MT-Serie #200in365: Mindener Freimaurer kämpfen nicht um die Weltherrschaft Benjamin Piel Minden (mt). Freimaurer beherrschen heimlich die Welt. Das ist zumindest eine Verschwörungstheorie. Wer das Haus der Mindener Johannisloge Wittekind zur Westfälischen Pforte betritt, trifft nicht auf Männer, die in ihrem Tempel versteckt die Stadt steuern. An einem Tisch, auf dem eine brennende Kerze steht, haben Meister Martin Gottschalk und Sekretär Rüdiger Kuhn Platz genommen. Bis auf ein Schwert an der Wand ist nichts Geheimnisvolles zu entdecken, und auch die beiden Männer schauen ganz gewöhnlich aus. Betreten sie das Logenhaus, nennen sie sich Brüder, und das Berufliche spielt keine Rolle mehr. Außerhalb arbeitet Gottschalk als Finanzleiter bei einem Werkzeugbauer, Kuhn ist Rechtsanwalt. „Wir sind keine Geheimgesellschaft“, beteuert Kuhn, schiebt aber gleich hinterher: „Aber eine geschlossene Gesellschaft.“ Soll heißen: Niemand kann einfach so an den Ritualen der Freimaurer teilnehmen. Bevor ein sogenannter Suchender aufgenommen wird, vergehen Monate, manchmal auch Jahre. Die Freimaurer werben nicht für sich, sie missionieren nicht, sagen sie. Nachwuchssorgen gibt es in Minden trotzdem nicht. Deutlich sei zu spüren, dass junge Menschen Werte wie Freundschaft, Treue oder Toleranz wieder schätzen – jene Werte also, für die Freimaurer einstehen. Und so suchen auch junge Menschen vermehrt den Kontakt zu den Freimauerern, berichten die beiden. Das jüngste Mitglied ist 25 Jahre alt. Wer sich interessiert, dem stehen vor dem Aufnahmeritual, über das sich die Brüder zwar ausschweigen, über das aber viel zu lesen ist (verbundene Augen, Umziehen in einer dunklen Kammer), zahlreiche Gespräche bevor. Wer sich für die Freimaurerei entscheidet, soll einen Bund fürs Leben eingehen. Was nicht heißt, dass nicht schadlos gehen kann, wer gehen will. Wer in die christlich ausgerichtete Mindener Loge will, sollte einen unbescholtenen Ruf haben und fest im Leben stehen. Der Weg zu den Freimaurern sei ein individueller, erzählt Gottschalk. Er selbst hat sich für die Freimaurerei zu interessieren begonnen, weil ein Lehrer in der Oberstufe so fesselnd von dem Thema berichtet habe. So suchte er irgendwann den Kontakt zur 238 Jahre alten Mindener Loge. Die meisten der 41 Mindener Brüder sind im Alter zwischen 30 und 40 Jahren initiiert worden, es gibt aber auch Spätberufene, die im Rentenalter dazukommen. Elitär gehe es bei der Auswahl nicht zu, Handwerker gebe es ebenso wie Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer oder Grafiker. Auch die Größe des Bankkontos spiele keine Rolle. Und wer sind die anderen Mitglieder in Minden? Darüber sprechen Gottschalk und Kuhn nicht. Wer wolle, könne sich outen, niemand müsse fürchten von einem Bruder geoutet zu werden. Die Freimaurer wollen an ihrer Persönlichkeit arbeiten. „Von der Dunkelheit ins Licht“, ist ihr Motto. Kuhn vergleicht die unbearbeitete Persönlichkeit mit einem unbehauenen Stein. Aus dem soll ein geometrischer Kubus werden: „Das ist kein Spaß, sondern ein harter Weg.“ Ein Bruder habe erzählt, seine Mitarbeiter hätten ihn nach ein paar Jahren bei den Freimaurern nicht mehr wiedererkannt. Aus einem Choleriker sei ein besonnener Mensch geworden. Darum geht es: Zehn mögliche Erkenntnisstufen zu erreichen, sich selbst zu erkennen, an sich zu arbeiten, sich zu verbessern. Um das zu erreichen, treffen sich die Freimaurer einmal in der Woche und halten sich gegenseitig Vorträge. Das aber tun Clubs wie Rotary oder die Lions auch. Was die Freimaurer von diesen Serviceclubs unterscheidet, sind die Rituale. Diese Tempelarbeit findet einmal im Monat statt. Kuhn vergleicht sie mit einem Theaterstück voller Symbole und mit einer großen Wirkung, die aber jeder Freimaurer anders aufnehme und verarbeite: „Die Bedeutung interpretiert jeder individuell, es gibt keine Dogmen“, alle Brüder seien Individualisten. Weil die Loge das Haus 2004 von der Stadt zurückgekauft hat, gibt es einen Förderverein, dessen Ziel es ist, das historische Gebäude zu erhalten und kulturell für die Öffentlichkeit zu beleben. Dem Verein kann übrigens jeder beitreten: ganz ohne Ritual, Initiation und verbundene Augen. #200in365 In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen. Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259

MT-Serie #200in365: Mindener Freimaurer kämpfen nicht um die Weltherrschaft

Blick in den Logemntempel. Foto: Jochen Lewin (Archiv) © Jochen Lewin

Minden (mt). Freimaurer beherrschen heimlich die Welt. Das ist zumindest eine Verschwörungstheorie. Wer das Haus der Mindener Johannisloge Wittekind zur Westfälischen Pforte betritt, trifft nicht auf Männer, die in ihrem Tempel versteckt die Stadt steuern. An einem Tisch, auf dem eine brennende Kerze steht, haben Meister Martin Gottschalk und Sekretär Rüdiger Kuhn Platz genommen. Bis auf ein Schwert an der Wand ist nichts Geheimnisvolles zu entdecken, und auch die beiden Männer schauen ganz gewöhnlich aus.

Betreten sie das Logenhaus, nennen sie sich Brüder, und das Berufliche spielt keine Rolle mehr. Außerhalb arbeitet Gottschalk als Finanzleiter bei einem Werkzeugbauer, Kuhn ist Rechtsanwalt. „Wir sind keine Geheimgesellschaft“, beteuert Kuhn, schiebt aber gleich hinterher: „Aber eine geschlossene Gesellschaft.“ Soll heißen: Niemand kann einfach so an den Ritualen der Freimaurer teilnehmen. Bevor ein sogenannter Suchender aufgenommen wird, vergehen Monate, manchmal auch Jahre. Die Freimaurer werben nicht für sich, sie missionieren nicht, sagen sie. Nachwuchssorgen gibt es in Minden trotzdem nicht. Deutlich sei zu spüren, dass junge Menschen Werte wie Freundschaft, Treue oder Toleranz wieder schätzen – jene Werte also, für die Freimaurer einstehen. Und so suchen auch junge Menschen vermehrt den Kontakt zu den Freimauerern, berichten die beiden. Das jüngste Mitglied ist 25 Jahre alt.

Zirkel und Winkel: Zwei typische Freimaurer-Symbole. Foto: Ebener/dpa - © David Ebener
Zirkel und Winkel: Zwei typische Freimaurer-Symbole. Foto: Ebener/dpa - © David Ebener

Wer sich interessiert, dem stehen vor dem Aufnahmeritual, über das sich die Brüder zwar ausschweigen, über das aber viel zu lesen ist (verbundene Augen, Umziehen in einer dunklen Kammer), zahlreiche Gespräche bevor. Wer sich für die Freimaurerei entscheidet, soll einen Bund fürs Leben eingehen. Was nicht heißt, dass nicht schadlos gehen kann, wer gehen will. Wer in die christlich ausgerichtete Mindener Loge will, sollte einen unbescholtenen Ruf haben und fest im Leben stehen.

Der Weg zu den Freimaurern sei ein individueller, erzählt Gottschalk. Er selbst hat sich für die Freimaurerei zu interessieren begonnen, weil ein Lehrer in der Oberstufe so fesselnd von dem Thema berichtet habe. So suchte er irgendwann den Kontakt zur 238 Jahre alten Mindener Loge. Die meisten der 41 Mindener Brüder sind im Alter zwischen 30 und 40 Jahren initiiert worden, es gibt aber auch Spätberufene, die im Rentenalter dazukommen.

Elitär gehe es bei der Auswahl nicht zu, Handwerker gebe es ebenso wie Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer oder Grafiker. Auch die Größe des Bankkontos spiele keine Rolle. Und wer sind die anderen Mitglieder in Minden? Darüber sprechen Gottschalk und Kuhn nicht. Wer wolle, könne sich outen, niemand müsse fürchten von einem Bruder geoutet zu werden.

Die Freimaurer wollen an ihrer Persönlichkeit arbeiten. „Von der Dunkelheit ins Licht“, ist ihr Motto. Kuhn vergleicht die unbearbeitete Persönlichkeit mit einem unbehauenen Stein. Aus dem soll ein geometrischer Kubus werden: „Das ist kein Spaß, sondern ein harter Weg.“ Ein Bruder habe erzählt, seine Mitarbeiter hätten ihn nach ein paar Jahren bei den Freimaurern nicht mehr wiedererkannt. Aus einem Choleriker sei ein besonnener Mensch geworden.

Darum geht es: Zehn mögliche Erkenntnisstufen zu erreichen, sich selbst zu erkennen, an sich zu arbeiten, sich zu verbessern. Um das zu erreichen, treffen sich die Freimaurer einmal in der Woche und halten sich gegenseitig Vorträge. Das aber tun Clubs wie Rotary oder die Lions auch. Was die Freimaurer von diesen Serviceclubs unterscheidet, sind die Rituale. Diese Tempelarbeit findet einmal im Monat statt. Kuhn vergleicht sie mit einem Theaterstück voller Symbole und mit einer großen Wirkung, die aber jeder Freimaurer anders aufnehme und verarbeite: „Die Bedeutung interpretiert jeder individuell, es gibt keine Dogmen“, alle Brüder seien Individualisten.

Weil die Loge das Haus 2004 von der Stadt zurückgekauft hat, gibt es einen Förderverein, dessen Ziel es ist, das historische Gebäude zu erhalten und kulturell für die Öffentlichkeit zu beleben. Dem Verein kann übrigens jeder beitreten: ganz ohne Ritual, Initiation und verbundene Augen.

#200in365

In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen. Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259

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