MT-Serie Kriegsende: Als neben Manfred Löffler in der Kutenhauser Straße eine Bombe einschlug Robert Kauffeld Minden. Manfred Löffler erblickte das Licht der Welt mitten im Krieg. Doch die Kindheit, die er ab 1940 im Haus der Großeltern an der Kutenhauser Straße in Minden erlebte, blieb zunächst ruhig . Mit seiner Mutter, der Vater war Soldat, bewohnte er ein kleines Zimmer, in dem er auch geboren wurde. Für den kleinen Jungen schien es noch eine „heile Welt“ zu sein, und so kann Löffler aus seinen Erinnerungen und den Erzählungen seiner Eltern und Großeltern über schöne gemeinsame Stunden berichten: lange Winterabende am warmen Kachelofen, als gemeinsam die Zeitung gelesen wurde, Oma Socken stopfte, häkelte oder strickte und immer wieder Geschichten erzählt wurden, bis Opa mahnte: „Obends nich rin un morgens nich rut.“ Doch die Situation änderte sich: „Der zweite Weltkrieg wurde immer heftiger“, berichtet Manfred Löffler, „die Bombardierungen wurden auch bei uns in Minden immer stärker“. Die über den Köpfen hinweg fliegenden Bomberverbände wurden bedrohlicher. Der Weg führte immer öfter in den Luftschutzraum unter dem nahegelegenen Nordstädter Vereinshaus. Und dann geschah es: „Wieder hatten die Sirenen geheult, Mutter hatte das Nötigste in eine Tasche gepackt und mich in das Körbchen gesetzt, das am Lenker ihres Fahrrades angebracht war. Wir wollten wieder den Luftschutzkeller aufsuchen, doch Oma war noch nicht da, versorgte wohl noch die Tiere im Stall. Als sie immer noch nicht kam, hat meine Mutter das Fahrrad an den Gartenzaun gestellt, um Oma zu holen. Als ich, und daran erinnere ich mich genau, so ganz allein dort am Zaun stand, hörte ich Flugzeuge.“ Hatte der Junge die Gefahr erkannt? Sicherlich war es für ihn gefährlich, allein aus dem Körbchen zu klettern, um zur Mutter ins Haus zu laufen. Kaum angekommen, fielen die Bomben. „Das unbeschreibliche Geräusch einer herunterfallenden zentnerschweren Bombe würde ich heute noch erkennen, ich sah, dass meine Oma zum Himmel betete. Sie schrie, lag auf ihren Knien, die Hände bittend zum Himmel gerichtet. Es war grausam.“ Und er erinnert sich, dass nach endlosem Warten die Sirenen endlich zur Entwarnung heulten und sie den Keller verließen, um feststellen zu müssen, dass in der Wohnung alle Bilder von den Wänden gefallen, alle Möbel von einer dicken Staubschicht bedeckt waren und das Radio zerstört auf dem Boden lag. Eine Bombe war wenige Meter neben dem Stall im Garten detoniert. Haus und Stall waren beschädigt, die Fensterscheiben zerstört, die Dächer weitgehend abgedeckt. Schlimm war es, als der Junge an Diphtherie erkrankte. „Mit dem Bollerwagen, einem kleinen Handwagen, der mit Stroh ausgelegt war, wurde ich von meiner Mutter ins Mindener Krankenhaus eingeliefert“, berichtet er. Es war besonders beängstigend, weil es immer wieder Bombenangriffe auf Minden gab. Als der Krieg endlich zu Ende war, lag eine schlimme Zeit hinter ihnen. „Längst waren die Pistole meines Vaters und Hitlers „Mein Kampf“ verbrannt oder in dem Trichter, den die Bombe verursacht hatte, verbuddelt worden.“ Angst vor Bomben musste man jetzt nicht mehr haben, doch weggeworfene Waffen, Granaten und Munition stellten eine neue Gefahr für abenteuerlustige Kinder dar. Erste Begegnungen mit den früheren Feinden folgten. Die hatten ganze Straßenzüge zu Sperrgebieten erklärt. In einem Casino für englische Offiziere arbeitete Tante Herta. Sie sammelte Essenreste für die Schweine. Manfred Löffler, der die Reste abholen und ungehindert an der englischen Wache vorbeigehen durfte, erinnert sich: „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich nicht auch als Schmuggler eingesetzt wurde. Unter den Abfällen hatte man für meine Oma doch manchmal echten Bohnenkaffee und anderes versteckt.“ Sein Vater kehrte aus einem Gefangenenlager zurück, als der Sohn fünf Jahre alt war. Jetzt konnte er sich wieder um seine Familie kümmern. Er hatte sich bald eine kleine Tischlerwerkstatt eingerichtet. Er reparierte das Haus und stellte in der Werkstatt etwas ganz Besonderes her: Klappern. Das waren Holzsandalen, aus einem Stück gefertigt, die beim Laufen recht laut klapperten. In Luxusausführung war die Sohle dreigeteilt und dadurch beweglich. Heute wohnt er noch immer in dem längst renovierten Elternhaus an der Kutenhauser Straße. Auf 50 Seiten hat er niedergeschrieben, was er erlebt hat. MT-Serie 75 Jahre Kriegsende Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

MT-Serie Kriegsende: Als neben Manfred Löffler in der Kutenhauser Straße eine Bombe einschlug

Heute ein schöner Blumengarten. Manfred Löffler zeigt, wo im Krieg eine Bombe detoniert ist und ein tiefer Krater entstanden war. Das Haus wurde dadurch schwer beschädigt. Foto: Robert Kauffeld © Robert Kauffeld

Minden. Manfred Löffler erblickte das Licht der Welt mitten im Krieg. Doch die Kindheit, die er ab 1940 im Haus der Großeltern an der Kutenhauser Straße in Minden erlebte, blieb zunächst ruhig . Mit seiner Mutter, der Vater war Soldat, bewohnte er ein kleines Zimmer, in dem er auch geboren wurde. Für den kleinen Jungen schien es noch eine „heile Welt“ zu sein, und so kann Löffler aus seinen Erinnerungen und den Erzählungen seiner Eltern und Großeltern über schöne gemeinsame Stunden berichten: lange Winterabende am warmen Kachelofen, als gemeinsam die Zeitung gelesen wurde, Oma Socken stopfte, häkelte oder strickte und immer wieder Geschichten erzählt wurden, bis Opa mahnte: „Obends nich rin un morgens nich rut.“

Doch die Situation änderte sich: „Der zweite Weltkrieg wurde immer heftiger“, berichtet Manfred Löffler, „die Bombardierungen wurden auch bei uns in Minden immer stärker“. Die über den Köpfen hinweg fliegenden Bomberverbände wurden bedrohlicher. Der Weg führte immer öfter in den Luftschutzraum unter dem nahegelegenen Nordstädter Vereinshaus.

Und dann geschah es: „Wieder hatten die Sirenen geheult, Mutter hatte das Nötigste in eine Tasche gepackt und mich in das Körbchen gesetzt, das am Lenker ihres Fahrrades angebracht war. Wir wollten wieder den Luftschutzkeller aufsuchen, doch Oma war noch nicht da, versorgte wohl noch die Tiere im Stall. Als sie immer noch nicht kam, hat meine Mutter das Fahrrad an den Gartenzaun gestellt, um Oma zu holen. Als ich, und daran erinnere ich mich genau, so ganz allein dort am Zaun stand, hörte ich Flugzeuge.“ Hatte der Junge die Gefahr erkannt? Sicherlich war es für ihn gefährlich, allein aus dem Körbchen zu klettern, um zur Mutter ins Haus zu laufen. Kaum angekommen, fielen die Bomben.

„Das unbeschreibliche Geräusch einer herunterfallenden zentnerschweren Bombe würde ich heute noch erkennen, ich sah, dass meine Oma zum Himmel betete. Sie schrie, lag auf ihren Knien, die Hände bittend zum Himmel gerichtet. Es war grausam.“ Und er erinnert sich, dass nach endlosem Warten die Sirenen endlich zur Entwarnung heulten und sie den Keller verließen, um feststellen zu müssen, dass in der Wohnung alle Bilder von den Wänden gefallen, alle Möbel von einer dicken Staubschicht bedeckt waren und das Radio zerstört auf dem Boden lag. Eine Bombe war wenige Meter neben dem Stall im Garten detoniert. Haus und Stall waren beschädigt, die Fensterscheiben zerstört, die Dächer weitgehend abgedeckt.

Schlimm war es, als der Junge an Diphtherie erkrankte. „Mit dem Bollerwagen, einem kleinen Handwagen, der mit Stroh ausgelegt war, wurde ich von meiner Mutter ins Mindener Krankenhaus eingeliefert“, berichtet er. Es war besonders beängstigend, weil es immer wieder Bombenangriffe auf Minden gab. Als der Krieg endlich zu Ende war, lag eine schlimme Zeit hinter ihnen. „Längst waren die Pistole meines Vaters und Hitlers „Mein Kampf“ verbrannt oder in dem Trichter, den die Bombe verursacht hatte, verbuddelt worden.“

Angst vor Bomben musste man jetzt nicht mehr haben, doch weggeworfene Waffen, Granaten und Munition stellten eine neue Gefahr für abenteuerlustige Kinder dar. Erste Begegnungen mit den früheren Feinden folgten. Die hatten ganze Straßenzüge zu Sperrgebieten erklärt. In einem Casino für englische Offiziere arbeitete Tante Herta. Sie sammelte Essenreste für die Schweine. Manfred Löffler, der die Reste abholen und ungehindert an der englischen Wache vorbeigehen durfte, erinnert sich: „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich nicht auch als Schmuggler eingesetzt wurde. Unter den Abfällen hatte man für meine Oma doch manchmal echten Bohnenkaffee und anderes versteckt.“

Sein Vater kehrte aus einem Gefangenenlager zurück, als der Sohn fünf Jahre alt war. Jetzt konnte er sich wieder um seine Familie kümmern. Er hatte sich bald eine kleine Tischlerwerkstatt eingerichtet. Er reparierte das Haus und stellte in der Werkstatt etwas ganz Besonderes her: Klappern. Das waren Holzsandalen, aus einem Stück gefertigt, die beim Laufen recht laut klapperten. In Luxusausführung war die Sohle dreigeteilt und dadurch beweglich.

Heute wohnt er noch immer in dem längst renovierten Elternhaus an der Kutenhauser Straße. Auf 50 Seiten hat er niedergeschrieben, was er erlebt hat.

MT-Serie 75 Jahre Kriegsende

Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das

Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

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