MT-Serie: Die Gastwirte hatten sich aufs Weihnachtsgeschäft gefreut, jetzt hagelt es Absagen Kerstin Rickert,Oliver Plöger Minden. Zwei Lockdowns, Hygienekonzepte, Abstandsregeln, reduzierte Gästezahlen, Zugangsbeschränkungen, Existenzängste: Seit fast zwei Jahren stehen Gastronomen immer wieder vor neuen Herausforderungen, und ein Ende ist zumindest vorerst nicht abzusehen. Eher im Gegenteil: Gerade sagen reihenweise Gäste ihre gebuchten Weihnachtsfeiern ab, zunehmend bleiben auch die für das Tagesgeschäft wichtigen Stammgäste weg. Es fehlt an Perspektiven, Personal und Planungssicherheit. Das MT hat für seine Adventsserie heimische Gastwirte gefragt, ob und wie sie den Kopf trotzdem oben halten. In der vierten Welle spürt Rüdiger Hirsch vom Gasthof „Zum Kühlen Grunde“, dass seine Gäste sich anders verhalten: „Sie sind sehr verunsichert und nicht gut informiert.“ 3G, 2G oder 2G-Plus: Was gerade gelte, sei vielen nicht klar. Aufzuklären und die entsprechenden Nachweise zu kontrollieren, brauche Zeit, die an anderer Stelle fehle. Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin im Service schmeiße er den Laden allein. „Das ist schon schwierig“, sagt der Inhaber. Dazu komme eine große Planungsunsicherheit. Das Tagesgeschäft laufe zwar noch, aber es träfen sich kleinere Gruppen als früher. „Statt mit acht oder zehn Leuten kommen sie jetzt nur noch zu fünft oder zu sechst.“Etwas Bauchschmerzen bereiten ihm noch die Weihnachtstage, weil er nicht abschätzen kann, wie viele der angekündigten Gäste letztlich auch kommen. Im schlimmsten Fall bedeute das, am Ende hochwertige Lebensmittel wegschmeißen zu müssen, sollte es kurzfristig Absagen hageln. Klagen möchte Hirsch aber trotzdem nicht. „Bis jetzt bin ich noch ohne finanzielle Hilfen durch die Pandemie gekommen“, sagt er, bevor er schon wieder weiter muss. Eine der letzten Feiern, die ihm noch geblieben ist, will vorbereitet werden.Von bis jetzt 57 Prozent weniger Umsatz als in normalen Jahren spricht Ralf von Behren vom Kurhaus Pivittskrug in Rothenuffeln. Ohne den Sommer und sein Team, das bis zum Anschlag gekämpft habe, sähe es noch düsterer aus. Von der Hoffnung auf einen guten Dezember, der die Zahl noch korrigieren könnte, hat er sich schon verabschiedet. Gerade erst hat ihn die kurzfristige Absage einer Feier mit 60 Personen erreicht – nicht die erste in diesen Tagen. Seitdem die Infektionszahlen steigen, bleibe die Laufkundschaft weg und es kämen auch weniger Stammgäste. „Die Leute werden vorsichtiger, sie haben Angst“, sagt der Gastronom, zu dessen Klientel viele Ältere gehören.Die seien zwar zum größten Teil geimpft und hätten die 2G-Regel bisher gut mitgetragen. Sollte in NRW wie bereits in Niedersachsen die 2G-Plus-Regel eingeführt werden, sehe das aber wohl anders aus. „Wer nicht mobil ist, für den wird es schon schwierig, sich testen zu lassen“, sagt von Behren mit Blick auf das Fehlen von Angeboten in der Nähe. Er selbst hat eine Fortbildung gemacht und dürfte seine Gäste auch vor Ort testen. Das aber sei nicht zu schaffen. Ohnehin ärgert sich der Restaurantfachmann und Physiotherapeut: „Wir sind ausführende Gewalt des Gesetzgebers, der indirekt zum Impfen auffordert. Das stößt sauer auf.“ Dennoch wolle er weiter nach vorne schauen: „Ja, wir verdienen weniger Geld, aber wir machen weiter mit einem Lächeln, weil wir nicht anders können.“„Aufgeben gibt es nicht“, sagt auch Jan-Luca Ossenfort von der Traditions-Gaststätte „Wagemarks Brunnen“ in Südhemmern. Corona hin oder her: Der 20-jährige Enkel von Inhaberin Irene Hußmann (89) bereut seine Entscheidung nicht, in den Familienbetrieb einzusteigen. Vor 56 Jahren übernahmen seine Großeltern die Gastwirtschaft, längst ist sie die letzte im Dorf.Die Stimmung bei den Gästen beschreibt Ossenfort als zunehmend gedrückt. Und auch an ihm und seiner Familie gehe die aktuelle Entwicklung nicht spurlos vorbei. „Wir waren eigentlich ausgebucht“, sagt der Junior mit Blick auf die Vorweihnachtszeit. Viele hätten ihre Feiern inzwischen aber wieder abgesagt. Das sei schon frustrierend. Doch das wolle er die Gäste nicht spüren lassen. „Man muss eine Balance finden.“ Und an die Zukunft denken. Für die Weihnachtstage habe sich die Familie schon entschieden, nicht zu öffnen, sondern Essen für Zuhause anzubieten. Auch, weil das Personal knapp sei. Während der Lockdowns habe es keine Arbeit gegeben und Mitarbeiter hätten sich umorientiert. „Und die kommen auch nicht wieder.“„Wenn 2G-Plus kommt, gucke ich mir das noch an, werde dann aber wahrscheinlich schließen“, sagt ein Mindener Kneipier, der namentlich nicht genannt werden möchte. Schon jetzt sei er genervt davon, QR-Codes und Ausweise kontrollieren zu müssen, er fühle sich wie ein Ordnungshüter. Mit zusätzlichen Tests würde noch mehr Spontaneität verloren gehen. Wenn er den Laden dicht mache, könne er wenigstens Kosten für Energie, Ware und Personal einsparen: „Das Weihnachtsgeschäft ist eh versaut. Dreiviertel der Veranstaltungen sind schon abgesagt.“ Bei Sabina Balke von Balkes Morhoff in Petershagen ist es genauso: In den letzten zwei Wochen hat es fast nur Absagen gehagelt. „Wenn du ans Telefon gehst, schlägt einem schon das Herz: Wer bestellt nun schon wieder ab?“ E-Mails zu öffnen werde zur Qual, auch dort nur Stornierungen. „Sei es von regulären Tischen à la carte, Feiern oder sogar Hotelzimmern.“ Balkes Morhoff sei im Dezember mit vorbestellten Weihnachts- und Familienfeiern sehr gut bestückt gewesen. „Alles abgesagt“, sagt Sabina Balke, und: „Bis in den Februar hinein haben wir nicht eine einzige Feier mehr.“ Die Mitarbeiter würden schon fürchten, dass der Betrieb wieder Kurzarbeitergeld beantragen müsse und es in der Weihnachtszeit statt Weihnachtsgeld nur noch 80 Prozent vom regulären Gehalt gebe. „Für jeden von uns ist die Situation angespannt“, weiß Sabina Balke. Und die Aussichten seien trübe: „Sollte die 2G-Plus-Regel kommen, sind wir mal gespannt, ob überhaupt noch jemand essen gehen möchte.“ Aus Sicht der Gastronomin wäre dann eher ein vollständiger Lockdown sinnvoll: „Ansonsten müssen wir die Lebensmittel vorhalten und zubereiten – es könnte ja doch jemand kommen.“ Bereits in den vergangenen zwei Jahren sei viel „für die Tonne“ produziert worden. Aufgeben komme aber nicht infrage, wie Balke deutlich macht. „Wir werden weiterkämpfen. Vielleicht muss man noch mal einen anderen Weg einschlagen und zu den Gästen nach Hause gehen.“ Das sei in diesem Jahr schon gut angelaufen, ganze Veranstaltungen hätten die Balkes bei den Gästen zuhause organisiert. „Womöglich wird das der Markt der kommenden Jahre.“

MT-Serie: Die Gastwirte hatten sich aufs Weihnachtsgeschäft gefreut, jetzt hagelt es Absagen

Petra und Jan-Luca Ossenfort (Mutter und Sohn) MT-Foto: Alex Lehn

Minden. Zwei Lockdowns, Hygienekonzepte, Abstandsregeln, reduzierte Gästezahlen, Zugangsbeschränkungen, Existenzängste: Seit fast zwei Jahren stehen Gastronomen immer wieder vor neuen Herausforderungen, und ein Ende ist zumindest vorerst nicht abzusehen. Eher im Gegenteil: Gerade sagen reihenweise Gäste ihre gebuchten Weihnachtsfeiern ab, zunehmend bleiben auch die für das Tagesgeschäft wichtigen Stammgäste weg. Es fehlt an Perspektiven, Personal und Planungssicherheit. Das MT hat für seine Adventsserie heimische Gastwirte gefragt, ob und wie sie den Kopf trotzdem oben halten.

In der vierten Welle spürt Rüdiger Hirsch vom Gasthof „Zum Kühlen Grunde“, dass seine Gäste sich anders verhalten: „Sie sind sehr verunsichert und nicht gut informiert.“ 3G, 2G oder 2G-Plus: Was gerade gelte, sei vielen nicht klar. Aufzuklären und die entsprechenden Nachweise zu kontrollieren, brauche Zeit, die an anderer Stelle fehle. Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin im Service schmeiße er den Laden allein. „Das ist schon schwierig“, sagt der Inhaber. Dazu komme eine große Planungsunsicherheit. Das Tagesgeschäft laufe zwar noch, aber es träfen sich kleinere Gruppen als früher. „Statt mit acht oder zehn Leuten kommen sie jetzt nur noch zu fünft oder zu sechst.“

Etwas Bauchschmerzen bereiten ihm noch die Weihnachtstage, weil er nicht abschätzen kann, wie viele der angekündigten Gäste letztlich auch kommen. Im schlimmsten Fall bedeute das, am Ende hochwertige Lebensmittel wegschmeißen zu müssen, sollte es kurzfristig Absagen hageln. Klagen möchte Hirsch aber trotzdem nicht. „Bis jetzt bin ich noch ohne finanzielle Hilfen durch die Pandemie gekommen“, sagt er, bevor er schon wieder weiter muss. Eine der letzten Feiern, die ihm noch geblieben ist, will vorbereitet werden.

Von bis jetzt 57 Prozent weniger Umsatz als in normalen Jahren spricht Ralf von Behren vom Kurhaus Pivittskrug in Rothenuffeln. Ohne den Sommer und sein Team, das bis zum Anschlag gekämpft habe, sähe es noch düsterer aus. Von der Hoffnung auf einen guten Dezember, der die Zahl noch korrigieren könnte, hat er sich schon verabschiedet. Gerade erst hat ihn die kurzfristige Absage einer Feier mit 60 Personen erreicht – nicht die erste in diesen Tagen. Seitdem die Infektionszahlen steigen, bleibe die Laufkundschaft weg und es kämen auch weniger Stammgäste. „Die Leute werden vorsichtiger, sie haben Angst“, sagt der Gastronom, zu dessen Klientel viele Ältere gehören.

Die seien zwar zum größten Teil geimpft und hätten die 2G-Regel bisher gut mitgetragen. Sollte in NRW wie bereits in Niedersachsen die 2G-Plus-Regel eingeführt werden, sehe das aber wohl anders aus. „Wer nicht mobil ist, für den wird es schon schwierig, sich testen zu lassen“, sagt von Behren mit Blick auf das Fehlen von Angeboten in der Nähe. Er selbst hat eine Fortbildung gemacht und dürfte seine Gäste auch vor Ort testen. Das aber sei nicht zu schaffen. Ohnehin ärgert sich der Restaurantfachmann und Physiotherapeut: „Wir sind ausführende Gewalt des Gesetzgebers, der indirekt zum Impfen auffordert. Das stößt sauer auf.“ Dennoch wolle er weiter nach vorne schauen: „Ja, wir verdienen weniger Geld, aber wir machen weiter mit einem Lächeln, weil wir nicht anders können.“

„Aufgeben gibt es nicht“, sagt auch Jan-Luca Ossenfort von der Traditions-Gaststätte „Wagemarks Brunnen“ in Südhemmern. Corona hin oder her: Der 20-jährige Enkel von Inhaberin Irene Hußmann (89) bereut seine Entscheidung nicht, in den Familienbetrieb einzusteigen. Vor 56 Jahren übernahmen seine Großeltern die Gastwirtschaft, längst ist sie die letzte im Dorf.

Die Stimmung bei den Gästen beschreibt Ossenfort als zunehmend gedrückt. Und auch an ihm und seiner Familie gehe die aktuelle Entwicklung nicht spurlos vorbei. „Wir waren eigentlich ausgebucht“, sagt der Junior mit Blick auf die Vorweihnachtszeit. Viele hätten ihre Feiern inzwischen aber wieder abgesagt. Das sei schon frustrierend. Doch das wolle er die Gäste nicht spüren lassen. „Man muss eine Balance finden.“ Und an die Zukunft denken. Für die Weihnachtstage habe sich die Familie schon entschieden, nicht zu öffnen, sondern Essen für Zuhause anzubieten. Auch, weil das Personal knapp sei. Während der Lockdowns habe es keine Arbeit gegeben und Mitarbeiter hätten sich umorientiert. „Und die kommen auch nicht wieder.“

„Wenn 2G-Plus kommt, gucke ich mir das noch an, werde dann aber wahrscheinlich schließen“, sagt ein Mindener Kneipier, der namentlich nicht genannt werden möchte. Schon jetzt sei er genervt davon, QR-Codes und Ausweise kontrollieren zu müssen, er fühle sich wie ein Ordnungshüter. Mit zusätzlichen Tests würde noch mehr Spontaneität verloren gehen. Wenn er den Laden dicht mache, könne er wenigstens Kosten für Energie, Ware und Personal einsparen: „Das Weihnachtsgeschäft ist eh versaut. Dreiviertel der Veranstaltungen sind schon abgesagt.“

Bei Sabina Balke von Balkes Morhoff in Petershagen ist es genauso: In den letzten zwei Wochen hat es fast nur Absagen gehagelt. „Wenn du ans Telefon gehst, schlägt einem schon das Herz: Wer bestellt nun schon wieder ab?“ E-Mails zu öffnen werde zur Qual, auch dort nur Stornierungen. „Sei es von regulären Tischen à la carte, Feiern oder sogar Hotelzimmern.“ Balkes Morhoff sei im Dezember mit vorbestellten Weihnachts- und Familienfeiern sehr gut bestückt gewesen. „Alles abgesagt“, sagt Sabina Balke, und: „Bis in den Februar hinein haben wir nicht eine einzige Feier mehr.“ Die Mitarbeiter würden schon fürchten, dass der Betrieb wieder Kurzarbeitergeld beantragen müsse und es in der Weihnachtszeit statt Weihnachtsgeld nur noch 80 Prozent vom regulären Gehalt gebe. „Für jeden von uns ist die Situation angespannt“, weiß Sabina Balke.

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Patrick Schwemmling

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Und die Aussichten seien trübe: „Sollte die 2G-Plus-Regel kommen, sind wir mal gespannt, ob überhaupt noch jemand essen gehen möchte.“ Aus Sicht der Gastronomin wäre dann eher ein vollständiger Lockdown sinnvoll: „Ansonsten müssen wir die Lebensmittel vorhalten und zubereiten – es könnte ja doch jemand kommen.“ Bereits in den vergangenen zwei Jahren sei viel „für die Tonne“ produziert worden. Aufgeben komme aber nicht infrage, wie Balke deutlich macht. „Wir werden weiterkämpfen. Vielleicht muss man noch mal einen anderen Weg einschlagen und zu den Gästen nach Hause gehen.“ Das sei in diesem Jahr schon gut angelaufen, ganze Veranstaltungen hätten die Balkes bei den Gästen zuhause organisiert. „Womöglich wird das der Markt der kommenden Jahre.“

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