MT-Serie: Dankerserin Helga Rust hat Zweiten Weltkrieg miterlebt Anja Peper Minden. Das Guten-Morgen-Ritual von Helga Rust sieht so aus: Ein paar Mal mit den Augen rollen, damit die Tränenflüssigkeit nach dem Schlaf wieder ins Fließen kommt. Ein paar Minuten Radfahren im Liegen. Die Füße drehen. „Und dankbar sein, wenn alles funktioniert.“ Dann ist sie bereit für den neuen Tag. Das Ritual hat sich bewährt: „Kein Rheuma, keine Arthrose, kein Cholesterin.“ Alles im grünen Bereich. Auch mit 90 Jahren bedient sie regelmäßig ihre Kunden im Traditions-Familienbetrieb Elektro Rust in Dankersen. Dass sie so fit ist, hat aber nicht nur mit Gymnastik, Radfahren und gesundem Essen zu tun. „Ich bin immer Idealistin gewesen.“ Ihr Optimismus, ihr Mut und ihr unbändiger Wille haben ihr schon als Mädchen in den Kriegsjahren geholfen. Der 8. Mai 1945 markiert in der Geschichte einen besonderen Tag – er setzt einen Schlusspunkt hinter den Zweiten Weltkrieg. Bei der Kapitulation der Wehrmacht war Helga Rust 15: „Diese Zeit habe ich sehr bewusst erlebt“, sagt sie rückblickend. Was sie damals gelernt und bis heute beherzigt: „Hinfallen darf man, aber man muss immer wieder aufstehen.“ Sie war ein mutiges Mädchen, das beweist allen die Geschichte mit der Milch. Engpässe in der Lebensmittelversorgung führten damals zu immer kleineren Rationen für die Normalverbraucher. „Nur noch Kinder unter sechs Jahre erhielten einen halben Liter Milch täglich“, schreibt Chronist Hans Nordsiek in seinem Buch „Die verdunkelte Stadt. Minden in der Endphase des Zweiten Weltkriegs 1944 – 1945“. Hungern musste die Familie in Dankersen nicht. Denn es fanden sich in dem Dorf, das damals noch deutlicher geprägt war von der Landwirtschaft, Mittel und Wege. Selbst in den Tagen der Ausgangssperre. Als ihrer Mutter die Milch ausging, raffte Helga ihren Mut zusammen. „Ich mache mich mal auf den Patt und probiere es …“, habe sie sich gedacht. Am frühen Morgen des 4. April 1945 war die Verteidigung der Stadt Minden praktisch aufgegeben worden. Soldaten der Alliierten waren während der Ausgangssperre mit ihren Gewehren unterwegs. Unbeeindruckt davon marschierte das Mädchen schnurstracks auf die schwer bewaffneten Soldaten zu und erzählte ihnen auf Englisch, dass sie drei kleine Geschwister zuhause habe und ihnen Milch holen wolle. Zugegeben, das war eine faustdicke Lüge: Helga war ein Einzelkind. „Aber ich kam da prima mit durch mit 15!“ Sie war nicht halb so artig, wie es auf dem Konfirmationsfoto den Anschein macht. Als Ur-Dankerserin kannte sie die Bauern im Dorf. Auf dem Land lebte es sich damals leichter als in den Städten. „Wir hatten immer ein Dach überm Kopf, ein warmes Bett und etwas zu essen.“ Die Familie erhielt jedes Jahr 100 Zentner erstklassige Anthrazit-Kohle zum Heizen. Die konnte man die ganze Nacht über glimmen lassen. Einen Teil der Kohle tauschte sie bei den Bauern gegen Lebensmittel. Kohlenhändler lieferten in den letzten Kriegsmonaten nach Dringlichkeit lieferten – zunächst Bäcker, Schlachter und Lazarette. Dass sie gut Englisch sprach, sollte sich noch oft als Vorteil erweisen. Denn nach dem Krieg wünschten sich die Menschen einen Lichtblick: „Verdunkelung ist aufgehoben“, gab der Landrat am 9. Mai 1945 in Minden auf Anordnung der britischen Militärregierung bekannt. Die Stadt brauchte Strom, in Firmen, Schulen und auch in privaten Haushalten. Da traf es sich gut, dass ihr Vater Karl seit jeher fasziniert war von Elektrizität. Er gründete das Geschäft Elektro Rust schon 1931. Acht Jahre später, am 1. September 1939, begann mit dem deutschen Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg. Kurze Zeit später wurde Karl Rust dienstverpflichtet, in einem Kraftwerk in Recklinghausen zu arbeiten. Seinen eigenen kleinen Betrieb in Dankersen musste er während dieser Zeit schließen. „Ich habe ihn sehr vermisst.“ Dann kam der Tag, an dem im Kraftwerk in Recklinghausen ein dringend benötigtes Relais fehlte. „So ein Teil habe ich zuhause“, sagte Rust seinen Kollegen. Die knapp 170 Kilometer nach Dankersen wollte er mit dem Motorrad fahren. Die Idee entwickelte sich zu einer halsbrecherischen Tour: Zu dem Zeitpunkt waren die Autobahnen vernebelt, damit sie kein allzu leichtes Ziel für die letzten Kriegsbomben abgaben. Karl Rust stürzte mit der Maschine, verletzte sich und musste das demolierte Motorrad die letzten Kilometer schieben. Nachdem er endlich sein Zuhause erreicht hatte, fiel er erschöpft und blutverschmiert seiner Familie in die Arme. Der Arzt schrieb ihn krank, er musste nicht in das Kraftwerk Recklinghausen zurückkehren. Das Kriegsende markierte eine Wende im Leben: Karl Rust und seine Tochter Helga arbeiteten fortan als Team. Er kümmerte sich um die Technik, sie dolmetschte, wenn die Offiziere ein Anliegen hatten. Die Leute brauchten nicht nur Elektrizität, auch das Know-how war gefragt: „Können Sie das bitte reparieren?!“, lautete eine oft gehörte Frage von allen Seiten. In den folgenden Jahren kümmerte sich der kleine Betrieb um Elektroanlagen in fast allen Mindener Schulen, in der Kläranlage, im Haus am Dom und in vielen Mindener Unternehmen. Das britische Interesse an Häusern jeder Art in Minden war groß. Zunächst mussten die für die Stadt vorgesehen Besatzungstruppen untergebracht werden. Die einfachen Soldaten kamen in die Kasernen, für die Offiziere beschlagnahmte man Privatwohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern. „Die Marienstraße, die Stiftstraße, die Gegend rund um das Finanzamt: Das war alles gesperrt.“ Aber die Kombination aus Sprache und Technik öffnete Vater und Tochter Rust viele Türen. Die Faszination für Elektrotechnik hat Helga geerbt: Mathe, Physik und Chemie waren ihre Lieblingsfächer. So absolvierte sie eine technische Lehre. „In der Berufsschule war ich das einzige Mädchen“, erzählt sie. „Die Jungs haben mir die Tasche getragen.“ Sie stieg ins Familiengeschäft ein und machte in den Folgejahren mehrfach Schlagzeilen im Mindener Tageblatt: „Wachablösung“ im Installationsbereich: Familienbetrieb Elektro Rust feiert heute 60-jähriges Bestehen“, titelte das MT zum Beispiel am 1. Mai 1991. Damals gab sie das Geschäft an Sohn Thorsten ab, der einige Jahre zuvor seine Meisterprüfung abgelegt hatte. Im Text heißt es weiter: „Einige Male um die Erde dürften inzwischen die Kabel reichen, die in den vergangenen Jahrzehnten von Elektro Rust verlegt wurden.“ Auch in der Politik war Helga Rust aktiv, in den 80ern als stellvertretende Bürgermeisterin. Später mischte sie jahrelang im Mindener Seniorenbeirat mit. Rückblickend sagt sie: „Mein Leben war schön – und nie langweilig.“ Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (0571) 882 231 oder Anja.Peper@MT.de

MT-Serie: Dankerserin Helga Rust hat Zweiten Weltkrieg miterlebt

Gartenglück: Wenn sie nicht gerade im Familienbetrieb die Kunden bedient, kümmert sich Helga Rust gerne um die ihre kleine Oase in Dankersen. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden. Das Guten-Morgen-Ritual von Helga Rust sieht so aus: Ein paar Mal mit den Augen rollen, damit die Tränenflüssigkeit nach dem Schlaf wieder ins Fließen kommt. Ein paar Minuten Radfahren im Liegen. Die Füße drehen. „Und dankbar sein, wenn alles funktioniert.“ Dann ist sie bereit für den neuen Tag. Das Ritual hat sich bewährt: „Kein Rheuma, keine Arthrose, kein Cholesterin.“ Alles im grünen Bereich. Auch mit 90 Jahren bedient sie regelmäßig ihre Kunden im Traditions-Familienbetrieb Elektro Rust in Dankersen. Dass sie so fit ist, hat aber nicht nur mit Gymnastik, Radfahren und gesundem Essen zu tun. „Ich bin immer Idealistin gewesen.“ Ihr Optimismus, ihr Mut und ihr unbändiger Wille haben ihr schon als Mädchen in den Kriegsjahren geholfen.

Der 8. Mai 1945 markiert in der Geschichte einen besonderen Tag – er setzt einen Schlusspunkt hinter den Zweiten Weltkrieg. Bei der Kapitulation der Wehrmacht war Helga Rust 15: „Diese Zeit habe ich sehr bewusst erlebt“, sagt sie rückblickend. Was sie damals gelernt und bis heute beherzigt: „Hinfallen darf man, aber man muss immer wieder aufstehen.“

Konfirmation im März 1945. Einige Wochen später endete der Krieg. - © Foto: privat/Hans Pape, Minden
Konfirmation im März 1945. Einige Wochen später endete der Krieg. - © Foto: privat/Hans Pape, Minden

Sie war ein mutiges Mädchen, das beweist allen die Geschichte mit der Milch. Engpässe in der Lebensmittelversorgung führten damals zu immer kleineren Rationen für die Normalverbraucher. „Nur noch Kinder unter sechs Jahre erhielten einen halben Liter Milch täglich“, schreibt Chronist Hans Nordsiek in seinem Buch „Die verdunkelte Stadt. Minden in der Endphase des Zweiten Weltkriegs 1944 – 1945“. Hungern musste die Familie in Dankersen nicht. Denn es fanden sich in dem Dorf, das damals noch deutlicher geprägt war von der Landwirtschaft, Mittel und Wege. Selbst in den Tagen der Ausgangssperre.

Als ihrer Mutter die Milch ausging, raffte Helga ihren Mut zusammen. „Ich mache mich mal auf den Patt und probiere es …“, habe sie sich gedacht. Am frühen Morgen des 4. April 1945 war die Verteidigung der Stadt Minden praktisch aufgegeben worden. Soldaten der Alliierten waren während der Ausgangssperre mit ihren Gewehren unterwegs. Unbeeindruckt davon marschierte das Mädchen schnurstracks auf die schwer bewaffneten Soldaten zu und erzählte ihnen auf Englisch, dass sie drei kleine Geschwister zuhause habe und ihnen Milch holen wolle. Zugegeben, das war eine faustdicke Lüge: Helga war ein Einzelkind. „Aber ich kam da prima mit durch mit 15!“ Sie war nicht halb so artig, wie es auf dem Konfirmationsfoto den Anschein macht.

Als Ur-Dankerserin kannte sie die Bauern im Dorf. Auf dem Land lebte es sich damals leichter als in den Städten. „Wir hatten immer ein Dach überm Kopf, ein warmes Bett und etwas zu essen.“ Die Familie erhielt jedes Jahr 100 Zentner erstklassige Anthrazit-Kohle zum Heizen. Die konnte man die ganze Nacht über glimmen lassen. Einen Teil der Kohle tauschte sie bei den Bauern gegen Lebensmittel. Kohlenhändler lieferten in den letzten Kriegsmonaten nach Dringlichkeit lieferten – zunächst Bäcker, Schlachter und Lazarette.

Dass sie gut Englisch sprach, sollte sich noch oft als Vorteil erweisen. Denn nach dem Krieg wünschten sich die Menschen einen Lichtblick: „Verdunkelung ist aufgehoben“, gab der Landrat am 9. Mai 1945 in Minden auf Anordnung der britischen Militärregierung bekannt. Die Stadt brauchte Strom, in Firmen, Schulen und auch in privaten Haushalten.

Da traf es sich gut, dass ihr Vater Karl seit jeher fasziniert war von Elektrizität. Er gründete das Geschäft Elektro Rust schon 1931. Acht Jahre später, am 1. September 1939, begann mit dem deutschen Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg. Kurze Zeit später wurde Karl Rust dienstverpflichtet, in einem Kraftwerk in Recklinghausen zu arbeiten. Seinen eigenen kleinen Betrieb in Dankersen musste er während dieser Zeit schließen. „Ich habe ihn sehr vermisst.“

Dann kam der Tag, an dem im Kraftwerk in Recklinghausen ein dringend benötigtes Relais fehlte. „So ein Teil habe ich zuhause“, sagte Rust seinen Kollegen. Die knapp 170 Kilometer nach Dankersen wollte er mit dem Motorrad fahren. Die Idee entwickelte sich zu einer halsbrecherischen Tour: Zu dem Zeitpunkt waren die Autobahnen vernebelt, damit sie kein allzu leichtes Ziel für die letzten Kriegsbomben abgaben. Karl Rust stürzte mit der Maschine, verletzte sich und musste das demolierte Motorrad die letzten Kilometer schieben. Nachdem er endlich sein Zuhause erreicht hatte, fiel er erschöpft und blutverschmiert seiner Familie in die Arme. Der Arzt schrieb ihn krank, er musste nicht in das Kraftwerk Recklinghausen zurückkehren.

Das Kriegsende markierte eine Wende im Leben: Karl Rust und seine Tochter Helga arbeiteten fortan als Team. Er kümmerte sich um die Technik, sie dolmetschte, wenn die Offiziere ein Anliegen hatten. Die Leute brauchten nicht nur Elektrizität, auch das Know-how war gefragt: „Können Sie das bitte reparieren?!“, lautete eine oft gehörte Frage von allen Seiten. In den folgenden Jahren kümmerte sich der kleine Betrieb um Elektroanlagen in fast allen Mindener Schulen, in der Kläranlage, im Haus am Dom und in vielen Mindener Unternehmen.

Das britische Interesse an Häusern jeder Art in Minden war groß. Zunächst mussten die für die Stadt vorgesehen Besatzungstruppen untergebracht werden. Die einfachen Soldaten kamen in die Kasernen, für die Offiziere beschlagnahmte man Privatwohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern. „Die Marienstraße, die Stiftstraße, die Gegend rund um das Finanzamt: Das war alles gesperrt.“ Aber die Kombination aus Sprache und Technik öffnete Vater und Tochter Rust viele Türen.

Die Faszination für Elektrotechnik hat Helga geerbt: Mathe, Physik und Chemie waren ihre Lieblingsfächer. So absolvierte sie eine technische Lehre. „In der Berufsschule war ich das einzige Mädchen“, erzählt sie. „Die Jungs haben mir die Tasche getragen.“ Sie stieg ins Familiengeschäft ein und machte in den Folgejahren mehrfach Schlagzeilen im Mindener Tageblatt: „Wachablösung“ im Installationsbereich: Familienbetrieb Elektro Rust feiert heute 60-jähriges Bestehen“, titelte das MT zum Beispiel am 1. Mai 1991. Damals gab sie das Geschäft an Sohn Thorsten ab, der einige Jahre zuvor seine Meisterprüfung abgelegt hatte. Im Text heißt es weiter: „Einige Male um die Erde dürften inzwischen die Kabel reichen, die in den vergangenen Jahrzehnten von Elektro Rust verlegt wurden.“

Auch in der Politik war Helga Rust aktiv, in den 80ern als stellvertretende Bürgermeisterin. Später mischte sie jahrelang im Mindener Seniorenbeirat mit. Rückblickend sagt sie: „Mein Leben war schön – und nie langweilig.“

Die Autorin ist erreichbar unter Telefon (0571) 882 231 oder Anja.Peper@MT.de

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