MT-Serie: Der Heiligabend ist nur perfekt mit Weihnachtsbaum - aber nicht jeder Weihnachtsbaum ist perfekt Doris Christoph Neulich hab ich Werbung für einen künstlichen Weihnachtsbaum gesehen: symmetrisch, naturgetreu, nadelt nicht, mit integrierter Lichterkette und zusammenklappbar. Einfach perfekt – für mich wäre das nichts. In meiner Kindheit nahm der Tannenbaum eigentlich immer die unperfekteste Rolle im ganzen Weihnachtsszenario ein – und die schönste. Das jährliche Ritual des Baumaufstellens zeigte: Jetzt ist bald Heiligabend. Mein Vater holte den Baum am 22. oder 23. Dezember vom Balkon und platzierte ihn im Wohnzimmer. Da offenbarten sich schiefer Wuchs, kahle Lücken, dünne Zweiglein – die Natur nimmt auf weihnachtlichen Perfektionismus keine Rücksicht. Also drehte er auf Anweisung meiner Mutter den Baum so lange, bis eine vorzeigbare Seite gefunden war. Wir Kinder machten uns lustig, die Eltern diskutierten. Mein Vater brachte die Lichterkette an, dann schmückten wir den Baum, die Deko-Spitze kam zum Schluss. Manchmal hatte die Tanne zwei Spitzen, dann blieb eine ungeschmückt, das sah ziemlich doof aus. Zum Finale wurde die Lichterkette angemacht und das Werk eingehend betrachtet: Schön, oder? Mit eigenem Kind wollten mein Mann und ich vergangenes Jahr auch endlich eine Weihnachtsbaumtradition starten – für einen perfekten Heiligabend. Die Jahre zuvor hatten wir auf einen Tannenbaum verzichtet, weil wir an Heiligabend immer getrennt bei den Eltern feierten. Beim Timing waren wir im Verzug. Merke: Das Aufstellen ein oder zwei Tage vorm Fest sollte nicht mit dem kurzfristigen Kauf gleichgesetzt werden. Im Baumarkt, der mit fair gehandelten Bäumen warb, überforderte uns die Auswahl: Perfekt war keiner. Und welche Größe ist die richtige? Im Altbau kann man hoch hinaus, aber dann wird der Baum nach unten auch breiter und wir kommen nicht mehr ans Fenster. Wir entschieden uns für ein mittelgroßes Exemplar. Voller Stolz fuhren wir nach Hause, platzierten den Baum – der, wie sich zeigte, aus dem weit entfernten Sibirien stammte – mit Mühe im Ständer im Wohnzimmer, drehten die Makel möglichst weg vom Betrachter und begannen mit dem Schmücken. Dabei zeigte sich: Lichterkette eins von meinen Eltern funktionierte nicht. Bei Kette zwei waren ein paar Lämpchen kaputt – das ließ sich aber mit Kugeln kaschieren. Heiligabend kam. Die Eltern schauten vorbei und nickten anerkennend beim Anblick des Baums. Dann fiel der Blick auf die defekten Birnen: „Die tausche ich aus“, kündigte mein Vater an. Rupfte die Lämpchen raus, um dann festzustellen, dass die Ersatzbirnen nicht passten. Der Baum blieb dunkel. Mein Puls raste. Was denn mit der anderen Kette sei, wollte er wissen. Es zeigte sich: Es musste nur eine Birne festgedreht werden, dann floss der Strom. Der „Hüter des Lichts“ beschloss, die Ketten am voll behängten Baum auszutauschen. Kugeln krachten zu Boden, das krabbelnde Kind peilte entzückt die glitzernden Scherben an, während meine Mutter und ich auf meinen Vater einredeten. Mein Mann griff zur Videokamera. Endlich, endlich war die Lichterkette am Baum, ein paar Kugeln wurden versetzt, um leer gewordene Stellen zu füllen. Die Wohnzimmerlampe wurde ausgemacht, der Baum strahlte. Schön, oder?

MT-Serie: Der Heiligabend ist nur perfekt mit Weihnachtsbaum - aber nicht jeder Weihnachtsbaum ist perfekt

© Alex Lehn

Neulich hab ich Werbung für einen künstlichen Weihnachtsbaum gesehen: symmetrisch, naturgetreu, nadelt nicht, mit integrierter Lichterkette und zusammenklappbar. Einfach perfekt – für mich wäre das nichts.

In meiner Kindheit nahm der Tannenbaum eigentlich immer die unperfekteste Rolle im ganzen Weihnachtsszenario ein – und die schönste. Das jährliche Ritual des Baumaufstellens zeigte: Jetzt ist bald Heiligabend. Mein Vater holte den Baum am 22. oder 23. Dezember vom Balkon und platzierte ihn im Wohnzimmer. Da offenbarten sich schiefer Wuchs, kahle Lücken, dünne Zweiglein – die Natur nimmt auf weihnachtlichen Perfektionismus keine Rücksicht.

Also drehte er auf Anweisung meiner Mutter den Baum so lange, bis eine vorzeigbare Seite gefunden war. Wir Kinder machten uns lustig, die Eltern diskutierten. Mein Vater brachte die Lichterkette an, dann schmückten wir den Baum, die Deko-Spitze kam zum Schluss. Manchmal hatte die Tanne zwei Spitzen, dann blieb eine ungeschmückt, das sah ziemlich doof aus. Zum Finale wurde die Lichterkette angemacht und das Werk eingehend betrachtet: Schön, oder?

Mit eigenem Kind wollten mein Mann und ich vergangenes Jahr auch endlich eine Weihnachtsbaumtradition starten – für einen perfekten Heiligabend. Die Jahre zuvor hatten wir auf einen Tannenbaum verzichtet, weil wir an Heiligabend immer getrennt bei den Eltern feierten.

Beim Timing waren wir im Verzug. Merke: Das Aufstellen ein oder zwei Tage vorm Fest sollte nicht mit dem kurzfristigen Kauf gleichgesetzt werden. Im Baumarkt, der mit fair gehandelten Bäumen warb, überforderte uns die Auswahl: Perfekt war keiner. Und welche Größe ist die richtige? Im Altbau kann man hoch hinaus, aber dann wird der Baum nach unten auch breiter und wir kommen nicht mehr ans Fenster. Wir entschieden uns für ein mittelgroßes Exemplar. Voller Stolz fuhren wir nach Hause, platzierten den Baum – der, wie sich zeigte, aus dem weit entfernten Sibirien stammte – mit Mühe im Ständer im Wohnzimmer, drehten die Makel möglichst weg vom Betrachter und begannen mit dem Schmücken. Dabei zeigte sich: Lichterkette eins von meinen Eltern funktionierte nicht. Bei Kette zwei waren ein paar Lämpchen kaputt – das ließ sich aber mit Kugeln kaschieren.

Heiligabend kam. Die Eltern schauten vorbei und nickten anerkennend beim Anblick des Baums. Dann fiel der Blick auf die defekten Birnen: „Die tausche ich aus“, kündigte mein Vater an. Rupfte die Lämpchen raus, um dann festzustellen, dass die Ersatzbirnen nicht passten. Der Baum blieb dunkel. Mein Puls raste.

Was denn mit der anderen Kette sei, wollte er wissen. Es zeigte sich: Es musste nur eine Birne festgedreht werden, dann floss der Strom. Der „Hüter des Lichts“ beschloss, die Ketten am voll behängten Baum auszutauschen. Kugeln krachten zu Boden, das krabbelnde Kind peilte entzückt die glitzernden Scherben an, während meine Mutter und ich auf meinen Vater einredeten. Mein Mann griff zur Videokamera. Endlich, endlich war die Lichterkette am Baum, ein paar Kugeln wurden versetzt, um leer gewordene Stellen zu füllen. Die Wohnzimmerlampe wurde ausgemacht, der Baum strahlte. Schön, oder?

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