Gespräch mit einer Corona-Kritikerin: MT-Chefredakteur Benjamin Piel auf der Suche nach Gemeinsamkeiten Benjamin Piel Minden. Nicht miteinander zu sprechen, ist manchmal die bessere Wahl. Als Journalist macht man da seine Erfahrungen. Sogenannte Gespräche mit Menschen, die wütend sind auf die mal angeblichen, mal tatsächlichen Fehlleistungen der Presse, sind häufig schwer erträgliche Monologe. Darauf verzichte ich inzwischen lieber. Beinahe wäre es wieder so gekommen. Denn vor zwei Wochen kam eine Mail an: „Ich bin über die momentane einseitige Berichterstattung Ihrer Zeitung entsetzt. Ich möchte ein persönliches, sachliches Gespräch mit Ihnen zum Corona-Thema führen, damit Sie sehen und vielleicht erkennen, dass ich und viele andere Menschen keine – wie es Ihr Journalist Andreas Niesmann genannt hat – ,Wirrköpfe‘ sind.“ Als Journalist bin ich es gewohnt, Nachrichten zu bekommen, die sich kritisch mit unserer Arbeit auseinandersetzen. Viele Zuschriften sind sachlich. Mal komme ich zum Schluss, dass die Kritik unberechtigt ist, nicht selten sind die Eingaben fundiert und geben Anlass zu einer Korrektur. Hin und wieder werden wir beschimpft. Zum Thema Corona haben die Zuschriften vor einigen Wochen zugenommen. Es gibt zwei Lager: Die einen, die finden, wir sollten aufhören, die Maskenpflicht zu kritisieren, und schärfer vor den Gefahren des Virus warnen. Die anderen meinen das Gegenteil. Das MT verbreite Panik und lasse Positionen zu wenig Raum, die das Virus als harmlos bezeichnen. Das Lager der Maßnahmen-Kritiker ist laut und bunt. Es reicht von leichtem Nachhaken bis schriller Zuspitzung. Einladungen zu Gesprächen sind selten. Insofern war die Nachricht der Mindenerin besonders. Zunächst war ich skeptisch und ignorierte die Einladung: „Wir berichten nicht einseitig, sondern nach bestem Wissen und Gewissen auf Basis nachweisbarer Fakten. Bei dem Text, den Sie angesprochen haben, handelt es sich um einen Kommentar. Herr Niesmann sagt seine Meinung. Haben Sie damit eine Schwierigkeit?“ Die Reaktion: „Danke für Ihre Antwort, über die ich enttäuscht bin. Ich habe eine Schwierigkeit damit, dass keine sachliche Diskussion zu diesem Thema geführt wird. Von einem Chefredakteur habe ich andere Erwartungen gehabt. Das Angebot zu einem Gespräch erhalte ich aufrecht.“ Da war es wieder: das Gesprächsangebot. Diese Frau war offenbar wirklich interessiert am Dialog, also antwortete ich schließlich: „Zur Sachlichkeit gehört die Fairness, dass Sie mir wohlwollend unterstellen, dass ich mich bemühe, meine Arbeit gut zu machen. Diese Grundannahme und ein Stehenlassen dieser ist mir wichtig für einen sachorientierten Austausch. Wenn wir auf gegenseitige negative Zuschreibungen verzichten, Sie mich nicht als Lügenpresse-Vertreter bezeichnen und ich Sie nicht als Corona-Leugnerin, dann wäre das vielleicht ein Weg, auf dem wir in ein Gespräch kommen könnten, das wirklich ein solches wäre.“ Wir einigten uns auf ein Treffen. Eine Woche später fahre ich los. Die Frau wohnt mit ihrer Familie in einem Mindener Vorort. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ihr Name in diesem Artikel nicht genannt wird. Sie hätte nichts dagegen gehabt. Aber mir ist nicht wohl dabei, denn ich weiß, dass die Reaktionen auf konfliktreiche Themen schmerzhaft sein können. Dem will ich die Frau nicht aussetzen. Wer mag sie sein? Die Tür des architektonisch anspruchsvollen Hauses öffnet eine Frau um die 50, aufgeschlossenes Lachen, selbstbewusste Körperhaltung, blond, modisch gekleidet, höflich. Sie führt mich durch die Eingangshalle auf die Terrasse. Und schon sind wir im Gespräch. Das erste Thema: Angst und Panik. Sie findet, Medien würden Angstmacherei betreiben. Was meint sie damit? Dass Bilder von Särgen in Italien gezeigt wurden und von Massengräbern in New York, dass ständig vor dem Virus gewarnt werde. „Die Medien“ – das ist eine Formulierung, mit der ich Schwierigkeiten habe. Sie ebnet die Unterschiede ein. Als seien die marxistische „junge Welt“, die schwer rechte „Junge Freiheit“, als seien Süddeutsche, taz, Frankfurter Allgemeine und Mindener Tageblatt ein und dasselbe. Doch so nimmt die Frau es wahr – dass die Medienwelt im Gleichschritt immer nur in eine Richtung marschiert. Bei der Berichterstattung rund um das Corona-Virus sei ihr die Konformität deutscher Medien besonders aufgefallen: „Warnungen, Warnungen, Warnungen und schlimme Geschichten aus anderen Ländern.“ Ich frage zurück: „Was, wenn ein Virus nun mal neuartig ist, das Immunsystem der Menschheit vor einer unbekannten Herausforderung steht, es keine Impfung gibt, das Gesundheitssystem in Norditalien kurz vor dem Kollaps steht?“ Sie findet: berichten ja, aber weniger unter Verwendung einer Bildsprache, die aus ihrer Sicht auf Angsterzeugung ausgerichtet sei. Wir bleiben unterschiedlicher Meinung. Und warum habe eigentlich niemand frühzeitig die Bedeutung von Gesundheits- und Wirtschaftsschutz ins Verhältnis gesetzt, fragt die Frau. Sie ist ausdrucksstark und kann sehr gut ihre Gedanken auf den Punkt bringen: Vielleicht seien die wirtschaftlichen Folgen und eine drohende Massenarbeitslosigkeit am Ende schlimmer, als das uneingedämmte Virus gefährlich gewesen wäre? Ich antworte, dass eine Gleichung, deren Variable eine völlig neue Gefahr ist, nur langsam und mit hohem wissenschaftlichen Aufwand aufzulösen sei. – „Anfangs war ich einverstanden mit den Maßnahmen, aber mir war das dann zu weitgreifend“, berichtet sie. Es ist ein Punkt, in dem wir nicht der gleichen, aber auch nicht fundamental unterschiedlicher Meinung sind. In ein, zwei Jahren wird die Rechnung in der Rückschau zeigen, ob die Folgen der Maßnahmen schwerer waren als das Virus selbst. Darauf können wir uns einigen. Zu Schutzmasken haben wir dagegen eine ähnliche Haltung. Nach allem, was ich weiß, bieten die meisten Masken keinen wirklichen Schutz. Menschenansammlungen zu meiden, hilft mehr. Trotzdem trage ich in Geschäften Maske. Die Skeptikerin nicht. Für sie sind sie so etwas wie ein Symbol dafür, etwas vorgeschrieben zu bekommen. „Ein Maulkorb“, sagt sie, dessen permanenter Anblick dazu diene, die Panik der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Sie hat sich aus dem Internet ein Pseudo-Attest zur Entbindung von der Maskenpflicht ausgedruckt, das sie bei sich trägt. Bisher habe sie aber in keinem Geschäft Schwierigkeiten gehabt: „Viele schauen, aber es hat nie jemand etwas gesagt.“ Und sollte sich das ändern, ist sie vorbereitet: Sie hat eine Maske mit der Aufschrift „100 % Schwachsinn“ in der Tasche. Würde sie sich eigentlich gegen das Virus impfen lassen, sobald ein Impfstoff auf dem Markt wäre? „Auf gar keinen Fall!“ Sie hat Sorge, dass angesichts der rapiden Entwicklung eines Impfstoffs die Nebenwirkungen größer sein könnten als das Risiko der Infektion und seiner Folgen. Ohnehin: Der Pharmaindustrie gegenüber ist sie überaus skeptisch. Wie so viele, die die Corona-Maßnahmen infrage stellen, stieß die Frau irgendwann auf ein You-Tube-Video des HNO-Arztes Bodo Schiffmann. Der und seine Einordnungen haben Zweifel gesät, sie schließlich überzeugt, ihre Sichtweise geprägt. Sie meint, dass Schiffmann unabhängig denkt und argumentiert. Er kritisiert die Maßnahmen der Regierung als viel zu weitgehend. Immer wieder suggeriert er, das Grippe- und das Corona-Virus seien ähnlich gefährlich. Auf mich wirkt Schiffmann nicht wie jemand, auf den ich mich in einer Gefahr verlassen möchte. Er hat etwas Verächtlichmachendes, Ironisches, Lautes. Die Mindenerin kann diese Sichtweise nicht nachvollziehen. Auch Schiffmanns Protestbewegung „Widerstand 2020“ gefällt ihr. Und sie hat den Eindruck, dass in der Öffentlichkeit gleich versucht werde, neue politische Initiativen als rechtsextrem zu brandmarken: „Dabei kann eine neue Partei eine Chance sein.“ Ein Schreihals in der deutschen Politik – darauf könnte ich gut verzichten. Aber da sind wir eben mal wieder sehr unterschiedlicher Ansicht. Bleibt ein für mich zentraler Punkt: Ausgerechnet in jenen Ländern, in denen die Männer an der Macht versucht haben, keine Maßnahmen zu ergreifen, hat sich die Situation sehr viel schlechter entwickelt als in Deutschland. In den USA werden täglich 20.000 Neu-Infizierte nachgewiesen, mehr als 102.000 Menschen sind gestorben – Tendenz: täglich steigend. In Brasilien kommen 17.000 Menschen am Tag dazu, 27.000 sind gestorben, in Großbritannien wächst die Zahl täglich um 2.700 Fälle, 38.000 sind gestorben. Drei dicht besiedelte Länder, die den Versuch unternommen haben, ohne groß angelegte Maßnahmen auszukommen, sind gescheitert. Die Frau verweist darauf, dass im Verhältnis zur amerikanischen Gesamtbevölkerung „nur“ 0,03 Prozent gestorben seien. Eine zynische Rechnung, finde ich. Selbst wenn es um die reinen Zahlen geht, kommen wir nicht zusammen. Nach eineinhalb Stunden gehen wir auseinander. Wir waren uns selten einig. Aber wir haben unsere Differenzen gepflegt ausgetauscht. Wenn wir uns auf der Straße wiederträfen, gäbe es keinen Anlass, uns aus dem Weg zu gehen. Miteinander zu sprechen, war diesmal die bessere Wahl. Dreiviertel der Deutschen finden Maßnahmen richtig - Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat 1.005 Deutsche fragen lassen, ob sie die im März beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus richtig fanden. Fast Dreiviertel der Deutschen (74 Prozent) antworten der repräsentativen Umfrage zufolge darauf mit ja. - 15 Prozent der zwischen dem 18. und 25. Mai Befragten sehen es anders. Sie sind der Meinung, dass die Maßnahmen zu weit gingen. - Eine Minderheit von neun Prozent hätte sich sogar ein strikteres Eingreifen des Staates gewünscht. Ihnen gingen die Einschränkungen nicht weit genug, hat die Auswertung des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap ergeben. - Die Lockerungen, mit denen seit Ende April das öffentliche Leben wieder schrittweise hochgefahren wird, findet mehr als die Hälfte der Deutschen (58 Prozent) richtig. 25 Prozent der Befragten finden, die Lockerungen gehen zu weit. - Die Menschen, die finden, dass die derzeitigen Lockerungen nicht weit genug gehen, sind mit 15 Prozent in der Minderheit. - Mit der politischen Arbeit des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) in der Corona-Krise sind 70 Prozent sehr zufrieden bzw. zufrieden; 20 Prozent weniger bis gar nicht zufrieden. Mit der Arbeit des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) ist jeder dritte Deutsche (33 Prozent) sehr zufrieden bzw. zufrieden; 46 Prozent sind weniger bzw. gar nicht zufrieden. (dpa)

Gespräch mit einer Corona-Kritikerin: MT-Chefredakteur Benjamin Piel auf der Suche nach Gemeinsamkeiten

Nicht jeder findet die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus sinnvoll. Viele von ihnen bemängeln dabei eine Einschränkung ihrer Grundrechte. Foto: Sachelle Babbar/www.imago-images.de © imago images/ZUMA Wire

Minden. Nicht miteinander zu sprechen, ist manchmal die bessere Wahl. Als Journalist macht man da seine Erfahrungen. Sogenannte Gespräche mit Menschen, die wütend sind auf die mal angeblichen, mal tatsächlichen Fehlleistungen der Presse, sind häufig schwer erträgliche Monologe. Darauf verzichte ich inzwischen lieber. Beinahe wäre es wieder so gekommen.

Denn vor zwei Wochen kam eine Mail an: „Ich bin über die momentane einseitige Berichterstattung Ihrer Zeitung entsetzt. Ich möchte ein persönliches, sachliches Gespräch mit Ihnen zum Corona-Thema führen, damit Sie sehen und vielleicht erkennen, dass ich und viele andere Menschen keine – wie es Ihr Journalist Andreas Niesmann genannt hat – ,Wirrköpfe‘ sind.“

Als Journalist bin ich es gewohnt, Nachrichten zu bekommen, die sich kritisch mit unserer Arbeit auseinandersetzen. Viele Zuschriften sind sachlich. Mal komme ich zum Schluss, dass die Kritik unberechtigt ist, nicht selten sind die Eingaben fundiert und geben Anlass zu einer Korrektur. Hin und wieder werden wir beschimpft.

Zum Thema Corona haben die Zuschriften vor einigen Wochen zugenommen. Es gibt zwei Lager: Die einen, die finden, wir sollten aufhören, die Maskenpflicht zu kritisieren, und schärfer vor den Gefahren des Virus warnen. Die anderen meinen das Gegenteil. Das MT verbreite Panik und lasse Positionen zu wenig Raum, die das Virus als harmlos bezeichnen. Das Lager der Maßnahmen-Kritiker ist laut und bunt. Es reicht von leichtem Nachhaken bis schriller Zuspitzung. Einladungen zu Gesprächen sind selten. Insofern war die Nachricht der Mindenerin besonders.

Zunächst war ich skeptisch und ignorierte die Einladung: „Wir berichten nicht einseitig, sondern nach bestem Wissen und Gewissen auf Basis nachweisbarer Fakten. Bei dem Text, den Sie angesprochen haben, handelt es sich um einen Kommentar. Herr Niesmann sagt seine Meinung. Haben Sie damit eine Schwierigkeit?“ Die Reaktion: „Danke für Ihre Antwort, über die ich enttäuscht bin. Ich habe eine Schwierigkeit damit, dass keine sachliche Diskussion zu diesem Thema geführt wird. Von einem Chefredakteur habe ich andere Erwartungen gehabt. Das Angebot zu einem Gespräch erhalte ich aufrecht.“

Da war es wieder: das Gesprächsangebot. Diese Frau war offenbar wirklich interessiert am Dialog, also antwortete ich schließlich: „Zur Sachlichkeit gehört die Fairness, dass Sie mir wohlwollend unterstellen, dass ich mich bemühe, meine Arbeit gut zu machen. Diese Grundannahme und ein Stehenlassen dieser ist mir wichtig für einen sachorientierten Austausch. Wenn wir auf gegenseitige negative Zuschreibungen verzichten, Sie mich nicht als Lügenpresse-Vertreter bezeichnen und ich Sie nicht als Corona-Leugnerin, dann wäre das vielleicht ein Weg, auf dem wir in ein Gespräch kommen könnten, das wirklich ein solches wäre.“ Wir einigten uns auf ein Treffen.

Eine Woche später fahre ich los. Die Frau wohnt mit ihrer Familie in einem Mindener Vorort. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ihr Name in diesem Artikel nicht genannt wird. Sie hätte nichts dagegen gehabt. Aber mir ist nicht wohl dabei, denn ich weiß, dass die Reaktionen auf konfliktreiche Themen schmerzhaft sein können. Dem will ich die Frau nicht aussetzen. Wer mag sie sein? Die Tür des architektonisch anspruchsvollen Hauses öffnet eine Frau um die 50, aufgeschlossenes Lachen, selbstbewusste Körperhaltung, blond, modisch gekleidet, höflich. Sie führt mich durch die Eingangshalle auf die Terrasse. Und schon sind wir im Gespräch.

Das erste Thema: Angst und Panik. Sie findet, Medien würden Angstmacherei betreiben. Was meint sie damit? Dass Bilder von Särgen in Italien gezeigt wurden und von Massengräbern in New York, dass ständig vor dem Virus gewarnt werde.

„Die Medien“ – das ist eine Formulierung, mit der ich Schwierigkeiten habe. Sie ebnet die Unterschiede ein. Als seien die marxistische „junge Welt“, die schwer rechte „Junge Freiheit“, als seien Süddeutsche, taz, Frankfurter Allgemeine und Mindener Tageblatt ein und dasselbe.

Doch so nimmt die Frau es wahr – dass die Medienwelt im Gleichschritt immer nur in eine Richtung marschiert. Bei der Berichterstattung rund um das Corona-Virus sei ihr die Konformität deutscher Medien besonders aufgefallen: „Warnungen, Warnungen, Warnungen und schlimme Geschichten aus anderen Ländern.“ Ich frage zurück: „Was, wenn ein Virus nun mal neuartig ist, das Immunsystem der Menschheit vor einer unbekannten Herausforderung steht, es keine Impfung gibt, das Gesundheitssystem in Norditalien kurz vor dem Kollaps steht?“ Sie findet: berichten ja, aber weniger unter Verwendung einer Bildsprache, die aus ihrer Sicht auf Angsterzeugung ausgerichtet sei. Wir bleiben unterschiedlicher Meinung.

Und warum habe eigentlich niemand frühzeitig die Bedeutung von Gesundheits- und Wirtschaftsschutz ins Verhältnis gesetzt, fragt die Frau. Sie ist ausdrucksstark und kann sehr gut ihre Gedanken auf den Punkt bringen: Vielleicht seien die wirtschaftlichen Folgen und eine drohende Massenarbeitslosigkeit am Ende schlimmer, als das uneingedämmte Virus gefährlich gewesen wäre? Ich antworte, dass eine Gleichung, deren Variable eine völlig neue Gefahr ist, nur langsam und mit hohem wissenschaftlichen Aufwand aufzulösen sei. – „Anfangs war ich einverstanden mit den Maßnahmen, aber mir war das dann zu weitgreifend“, berichtet sie.

Es ist ein Punkt, in dem wir nicht der gleichen, aber auch nicht fundamental unterschiedlicher Meinung sind. In ein, zwei Jahren wird die Rechnung in der Rückschau zeigen, ob die Folgen der Maßnahmen schwerer waren als das Virus selbst. Darauf können wir uns einigen.

Zu Schutzmasken haben wir dagegen eine ähnliche Haltung. Nach allem, was ich weiß, bieten die meisten Masken keinen wirklichen Schutz. Menschenansammlungen zu meiden, hilft mehr. Trotzdem trage ich in Geschäften Maske. Die Skeptikerin nicht. Für sie sind sie so etwas wie ein Symbol dafür, etwas vorgeschrieben zu bekommen. „Ein Maulkorb“, sagt sie, dessen permanenter Anblick dazu diene, die Panik der Bevölkerung aufrechtzuerhalten.

Sie hat sich aus dem Internet ein Pseudo-Attest zur Entbindung von der Maskenpflicht ausgedruckt, das sie bei sich trägt. Bisher habe sie aber in keinem Geschäft Schwierigkeiten gehabt: „Viele schauen, aber es hat nie jemand etwas gesagt.“ Und sollte sich das ändern, ist sie vorbereitet: Sie hat eine Maske mit der Aufschrift „100 % Schwachsinn“ in der Tasche.

Würde sie sich eigentlich gegen das Virus impfen lassen, sobald ein Impfstoff auf dem Markt wäre? „Auf gar keinen Fall!“ Sie hat Sorge, dass angesichts der rapiden Entwicklung eines Impfstoffs die Nebenwirkungen größer sein könnten als das Risiko der Infektion und seiner Folgen. Ohnehin: Der Pharmaindustrie gegenüber ist sie überaus skeptisch.

Wie so viele, die die Corona-Maßnahmen infrage stellen, stieß die Frau irgendwann auf ein You-Tube-Video des HNO-Arztes Bodo Schiffmann. Der und seine Einordnungen haben Zweifel gesät, sie schließlich überzeugt, ihre Sichtweise geprägt. Sie meint, dass Schiffmann unabhängig denkt und argumentiert. Er kritisiert die Maßnahmen der Regierung als viel zu weitgehend. Immer wieder suggeriert er, das Grippe- und das Corona-Virus seien ähnlich gefährlich.

Auf mich wirkt Schiffmann nicht wie jemand, auf den ich mich in einer Gefahr verlassen möchte. Er hat etwas Verächtlichmachendes, Ironisches, Lautes. Die Mindenerin kann diese Sichtweise nicht nachvollziehen. Auch Schiffmanns Protestbewegung „Widerstand 2020“ gefällt ihr. Und sie hat den Eindruck, dass in der Öffentlichkeit gleich versucht werde, neue politische Initiativen als rechtsextrem zu brandmarken: „Dabei kann eine neue Partei eine Chance sein.“ Ein Schreihals in der deutschen Politik – darauf könnte ich gut verzichten. Aber da sind wir eben mal wieder sehr unterschiedlicher Ansicht.

Bleibt ein für mich zentraler Punkt: Ausgerechnet in jenen Ländern, in denen die Männer an der Macht versucht haben, keine Maßnahmen zu ergreifen, hat sich die Situation sehr viel schlechter entwickelt als in Deutschland. In den USA werden täglich 20.000 Neu-Infizierte nachgewiesen, mehr als 102.000 Menschen sind gestorben – Tendenz: täglich steigend. In Brasilien kommen 17.000 Menschen am Tag dazu, 27.000 sind gestorben, in Großbritannien wächst die Zahl täglich um 2.700 Fälle, 38.000 sind gestorben. Drei dicht besiedelte Länder, die den Versuch unternommen haben, ohne groß angelegte Maßnahmen auszukommen, sind gescheitert. Die Frau verweist darauf, dass im Verhältnis zur amerikanischen Gesamtbevölkerung „nur“ 0,03 Prozent gestorben seien. Eine zynische Rechnung, finde ich. Selbst wenn es um die reinen Zahlen geht, kommen wir nicht zusammen.

Nach eineinhalb Stunden gehen wir auseinander. Wir waren uns selten einig. Aber wir haben unsere Differenzen gepflegt ausgetauscht. Wenn wir uns auf der Straße wiederträfen, gäbe es keinen Anlass, uns aus dem Weg zu gehen. Miteinander zu sprechen, war diesmal die bessere Wahl.

Dreiviertel der Deutschen finden Maßnahmen richtig

- Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat 1.005 Deutsche fragen lassen, ob sie die im März beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus richtig fanden. Fast Dreiviertel der Deutschen (74 Prozent) antworten der repräsentativen Umfrage zufolge darauf mit ja.

- 15 Prozent der zwischen dem 18. und 25. Mai Befragten sehen es anders. Sie sind der Meinung, dass die Maßnahmen zu weit gingen.

- Eine Minderheit von neun Prozent hätte sich sogar ein strikteres Eingreifen des Staates gewünscht. Ihnen gingen die Einschränkungen nicht weit genug, hat die Auswertung des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap ergeben.

- Die Lockerungen, mit denen seit Ende April das öffentliche Leben wieder schrittweise hochgefahren wird, findet mehr als die Hälfte der Deutschen (58 Prozent) richtig. 25 Prozent der Befragten finden, die Lockerungen gehen zu weit.

- Die Menschen, die finden, dass die derzeitigen Lockerungen nicht weit genug gehen, sind mit 15 Prozent in der Minderheit.

- Mit der politischen Arbeit des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) in der Corona-Krise sind 70 Prozent sehr zufrieden bzw. zufrieden; 20 Prozent weniger bis gar nicht zufrieden. Mit der Arbeit des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) ist jeder dritte Deutsche (33 Prozent) sehr zufrieden bzw. zufrieden; 46 Prozent sind weniger bzw. gar nicht zufrieden. (dpa)

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