MT-Serie #200in365: Ingeborg Vieth-Rogalla will mit 87 Jahren noch immer die Welt retten Benjamin Piel Minden (mt). Eine Begegnung ist Ingeborg Vieth-Rogalla in besonders schlechter Erinnerung geblieben. Es war Anfang der 1990er-Jahre, als die Mindenerin das ungarische Büro der Naumann-Stiftung mit aufbaute. Und da stand er eines Tages vor ihr: Victor Orbán. Damals hatte der spätere Ministerpräsident gerade die Partei Fidesz mitgegründet. Die war zu dem Zeitpunkt eine liberale Protestbewegung junger Intellektueller gewesen. Eine Bewegung wie gemacht für eine Förderung der FDP-nahen Naumann-Stiftung und diese Förderung bekam Fidesz dann auch, erinnert sich Vieth-Rogalla. Es ist eine dieser Geschichten, von denen die 87-Jährige endlos viele erzählen könnte. Und es ist eine Geschichte, die zeigt, was die FDP-Frau immer wieder erlebt hat: wie unberechenbar Politik ist. So auch bei Orbán und Fidesz. Was als liberale Bewegung begonnen hatte, wurde zu einer rechtspopulistischen Partei, Orbán zu einem Ministerpräsidenten, der nicht davor zurückscheute, eine Debatte über die Wiedereinführung der Todesstrafe anzuschieben oder einen Grenzzaun zu errichten, um Flüchtlinge von Ungarn fernzuhalten. „Ich könnte heute noch hinfahren und ihn ohrfeigen“, sagt Vieth-Rogalla und lacht. Seit mehr als 40 Jahren ist sie Mitglied der FDP und seitdem hat sie derartige Geschichten am Fließband erlebt. Dass es einmal so kommen würde, daran war lange Zeit nicht zu denken. „Ich möchte immer noch etwas tun und die Welt verändern“, sagt sie. Der Satz könnte aus dem Mund einer 17-Jährigen kommen, doch wenn die gebürtige Portanerin ihn ausspricht, dann hat er nichts Naives. Nein, sie hat immer daran geglaubt, dass Politik etwas bewegen kann und muss. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Lange Zeit war diese Überzeugung verschüttet unter einem Leben, in dem Vieth-Rogalla wenig zu sagen hatte. Das fing mit ihrem Vater an, der erst Politik für die NSDAP gemacht hatte, nach dem Krieg in die FDP eintrat und von 1962 bis 1969 Fraktionsvorsitzender im Düsseldorfer Landtag war. „Ich habe ihn sehr geliebt“, erinnert sie sich, „aber er sagte, Frauen hätten nichts zu melden.“ Sie machte als einziges von fünf Kindern das Abitur, heiratete später einen Unternehmer. Und wieder hatte sie nicht viel zu melden. Der Schwiegervater und Firmenpatriarch war autoritär, ihr Mann stand unter seines Vaters Fuchtel. Das Paar bekam drei Kinder, der Eisengroßhandel Vieth in Neesen ging pleite. Vieth-Rogalla hatte den Eindruck, sich aus diesem Leben befreien zu müssen: „Das war mutig – ohne Ausbildung, ohne Geld, ohne Rentenansprüche.“ Doch sie wagte den Schritt ins totale Risiko und ließ sich im Alter von 42 Jahren scheiden – damals ein ziemliches Tabu. „Ich konnte organisieren“, sagt sie und so übernahm sie erst die Leitung der Bielefelder FDP-Kreisgeschäftsstelle und wurde später Mitarbeiterin von Bundesinnenminister Werner Maihofer (FDP). Wie sich das alles gefügt hat, eins ins andere, das kann sich die Sozialliberale heute selbst kaum erklären: „So ist es mir immer gegangen - es ging immer irgendwie weiter.“ Sie organisierte die Wahlkämpfe der prominenten FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher und Wolfgang Gerhardt, war später Mitarbeiterin der FDP-Landesgeschäftsstelle in Frankfurt am Main, wo sie ihren zweiten Mann kennenlernte. Schließlich wechselte sie zur FDP-Bundesgeschäftsstelle in Bonn, dann zur Naumann-Stiftung in Königswinter. „Wird schon“, das habe sie sich immer gesagt und so wurde es dann auch irgendwie. Sich politisch einzubringen, das habe ihrem Leben einen Sinn gegeben und das erwartet sie auch von möglichst vielen Menschen heute, denn: „Wenn keiner mehr mitmacht, dann ist es keine Demokratie mehr.“ Warum sie 2012 nach Minden zurückkehrte, ist schnell erzählt. Sie hatte den Kontakt in ihre Heimat nie verloren und damals ihren 80. Geburtstag in Minden gefeiert. Ob sie nicht zurück wolle, fragte eine Freundin, sie habe gerade eine Wohnung frei: „Aber du müsstest dich gleich morgen entscheiden.“ Ingeborg Vieth-Rogalla schaute sich die Wohnung an und traf nicht zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bauchentscheidung: Sie sagte Ja.

MT-Serie #200in365: Ingeborg Vieth-Rogalla will mit 87 Jahren noch immer die Welt retten

Stets im Dienst der Partei: Ingeborg Vieth-Rogalla übernahm die Leitung der Bielefelder FDP-Kreisgeschäftsstelle und wurde später Mitarbeiterin von Bundesinnenminister Werner Maihofer. Symbolfoto: Daniel Karmann/dpa © (c) Copyright 2018, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Minden (mt). Eine Begegnung ist Ingeborg Vieth-Rogalla in besonders schlechter Erinnerung geblieben. Es war Anfang der 1990er-Jahre, als die Mindenerin das ungarische Büro der Naumann-Stiftung mit aufbaute. Und da stand er eines Tages vor ihr: Victor Orbán. Damals hatte der spätere Ministerpräsident gerade die Partei Fidesz mitgegründet. Die war zu dem Zeitpunkt eine liberale Protestbewegung junger Intellektueller gewesen. Eine Bewegung wie gemacht für eine Förderung der FDP-nahen Naumann-Stiftung und diese Förderung bekam Fidesz dann auch, erinnert sich Vieth-Rogalla.

Es ist eine dieser Geschichten, von denen die 87-Jährige endlos viele erzählen könnte. Und es ist eine Geschichte, die zeigt, was die FDP-Frau immer wieder erlebt hat: wie unberechenbar Politik ist. So auch bei Orbán und Fidesz. Was als liberale Bewegung begonnen hatte, wurde zu einer rechtspopulistischen Partei, Orbán zu einem Ministerpräsidenten, der nicht davor zurückscheute, eine Debatte über die Wiedereinführung der Todesstrafe anzuschieben oder einen Grenzzaun zu errichten, um Flüchtlinge von Ungarn fernzuhalten. „Ich könnte heute noch hinfahren und ihn ohrfeigen“, sagt Vieth-Rogalla und lacht.

Ingeborg Vieth-Rogalla hat unter anderem Wahlkämpfe für die FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher und Wolfgang Gerhardt organisiert. MT- - © Foto: Benjamin Piel
Ingeborg Vieth-Rogalla hat unter anderem Wahlkämpfe für die FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher und Wolfgang Gerhardt organisiert. MT- - © Foto: Benjamin Piel

Seit mehr als 40 Jahren ist sie Mitglied der FDP und seitdem hat sie derartige Geschichten am Fließband erlebt. Dass es einmal so kommen würde, daran war lange Zeit nicht zu denken. „Ich möchte immer noch etwas tun und die Welt verändern“, sagt sie. Der Satz könnte aus dem Mund einer 17-Jährigen kommen, doch wenn die gebürtige Portanerin ihn ausspricht, dann hat er nichts Naives.

Nein, sie hat immer daran geglaubt, dass Politik etwas bewegen kann und muss. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Lange Zeit war diese Überzeugung verschüttet unter einem Leben, in dem Vieth-Rogalla wenig zu sagen hatte. Das fing mit ihrem Vater an, der erst Politik für die NSDAP gemacht hatte, nach dem Krieg in die FDP eintrat und von 1962 bis 1969 Fraktionsvorsitzender im Düsseldorfer Landtag war. „Ich habe ihn sehr geliebt“, erinnert sie sich, „aber er sagte, Frauen hätten nichts zu melden.“ Sie machte als einziges von fünf Kindern das Abitur, heiratete später einen Unternehmer. Und wieder hatte sie nicht viel zu melden. Der Schwiegervater und Firmenpatriarch war autoritär, ihr Mann stand unter seines Vaters Fuchtel. Das Paar bekam drei Kinder, der Eisengroßhandel Vieth in Neesen ging pleite. Vieth-Rogalla hatte den Eindruck, sich aus diesem Leben befreien zu müssen: „Das war mutig – ohne Ausbildung, ohne Geld, ohne Rentenansprüche.“

Doch sie wagte den Schritt ins totale Risiko und ließ sich im Alter von 42 Jahren scheiden – damals ein ziemliches Tabu.

„Ich konnte organisieren“, sagt sie und so übernahm sie erst die Leitung der Bielefelder FDP-Kreisgeschäftsstelle und wurde später Mitarbeiterin von Bundesinnenminister Werner Maihofer (FDP). Wie sich das alles gefügt hat, eins ins andere, das kann sich die Sozialliberale heute selbst kaum erklären: „So ist es mir immer gegangen - es ging immer irgendwie weiter.“ Sie organisierte die Wahlkämpfe der prominenten FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher und Wolfgang Gerhardt, war später Mitarbeiterin der FDP-Landesgeschäftsstelle in Frankfurt am Main, wo sie ihren zweiten Mann kennenlernte. Schließlich wechselte sie zur FDP-Bundesgeschäftsstelle in Bonn, dann zur Naumann-Stiftung in Königswinter.

„Wird schon“, das habe sie sich immer gesagt und so wurde es dann auch irgendwie. Sich politisch einzubringen, das habe ihrem Leben einen Sinn gegeben und das erwartet sie auch von möglichst vielen Menschen heute, denn: „Wenn keiner mehr mitmacht, dann ist es keine Demokratie mehr.“

Warum sie 2012 nach Minden zurückkehrte, ist schnell erzählt. Sie hatte den Kontakt in ihre Heimat nie verloren und damals ihren 80. Geburtstag in Minden gefeiert. Ob sie nicht zurück wolle, fragte eine Freundin, sie habe gerade eine Wohnung frei: „Aber du müsstest dich gleich morgen entscheiden.“ Ingeborg Vieth-Rogalla schaute sich die Wohnung an und traf nicht zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bauchentscheidung: Sie sagte Ja.

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