MT-Serie Kriegsende: Die Wilhelm Gustloff sollte sie in Sicherheit bringen Robert Kauffeld Minden. Während des Zweiten Weltkriegs und danach haben vermutlich mehr als zwölf Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat in den ehemals deutschen Ostgebieten verloren. Viel Leid haben sie alle erlebt – und doch hat jeder eigene schmerzliche Erlebnisse erfahren müssen. Darüber berichtet auch die 1934 geborene Margot Schmidko in ihren persönlichen Aufzeichnungen. Sie fand schließlich mit ihrer Familie in Minden ein neues Zuhause. Noch genau erinnert sich Margot Schmidko an den 1. September 1939. Ihre Familie war gerade nach Langfuhr, einem Vorort von Danzig, gezogen. Ihre Mutter hing gerade die Gardinen in der neuen Wohnung auf, als sie den Kanonendonner vernahmen – mit dem Kampf um die Westernplatte in Danzig hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. „Immer wenn es knallte, sprang Mama vom Fensterbrett und rief 'Huch'. Ich mit meinen fünf Jahren fand das lustig", so erzählt Margot Schmidko. Noch fand sie es lustig, doch als es immer wieder Fliegeralarm gab und sie sich in den Keller begeben mussten, wurde es für das inzwischen eingeschulte Kind zur Belastung. Auch die Verpflegung wurde in Kriegszeiten knapp. Zu Weihnachten gab es eine Sonderzuteilung: Eine Ente, die Margot beim Kaufmann Grass abholen musste, der in der Nähe ein Kolonialwarengeschäft betrieb. Er war der Vater des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Günter Grass, der 1927 in Langfuhr geboren wurde, und dessen Romane „Die Blechtrommel" und „Hundejahre" hier spielen. Weihnachtsstimmung wollte trotz der Ente nicht bei Margots Mutter und ihren drei Kindern aufkommen: Der Vater war an der Front, eine Petroleumlampe war die einzige Lichtquelle. Kurz darauf – im Januar 1945 – wurde die Familie aufgefordert, zu flüchten. „Mama hat abgelehnt. Gott sei Dank, denn wir hätten die Wilhelm Gustloff aufsuchen sollen und wären wohl ertrunken." Das Schiff sollte Flüchtlinge vor der anrückenden Roten Armee aus Ostpreußen evakuieren. Es sank am 30. Januar 1945, nachdem es von einem sowjetischen U-Boot beschossen worden war. Mehr als 9.000 Menschen an Bord starben. Aber es blieb auch für Margot Schmidko und ihre Mutter gefährlich. „Mama rief: 'Komm, guck mal, es kommen Christbäume vom Himmel.' Es waren Angriffszeichen der Bomber. Wir waren auf der halben Kellertreppe, da krachte es. Die Hoftür flog aus den Angeln", erinnert sich Margot Schmidko. Am nächsten Tag sahen sie, dass ihre Wohnung erheblich beschädigt worden war. Eine Bombe hatte die vor dem Hause stehende Gulaschkanone der Wehrmacht getroffen. Im Haus waren alle Fenster zerstört, die Möbel mit Bombensplittern gespickt. Die Bewohner mussten nun im Keller leben, es gab weder Strom noch Wasser und keine Lebensmittel zu kaufen. Dann sahen sie zum ersten Mal einen russischen Soldaten, der in ihren Keller kam und forderte: „Uhr, Uhr." Schlimmer war es, wenn die Aufforderung kam: „Frau, komm!" Was den Frauen dann zugefügt wurde, ist nicht zu beschreiben. „Ende April wurden wir unter Aufsicht russischer Soldaten in den Jäschkenwald getrieben", so berichtet Margot Schmidko. „Auf dem Weg dorthin suchte ein Soldat junge Frauen aus. Sie mussten auf das Fahrzeug steigen. Unsere Nachbarin begriff sofort die Situation. Sie schob ihre sechs Kinder und unsere drei zusammen und forderte uns auf, laut zu schreien. Sie erklärte dem Soldaten, dass wir alle neun Mamas Kinder wären. Er hatte wohl eine großes Herz und ließ Mama aussteigen." Am 20. Juli 1945 wurde die Mutter mit ihren drei Kindern ausgewiesen. Innerhalb von zwei Stunden konnten sie nur wenige Sachen zusammenpacken. „Wir wurden in einen Güterwagen verfrachtet. Ein Pastor erteilte uns den Segen", so ist es in der Erinnerung haften geblieben. Bei Küstrin mussten sie aussteigen: „Auf weiter Flur kein Haus, nur Natur". Zu Fuß ging es bei sommerlicher Hitze weiter, grüne Äpfel am Straßenrand waren die Nahrung. „Als wir in Frankfurt erschöpft über die Oder gingen, sagte Mama, dass wir alles Überflüssige in den Fluss werfen sollten. So ging es etwas erleichtert weiter", berichtet Margot Schmidko. Es ging weiter nach Berlin, Sachsen und schließlich Bottendorf an der Unstrut, wo Margot auch wieder die Schule besuchte. Endlich, im September 1946, bekamen sie Post vom Vater, der aus der amerikanischen Gefangenschaft nach Minden entlassen worden war. Die Wiedersehensfreude war groß, als der Vater sie abholte. Es ging zur Grenze bei Helmstedt. Kontrollen folgten, bis sich schließlich für die Familie der Schlagbaum öffnete: Am 23. September 1946 stiegen die Schmidkos um 24 Uhr in Minden aus dem Zug. „Wir waren aufgeregt, weil Ausgangssperre war", so schließt Margot Schmidko ihren Bericht – doch das war nur eine kleine Sorge nach allem, was sie vorher erlebt hatten.

MT-Serie Kriegsende: Die Wilhelm Gustloff sollte sie in Sicherheit bringen

Fröhliche Stimmung am Badestrand von Brösen, einem Danziger Stadtteil, erlebten (von links) die Geschwister Renate, Margot und Lieselotte, sowie ihre Tante Dora und die Mutter Charlotte. Foto: pr © Repro Robert Kauffeld

Minden. Während des Zweiten Weltkriegs und danach haben vermutlich mehr als zwölf Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat in den ehemals deutschen Ostgebieten verloren. Viel Leid haben sie alle erlebt – und doch hat jeder eigene schmerzliche Erlebnisse erfahren müssen. Darüber berichtet auch die 1934 geborene Margot Schmidko in ihren persönlichen Aufzeichnungen. Sie fand schließlich mit ihrer Familie in Minden ein neues Zuhause.

Noch genau erinnert sich Margot Schmidko an den 1. September 1939. Ihre Familie war gerade nach Langfuhr, einem Vorort von Danzig, gezogen. Ihre Mutter hing gerade die Gardinen in der neuen Wohnung auf, als sie den Kanonendonner vernahmen – mit dem Kampf um die Westernplatte in Danzig hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. „Immer wenn es knallte, sprang Mama vom Fensterbrett und rief 'Huch'. Ich mit meinen fünf Jahren fand das lustig", so erzählt Margot Schmidko. Noch fand sie es lustig, doch als es immer wieder Fliegeralarm gab und sie sich in den Keller begeben mussten, wurde es für das inzwischen eingeschulte Kind zur Belastung.

Auch die Verpflegung wurde in Kriegszeiten knapp. Zu Weihnachten gab es eine Sonderzuteilung: Eine Ente, die Margot beim Kaufmann Grass abholen musste, der in der Nähe ein Kolonialwarengeschäft betrieb. Er war der Vater des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Günter Grass, der 1927 in Langfuhr geboren wurde, und dessen Romane „Die Blechtrommel" und „Hundejahre" hier spielen. Weihnachtsstimmung wollte trotz der Ente nicht bei Margots Mutter und ihren drei Kindern aufkommen: Der Vater war an der Front, eine Petroleumlampe war die einzige Lichtquelle.

Kurz darauf – im Januar 1945 – wurde die Familie aufgefordert, zu flüchten. „Mama hat abgelehnt. Gott sei Dank, denn wir hätten die Wilhelm Gustloff aufsuchen sollen und wären wohl ertrunken." Das Schiff sollte Flüchtlinge vor der anrückenden Roten Armee aus Ostpreußen evakuieren. Es sank am 30. Januar 1945, nachdem es von einem sowjetischen U-Boot beschossen worden war. Mehr als 9.000 Menschen an Bord starben.

Aber es blieb auch für Margot Schmidko und ihre Mutter gefährlich. „Mama rief: 'Komm, guck mal, es kommen Christbäume vom Himmel.' Es waren Angriffszeichen der Bomber. Wir waren auf der halben Kellertreppe, da krachte es. Die Hoftür flog aus den Angeln", erinnert sich Margot Schmidko. Am nächsten Tag sahen sie, dass ihre Wohnung erheblich beschädigt worden war. Eine Bombe hatte die vor dem Hause stehende Gulaschkanone der Wehrmacht getroffen. Im Haus waren alle Fenster zerstört, die Möbel mit Bombensplittern gespickt. Die Bewohner mussten nun im Keller leben, es gab weder Strom noch Wasser und keine Lebensmittel zu kaufen.

Dann sahen sie zum ersten Mal einen russischen Soldaten, der in ihren Keller kam und forderte: „Uhr, Uhr." Schlimmer war es, wenn die Aufforderung kam: „Frau, komm!" Was den Frauen dann zugefügt wurde, ist nicht zu beschreiben.

„Ende April wurden wir unter Aufsicht russischer Soldaten in den Jäschkenwald getrieben", so berichtet Margot Schmidko. „Auf dem Weg dorthin suchte ein Soldat junge Frauen aus. Sie mussten auf das Fahrzeug steigen. Unsere Nachbarin begriff sofort die Situation. Sie schob ihre sechs Kinder und unsere drei zusammen und forderte uns auf, laut zu schreien. Sie erklärte dem Soldaten, dass wir alle neun Mamas Kinder wären. Er hatte wohl eine großes Herz und ließ Mama aussteigen."

Am 20. Juli 1945 wurde die Mutter mit ihren drei Kindern ausgewiesen. Innerhalb von zwei Stunden konnten sie nur wenige Sachen zusammenpacken. „Wir wurden in einen Güterwagen verfrachtet. Ein Pastor erteilte uns den Segen", so ist es in der Erinnerung haften geblieben. Bei Küstrin mussten sie aussteigen: „Auf weiter Flur kein Haus, nur Natur". Zu Fuß ging es bei sommerlicher Hitze weiter, grüne Äpfel am Straßenrand waren die Nahrung.

„Als wir in Frankfurt erschöpft über die Oder gingen, sagte Mama, dass wir alles Überflüssige in den Fluss werfen sollten. So ging es etwas erleichtert weiter", berichtet Margot Schmidko. Es ging weiter nach Berlin, Sachsen und schließlich Bottendorf an der Unstrut, wo Margot auch wieder die Schule besuchte. Endlich, im September 1946, bekamen sie Post vom Vater, der aus der amerikanischen Gefangenschaft nach Minden entlassen worden war.

Die Wiedersehensfreude war groß, als der Vater sie abholte. Es ging zur Grenze bei Helmstedt. Kontrollen folgten, bis sich schließlich für die Familie der Schlagbaum öffnete: Am 23. September 1946 stiegen die Schmidkos um 24 Uhr in Minden aus dem Zug. „Wir waren aufgeregt, weil Ausgangssperre war", so schließt Margot Schmidko ihren Bericht – doch das war nur eine kleine Sorge nach allem, was sie vorher erlebt hatten.

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