MT-Serie Kriegsenkel: Aufgewachsen mit den Schatten des Krieges Claudia Hyna Minden (mt). Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Er brachte Millionen von Toten, zerbombte Städte, Hunger, Flucht und Vertreibung: ein Massenschicksal, prägend für eine ganze Generation. Die Kinder dieser Kriegskinder hingegen wuchsen in einer friedlichen Zeit auf. Die Erlebnisse ihrer Eltern wirken jedoch bis heute nach. Die Generation der etwa von 1960 bis 1975 Geborenen berichtet von einem belastenden Schweigen in der elterlichen Familie, einer diffusen Ängstlichkeit, Konflikten im Privatleben, Krisen im Beruf oder einer unerklärlichen innere Leere. Seit mehr als zehn Jahren wird das Thema Kriegsenkel zum gesellschaftlichen Phänomen. Der Hospizkreis Minden hatte aus dem Grund im vergangenen Jahr eine der prominentesten Autorinnen auf diesem Gebiet, Sabine Bode, zu einem Vortrag eingeladen. Als diese absagte, musste ein Ersatz her und war im Vorsitzenden des Vereins Kriegsenkel, Michael Schneider aus Hamburg, schnell gefunden. Was dann passierte, damit hatte von den Veranstaltern niemand gerechnet. Rund 250 Menschen aus Minden und Umgebung kamen im Herbst 2018 zum Vortrag von Schneider ins Victoria Hotel. „Die Resonanz hat uns überrollt“, sagt Helmut Dörmann, Vorsitzender des Hospizkreises Minden rückblickend. Offenbar hatten die Verantwortlichen mit dem Thema den Nerv der Zeit getroffen. „Zahlreiche Menschen sind nach dem Vortrag zu mir gekommen und haben sich bedankt“, schildert Dörmann. Aufgrund des großen Interesses entschied sich der Hospizkreis für eine Kooperation mit dem Verein, um gemeinsam Seminare für Kriegsenkel anbieten zu können. Auch diese waren schnell ausgebucht, so dass ein Vertiefungsseminar hinzukam. In diesem Jahr bietet der Hospizkreis erneut einen Vortrag zu dem Thema an. Termin ist am 27. November um 19.30 Uhr im Victoria Hotel. Referent ist Sven Rohde, der auch die Seminare in Minden geleitet hat. Sein Vortrag trägt den Titel „Kriegsenkel – Neue Spielräume im Familiensystem erschließen“. Begleitet wird er von dem Liedermacher Rainer Trunk. Karten gibt es im Bücherwurm und im Hospizbüro. Im Anschluss an den Vortrag können sich Interessierte wiederum in Listen eintragen, wenn sie an weiteren Kriegsenkel-Seminaren im Frühjahr 2020 teilnehmen möchten. Helmut Dörmann kann sich darüber hinaus vorstellen, einen Gesprächskreis ins Leben zu rufen. Dieser soll ohne Anleitung nach dem Vorbild einer Selbsthilfegruppe funktionieren. Wer Mitglied werden möchte, kann sich ab Oktober beim Hospizkreis unter Telefon (05 71) 2 40 30 melden. Dörmann war Anfang des Jahres bei mehreren Seminaren zu Gast. Der Gestalttherapeut war überrascht, wie sehr einige Teilnehmer von der Thematik betroffen waren – und ihr Leben aus der Spur geraten war. Nun gebe es Kritiker, die darin eine einfache Erklärung für persönliche Probleme sehen. Das weist Dörmann von sich. Das Thema sei aus der Gesellschaft heraus entstanden, sagt er. Lange hätten sich die Kriegsenkel nicht mit ihrer besonderen Geschichte auseinandergesetzt. „Erst jetzt sind sie bereit, genauer hinzuschauen.“ Man sollte zu dieser Vergangenheit stehen, ohne persönliche Schwierigkeiten damit zu rechtfertigen, meint er. „Es ist einfach ein Aspekt zur Biografie hinzugekommen.“ Da sei eine Generation, die verstehen will. Die vielfach therapieerfahren ist. Und die endlich Frieden schließen möchte. Den Anfang genommen hatte die Entdeckung der Kriegsenkel mit der Entdeckung der Kriegskinder. In der Zeit nach 1945 gab es zunächst andere Sorgen, Aufbaustimmung machte sich breit. Im Übrigen war es nicht opportun, sich als Deutscher auch als Opfer zu fühlen. Und die Erkenntnis, dass auch die Seele im Krieg leidet, gab es in der Nazizeit noch nicht. Die Autorin und Journalistin Sabine Bode hatte zunächst Lesungen für die zwischen 1930 und 1945 Geborenen angeboten, die vielfach mit ihren Kindern kamen. Und diesen wurden bei den Veranstaltungen die Augen geöffnet: Wir können unsere Eltern nun viel besser verstehen, bekam Sabine Bode zu hören. In den ersten Seminaren der Weiterbildungsakademie Sandkrug berichteten die Teilnehmer von sehr ähnlichen Erfahrungen in ihrem Elternhaus. Zahlreiche Kriegsenkel sprachen übereinstimmend von einer gedämpften Atmosphäre, von Sparzwang, Burgmentalität, Gefühlsarmut. Weit verbreitet unter ihnen waren Angststörungen und eine allgemeine Lebensunsicherheit, viele fühlten sich wie „auf der Flucht“. Die Generation der Kriegsenkel – ein Teil gehört zur Generation der Babyboomer – hat eine andere Kommunikationskultur als ihre Eltern. In den Seminaren reden sie heute von sich immer wiederholenden Standard-Formulierungen und Glaubenssätzen (Heul nicht, Reiß dich zusammen) in ihren Familien – und die gesamte Gruppe nickt dazu, ja, kennen wir auch. Eine Therapeutin spricht von „falschem Gepäck“, das man mit sich herumträgt, das bremst und auch behindert. Wie tröstlich da der Austausch mit Gleichgesinnten sein kann, haben schon viele Mindener in den Kursen erfahren. Die Glaubenssätze, die auf der einen Seite das Leben schwer machen, können auch eine Hilfe sein, meint Buchautor Sven Rohde. Etwa die Überzeugung: „Ich kann durchhalten“ oder „Ich kann mit wenig zufrieden sein“. Hier ergebe sich eine Möglichkeit, sich mit den Vorfahren zu verbinden. MT-Serie In den letzten zehn Jahren hat das Thema Kriegsenkel in unserer Gesellschaft zunehmend Aufmerksamkeit erhalten. Kriegsenkel sind per Definition die Kinder von Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs. Gemeint sind Personen, die unter den vererbten Traumata ihrer Eltern leiden. Im Wesentlichen handelt es sich um die zwischen 1955 und 1980 Geborenen, sprich sie sind heute zwischen 39 und 64 Jahren alt. In der MT-Serie kommen in loser Folge Betroffene, Psychologen, Historiker und ehrenamtliche Sterbegleiter zu Wort. Lesen Sie auch Literaturtipps zum Thema Kriegsenkel: Erfahrungen, Deutung und Heilung

MT-Serie Kriegsenkel: Aufgewachsen mit den Schatten des Krieges

Kriegsenkel sind bei Menschen aufgewachsen, die vom Nationalsozialismus betroffen waren und zum Teil wochenlang auf der Flucht waren. Was ist aus ihnen geworden? MT-Fotocollage: Alexander Hoffmann

Minden (mt). Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Er brachte Millionen von Toten, zerbombte Städte, Hunger, Flucht und Vertreibung: ein Massenschicksal, prägend für eine ganze Generation. Die Kinder dieser Kriegskinder hingegen wuchsen in einer friedlichen Zeit auf. Die Erlebnisse ihrer Eltern wirken jedoch bis heute nach.

Die Generation der etwa von 1960 bis 1975 Geborenen berichtet von einem belastenden Schweigen in der elterlichen Familie, einer diffusen Ängstlichkeit, Konflikten im Privatleben, Krisen im Beruf oder einer unerklärlichen innere Leere. Seit mehr als zehn Jahren wird das Thema Kriegsenkel zum gesellschaftlichen Phänomen. Der Hospizkreis Minden hatte aus dem Grund im vergangenen Jahr eine der prominentesten Autorinnen auf diesem Gebiet, Sabine Bode, zu einem Vortrag eingeladen. Als diese absagte, musste ein Ersatz her und war im Vorsitzenden des Vereins Kriegsenkel, Michael Schneider aus Hamburg, schnell gefunden.

Was dann passierte, damit hatte von den Veranstaltern niemand gerechnet. Rund 250 Menschen aus Minden und Umgebung kamen im Herbst 2018 zum Vortrag von Schneider ins Victoria Hotel. „Die Resonanz hat uns überrollt“, sagt Helmut Dörmann, Vorsitzender des Hospizkreises Minden rückblickend.

Offenbar hatten die Verantwortlichen mit dem Thema den Nerv der Zeit getroffen. „Zahlreiche Menschen sind nach dem Vortrag zu mir gekommen und haben sich bedankt“, schildert Dörmann. Aufgrund des großen Interesses entschied sich der Hospizkreis für eine Kooperation mit dem Verein, um gemeinsam Seminare für Kriegsenkel anbieten zu können. Auch diese waren schnell ausgebucht, so dass ein Vertiefungsseminar hinzukam.

In diesem Jahr bietet der Hospizkreis erneut einen Vortrag zu dem Thema an. Termin ist am 27. November um 19.30 Uhr im Victoria Hotel. Referent ist Sven Rohde, der auch die Seminare in Minden geleitet hat. Sein Vortrag trägt den Titel „Kriegsenkel – Neue Spielräume im Familiensystem erschließen“. Begleitet wird er von dem Liedermacher Rainer Trunk. Karten gibt es im Bücherwurm und im Hospizbüro. Im Anschluss an den Vortrag können sich Interessierte wiederum in Listen eintragen, wenn sie an weiteren Kriegsenkel-Seminaren im Frühjahr 2020 teilnehmen möchten.

Helmut Dörmann kann sich darüber hinaus vorstellen, einen Gesprächskreis ins Leben zu rufen. Dieser soll ohne Anleitung nach dem Vorbild einer Selbsthilfegruppe funktionieren. Wer Mitglied werden möchte, kann sich ab Oktober beim Hospizkreis unter Telefon (05 71) 2 40 30 melden.

Dörmann war Anfang des Jahres bei mehreren Seminaren zu Gast. Der Gestalttherapeut war überrascht, wie sehr einige Teilnehmer von der Thematik betroffen waren – und ihr Leben aus der Spur geraten war. Nun gebe es Kritiker, die darin eine einfache Erklärung für persönliche Probleme sehen. Das weist Dörmann von sich. Das Thema sei aus der Gesellschaft heraus entstanden, sagt er. Lange hätten sich die Kriegsenkel nicht mit ihrer besonderen Geschichte auseinandergesetzt. „Erst jetzt sind sie bereit, genauer hinzuschauen.“ Man sollte zu dieser Vergangenheit stehen, ohne persönliche Schwierigkeiten damit zu rechtfertigen, meint er. „Es ist einfach ein Aspekt zur Biografie hinzugekommen.“ Da sei eine Generation, die verstehen will. Die vielfach therapieerfahren ist. Und die endlich Frieden schließen möchte.

Den Anfang genommen hatte die Entdeckung der Kriegsenkel mit der Entdeckung der Kriegskinder. In der Zeit nach 1945 gab es zunächst andere Sorgen, Aufbaustimmung machte sich breit. Im Übrigen war es nicht opportun, sich als Deutscher auch als Opfer zu fühlen. Und die Erkenntnis, dass auch die Seele im Krieg leidet, gab es in der Nazizeit noch nicht.

Die Autorin und Journalistin Sabine Bode hatte zunächst Lesungen für die zwischen 1930 und 1945 Geborenen angeboten, die vielfach mit ihren Kindern kamen. Und diesen wurden bei den Veranstaltungen die Augen geöffnet: Wir können unsere Eltern nun viel besser verstehen, bekam Sabine Bode zu hören. In den ersten Seminaren der Weiterbildungsakademie Sandkrug berichteten die Teilnehmer von sehr ähnlichen Erfahrungen in ihrem Elternhaus. Zahlreiche Kriegsenkel sprachen übereinstimmend von einer gedämpften Atmosphäre, von Sparzwang, Burgmentalität, Gefühlsarmut. Weit verbreitet unter ihnen waren Angststörungen und eine allgemeine Lebensunsicherheit, viele fühlten sich wie „auf der Flucht“.

Die Generation der Kriegsenkel – ein Teil gehört zur Generation der Babyboomer – hat eine andere Kommunikationskultur als ihre Eltern. In den Seminaren reden sie heute von sich immer wiederholenden Standard-Formulierungen und Glaubenssätzen (Heul nicht, Reiß dich zusammen) in ihren Familien – und die gesamte Gruppe nickt dazu, ja, kennen wir auch. Eine Therapeutin spricht von „falschem Gepäck“, das man mit sich herumträgt, das bremst und auch behindert.

Wie tröstlich da der Austausch mit Gleichgesinnten sein kann, haben schon viele Mindener in den Kursen erfahren. Die Glaubenssätze, die auf der einen Seite das Leben schwer machen, können auch eine Hilfe sein, meint Buchautor Sven Rohde. Etwa die Überzeugung: „Ich kann durchhalten“ oder „Ich kann mit wenig zufrieden sein“. Hier ergebe sich eine Möglichkeit, sich mit den Vorfahren zu verbinden.

MT-Serie

In den letzten zehn Jahren hat das Thema Kriegsenkel in unserer Gesellschaft zunehmend Aufmerksamkeit erhalten. Kriegsenkel sind per Definition die Kinder von Kriegskindern des Zweiten Weltkriegs. Gemeint sind Personen, die unter den vererbten Traumata ihrer Eltern leiden. Im Wesentlichen handelt es sich um die zwischen 1955 und 1980 Geborenen, sprich sie sind heute zwischen 39 und 64 Jahren alt.

In der MT-Serie kommen in loser Folge Betroffene, Psychologen, Historiker und ehrenamtliche Sterbegleiter zu Wort.

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