MT-Serie: „In meinem Bett hätte ich nicht überlebt“ - Helga Heuke erinnert sich an den Krieg in Minden Robert Kauffeld Minden. Voralarm – Vollalarm – Akute Luftwarnung, und wenige Minuten später war das Dröhnen der Motoren feindlicher Bomberverbände in Minden zu hören. Wenngleich sie oftmals weiterflogen nach Hannover, Magdeburg oder Berlin, sie verbreiteten Angst und Schrecken, denn mehrfach war auch Minden ihr Angriffsziel. Angst und Schrecken bedeutete es auch für Helga Heuke, die alle Bombenangriffe auf Minden erlebt hat. „Ich war ein Kind der Altstadt und immer unterwegs, habe mit anderen Kindern gespielt und Nachbarn besucht“, berichtet sie. So war es auch am 29. Dezember 1943. Die damals Sechsjährige wohnte mit ihrer Mutter in der Brüderstraße 10. Sie erinnert sich noch an die vergangenen Weihnachtstage und erzählt schmunzelnd, dass sie wohl nicht immer artig gewesen sei: Deshalb gab's zur Bescherung zunächst einen Stiefel mit einer Rute, weil sie, wie ihre Mutter gesagt habe, ein „Tunegel“ gewesen wäre. Das war damals ein durchaus gebräuchlicher, liebevoller Ausdruck für Lümmel. Aber die Puppenstube habe es schließlich doch noch gegeben. Helga Heuke hatte an diesem 29. Dezember Frau Schmidt, eine liebe Nachbarin, besucht. Sie brachte sie, es hatte wieder einmal Alarm gegeben, noch zur Tür. Als sie im Dunkeln an den Hauswänden tastend nach Hause gehen wollte, waren über ihr schon deutlich die Bomberverbände zu hören. Und dann hat es furchtbar gekracht. Wahnsinnige Detonationen zeugten von Bombeneinschlägen in nächster Nachbarschaft. Auch das eigene Haus wurde getroffen und schwer beschädigt. Die Haustür war herausgeflogen. Mutter und Tante warteten schon, sie wollten alle den nahe gelegenen Luftschutzkeller der Spedition Topf aufsuchen, in dem im späteren Kriegsverlauf durch einen Volltreffer mehr als 100 Menschen starben. Dann plötzlich eine Stimme aus dem Hausflur: „Tante Erna, hilf mir hier raus, ich bin's doch, Anita“. Es war die Cousine, die in einen Schacht gefallen war, der noch vor dem Bombentreffer mit einer eisernen Platte abgedeckt war. Sie wurde unverletzt geborgen. „Dann liefen wir auf der Straße Richtung Luftschutzkeller. Überall lagen Trümmer und Glasscherben. Es war furchtbar“, berichtet Helga Heuke. „Unsere Angst war nicht zu beschreiben. Meine Tante hatte in der Aufregung ihre Schuhe nicht gefunden, ist in Strümpfen gelaufen, hat sich die Füße zerschnitten und bei einem Zusammenprall mit einem Soldaten das Nasenbein gebrochen.“ Helga Heuke berichtet , dass sie geweint habe, weil ihr schöner Tornister und ihre Puppe im Hause zurückgeblieben waren. Das muss einen jungen Soldaten so beeindruckt haben, dass er beides aus dem beschädigten Haus holte. Die Puppe hat sie geliebt. Und sie hat den Krieg überstanden, hat heute einen Ehrenplatz in einer Vitrine in ihrer Wohnung. An der Kampstraße waren zwei Bomben und eine Luftmine gefallen, hatten zahlreiche Häuser zerstört und kosteten 29 Menschen das Leben. Helga Heukes Bruder Walter, der als Soldat Weihnachtsurlaub bekommen hatte, war während des Angriffs mit einigen Kameraden in dem damals recht bekannten Vergnügungslokal „Zirwas“. Sie erfuhr, dass ihr Bruder sofort Richtung Brüderstraße gelaufen war. Zunächst erreichte er die Kampstraße. Dort musste er helfen, weil das Lebensmittelgeschäft Ludwig – später „Alte Münze“ – getroffen worden war. Die Tochter musste geborgen werden. Sie hatte einen Lungenriss, man konnte nur noch den Tod feststellen. Nebenan im Hof hätte der nette Opa Radecke gelegen, dem ein Arm abgerissen war. „Als es endlich Entwarnung gab, sind wir nach Hause gegangen, aber es war nicht mehr unser Zuhause“, berichtet Helga Heuke. „Alles war kaputt, wir hatten keinen Teller, keine Gabel, wir hatten nichts mehr. Auf meinem Bett lagen dicke Mauersteine. Hier hätte ich nicht überlebt.“ In Notzeiten hilft man sich gegenseitig, und so fand man zunächst Unterkunft in der kleinen Wohnung der Großeltern Böhne. Als ihnen schließlich eine Wohnung in der Simeonstraße zugewiesen wurde, wohnten sie wieder in der Innenstadt. Gegen Ende des Krieges gab es in Minden fast täglich Fliegeralarm, oftmals musste in jeder Nacht der Luftschutzkeller aufgesucht werden. „Wir lebten ständig in Angst“, erinnert sich Heuke. „Schreckliche Bilder boten sich uns und sind unauslöschlich in Erinnerung geblieben“. MT-Serie: 75 Jahre Kriegsende Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Im Mai jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

MT-Serie: „In meinem Bett hätte ich nicht überlebt“ - Helga Heuke erinnert sich an den Krieg in Minden

Minden. Voralarm – Vollalarm – Akute Luftwarnung, und wenige Minuten später war das Dröhnen der Motoren feindlicher Bomberverbände in Minden zu hören. Wenngleich sie oftmals weiterflogen nach Hannover, Magdeburg oder Berlin, sie verbreiteten Angst und Schrecken, denn mehrfach war auch Minden ihr Angriffsziel. Angst und Schrecken bedeutete es auch für Helga Heuke, die alle Bombenangriffe auf Minden erlebt hat. „Ich war ein Kind der Altstadt und immer unterwegs, habe mit anderen Kindern gespielt und Nachbarn besucht“, berichtet sie.

Die Puppe hat für Helga Heuke eine große Bedeutung. Ein Soldat hatte sie nach dem Bombenangriff für das weinende kleine Mädchen aus der völlig zerstörten Wohnung geholt. Foto: Robert Kauffeld - © Robert Kauffeld
Die Puppe hat für Helga Heuke eine große Bedeutung. Ein Soldat hatte sie nach dem Bombenangriff für das weinende kleine Mädchen aus der völlig zerstörten Wohnung geholt. Foto: Robert Kauffeld - © Robert Kauffeld

So war es auch am 29. Dezember 1943. Die damals Sechsjährige wohnte mit ihrer Mutter in der Brüderstraße 10. Sie erinnert sich noch an die vergangenen Weihnachtstage und erzählt schmunzelnd, dass sie wohl nicht immer artig gewesen sei: Deshalb gab's zur Bescherung zunächst einen Stiefel mit einer Rute, weil sie, wie ihre Mutter gesagt habe, ein „Tunegel“ gewesen wäre. Das war damals ein durchaus gebräuchlicher, liebevoller Ausdruck für Lümmel. Aber die Puppenstube habe es schließlich doch noch gegeben.

Helga Heuke hatte an diesem 29. Dezember Frau Schmidt, eine liebe Nachbarin, besucht. Sie brachte sie, es hatte wieder einmal Alarm gegeben, noch zur Tür. Als sie im Dunkeln an den Hauswänden tastend nach Hause gehen wollte, waren über ihr schon deutlich die Bomberverbände zu hören. Und dann hat es furchtbar gekracht. Wahnsinnige Detonationen zeugten von Bombeneinschlägen in nächster Nachbarschaft. Auch das eigene Haus wurde getroffen und schwer beschädigt. Die Haustür war herausgeflogen. Mutter und Tante warteten schon, sie wollten alle den nahe gelegenen Luftschutzkeller der Spedition Topf aufsuchen, in dem im späteren Kriegsverlauf durch einen Volltreffer mehr als 100 Menschen starben.

Dann plötzlich eine Stimme aus dem Hausflur: „Tante Erna, hilf mir hier raus, ich bin's doch, Anita“. Es war die Cousine, die in einen Schacht gefallen war, der noch vor dem Bombentreffer mit einer eisernen Platte abgedeckt war. Sie wurde unverletzt geborgen. „Dann liefen wir auf der Straße Richtung Luftschutzkeller. Überall lagen Trümmer und Glasscherben. Es war furchtbar“, berichtet Helga Heuke. „Unsere Angst war nicht zu beschreiben. Meine Tante hatte in der Aufregung ihre Schuhe nicht gefunden, ist in Strümpfen gelaufen, hat sich die Füße zerschnitten und bei einem Zusammenprall mit einem Soldaten das Nasenbein gebrochen.“ Helga Heuke berichtet , dass sie geweint habe, weil ihr schöner Tornister und ihre Puppe im Hause zurückgeblieben waren. Das muss einen jungen Soldaten so beeindruckt haben, dass er beides aus dem beschädigten Haus holte. Die Puppe hat sie geliebt. Und sie hat den Krieg überstanden, hat heute einen Ehrenplatz in einer Vitrine in ihrer Wohnung.

An der Kampstraße waren zwei Bomben und eine Luftmine gefallen, hatten zahlreiche Häuser zerstört und kosteten 29 Menschen das Leben. Helga Heukes Bruder Walter, der als Soldat Weihnachtsurlaub bekommen hatte, war während des Angriffs mit einigen Kameraden in dem damals recht bekannten Vergnügungslokal „Zirwas“. Sie erfuhr, dass ihr Bruder sofort Richtung Brüderstraße gelaufen war. Zunächst erreichte er die Kampstraße. Dort musste er helfen, weil das Lebensmittelgeschäft Ludwig – später „Alte Münze“ – getroffen worden war. Die Tochter musste geborgen werden. Sie hatte einen Lungenriss, man konnte nur noch den Tod feststellen. Nebenan im Hof hätte der nette Opa Radecke gelegen, dem ein Arm abgerissen war.

„Als es endlich Entwarnung gab, sind wir nach Hause gegangen, aber es war nicht mehr unser Zuhause“, berichtet Helga Heuke. „Alles war kaputt, wir hatten keinen Teller, keine Gabel, wir hatten nichts mehr. Auf meinem Bett lagen dicke Mauersteine. Hier hätte ich nicht überlebt.“ In Notzeiten hilft man sich gegenseitig, und so fand man zunächst Unterkunft in der kleinen Wohnung der Großeltern Böhne. Als ihnen schließlich eine Wohnung in der Simeonstraße zugewiesen wurde, wohnten sie wieder in der Innenstadt. Gegen Ende des Krieges gab es in Minden fast täglich Fliegeralarm, oftmals musste in jeder Nacht der Luftschutzkeller aufgesucht werden. „Wir lebten ständig in Angst“, erinnert sich Heuke. „Schreckliche Bilder boten sich uns und sind unauslöschlich in Erinnerung geblieben“.

MT-Serie: 75 Jahre Kriegsende

Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Im Mai jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

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