MT-Serie #200in365: Ingenieur Burkart Schulte nimmt den Kampf gegen den Plastikmüll in den Meeren auf Benjamin Piel Minden (mt). Burkart Schulte will nicht viel weniger als die Welt retten. Wie ein Superheld sieht der Mann mit dem Schnauzbart nicht gerade aus, wie er da auf der Terrasse seines Mindener Hauses in der Sonne sitzt. Doch seine Ziele sind in etwa so hoch wie der Weg, den er gehen will, steinig ist. Der Ingenieur will das Problem der vermüllten Ozeane lindern, aus Plastik erst Öl und dann Strom machen. Der Name seines Projekts: „Reset Mare“. Plastik auf den Deponien, Plastik in den Flüssen, Plastik in den Ozeanen, Plastik überall. Kunststoff ist eine der größten Herausforderungen der Menschheit. Während natürliche Stoffe zerfallen, besteht Plastik für mehrere hundert Jahre. 150 Millionen Tonnen Kunststoff schwimmen in den Ozeanen, schätzt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Tendenz: endlos steigend. Eine Lösung hat bisher niemand, die Zeit drängt. Burkart Schulte meint, eine Idee zu haben, die Abhilfe schaffen könnte. Lange hat der Experte für nukleare Verfahrenstechnik in der Kernenergie gearbeitet. Nachdem er ein Zwischenlager in der Schweiz aufgebaut hatte, 20 Jahre lang Leiter des Entsorgungszentrums Pohlsche Heide und später Wirtschaftsförderer in Hille war, ging er für die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ins Ausland. Dort beriet er Behörden zum Thema Abfallverwertung. Und was er vor Ort sah, führte ihm die Herausforderung Plastikmüll drastisch vor Augen. Einen Schlüsselmoment erlebte Schulte in Karatschi (Pakistan): „Die Lkw kippten ununterbrochen Müll ab, so weit das Auge reichte und dazwischen lebten 40.000 Menschen.“ Die Städte seien in vielen Ländern recht sauber, weil die Müllsammlung funktioniere. Aber anschließend lande der Abfall ohne weiteren Verwertungsprozess im Meer oder in der Wüste. „Geld für das Thema Müll zu investieren, ist in vielen Ländern schwer zu vermitteln“, diese Erfahrung hat Schulte immer wieder gemacht. Und so kam es, dass er Flüsse wie Straßen sah – gepflastert von Plastikmüll. Nicht zuletzt dieses Anblicks wegen kam er vor ein paar Jahren auf seine Vision, in die er nach eigener Aussage alles Geld investiert hat, „was ich auftreiben konnte“. Er hat eine Depolymerisationsanlage entwickelt, die verölt - also Plastik in Öl umwandelt. Aus einem Kilo Plastikmüll werden 0,6 Liter Öl. „Das Verfahren an sich ist ein alter Hut“, sagt Schulte. Aber die Anlage, die in einer Halle in Espelkamp steht, sei besonders einfach zu bedienen, günstig und wartungsarm. Der Patentantrag laufe. Nun sucht Schulte Partner, um eine größere Pilotanlage in einem Schwellenland aufzubauen. Sein Traum ist, dass Menschen in diesen Ländern Plastikmüll aus den Flüssen sammeln und vorsortieren, bevor er im Meer landet, seine Anlagen den Müll in Öl verwandeln und Generatoren es in Strom umwandeln. Warum ausgerechnet Strom? Die Qualität des Öls schwanke wegen der unterschiedlichen Eingangsstoffe, aber eine Verwendung in Generatoren sei kein Problem. Außerdem komme der Prozess nur in Gang, wenn am Ende ein wertvolles Produkt herauskomme – und das sei Strom in Schwellenländern. „Dann wären die Menschen auch motiviert, Plastikmüll zu sammeln und würden Geld dafür bekommen“, ist Schulte überzeugt. Sein Projekt habe dadurch auch einen sozialen Nebeneffekt. Einen Haken gibt es allerdings: „Man kann gar nicht so viele Anlagen bauen wie man Massen an Müll entsorgen müsste.“ Allein ist Schulte mit der Verölung von Plastikmüll allerdings nicht. Der österreichische Energiekonzern OMV hat Anfang des Jahres ein Verfahren vorgestellt, mit dem das Unternehmen aus Plastikabfällen qualitativ hochwertiges Rohöl gewinnt - und zwar im großen Stil und mit einem verhältnismäßig geringen Energieaufwand. Daneben existieren eine ganze mehrere kleinere Initiativen, die mit Vorschlägen zur Verölung werben. Wissenschaftler Roman Maletz, der am Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft der TU Dresden zu Kunststoff-Recycling forscht, hat dem Handelsblatt gesagt, dass die technische Umsetzung schwierig sei: „Wenn das eine konkurrenzfähige Technologie wäre, hätte sich das schon viel stärker durchgesetzt.“ Es bleibt also abzuwarten, wie weit Burkart Schulte mit „Reset Mare“ am Ende kommt. Sollte er keine Investoren finden, will er eine Crowdfunding-Kampagne starten und die Öffentlichkeit um finanzielle Unterstützung bitten. #200in365 Benjamin Piel hat in seinem ersten Jahr als neuer MT-Chefredakteur 200 Menschen getroffen. Im zweiten Jahr möchte er sich mit weiteren Menschen treffen. Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@MT.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

MT-Serie #200in365: Ingenieur Burkart Schulte nimmt den Kampf gegen den Plastikmüll in den Meeren auf

Engagement gegen Plastik im Meer: Ein Mindener Ingenieur hat eine Maschine entwickelt, die aus Müll Rohöl macht. Ob seine Idee funktioniert? © Symbolbild: Christoph Sator/dpa

Minden (mt). Burkart Schulte will nicht viel weniger als die Welt retten. Wie ein Superheld sieht der Mann mit dem Schnauzbart nicht gerade aus, wie er da auf der Terrasse seines Mindener Hauses in der Sonne sitzt. Doch seine Ziele sind in etwa so hoch wie der Weg, den er gehen will, steinig ist. Der Ingenieur will das Problem der vermüllten Ozeane lindern, aus Plastik erst Öl und dann Strom machen. Der Name seines Projekts: „Reset Mare“.

Plastik auf den Deponien, Plastik in den Flüssen, Plastik in den Ozeanen, Plastik überall. Kunststoff ist eine der größten Herausforderungen der

Menschheit. Während natürliche Stoffe zerfallen, besteht Plastik für mehrere hundert Jahre. 150 Millionen Tonnen Kunststoff schwimmen in den Ozeanen, schätzt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Tendenz: endlos steigend. Eine Lösung hat bisher niemand, die Zeit drängt.

„Man kann gar nicht so viele Anlagen bauen, wie man Massen an Müll entsorgen müsste.“ - Ingenieur Burkart Schulte - © pr
„Man kann gar nicht so viele Anlagen bauen, wie man Massen an Müll entsorgen müsste.“ - Ingenieur Burkart Schulte - © pr

Burkart Schulte meint, eine Idee zu haben, die Abhilfe schaffen könnte. Lange hat der Experte für nukleare Verfahrenstechnik in der Kernenergie gearbeitet. Nachdem er ein Zwischenlager in der Schweiz aufgebaut hatte, 20 Jahre lang Leiter des Entsorgungszentrums Pohlsche Heide und später Wirtschaftsförderer in Hille war, ging er für die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ins Ausland. Dort beriet er Behörden zum Thema Abfallverwertung. Und was er vor Ort sah, führte ihm die Herausforderung Plastikmüll drastisch vor Augen.

Einen Schlüsselmoment erlebte Schulte in Karatschi (Pakistan): „Die Lkw kippten ununterbrochen Müll ab, so weit das Auge reichte und dazwischen lebten 40.000 Menschen.“ Die Städte seien in vielen Ländern recht sauber, weil die Müllsammlung funktioniere. Aber anschließend lande der Abfall ohne weiteren Verwertungsprozess im Meer oder in der Wüste. „Geld für das Thema Müll zu investieren, ist in vielen Ländern schwer zu vermitteln“, diese Erfahrung hat Schulte immer wieder gemacht. Und so kam es, dass er Flüsse wie Straßen sah – gepflastert von Plastikmüll.

Nicht zuletzt dieses Anblicks wegen kam er vor ein paar Jahren auf seine Vision, in die er nach eigener Aussage alles Geld investiert hat, „was ich auftreiben konnte“. Er hat eine Depolymerisationsanlage entwickelt, die verölt - also Plastik in Öl umwandelt. Aus einem Kilo Plastikmüll werden 0,6 Liter Öl.

„Das Verfahren an sich ist ein alter Hut“, sagt Schulte. Aber die Anlage, die in einer Halle in Espelkamp steht, sei besonders einfach zu bedienen, günstig und wartungsarm. Der Patentantrag laufe.

Nun sucht Schulte Partner, um eine größere Pilotanlage in einem Schwellenland aufzubauen. Sein Traum ist, dass Menschen in diesen Ländern Plastikmüll aus den Flüssen sammeln und vorsortieren, bevor er im Meer landet, seine Anlagen den Müll in Öl verwandeln und Generatoren es in Strom umwandeln. Warum ausgerechnet

Strom? Die Qualität des Öls schwanke wegen der unterschiedlichen Eingangsstoffe, aber eine Verwendung in Generatoren sei kein Problem. Außerdem komme der Prozess nur in Gang, wenn am Ende ein wertvolles Produkt herauskomme – und das sei Strom in Schwellenländern. „Dann wären die Menschen auch motiviert, Plastikmüll zu sammeln und würden Geld dafür bekommen“, ist Schulte überzeugt. Sein Projekt habe dadurch auch einen sozialen Nebeneffekt. Einen Haken gibt es allerdings: „Man kann gar nicht so viele Anlagen bauen wie man Massen an Müll entsorgen müsste.“

Allein ist Schulte mit der Verölung von Plastikmüll allerdings nicht. Der österreichische Energiekonzern OMV hat Anfang des Jahres ein Verfahren vorgestellt, mit dem das Unternehmen aus Plastikabfällen qualitativ hochwertiges Rohöl gewinnt - und zwar im großen Stil und mit einem verhältnismäßig geringen Energieaufwand. Daneben existieren eine ganze mehrere kleinere Initiativen, die mit Vorschlägen zur Verölung werben. Wissenschaftler Roman Maletz, der am Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft der TU Dresden zu Kunststoff-Recycling forscht, hat dem Handelsblatt gesagt, dass die technische Umsetzung schwierig sei: „Wenn das eine konkurrenzfähige Technologie wäre, hätte sich das schon viel stärker durchgesetzt.“

Es bleibt also abzuwarten, wie weit Burkart Schulte mit „Reset Mare“ am Ende kommt. Sollte er keine Investoren finden, will er eine Crowdfunding-Kampagne starten und die Öffentlichkeit um finanzielle Unterstützung bitten.

#200in365

Benjamin Piel hat in seinem ersten Jahr als neuer MT-Chefredakteur 200 Menschen getroffen. Im zweiten Jahr möchte er sich mit weiteren Menschen treffen. Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@MT.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

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