MT-Serie Aufgesperrt: Die Alte Weserwerft im Dornröschenschlaf Nadine Schwan Minden (mt). Langsam bahnen sich die Pflanzen ihren Weg ins Innere. Sie ranken sich um das Bein eines der beiden Liegestühle, die nebeneinander auf dem Holzfußboden in einer der Hallen der Alten Weserwerft stehen. Die Fenster in der ersten Etage sind eingeschlagen. Ein Dachbalken ist von der Decke gekommen, ein Kabel hängt daneben. Die Wände sind über und über mit Graffiti besprüht. Unten im Erdgeschoss liegen leere Grillfleischpackungen, Zigarettenstummel, Bierflaschen und Sprühdosen.Es sind die Überreste ungebetener Gäste, die in einer der maroden Hallen der Alten Weserwerft liegen geblieben sind. Denn wer dieses Plätzchen aufsuchen will, hat meist keinen Schlüssel, sondern nimmt den illegalen Weg.Die Alte Weserwerft steht seit rund elf Jahren leer, vor acht Jahren hat sie die Stadt Minden gekauft. Sie ist Eigentümerin des Areals, das wirkt, als wäre es in einen ewigen Dornröschenschlaf gefallen.Viele würden das lauschige Plätzchen an der Weser auch gar nicht kennen, ist sich Stadtplaner Achim Naujok sicher. „Die Fläche existiert im Bewusstsein der meisten Bürger gar nicht“, sagt er. Und in der Tat: Die Spaziergänger, die mit ihren Hunden auf den Weserwiesen unterwegs sind, lassen ihren Blick eher in Richtung Fischerstadt schweifen, als hinter den zugewucherten Bauzaun, der die Halbinsel abriegelt. Radfahrer verirren sich hier auch nur selten hin, denn wer durch den Privatweg des Fischereivereins radelt, landet in einer Sackgasse.Aktuell nutzt nur Walter Rosemeier die Hellinganlage der Werft, um seine Schiffe aus dem Wasser zu holen und wieder zurück in die Weser zu lassen. „Mit der Fläche habe ich sonst nichts zu tun“, sagt der Geschäftsführer der Rosemeier Schiffbau GmbH. Lediglich der Bereich am Ufer ist ordentlich gemäht.Rund um das verlassene Gelände, das rechts der Weser auf einer Halbinsel liegt, haben sich die Brombeerbüsche ihr Revier erkämpft. Ihre Beeren sind reif, saftig, fast schwarz. Links fließt die Weser in Richtung Bremen, rechts am Alten Weserhafen schippern Angler und Paddler mit ihren Booten vorbei. Und mittendrin steht manchmal noch ein reparaturbedürftiges Bötchen. Zuletzt wurde hier die Schiffmühle saniert. Doch die Weserwerft hat ihre arbeitsreichen Tage längst hinter sich.An sie erinnert nur noch ein Kran, ein mit einer Plane abgedecktes Boot, ein Turm mit Ausguck und die drei leeren Hallen. Eine davon steht unter Denkmalschutz. Zwei der Hallen und ein Wohnhaus sind bereits abgerissen worden. Nur ein Haufen Bauschutt und verkohlte Balken sind übrig geblieben.Im Februar 2004 ging die Firma, die die Weserwerft betrieben hat insolvent. Letzter Eigentümer war Peter Oberwinter. Drei Jahre später kaufte sie die Stadt. Man wollte sich das Gelände für spätere Zwecke sichern, sagt Stadtplaner Achim Naujok. Denn: „Wir gehen davon aus, als Stadt mehr Handlungsvollmacht zu haben.“Schon damals überlegten die Mitglieder im Bauausschuss, hier Wohnungen zu errichten, doch bei Überlegungen ist es geblieben. Hochwassergefahr, ein unattraktives Umfeld und das fehlende Geld sind die Hauptgründe, warum nichts passiert ist. „Bisher fehlt hier die Initialzündung“, sagt Naujok. Vor allem aber ein Investor.Ein städtebauliches Entwicklungskonzept für das Gebiet rund um den Alten Weserhafen und den ehemaligen Güterbahnhof gibt es bereits. Erstellt wurde es im Januar 2012 im Auftrag der Stadt von NRW.Urban, einer Beteiligungsgesellschaft des Landes NRW.Den Alten Weserhafen könnte man sich als Wasserstraßenrastplatz vorstellen, „ergänzt durch hafenaffines Gewerbe und Gastronomie“, steht in dem 135 Seiten dicken Bericht. Von den einst angedachten Geschosswohnungen wird dagegen abgeraten. Man wolle keinen Konkurrenzstandort zu den Projekten am Simeonsplatz und auf dem ehemaligen Gelände des Klinikums schaffen.Empfohlen wird dagegen, sich auf ein Naherholungsgebiet zu konzentrieren, das spätere Bauprojekte nicht ausschließt. Gegenüber, wo die Reste einer abgebrannten Fabrik sich nahtlos in die Optik des Werft-Geländes einpassen, könne man Lofts bauen - mit Blick auf die Weser. Eine schöne Vorstellung, doch bis heute herrscht hier Stillstand.Mehr Interesse am Charme der verlassenen Weserwerft haben dagegen Fotografen und Filmemacher. Auf Anfrage und mit schriftlicher Genehmigung lässt die Stadt immer wieder Gäste für größere Projekte auf das Gelände.„Musikvideos wurden hier bereits gedreht, Oldtimer und Hochzeiten fotografiert“, sagt Michaela Baer von der Stadt Minden, die sich um die Genehmigungen kümmert. Für einen kurzen Moment wacht die Weserwerft dann wieder auf. Und vielleicht werden dann ja auch ein paar Brombeeren gepflückt. Reif sind sie jedenfalls.Fotostrecke auf MT.de

MT-Serie Aufgesperrt: Die Alte Weserwerft im Dornröschenschlaf

Ein Plätzchen in der Sonne: In einer der leer stehenden Hallen der Alten Weserwerft haben es sich offenbar ein paar ungebetene Gäste gemütlich gemacht. Zwei Liegestühle stehen hier in der ersten Etage mit Blicks ins Grüne. MT- © Foto: Nadine Schwan

Minden (mt). Langsam bahnen sich die Pflanzen ihren Weg ins Innere. Sie ranken sich um das Bein eines der beiden Liegestühle, die nebeneinander auf dem Holzfußboden in einer der Hallen der Alten Weserwerft stehen. Die Fenster in der ersten Etage sind eingeschlagen. Ein Dachbalken ist von der Decke gekommen, ein Kabel hängt daneben. Die Wände sind über und über mit Graffiti besprüht. Unten im Erdgeschoss liegen leere Grillfleischpackungen, Zigarettenstummel, Bierflaschen und Sprühdosen.

Es sind die Überreste ungebetener Gäste, die in einer der maroden Hallen der Alten Weserwerft liegen geblieben sind. Denn wer dieses Plätzchen aufsuchen will, hat meist keinen Schlüssel, sondern nimmt den illegalen Weg.

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Die Alte Weserwerft steht seit rund elf Jahren leer, vor acht Jahren hat sie die Stadt Minden gekauft. Sie ist Eigentümerin des Areals, das wirkt, als wäre es in einen ewigen Dornröschenschlaf gefallen.

Viele würden das lauschige Plätzchen an der Weser auch gar nicht kennen, ist sich Stadtplaner Achim Naujok sicher. „Die Fläche existiert im Bewusstsein der meisten Bürger gar nicht“, sagt er. Und in der Tat: Die Spaziergänger, die mit ihren Hunden auf den Weserwiesen unterwegs sind, lassen ihren Blick eher in Richtung Fischerstadt schweifen, als hinter den zugewucherten Bauzaun, der die Halbinsel abriegelt. Radfahrer verirren sich hier auch nur selten hin, denn wer durch den Privatweg des Fischereivereins radelt, landet in einer Sackgasse.

Aktuell nutzt nur Walter Rosemeier die Hellinganlage der Werft, um seine Schiffe aus dem Wasser zu holen und wieder zurück in die Weser zu lassen. „Mit der Fläche habe ich sonst nichts zu tun“, sagt der Geschäftsführer der Rosemeier Schiffbau GmbH. Lediglich der Bereich am Ufer ist ordentlich gemäht.

Rund um das verlassene Gelände, das rechts der Weser auf einer Halbinsel liegt, haben sich die Brombeerbüsche ihr Revier erkämpft. Ihre Beeren sind reif, saftig, fast schwarz. Links fließt die Weser in Richtung Bremen, rechts am Alten Weserhafen schippern Angler und Paddler mit ihren Booten vorbei. Und mittendrin steht manchmal noch ein reparaturbedürftiges Bötchen. Zuletzt wurde hier die Schiffmühle saniert. Doch die Weserwerft hat ihre arbeitsreichen Tage längst hinter sich.

An sie erinnert nur noch ein Kran, ein mit einer Plane abgedecktes Boot, ein Turm mit Ausguck und die drei leeren Hallen. Eine davon steht unter Denkmalschutz. Zwei der Hallen und ein Wohnhaus sind bereits abgerissen worden. Nur ein Haufen Bauschutt und verkohlte Balken sind übrig geblieben.

Im Februar 2004 ging die Firma, die die Weserwerft betrieben hat insolvent. Letzter Eigentümer war Peter Oberwinter. Drei Jahre später kaufte sie die Stadt. Man wollte sich das Gelände für spätere Zwecke sichern, sagt Stadtplaner Achim Naujok. Denn: „Wir gehen davon aus, als Stadt mehr Handlungsvollmacht zu haben.“

Schon damals überlegten die Mitglieder im Bauausschuss, hier Wohnungen zu errichten, doch bei Überlegungen ist es geblieben. Hochwassergefahr, ein unattraktives Umfeld und das fehlende Geld sind die Hauptgründe, warum nichts passiert ist. „Bisher fehlt hier die Initialzündung“, sagt Naujok. Vor allem aber ein Investor.

Ein städtebauliches Entwicklungskonzept für das Gebiet rund um den Alten Weserhafen und den ehemaligen Güterbahnhof gibt es bereits. Erstellt wurde es im Januar 2012 im Auftrag der Stadt von NRW.Urban, einer Beteiligungsgesellschaft des Landes NRW.

Den Alten Weserhafen könnte man sich als Wasserstraßenrastplatz vorstellen, „ergänzt durch hafenaffines Gewerbe und Gastronomie“, steht in dem 135 Seiten dicken Bericht. Von den einst angedachten Geschosswohnungen wird dagegen abgeraten. Man wolle keinen Konkurrenzstandort zu den Projekten am Simeonsplatz und auf dem ehemaligen Gelände des Klinikums schaffen.

Empfohlen wird dagegen, sich auf ein Naherholungsgebiet zu konzentrieren, das spätere Bauprojekte nicht ausschließt. Gegenüber, wo die Reste einer abgebrannten Fabrik sich nahtlos in die Optik des Werft-Geländes einpassen, könne man Lofts bauen - mit Blick auf die Weser. Eine schöne Vorstellung, doch bis heute herrscht hier Stillstand.

Mehr Interesse am Charme der verlassenen Weserwerft haben dagegen Fotografen und Filmemacher. Auf Anfrage und mit schriftlicher Genehmigung lässt die Stadt immer wieder Gäste für größere Projekte auf das Gelände.

„Musikvideos wurden hier bereits gedreht, Oldtimer und Hochzeiten fotografiert“, sagt Michaela Baer von der Stadt Minden, die sich um die Genehmigungen kümmert. Für einen kurzen Moment wacht die Weserwerft dann wieder auf. Und vielleicht werden dann ja auch ein paar Brombeeren gepflückt. Reif sind sie jedenfalls.

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