MT-Ombudsmann Matthias Kalle meldet sich zu Wort: Das bewegte die Leser und Leserinnen im letzten Monat Matthias Kalle Dass Papier geduldig ist, stimmt auch nicht mehr. Geduldig sind im Moment vor allem die Verlage, die Redaktionen und die Leserinnen und Leser, die darauf warten, dass es Papier wieder gibt, damit ihre Zeitungen wieder dicker werden, an Umfang gewinnen. Man will schließlich auch was in der Hand haben, für sein Geld. Seit einem Monat bin ich nun Medien-Ombudsmann des „Mindener Tageblatts", und die Mails, die mich bisher erreicht haben, waren vielfältig und interessant (wer mir keine Mail schreiben kann oder will, für den gibt es selbstverständlich noch andere möglichen, mich zu erreichen, näheres im Faktenkasten). Zum Beispiel fragte ein Leser, ob es eigentlich in Ordnung sei, den Namen der Mitarbeiter einer Organisation zu nennen, die sich um Zwangsprostituierte kümmert. Ein anderer fand einen Text im Online-Archiv nicht. Aber die Sache mit dem Papier ist das, was die meisten umtreibt. Das „Mindener Tageblatt" ist bereits vor Wochen offensiv mit dem Problem der Papierknappheit umgegangen und hat sein Vorgehen transparent gemacht: Weil es zur Zeit weltweit an so genanntem graphischen Papier mangelt (das ist die Sorte Papier, die zum Zeitungsdruck verwendet wird – an dem Papier, das man für Verpackungen braucht, herrscht hingegen kein Mangel), erscheinen viele Zeitungen und Zeitschriften mit reduzierten Umfang. Es gibt deshalb so wenig Papier, weil wir alle im vergangen Jahr weniger Papier benutzt haben und deshalb zu wenig Altpapier zur Erstellung da ist. Das wenige Papier, das es gibt, kostet mehr als Papier gewöhnlich kostet – immerhin der Kapitalismus funktioniert also anscheinend noch in dieser Pandemie. All das führt dazu, dass eine wochentägliche Ausgabe des „Mindener Tageblatts" im Moment im Schnitt nur 28 Seiten hat. Normalerweise wären es 32 oder 36 Seiten, und die Redaktion hat sich Gedanken darüber gemacht, auf welche Inhalte man zwar schmerzhaft, aber unter diesen Umständen verzichten kann. Diese Entscheidung fiel nicht nach Gutdünken, sondern nach den Erfahrungswerten von Leserbefragungen und Online-Abrufen. Aber man vermisst in seiner Zeitung ja immer genau das, was gerade nicht da ist. Oder man findet, dass diese oder jene Sache zu viel Platz in Anspruch nimmt – und wenn dann auch noch eine Beilage erscheint, in der es um Kaiser Wilhelm geht, mit der man wenig anfangen kann, stellt man das Konzept der Seitenreduzierung in Frage. Allerdings wird so eine Beilage Monate vor Erscheinen konzipiert, in diesem Fall zu einer Zeit, als man von der Papierknappheit noch nichts wissen konnte. Andere wundern sich darüber, dass der „Weserspucker" immer noch erscheint. Zeitungspapier ist vor allem ein Träger von Texten, von Informationen, von Geschichten. Es ist aber auch ein Träger von Anzeigen, von Werbung. Die Arbeit einer Redaktion finanziert sich auch dadurch. Falls diese Einnahmequelle wegfallen würde, müsste eine MT-Ausgabe zehn Euro kosten. Das kann niemand wollen. Aber was will die Leserin, was will der Leser, überhaupt? In qualitativen Umfragen, in denen danach gefragt wird, was einen an seiner Zeitung stört, warum vielleicht sogar ein Abo abbestellt wurde, kommt als Antwort sehr oft: Es ist zu viel! Wann soll ich das alles lesen? Die gute Nachricht lautet jedoch: Muss man nicht. Zeitungslesen ist keine Pflichtveranstaltung. Niemand muss das „Mindener Tageblatt" durcharbeiten, um dann nach der letzten Seite erschöpft aufs Sofa zu fallen (obwohl ich von einem Leser weiß, der die Zeitung tatsächlich jeden Tag von vorne bis hinten liest, jeden Text, und das zweimal). Man kann sich ohne schlechtes Gewissen die Texte und Geschichten herauspicken, die einen interessieren. Niemand klingelt und fragt, was denn genau auf Seite 17 stand. Einerseits ist also alles zu viel – andererseits fehlt immer genau das, was man will. Und obwohl eine Redaktion danach strebt, es all ihren Leserinnen und Lesern recht zu machen, gelingt es nicht immer, gerade in Zeiten wie diesen. Wir müssen vielleicht alle gerade etwas geduldig sein. Papier ist es jedenfalls im Moment nicht.

MT-Ombudsmann Matthias Kalle meldet sich zu Wort: Das bewegte die Leser und Leserinnen im letzten Monat

Matthias Kalle ist seit einen Monat der Ombudsmann des Mindener Tageblatts. © JONAS HOLTHAUS PHOTOGRAPHY

Dass Papier geduldig ist, stimmt auch nicht mehr. Geduldig sind im Moment vor allem die Verlage, die Redaktionen und die Leserinnen und Leser, die darauf warten, dass es Papier wieder gibt, damit ihre Zeitungen wieder dicker werden, an Umfang gewinnen. Man will schließlich auch was in der Hand haben, für sein Geld.

Seit einem Monat bin ich nun Medien-Ombudsmann des „Mindener Tageblatts", und die Mails, die mich bisher erreicht haben, waren vielfältig und interessant (wer mir keine Mail schreiben kann oder will, für den gibt es selbstverständlich noch andere möglichen, mich zu erreichen, näheres im Faktenkasten). Zum Beispiel fragte ein Leser, ob es eigentlich in Ordnung sei, den Namen der Mitarbeiter einer Organisation zu nennen, die sich um Zwangsprostituierte kümmert. Ein anderer fand einen Text im Online-Archiv nicht. Aber die Sache mit dem Papier ist das, was die meisten umtreibt.

Das „Mindener Tageblatt" ist bereits vor Wochen offensiv mit dem Problem der Papierknappheit umgegangen und hat sein Vorgehen transparent gemacht: Weil es zur Zeit weltweit an so genanntem graphischen Papier mangelt (das ist die Sorte Papier, die zum Zeitungsdruck verwendet wird – an dem Papier, das man für Verpackungen braucht, herrscht hingegen kein Mangel), erscheinen viele Zeitungen und Zeitschriften mit reduzierten Umfang. Es gibt deshalb so wenig Papier, weil wir alle im vergangen Jahr weniger Papier benutzt haben und deshalb zu wenig Altpapier zur Erstellung da ist. Das wenige Papier, das es gibt, kostet mehr als Papier gewöhnlich kostet – immerhin der Kapitalismus funktioniert also anscheinend noch in dieser Pandemie. All das führt dazu, dass eine wochentägliche Ausgabe des „Mindener Tageblatts" im Moment im Schnitt nur 28 Seiten hat. Normalerweise wären es 32 oder 36 Seiten, und die Redaktion hat sich Gedanken darüber gemacht, auf welche Inhalte man zwar schmerzhaft, aber unter diesen Umständen verzichten kann. Diese Entscheidung fiel nicht nach Gutdünken, sondern nach den Erfahrungswerten von Leserbefragungen und Online-Abrufen.

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Patrick Schwemmling

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Aber man vermisst in seiner Zeitung ja immer genau das, was gerade nicht da ist. Oder man findet, dass diese oder jene Sache zu viel Platz in Anspruch nimmt – und wenn dann auch noch eine Beilage erscheint, in der es um Kaiser Wilhelm geht, mit der man wenig anfangen kann, stellt man das Konzept der Seitenreduzierung in Frage. Allerdings wird so eine Beilage Monate vor Erscheinen konzipiert, in diesem Fall zu einer Zeit, als man von der Papierknappheit noch nichts wissen konnte.

Andere wundern sich darüber, dass der „Weserspucker" immer noch erscheint. Zeitungspapier ist vor allem ein Träger von Texten, von Informationen, von Geschichten. Es ist aber auch ein Träger von Anzeigen, von Werbung. Die Arbeit einer Redaktion finanziert sich auch dadurch. Falls diese Einnahmequelle wegfallen würde, müsste eine MT-Ausgabe zehn Euro kosten. Das kann niemand wollen.

Aber was will die Leserin, was will der Leser, überhaupt? In qualitativen Umfragen, in denen danach gefragt wird, was einen an seiner Zeitung stört, warum vielleicht sogar ein Abo abbestellt wurde, kommt als Antwort sehr oft: Es ist zu viel! Wann soll ich das alles lesen?

Die gute Nachricht lautet jedoch: Muss man nicht. Zeitungslesen ist keine Pflichtveranstaltung. Niemand muss das „Mindener Tageblatt" durcharbeiten, um dann nach der letzten Seite erschöpft aufs Sofa zu fallen (obwohl ich von einem Leser weiß, der die Zeitung tatsächlich jeden Tag von vorne bis hinten liest, jeden Text, und das zweimal). Man kann sich ohne schlechtes Gewissen die Texte und Geschichten herauspicken, die einen interessieren. Niemand klingelt und fragt, was denn genau auf Seite 17 stand.

Einerseits ist also alles zu viel – andererseits fehlt immer genau das, was man will. Und obwohl eine Redaktion danach strebt, es all ihren Leserinnen und Lesern recht zu machen, gelingt es nicht immer, gerade in Zeiten wie diesen.

Wir müssen vielleicht alle gerade etwas geduldig sein. Papier ist es jedenfalls im Moment nicht.

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