauso wie mir. Reicht dafür ein Tag? Nein. Das Seminar kann nur ein Anfang sein. Meist entsteht das Bedürfnis nach Vertiefungsseminaren. Natürlich sollte das weitergehen. Wir als Verein Kriegsenkel setzen Impulse, veranstalten Seminare und Tagungen. So will ja auch der Hospizkreis in Minden einen Gesprächskreis anbieten. Der erste Kontakt mit dem Thema Kriegserbe in der Familie sei oft ein Schock, sagten Sie. Viele Kriegsenkel haben einen ersten Kontakt mit dem Thema durch die Bücher von Sabine Bode („Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen", „Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation"). Sie lesen sie und denken: „Wow, das bin ja ich." Das ist wie ein Blitzschlag ins Bewusstsein. Vorher haben sie vielleicht gedacht, was sie doch für ein seltsames Exemplar Mensch mit skurrilen Verhaltensweisen seien. Und dann stellen sie fest, da gibt es andere, denen geht es genauso wie ihnen. Manchmal biete dieses Wissen eine Erklärung für das Verhalten der Eltern, also der Kriegskinder. Selbst gesundheitliche Probleme – physischer oder psychischer Art – ließen sich damit fassen, sagen Sie. Wie sehen diese aus? Viele erzählen von Therapien, von Depressionen, Angststörung, von Burn-out oder psychosomatischen Leiden. Dass die Seele leidet und der Körper in Mitleidenschaft gezogen wird, ist ein verbreitetes Phänomen. Die Beschäftigung mit dem Thema führt nicht zu einer Spontanheilung, aber sie ist ein Anfang. Da öffnet sich etwas. Schon indem ich besser verstehe, warum es mir so geht, sinkt der Leidensdruck. Kriegsenkel verfügen dank ihrer Geschichte über besondere Eigenschaften wie Empathie, Durchhaltevermögen, Verlässlichkeit. Was ist mit der neuen Generation? Geben Kriegsenkel diese Tugenden weiter? Oder wollen sie sich nicht vielmehr von ihren Eltern abgrenzen? Jede Generationenfolge ist eine Mischung aus Übernahme und Abgrenzung. Wir leben unseren Kindern etwas vor, so wie unsere Eltern uns etwas vorgelebt haben. Indem wir uns dessen bewusst werden, haben wir die Möglichkeit, zu entscheiden: Möchte ich das weitertragen oder ablegen? Was könnte das sein? Wenn ich in meiner Familie Sprachlosigkeit erlebt habe, kann ich mich dagegen entscheiden. Vielleicht möchte ich meinen Kindern eine andere Art von Beziehung anbieten, als die, zu der meine Eltern in Lage waren. Viele Kriegsenkel haben Werte ausgebildet, uns geht es um eine sichere Bindung und darum, etwas Sinnvolles zu tun. Diese Werte wollen wir weitergeben. Wie kriegt man das hin? Ob das gelingt, hängt damit zusammen, ob wir das überzeugend tun. Die unreflektierte Weitergabe von Verhaltensweisen kann gestoppt werden. Aber schwierige Situationen durchzustehen, das finde ich doch gut. Meine Mutter etwa war ein Stehaufmännchen. Sie hat mit Energie und Beharrlichkeit Dinge durchgezogen. Darin war sie mir Vorbild. Gerade aber die negativen Glaubenssätze können schweres Gepäck sein. Was ist Ihrer Meinung nach das schlimmste Erbe der Kriegsenkel? Natürlich jede Art von Gewalt in der Familie. Das legt eine Last aufs Leben. Wenn ich dann höre: „Stell dich nicht so an" oder „Was uns nicht tötet, härtet ab": das ist infam! Diese Sätze sollten uns beibringen, unsere Wahrnehmungen und Bedürfnisse nicht ernstzunehmen. Die Wirkung ist verheerend. Ein wichtiger Aspekt in den Seminaren ist es, die Teilnehmer zu unterstützen, ihre Wahrnehmung für wahr und wichtig nehmen. Ein Teil dieser Glaubenssätze war dazu gedacht, uns gefügig zu machen. Da ist Widerstand nicht nur erlaubt, sondern angebracht. Das hört sich einfach an. Und wenn man es versucht und es nicht gelingt? Möglicherweise brauche ich dann therapeutische Unterstützung. Etwa, wenn immer wieder der Glaubenssatz aufsteigt: „Um dich gehts hier nicht". Wenn ich meine Verhaltensweise darin wiedererkenne, ist Umkehr möglich. Wenn mir das bewusst ist, kann ich mich entscheiden, ob ich das noch möchte oder nicht. Der Glaubenssatz kann aber auch so tief eingeprägt sein, dass ich vielleicht einen Coach oder eine Gruppe brauche. Also reicht es nicht, nur ein Buch über Kriegsenkel zu lesen. Die Betroffenen müssen sich selbst intensiv erforschen? Ja, aus dem Grund sind die Seminare hilfreich. Dort sehe ich: Anderen geht es wie mir. Das heißt, ich komme aus meiner Isolation heraus. Vielfach haben die Eltern mir vermittelt: Wie sie das Leben sehen, sei es richtig. In der Gruppe kann ich möglicherweise sehen, dass meine Sicht gar nicht so falsch ist, weil ich auf Menschen treffe, die mich bestätigen. Wichtig ist die emotionale Unterstützung, die mir hilft zu sagen: Das möchte ich ändern. Kann das zum Kontaktabbruch mit den Eltern führen? Das kann nicht das Ziel sein. Aber wenn Eltern sich komplett einer Änderung des Verhältnisses verweigern, kann es dazu führen. Was sind denn Ihre Ziele? Ich möchte Bewusstwerdung unterstützen. Ich möchte unterstützen, sich mit seinen Bedürfnissen richtig zu fühlen. Und dass es gut ist, etwas verändern zu wollen. Danach schauen wir, was die nächsten Schritte sein könnten. Kriegsenkel schauen in die Vergangenheit. Viele Kriegskinder sagen, es reicht so langsam mit dem Krieg, wir sollten das Vergangene ruhen lassen. Muss man nicht irgendwann sagen: Es ist gut? Gut ist es dann, wenn es gut ist. Wie erkenne ich das? Wenn ich permanent zurückblicke, komme ich tatsächlich nicht in der aktuellen Situation an. Schließlich habe ich mein Leben zu gestalten. Wenn ich merke, dass mir dabei Themen aus der Vergangenheit im Wege stehen, schaue ich zurück und versuche, diese Verstrickung aufzulösen, um entspannter meinen Weg gehen zu können. Die Haltung „Jetzt muss es mal gut sein" verkennt, dass die Seele nicht so leicht vergisst. Traumata tragen sich drei bis vier Generationen weiter. Bevor sie nicht aufgelöst sind, ist es nicht gut. Sie sprechen von zwei bis vier Generationen. Das heißt, mit den Kriegsenkeln ist es nicht vorbei? Nein, manche Verhaltensweisen zeigen sich auch bei den Kriegsurenkeln. Etwa wenn ich erlebe, wie viele in der Generation meiner Kinder bis zur Erschöpfung arbeiten und schon mit Ende 20 einen Burnout haben. Selbstfürsorge ist nicht vorgesehen. Diese „Erst die Arbeit und dann das Vergnügen"-Mentalität ist nicht gesund. Gibt es dafür nicht auch andere Gründe? Natürlich ist das auch gesellschaftlich geprägt. Aber darüber hinaus kann man individuell gucken, was davon aus der Familie kommt. Wir müssen wirklich nicht jedem unterstellen, dass er unter einem Familientrauma leidet. Es lohnt sich aber, neugierig zu sein, ob es so sein könnte. Karten zu dem Vortrag „Kriegsenkel – neue Spielräume im Familiensystem erschließen" sind für zehn Euro im Bücherwurm und im Hospizbüro Minden erhältlich. Dazu gibt es Musik von dem Liedermacher Rainer Trunk. MT-Serie Kriegsenkel In den vergangenen zehn Jahren hat das Thema Kriegsenkel zunehmend Aufmerksamkeit erhalten. Kriegsenkel sind per Definition die Kinder von Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs. Gemeint sind Personen, die unter den übernommenen Traumata ihrer Eltern leiden. Im Wesentlichen handelt es sich um die zwischen 1955 und 1980 Geborenen, sprich, sie sind heute zwischen 39 und 64 Jahren alt. In der MT-Serie kommen in loser Folge Betroffene, Psychiater, Historiker und ehrenamtliche Sterbebegleiter zu Wort.

MT-Serie Kriegsenkel: Der Autor Sven Rohde referiert in Minden

Minden (mt). Die Dynamik im Familiensystem über Generationen hinweg ist Thema eines Vortrags, den Sven Rohde am Mittwoch, 27. November, um 19.30 Uhr im Victoria-Hotel hält. Veranstalter sind die Vereine Hospizkreis Minden und Kriegsenkel. Sven Rohde (58) ist Coach und Autor in Hamburg, er ist im Vorstand des Vereins Kriegsenkel und leitet Seminare. Im Interview spricht er von der Solidarität unter Kriegsenkeln, negativen Glaubenssätzen und dem Vermächtnis an die kommende Generation.

Sven Rohde - © Foto: pr
Sven Rohde - © Foto: pr

Herr Rohde, hinter Ihnen liegen neue Seminare zum Thema Kriegsenkel. Etwa 15 haben sie bereits geleitet. Kann man Sie noch überraschen?

Aber natürlich. Jedes Seminar ist anders. Wir beginnen immer mit einer Eingangsrunde, und nach 45 Minuten ist der Raum voller Drama. Es ist immer wieder faszinierend, was die Teilnehmer zu erzählen haben. Von außen mag ein Leben unspektakulär aussehen, aber wenn man näher hinschaut, wird es spannend. Wir erleben in den Seminaren immer wieder, wie einer erzählt, und bei einem anderen Teilnehmer leuchtet ein Erkennen im Gesicht auf. Das sind faszinierende Erlebnisse.

Auch der Bombenangriff in Minden hinterließ in den Seelen vieler Menschen Spuren. - © Foto: Kommunalarchiv Minden/Sammlung Horst Grätz
Auch der Bombenangriff in Minden hinterließ in den Seelen vieler Menschen Spuren. - © Foto: Kommunalarchiv Minden/Sammlung Horst Grätz

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn jemand berichtet, dass er Gewalt erlebt und darüber ein Rebell in der Familie geworden ist und ein anderer sagt: „Ja, so war das bei mir auch." Das ist ein schöner Moment von Solidarität.

In Ihrem Vortrag in Minden geht es um das Thema: Neue Spielräume im Familiensystem erschließen. Was erwartet die Zuhörer im Victoria-Hotel?

Die Dynamik der Familien, aus denen Kriegsenkel hervorgegangen sind, ist tatsächlich eine spezielle. Heute erleben viele bei ihren Eltern immer noch den Anspruch, sie sollten sich um sie kümmern. Da wird den Kindern oft keine Entscheidung gelassen, obwohl diese ihr eigenes Leben haben. Das kann belastend sein. Es geht darum zu schauen, wie kann ich mich so abgrenzen, dass ich nicht das Gefühl habe, ich verrate meine Eltern und andererseits nicht das Gefühl habe, ich verrate mich. Wie sich diese Verstrickung auflösen lässt, dazu möchte ich Hinweise geben.

Schwere Kost?

Was die Gäste erwartet, ist nicht nur bleischwer. Humor ist eine wichtige Tugend, um das Leben besser zu bewältigen. Auch in den Seminaren wird viel gelacht. Wir befinden uns nicht in einer Leidenskonkurrenz.

Der Blick auf die eigenen Bedürfnisse sei wichtig, sagen Sie. Kann eine Seminargruppe das überhaupt leisten?

Mich erreicht immer wieder die Frage, „soll ich mich auf das Seminar vorbereiten?". Dann sage ich: „Sie sind perfekt vorbereitet, denn sie kommen mit Ihrem Leben". So individualistisch wie unsere Gesellschaft zu sein vorgibt, haben wir letztlich alle die selben Bedürfnisse: wir wollen Liebe, Wertschätzung, Anerkennung, Unterstützung, Gemeinschaft. Wenn man das von anderen erzählt bekommt, ist das der erste Moment, an dem eine Verbindung entsteht. Die Teilnehmer erleben: Ich bin gar nicht so ein verrückter Vogel, wie meine Eltern immer gesagt haben. Im Austausch erfahren sie: Den anderen im Seminar geht es genauso wie mir.

Reicht dafür ein Tag?

Nein. Das Seminar kann nur ein Anfang sein. Meist entsteht das Bedürfnis nach Vertiefungsseminaren. Natürlich sollte das weitergehen. Wir als Verein Kriegsenkel setzen Impulse, veranstalten Seminare und Tagungen. So will ja auch der Hospizkreis in Minden einen Gesprächskreis anbieten.

Der erste Kontakt mit dem Thema Kriegserbe in der Familie sei oft ein Schock, sagten Sie.

Viele Kriegsenkel haben einen ersten Kontakt mit dem Thema durch die Bücher von Sabine Bode („Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen", „Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation"). Sie lesen sie und denken: „Wow, das bin ja ich." Das ist wie ein Blitzschlag ins Bewusstsein. Vorher haben sie vielleicht gedacht, was sie doch für ein seltsames Exemplar Mensch mit skurrilen Verhaltensweisen seien. Und dann stellen sie fest, da gibt es andere, denen geht es genauso wie ihnen.

Manchmal biete dieses Wissen eine Erklärung für das Verhalten der Eltern, also der Kriegskinder. Selbst gesundheitliche Probleme – physischer oder psychischer Art – ließen sich damit fassen, sagen Sie. Wie sehen diese aus?

Viele erzählen von Therapien, von Depressionen, Angststörung, von Burn-out oder psychosomatischen Leiden. Dass die Seele leidet und der Körper in Mitleidenschaft gezogen wird, ist ein verbreitetes Phänomen. Die Beschäftigung mit dem Thema führt nicht zu einer Spontanheilung, aber sie ist ein Anfang. Da öffnet sich etwas. Schon indem ich besser verstehe, warum es mir so geht, sinkt der Leidensdruck.

Kriegsenkel verfügen dank ihrer Geschichte über besondere Eigenschaften wie Empathie, Durchhaltevermögen, Verlässlichkeit. Was ist mit der neuen Generation? Geben Kriegsenkel diese Tugenden weiter? Oder wollen sie sich nicht vielmehr von ihren Eltern abgrenzen?

Jede Generationenfolge ist eine Mischung aus Übernahme und Abgrenzung. Wir leben unseren Kindern etwas vor, so wie unsere Eltern uns etwas vorgelebt haben. Indem wir uns dessen bewusst werden, haben wir die Möglichkeit, zu entscheiden: Möchte ich das weitertragen oder ablegen?

Was könnte das sein?

Wenn ich in meiner Familie Sprachlosigkeit erlebt habe, kann ich mich dagegen entscheiden. Vielleicht möchte ich meinen Kindern eine andere Art von Beziehung anbieten, als die, zu der meine Eltern in Lage waren. Viele Kriegsenkel haben Werte ausgebildet, uns geht es um eine sichere Bindung und darum, etwas Sinnvolles zu tun. Diese Werte wollen wir weitergeben.

Wie kriegt man das hin?

Ob das gelingt, hängt damit zusammen, ob wir das überzeugend tun. Die unreflektierte Weitergabe von Verhaltensweisen kann gestoppt werden. Aber schwierige Situationen durchzustehen, das finde ich doch gut. Meine Mutter etwa war ein Stehaufmännchen. Sie hat mit Energie und Beharrlichkeit Dinge durchgezogen. Darin war sie mir Vorbild.

Gerade aber die negativen Glaubenssätze können schweres Gepäck sein. Was ist Ihrer Meinung nach das schlimmste Erbe der Kriegsenkel?

Natürlich jede Art von Gewalt in der Familie. Das legt eine Last aufs Leben. Wenn ich dann höre: „Stell dich nicht so an" oder „Was uns nicht tötet, härtet ab": das ist infam! Diese Sätze sollten uns beibringen, unsere Wahrnehmungen und Bedürfnisse nicht ernstzunehmen. Die Wirkung ist verheerend. Ein wichtiger Aspekt in den Seminaren ist es, die Teilnehmer zu unterstützen, ihre Wahrnehmung für wahr und wichtig nehmen. Ein Teil dieser Glaubenssätze war dazu gedacht, uns gefügig zu machen. Da ist Widerstand nicht nur erlaubt, sondern angebracht.

Das hört sich einfach an. Und wenn man es versucht und es nicht gelingt?

Möglicherweise brauche ich dann therapeutische Unterstützung. Etwa, wenn immer wieder der Glaubenssatz aufsteigt: „Um dich gehts hier nicht". Wenn ich meine Verhaltensweise darin wiedererkenne, ist Umkehr möglich. Wenn mir das bewusst ist, kann ich mich entscheiden, ob ich das noch möchte oder nicht. Der Glaubenssatz kann aber auch so tief eingeprägt sein, dass ich vielleicht einen Coach oder eine Gruppe brauche.

Also reicht es nicht, nur ein Buch über Kriegsenkel zu lesen. Die Betroffenen müssen sich selbst intensiv erforschen?

Ja, aus dem Grund sind die Seminare hilfreich. Dort sehe ich: Anderen geht es wie mir. Das heißt, ich komme aus meiner Isolation heraus. Vielfach haben die Eltern mir vermittelt: Wie sie das Leben sehen, sei es richtig. In der Gruppe kann ich möglicherweise sehen, dass meine Sicht gar nicht so falsch ist, weil ich auf Menschen treffe, die mich bestätigen. Wichtig ist die emotionale Unterstützung, die mir hilft zu sagen: Das möchte ich ändern.

Kann das zum Kontaktabbruch mit den Eltern führen?

Das kann nicht das Ziel sein. Aber wenn Eltern sich komplett einer Änderung des Verhältnisses verweigern, kann es dazu führen.

Was sind denn Ihre Ziele?

Ich möchte Bewusstwerdung unterstützen. Ich möchte unterstützen, sich mit seinen Bedürfnissen richtig zu fühlen. Und dass es gut ist, etwas verändern zu wollen. Danach schauen wir, was die nächsten Schritte sein könnten.

Kriegsenkel schauen in die Vergangenheit. Viele Kriegskinder sagen, es reicht so langsam mit dem Krieg, wir sollten das Vergangene ruhen lassen. Muss man nicht irgendwann sagen: Es ist gut?

Gut ist es dann, wenn es gut ist.

Wie erkenne ich das?

Wenn ich permanent zurückblicke, komme ich tatsächlich nicht in der aktuellen Situation an. Schließlich habe ich mein Leben zu gestalten. Wenn ich merke, dass mir dabei Themen aus der Vergangenheit im Wege stehen, schaue ich zurück und versuche, diese Verstrickung aufzulösen, um entspannter meinen Weg gehen zu können. Die Haltung „Jetzt muss es mal gut sein" verkennt, dass die Seele nicht so leicht vergisst. Traumata tragen sich drei bis vier Generationen weiter. Bevor sie nicht aufgelöst sind, ist es nicht gut.

Sie sprechen von zwei bis vier Generationen. Das heißt, mit den Kriegsenkeln ist es nicht vorbei?

Nein, manche Verhaltensweisen zeigen sich auch bei den Kriegsurenkeln. Etwa wenn ich erlebe, wie viele in der Generation meiner Kinder bis zur Erschöpfung arbeiten und schon mit Ende 20 einen Burnout haben. Selbstfürsorge ist nicht vorgesehen. Diese „Erst die Arbeit und dann das Vergnügen"-Mentalität ist nicht gesund.

Gibt es dafür nicht auch andere Gründe?

Natürlich ist das auch gesellschaftlich geprägt. Aber darüber hinaus kann man individuell gucken, was davon aus der Familie kommt. Wir müssen wirklich nicht jedem unterstellen, dass er unter einem Familientrauma leidet. Es lohnt sich aber, neugierig zu sein, ob es so sein könnte.

Karten zu dem Vortrag „Kriegsenkel – neue Spielräume im Familiensystem erschließen" sind für zehn Euro im Bücherwurm und im Hospizbüro Minden erhältlich. Dazu gibt es Musik von dem Liedermacher Rainer Trunk.

MT-Serie Kriegsenkel

In den vergangenen zehn Jahren hat das Thema Kriegsenkel zunehmend Aufmerksamkeit erhalten. Kriegsenkel sind per Definition die Kinder von Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs. Gemeint sind Personen, die unter den übernommenen Traumata ihrer Eltern leiden. Im Wesentlichen handelt es sich um die zwischen 1955 und 1980 Geborenen, sprich, sie sind heute zwischen 39 und 64 Jahren alt.

In der MT-Serie kommen in loser Folge Betroffene, Psychiater, Historiker und ehrenamtliche Sterbebegleiter zu Wort.

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