MT-Serie #200in365: Warum sich Margret Husmeier für ein Leben im Altenheim entschieden hat Benjamin Piel Minden (mt). Die Zähne sind nun wirklich nicht in Ordnung. Margret Husmeier macht den Mund ein Stück auf und zeigt dorthin, wo es nicht viel zu sehen gibt. Ja, sie könnte zum Zahnarzt gehen, wäre da nur nicht dieser Streit mit der Krankenversicherung. Die will, dass Husmeier ein Bild einreicht, das dann auf ihre Versichertenkarten gedruckt werden soll. So weit, so normal. Aber Husmeier sieht das anders: „Was soll dieser Bürokratismus?“ So lange sie entscheiden könne, werde sie sich weigern, der Kasse ein Bild zu schicken. Und also hat sie im Moment keine Karte, die sie einem Zahnarzt vorlegen könnte, und ohne Karte keine Behandlung. Ist es das wert? „Natürlich ist es das wert.“ Sie hat Spaß daran, Dinge zu kritisieren: „Dann schreibe ich einen schönen Widerspruch.“ Mit so einem Widerspruch kann sie schonmal einen Nachmittag verbringen. Das hält den Kopf fit, und Fachfrau ist sie auch: „Ich weiß genau, was im Heimgesetz steht.“ Wer verstehen will, warum Margret Husmeier so einen erbitterten Kampf um eine scheinbare Nichtigkeit ausficht, muss wissen, dass Dispute dieser Art inzwischen einer der Mittelpunkte ihres Lebens sind. Sie ist eine Frau auf einem Rachefeldzug, der die Wunden ihrer Vergangenheit schließen soll. Dass anderen dabei ausgerechnet jene Verletzungen entstehen können, die ihr das Leben schwer gemacht haben, ist Husmeier bewusst, und es tut ihr auch leid. Aber sie könne nicht anders. Jahrelang hat sie erst als Mitarbeiterin, dann als Leiterin von Altenheimen in Bielefeld, Soest und Minden mit Menschen umgehen müssen, die so waren wie sie jetzt: penetrant und besserwisserisch. Sie hat es immer aushalten müssen, wenn andere so waren, und jetzt sollen die anderen sie bitte auch aushalten, wie sie ist. Dabei ist die 63-Jährige alles andere als eine Frau, die verbittert oder unsympathisch wirkt. Nein, sie geht ihre Abrechnung ebenso nüchtern wie akribisch an, Emotionen haben in dieser Vergeltungsaktion keinen Platz: „Die kriegen jetzt alle den Frust ab, den ich als Heimleiterin nicht rauslassen konnte – ich streite mir den Stress, den ich damals hatte, von der Seele.“ Sie zankt so gerne, dass ihr Physiotherapeut schon zu ihr gesagt habe, sie hätte doch einen Vogel. Vielleicht hat er recht, aber was soll’s. Im Alter von 60 Jahren hat sich die korpulente Frau für ein Leben im Altenheim entschieden. Das geht so jung eigentlich gar nicht. Aber Husmeier wollte unbedingt, der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) und das Sozialamt hätten schließlich die Notwendigkeit bescheinigt, erzählt sie. Sie hatte an Depressionen gelitten, ihr Lebensgefährte war gestorben, und sie hatte nicht mehr alleine leben wollen. „Mein Freundeskreis konnte es nicht glauben“, erinnert sie sich. Von denen sei nach drei Jahren im Heim so gut wie niemand übrig geblieben. Das erleben viele Heimbewohner, aber sie bei vollstem Bewusstsein: „Mich hat nie jemand besucht, aber daran habe ich mich jetzt gewöhnt.“ Traurig sei sie deswegen schon gewesen, damals, als sie feststellte, dass das Heim ein Ort ist, den niemand aufsucht, der nicht unbedingt muss. Ihren Hund hat sie abgeben müssen, das war bitter. Den Schritt bereut sie trotzdem nicht: „Hier sorgt man für mich – das ist gut.“ Ihr Auto hat sie noch, als einzige Bewohnerin. Es steht auf dem Parkplatz direkt vor dem Heim. Ein roter Opel, Baujahr 2002, 199.000 Kilometer auf dem Tacho. Sie kann ihn sich gerade so leisten. Sollte eine größere Reparatur fällig werden, müsste sie den Wagen abgeben. Das wäre ein Schlag, denn mit ihm fährt sie in die Stadt, zum Theater zum Beispiel, wo Sozialhilfeempfänger die letzten Karten für einen Euro kaufen können: „Meistens klappt es.“ Natürlich könnte sie einen Rückzieher machen, sich wieder für ein Leben in einer eigenen Wohnung entscheiden. Rüstig genug wäre sie, frisch im Kopf sowieso. Aber daran verschwende sie keinen Gedanken: „Ich wusste genau, was ein Altenheim heißt, ich wusste genau, worauf ich mich einlasse.“ Nun sitzt sie am Tisch mit einer 96-Jährigen, die Mühe hat, das Milchkännchen zu öffnen. Aber das macht Husmeier nichts. „Wenn wir mal nicht von einem Alter sind“, hat die alte Dame zu ihr, der 33 Jahre Jüngeren, gesagt. So ist das eben im Altenheim. Es war Husmeiers beruflicher Alltag. Jetzt ist es der Alltag ihres Lebens.

MT-Serie #200in365: Warum sich Margret Husmeier für ein Leben im Altenheim entschieden hat

Margret Husmeier hat sich mit 60 Jahren für ein Leben im Altenheim
entschieden. Seit drei Jahren lebt sie in der Einrichtung. MT-
© Foto: Piel

Minden (mt). Die Zähne sind nun wirklich nicht in Ordnung. Margret Husmeier macht den Mund ein Stück auf und zeigt dorthin, wo es nicht viel zu sehen gibt. Ja, sie könnte zum Zahnarzt gehen, wäre da nur nicht dieser Streit mit der Krankenversicherung. Die will, dass Husmeier ein Bild einreicht, das dann auf ihre Versichertenkarten gedruckt werden soll. So weit, so normal. Aber Husmeier sieht das anders: „Was soll dieser Bürokratismus?“ So lange sie entscheiden könne, werde sie sich weigern, der Kasse ein Bild zu schicken. Und also hat sie im Moment keine Karte, die sie einem Zahnarzt vorlegen könnte, und ohne Karte keine Behandlung. Ist es das wert? „Natürlich ist es das wert.“

Sie hat Spaß daran, Dinge zu kritisieren: „Dann schreibe ich einen schönen Widerspruch.“ Mit so einem Widerspruch kann sie schonmal einen Nachmittag verbringen. Das hält den Kopf fit, und Fachfrau ist sie auch: „Ich weiß genau, was im Heimgesetz steht.“

Wer verstehen will, warum Margret Husmeier so einen erbitterten Kampf um eine scheinbare Nichtigkeit ausficht, muss wissen, dass Dispute dieser Art inzwischen einer der Mittelpunkte ihres Lebens sind. Sie ist eine Frau auf einem Rachefeldzug, der die Wunden ihrer Vergangenheit schließen soll. Dass anderen dabei ausgerechnet jene Verletzungen entstehen können, die ihr das Leben schwer gemacht haben, ist Husmeier bewusst, und es tut ihr auch leid. Aber sie könne nicht anders.

Jahrelang hat sie erst als Mitarbeiterin, dann als Leiterin von Altenheimen in Bielefeld, Soest und Minden mit Menschen umgehen müssen, die so waren wie sie jetzt: penetrant und besserwisserisch. Sie hat es immer aushalten müssen, wenn andere so waren, und jetzt sollen die anderen sie bitte auch aushalten, wie sie ist.

Dabei ist die 63-Jährige alles andere als eine Frau, die verbittert oder unsympathisch wirkt. Nein, sie geht ihre Abrechnung ebenso nüchtern wie akribisch an, Emotionen haben in dieser Vergeltungsaktion keinen Platz: „Die kriegen jetzt alle den Frust ab, den ich als Heimleiterin nicht rauslassen konnte – ich streite mir den Stress, den ich damals hatte, von der Seele.“ Sie zankt so gerne, dass ihr Physiotherapeut schon zu ihr gesagt habe, sie hätte doch einen Vogel. Vielleicht hat er recht, aber was soll’s.

Im Alter von 60 Jahren hat sich die korpulente Frau für ein Leben im Altenheim entschieden. Das geht so jung eigentlich gar nicht. Aber Husmeier wollte unbedingt, der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) und das Sozialamt hätten schließlich die Notwendigkeit bescheinigt, erzählt sie. Sie hatte an Depressionen gelitten, ihr Lebensgefährte war gestorben, und sie hatte nicht mehr alleine leben wollen.

„Mein Freundeskreis konnte es nicht glauben“, erinnert sie sich. Von denen sei nach drei Jahren im Heim so gut wie niemand übrig geblieben. Das erleben viele Heimbewohner, aber sie bei vollstem Bewusstsein: „Mich hat nie jemand besucht, aber daran habe ich mich jetzt gewöhnt.“ Traurig sei sie deswegen schon gewesen, damals, als sie feststellte, dass das Heim ein Ort ist, den niemand aufsucht, der nicht unbedingt muss. Ihren Hund hat sie abgeben müssen, das war bitter. Den Schritt bereut sie trotzdem nicht: „Hier sorgt man für mich – das ist gut.“

Ihr Auto hat sie noch, als einzige Bewohnerin. Es steht auf dem Parkplatz direkt vor dem Heim. Ein roter Opel, Baujahr 2002, 199.000 Kilometer auf dem Tacho. Sie kann ihn sich gerade so leisten. Sollte eine größere Reparatur fällig werden, müsste sie den Wagen abgeben. Das wäre ein Schlag, denn mit ihm fährt sie in die Stadt, zum Theater zum Beispiel, wo Sozialhilfeempfänger die letzten Karten für einen Euro kaufen können: „Meistens klappt es.“

Natürlich könnte sie einen Rückzieher machen, sich wieder für ein Leben in einer eigenen Wohnung entscheiden. Rüstig genug wäre sie, frisch im Kopf sowieso. Aber daran verschwende sie keinen Gedanken: „Ich wusste genau, was ein Altenheim heißt, ich wusste genau, worauf ich mich einlasse.“

Nun sitzt sie am Tisch mit einer 96-Jährigen, die Mühe hat, das Milchkännchen zu öffnen. Aber das macht Husmeier nichts. „Wenn wir mal nicht von einem Alter sind“, hat die alte Dame zu ihr, der 33 Jahre Jüngeren, gesagt. So ist das eben im Altenheim. Es war Husmeiers beruflicher Alltag. Jetzt ist es der Alltag ihres Lebens.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden