MT-Interview zur Städtepartnerschaft: „Keine Angst vor dem Fremden“ Benjamin Piel Minden (mt). „Wenn man sich kennt, schießt man nicht aufeinander.“ Das war rund 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eine der Motivationen für die Bildung des Wilmersdorfer Kreises. In ihm schlossen sich neben Minden die Städte Berlin-Wilmersdorf, Apeldoorn (Niederlande), Gagny (Frankreich), Gladsaxe (Dänemark) und Sutton (England) als Partnerstädte zusammen. Seit 40 Jahren pflegt die Mindener Gesellschaft zur Förderung internationaler Städtepartnerschaften (Gefis) die freundschaftlichen Beziehungen Mindens zu seinen Partnerstädten. Dazu gehören auch Tangermünde (Sachsen-Anhalt), Grodno (Weißrussland) und Tavarnelle (Italien). Ute Hannemann leitet den Verein mit seinen rund 200 Mitgliedern und glaubt, dass die politische Großwetterlage Städtepartnerschaften mehr Gewicht verleiht. Manchmal wirkt es, als seien Städtepartnerschaften aus der Zeit gefallen. Stimmt das? Auf den ersten Blick mag das so scheinen und es ist in der Tat gar nicht so einfach, den Grundgedanken am Leben zu halten. Zuletzt sehe ich dafür aber wieder Chancen, wenn auch aus oft eher traurigen Anlässen. Nämlich? Es geht um Frieden und Freundschaft unter den Völkern und in Europa. Dafür sind und bleiben Städtepartnerschaften ein gutes Instrument. Es stimmt zwar, dass viele engagierte Gründungsmitglieder inzwischen in die Jahre gekommen sind. Aber seitdem der Brexit im Raum steht und Trump an der Macht ist, merken wir so stark wie seit Langem nicht mehr, wie wichtig der Gedanke des Austauschs von Menschen über Ländergrenzen hinweg ist. Diese beängstigenden Entwicklungen des Rückzuges in die Nationalstaatlichkeit machen deutlich, wohin es führt, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern sich nicht mehr freundschaftlich austauschen. Gibt es einen Anlass, an dem Sie das besonders spüren? Apeldoorn hatte sich vorübergehend aus der Partnerschaftsarbeit zurück gezogen und ist jetzt wieder sehr interessiert. Mit wirtschaftlichem Schwerpunkt, aber auch die kritische Würdigung der Kriege und der aktuellen langen Friedenszeit haben sich zu einem gemeinsamen Thema entwickelt. Etwas Besonderes ist auch, dass wir seit zehn Jahren an der Fete des Vendanges in Gangy teilnehmen. Das ist ein regionaler Markt zum Erntedank, auf dem französische Produzenten ihre Spezialitäten anbieten. Wir sind mit einem Stand vertreten und haben westfälische Lebensmittel und Bier im Angebot. Bei den Franzosen kommt das sehr gut an. Den Stand dort zu haben, ist ein großer Aufwand, aber das ist es wert. Wirkt sich der Brexit auf die Partnerschaft Mindens mit Sutton aus? Wir haben gemerkt, dass viele Menschen dort bestürzt waren und sind über die Entwicklung. Es gibt allerdings auch Menschen, die uns gesagt haben, dass sie für den Brexit sind. Trotzdem haben wir deutlich gemerkt, dass seitdem mehr Ratsleute aus Sutton an Treffen teilgenommen haben. Da wacht man so langsam auf, ist mein Eindruck. Wir bekunden gegenseitig regelmäßig, dass wir nicht nur wollen, dass die Partnerschaften bestehen bleiben, sondern eine ganz neue Bedeutung bekommen. Warum braucht es für Städtepartnerschaften einen solchen Verein? Die Idee war vor 40 Jahren, die Partnerschaften auf eine bürgerschaftliche Basis zu stellen. Der Austausch sollte nicht nur auf Verwaltungsebene stattfinden, sondern unter den Bürgern der jeweiligen Städte lebendig werden. Das hat sich auch als sinnvoll erwiesen und den Austausch belebt. Wäre es nicht sinnvoll, wenn sich die Schulen mehr untereinander austauschen und sich gegenseitig besuchen würden? Ja, das stimmt, aber das ist etwas, das die Gefis allein nicht leisten kann, auch wenn wir einen solchen intensiven Austausch unterstützen würden. Allerdings sind die Hürden für die Schulen höher geworden. Gasteltern in England müssen beispielsweise eine Führungszeugnis vorlegen und Ähnliches. So etwas ist nachvollziehbar, weil man sich absichern will, aber es bedeutet einen großen bürokratischen Aufwand und der erschwert den Austausch. Und Reisen ins Ausland kann heute jeder machen, auch jenseits der Städtepartnerschaften. Früher waren Reisen ins Ausland etwas Besonderes – nicht nur für Schülerinnen und Schüler. Wir haben davon profitiert, weil Menschen unsere Aktivitäten spannend fanden, um Kontakte ins Ausland zu knüpfen und dorthin zu reisen. Das ist heute natürlich ganz anders. Bis heute gilt allerdings, dass wir persönliche Kontakte anbieten und vermitteln können. Das ist bei einer Pauschalreise nicht möglich. Die Kultur und das Leben eines Landes so intensiv mitzubekommen, das ist viel wert, das kann man nicht so leicht kaufen. Wir haben viel Erfolg damit, Best-Agers zu gewinnen, die keine Lust auf 0-8-15-Pauschalreisen haben und in die Kultur des jeweiligen Landes tiefer eintauchen wollen. Haben Sie das auch persönlich erlebt? Und ob. Ich habe ein Jahr in den USA und in Frankreich gelebt. Durch den engen Kontakt mit den Menschen dort habe ich interkulturelle Kompetenzen erworben. Ich kann mich noch erinnern, dass ich als junges Mädchen erstaunt war, dass die Amerikaner so vieles anders machen als wir und es trotzdem gut funktionierte. Ich wünschte, mehr Menschen würden positive Auslandserfahrungen machen. Denn so kann keine Angst vor dem Fremden entstehen. Das gilt übrigens auch für Sprachen, deshalb bieten wir an jedem letzten Mittwoch im Monat einen Sprachenstammtisch an. Dort unterhalten sich Menschen auf Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch, um ihre Kenntnisse wach zu halten. Die acht bis zehn Teilnehmer schätzen das sehr. Wie ist es um die Zukunft der Gefis bestellt? Ich glaube, dass das Thema an Fahrt gewinnen wird, wenn sich Menschen dafür einsetzen. Das Potenzial dafür ist gerade jetzt und angesichts der politischen Entwicklungen gegeben. Es braucht allerdings Leute, die sich engagieren und die bereit sind, Zeit zu investieren. Wenn sich die immer wieder finden, mache ich mir um die Zukunft keine Sorgen – im Gegenteil. -- #200in365 In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen. Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

MT-Interview zur Städtepartnerschaft: „Keine Angst vor dem Fremden“

Ausflugsschiffe auf dem Tanger bei Tangermünde – in der Partnerstadt Mindens erreicht der kleine Fluss die Elbe. © Michael Bader/IMG Sachsen-Anhalt/dpa-tmn

Minden (mt). „Wenn man sich kennt, schießt man nicht aufeinander.“ Das war rund 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eine der Motivationen für die Bildung des Wilmersdorfer Kreises. In ihm schlossen sich neben Minden die Städte Berlin-Wilmersdorf, Apeldoorn (Niederlande), Gagny (Frankreich), Gladsaxe (Dänemark) und Sutton (England) als Partnerstädte zusammen. Seit 40 Jahren pflegt die Mindener Gesellschaft zur Förderung internationaler Städtepartnerschaften (Gefis) die freundschaftlichen Beziehungen Mindens zu seinen Partnerstädten. Dazu gehören auch Tangermünde (Sachsen-Anhalt), Grodno (Weißrussland) und Tavarnelle (Italien). Ute Hannemann leitet den Verein mit seinen rund 200 Mitgliedern und glaubt, dass die politische Großwetterlage Städtepartnerschaften mehr Gewicht verleiht.

Manchmal wirkt es, als seien Städtepartnerschaften aus der Zeit gefallen. Stimmt das?

Auf den ersten Blick mag das so scheinen und es ist in der Tat gar nicht so einfach, den Grundgedanken am Leben zu halten. Zuletzt sehe ich dafür aber wieder Chancen, wenn auch aus oft eher traurigen Anlässen.

Ute Hannemann leitet den rund 200 Mitglieder starken Verein. - © Benjamin Piel/mt
Ute Hannemann leitet den rund 200 Mitglieder starken Verein. - © Benjamin Piel/mt

Nämlich?

Es geht um Frieden und Freundschaft unter den Völkern und in Europa. Dafür sind und bleiben Städtepartnerschaften ein gutes Instrument. Es stimmt zwar, dass viele engagierte Gründungsmitglieder inzwischen in die Jahre gekommen sind. Aber seitdem der Brexit im Raum steht und Trump an der Macht ist, merken wir so stark wie seit Langem nicht mehr, wie wichtig der Gedanke des Austauschs von Menschen über Ländergrenzen hinweg ist. Diese beängstigenden Entwicklungen des Rückzuges in die Nationalstaatlichkeit machen deutlich, wohin es führt, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern sich nicht mehr freundschaftlich austauschen.

Gibt es einen Anlass, an dem Sie das besonders spüren?

Apeldoorn hatte sich vorübergehend aus der Partnerschaftsarbeit zurück gezogen und ist jetzt wieder sehr interessiert. Mit wirtschaftlichem Schwerpunkt, aber auch die kritische Würdigung der Kriege und der aktuellen langen Friedenszeit haben sich zu einem gemeinsamen Thema entwickelt. Etwas Besonderes ist auch, dass wir seit zehn Jahren an der Fete des Vendanges in Gangy teilnehmen. Das ist ein regionaler Markt zum Erntedank, auf dem französische Produzenten ihre Spezialitäten anbieten. Wir sind mit einem Stand vertreten und haben westfälische Lebensmittel und Bier im Angebot. Bei den Franzosen kommt das sehr gut an. Den Stand dort zu haben, ist ein großer Aufwand, aber das ist es wert.

Wirkt sich der Brexit auf die Partnerschaft Mindens mit Sutton aus?

Wir haben gemerkt, dass viele Menschen dort bestürzt waren und sind über die Entwicklung. Es gibt allerdings auch Menschen, die uns gesagt haben, dass sie für den Brexit sind. Trotzdem haben wir deutlich gemerkt, dass seitdem mehr Ratsleute aus Sutton an Treffen teilgenommen haben. Da wacht man so langsam auf, ist mein Eindruck. Wir bekunden gegenseitig regelmäßig, dass wir nicht nur wollen, dass die Partnerschaften bestehen bleiben, sondern eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Warum braucht es für Städtepartnerschaften einen solchen Verein?

Die Idee war vor 40 Jahren, die Partnerschaften auf eine bürgerschaftliche Basis zu stellen. Der Austausch sollte nicht nur auf Verwaltungsebene stattfinden, sondern unter den Bürgern der jeweiligen Städte lebendig werden. Das hat sich auch als sinnvoll erwiesen und den Austausch belebt.

Wäre es nicht sinnvoll, wenn sich die Schulen mehr untereinander austauschen und sich gegenseitig besuchen würden?

Ja, das stimmt, aber das ist etwas, das die Gefis allein nicht leisten kann, auch wenn wir einen solchen intensiven Austausch unterstützen würden. Allerdings sind die Hürden für die Schulen höher geworden. Gasteltern in England müssen beispielsweise eine Führungszeugnis vorlegen und Ähnliches. So etwas ist nachvollziehbar, weil man sich absichern will, aber es bedeutet einen großen bürokratischen Aufwand und der erschwert den Austausch.

Und Reisen ins Ausland kann heute jeder machen, auch jenseits der Städtepartnerschaften.

Früher waren Reisen ins Ausland etwas Besonderes – nicht nur für Schülerinnen und Schüler. Wir haben davon profitiert, weil Menschen unsere Aktivitäten spannend fanden, um Kontakte ins Ausland zu knüpfen und dorthin zu reisen. Das ist heute natürlich ganz anders. Bis heute gilt allerdings, dass wir persönliche Kontakte anbieten und vermitteln können. Das ist bei einer Pauschalreise nicht möglich. Die Kultur und das Leben eines Landes so intensiv mitzubekommen, das ist viel wert, das kann man nicht so leicht kaufen. Wir haben viel Erfolg damit, Best-Agers zu gewinnen, die keine Lust auf 0-8-15-Pauschalreisen haben und in die Kultur des jeweiligen Landes tiefer eintauchen wollen.

Haben Sie das auch persönlich erlebt?

Und ob. Ich habe ein Jahr in den USA und in Frankreich gelebt. Durch den engen Kontakt mit den Menschen dort habe ich interkulturelle Kompetenzen erworben. Ich kann mich noch erinnern, dass ich als junges Mädchen erstaunt war, dass die Amerikaner so vieles anders machen als wir und es trotzdem gut funktionierte. Ich wünschte, mehr Menschen würden positive Auslandserfahrungen machen. Denn so kann keine Angst vor dem Fremden entstehen. Das gilt übrigens auch für Sprachen, deshalb bieten wir an jedem letzten Mittwoch im Monat einen Sprachenstammtisch an. Dort unterhalten sich Menschen auf Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch, um ihre Kenntnisse wach zu halten. Die acht bis zehn Teilnehmer schätzen das sehr.

Wie ist es um die Zukunft der Gefis bestellt?

Ich glaube, dass das Thema an Fahrt gewinnen wird, wenn sich Menschen dafür einsetzen. Das Potenzial dafür ist gerade jetzt und angesichts der politischen Entwicklungen gegeben. Es braucht allerdings Leute, die sich engagieren und die bereit sind, Zeit zu investieren. Wenn sich die immer wieder finden, mache ich mir um die Zukunft keine Sorgen – im Gegenteil.

--

#200in365

In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen.

Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden