MT-Serie #200in365: Georg Stremlau und Jochen Klostermeyer kämpfen für die EU Benjamin Piel Minden (mt). Georg Stremlaus Liste ist lang. Auf zwei Din-A-4-Seiten reiht sich Datum an Datum. So klein, dass die Buchstaben und Zahlen kaum lesbar sind. Die Auflistung beginnt im Jahr 1002 mit den Burgundischen Erbfolgekriegen und schließt 2001 mit dem Ende des Albanischen Aufstands in Mazedonien. Dazwischen stehen 218 weitere Kriege – vom Englisch-Spanischen über den Schwedisch-Russischen bis hin zum Ersten und Zweiten Weltkrieg. Gemeinsam habe alle Zweierlei: Schrecklich waren sie, und kein einziger hat auf dem Boden der Europäischen Union stattgefunden. Vor allem um Letzteres geht es Georg Stremlau und Jochen Klostermeyer: Die Europäische Union bedeute vieles, vor allem aber die mit weitem Abstand längste kriegsfreie Phase in der Geschichte des europäischen Kontinents. Zufall, ließe sich sagen, das hätte auch ohne EU so kommen können. Doch vor dieser Sichtweise warnen die beiden. Dass es in der Prä-EU-Geschichte Europas keine 20 Jahre ohne Krieg gegeben habe, seit Bestehen der EU aber keinen einzigen mehr, dass sei kein Zufall, sondern ein Verdienst. Warum aber ist diese Botschaft nicht eben wenigen EU-Bewohnern so wenig präsent, dass sie sich wenig sehnlicher wünschen als das Ende der Europäischen Union? „Das Schlechteste an der EU ist deren beschissene Öffentlichkeitsarbeit“, findet Klostermeyer. Er war einer der sechs Pro-Europäer, die eine Geburtstagsfeier zufällig zusammenwürfelte und die über das Thema ins Gespräch kamen. Sie beschlossen, eine Gruppe in Minden zu gründen und ihr den Namen „Initiative für Europa“ zu geben. Schließlich stießen sie auf die 2016 gegründete Bürgerinitiative „Pulse of Europe“, die inzwischen Ableger in 120 deutschen Städten hat. Die Mindener schlossen sich der Initiative an, inzwischen hat die Gruppe noch sechs aktive Mitglieder. Deren Ziel sind regelmäßige Veranstaltungen, die auf die Bedeutung der europäischen Idee aufmerksam machen. Vor der Wahl in Frankreich im vergangenen Jahr, als die Rechtspopulistin Marine Le Pen Chancen auf das Präsidentenamt hatte, kamen 600 Menschen zu einer Veranstaltung auf den Markt, berichtet Klostermeyer. Vier Veranstaltungen haben er und seine Mitstreiter bisher organisiert. Am Ende habe die Teilnehmer immer die Europahymne gesungen. „Das war erhebend“, findet Klostermeyer. Stremlau ist später zur Gruppe dazugestoßen. Ein Leserbrief im MT hatte ihn aufgeschreckt. „Die EU muss abgeschafft werden“, schrieb jemand. Das war für den Lehrer wie das schrille Klingeln eines Weckers. Er schrieb einen kämpferischen Leserbrief für die EU und verspürte den Wunsch, der Anti-EU-Stimmung etwas entgegenzusetzen. So stieß er auf den Mindener Ableger von „Pulse of Europe“. Stremlaus Argument ist nicht nur das Thema Krieg, sondern auch das Thema Wirtschaft: „Zusammen sind die EU-Länder eine Wirtschaftsmacht und inzwischen auch eine Schicksalsgemeinschaft.“ Wer diese Gemeinschaft gefährde, der rüttle am Wohlstand. Nur gemeinsam sei es für die EU-Staaten möglich, den Wirtschaftsmächten USA und China etwas entgegenzusetzen. „Es muss den Menschen klar gemacht werden, wie wichtig das ist“, findet der 56-Jährige. Komme die Botschaft nicht an, sei das existenzbedrohend. Doch die Vermittlungsarbeit sei hart. Frieden, Sicherheit und Wohlstand, das sei für viele ganz selbstverständlich. Nein, die EU sei nicht der Messias, nicht alles an ihr sei gut. Ja, es gebe Kritikwürdiges, und es sei schwierig, wenn 27 Staaten miteinander verhandeln. Das alles bestreiten Stremlau und Klostermeyer nicht. Doch sie finden, dass die Probleme wenig sind im Vergleich mit den Vorteilen. Dass die meisten, die zu ihren Veranstaltungen kommen, ohnehin EU-Fans sind, wissen sie zwar, aber: „Nichts zu tun, das wäre keine Alternative.“

MT-Serie #200in365: Georg Stremlau und Jochen Klostermeyer kämpfen für die EU

Georg Stremlau (links) und Jochen Klostermeyer wollen der Anti-EU-Stimmung mit ihrer Initiative etwas entgegenstellen. MT- © Foto: Piel

Minden (mt). Georg Stremlaus Liste ist lang. Auf zwei Din-A-4-Seiten reiht sich Datum an Datum. So klein, dass die Buchstaben und Zahlen kaum lesbar sind. Die Auflistung beginnt im Jahr 1002 mit den Burgundischen Erbfolgekriegen und schließt 2001 mit dem Ende des Albanischen Aufstands in Mazedonien. Dazwischen stehen 218 weitere Kriege – vom Englisch-Spanischen über den Schwedisch-Russischen bis hin zum Ersten und Zweiten Weltkrieg. Gemeinsam habe alle Zweierlei: Schrecklich waren sie, und kein einziger hat auf dem Boden der Europäischen Union stattgefunden.

Vor allem um Letzteres geht es Georg Stremlau und Jochen Klostermeyer: Die Europäische Union bedeute vieles, vor allem aber die mit weitem Abstand längste kriegsfreie Phase in der Geschichte des europäischen Kontinents. Zufall, ließe sich sagen, das hätte auch ohne EU so kommen können. Doch vor dieser Sichtweise warnen die beiden. Dass es in der Prä-EU-Geschichte Europas keine 20 Jahre ohne Krieg gegeben habe, seit Bestehen der EU aber keinen einzigen mehr, dass sei kein Zufall, sondern ein Verdienst. Warum aber ist diese Botschaft nicht eben wenigen EU-Bewohnern so wenig präsent, dass sie sich wenig sehnlicher wünschen als das Ende der Europäischen Union? „Das Schlechteste an der EU ist deren beschissene Öffentlichkeitsarbeit“, findet Klostermeyer.

Premiere: Im April 2017 schlug der „Pulse of Europe“ auf dem Markt in Minden zum ersten Mal. MT-Foto (Archiv): Langenkämper - © Langenkämper
Premiere: Im April 2017 schlug der „Pulse of Europe“ auf dem Markt in Minden zum ersten Mal. MT-Foto (Archiv): Langenkämper - © Langenkämper

Er war einer der sechs Pro-Europäer, die eine Geburtstagsfeier zufällig zusammenwürfelte und die über das Thema ins Gespräch kamen. Sie beschlossen, eine Gruppe in Minden zu gründen und ihr den Namen „Initiative für Europa“ zu geben. Schließlich stießen sie auf die 2016 gegründete Bürgerinitiative „Pulse of Europe“, die inzwischen Ableger in 120 deutschen Städten hat. Die Mindener schlossen sich der Initiative an, inzwischen hat die Gruppe noch sechs aktive Mitglieder. Deren Ziel sind regelmäßige Veranstaltungen, die auf die Bedeutung der europäischen Idee aufmerksam machen. Vor der Wahl in Frankreich im vergangenen Jahr, als die Rechtspopulistin Marine Le Pen Chancen auf das Präsidentenamt hatte, kamen 600 Menschen zu einer Veranstaltung auf den Markt, berichtet Klostermeyer. Vier Veranstaltungen haben er und seine Mitstreiter bisher organisiert. Am Ende habe die Teilnehmer immer die Europahymne gesungen. „Das war erhebend“, findet Klostermeyer.

Stremlau ist später zur Gruppe dazugestoßen. Ein Leserbrief im MT hatte ihn aufgeschreckt. „Die EU muss abgeschafft werden“, schrieb jemand. Das war für den Lehrer wie das schrille Klingeln eines Weckers. Er schrieb einen kämpferischen Leserbrief für die EU und verspürte den Wunsch, der Anti-EU-Stimmung etwas entgegenzusetzen. So stieß er auf den Mindener Ableger von „Pulse of Europe“.

Stremlaus Argument ist nicht nur das Thema Krieg, sondern auch das Thema Wirtschaft: „Zusammen sind die EU-Länder eine Wirtschaftsmacht und inzwischen auch eine Schicksalsgemeinschaft.“ Wer diese Gemeinschaft gefährde, der rüttle am Wohlstand. Nur gemeinsam sei es für die EU-Staaten möglich, den Wirtschaftsmächten USA und China etwas entgegenzusetzen. „Es muss den Menschen klar gemacht werden, wie wichtig das ist“, findet der 56-Jährige. Komme die Botschaft nicht an, sei das existenzbedrohend. Doch die Vermittlungsarbeit sei hart. Frieden, Sicherheit und Wohlstand, das sei für viele ganz selbstverständlich.

Nein, die EU sei nicht der Messias, nicht alles an ihr sei gut. Ja, es gebe Kritikwürdiges, und es sei schwierig, wenn 27 Staaten miteinander verhandeln.

Das alles bestreiten Stremlau und Klostermeyer nicht. Doch sie finden, dass die Probleme wenig sind im Vergleich mit den Vorteilen. Dass die meisten, die zu ihren Veranstaltungen kommen, ohnehin EU-Fans sind, wissen sie zwar, aber: „Nichts zu tun, das wäre keine Alternative.“

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