MT-Interview zur Mindener Tafel: „Auch wir hatten Kurzarbeit“ Stefan Koch Minden. Die Coronakrise trifft nicht nur Teile der Wirtschaft hart, sondern auch viele gemeinnützige Organisationen und die Bedürftigen, für die sie da sind. Das ist auch bei der Mindener Tafel der Fall. Ihre ehrenamtlichen und angestellten Kräfte sorgen am Hauptstandort Hohenzollernring in Minden sowie in Heimsen und Petershagen dafür, dass Bedürftige zu niedrigen Preisen an Lebensmittel gelangen. Auch hier hatte im Frühjahr der Lockdown und die weiteren Kontaktbeschränkungen in der Folge zu Einbrüchen geführt. Wolfgang Reichel, der Vorsitzende des Vereins, berichtet über die neuen Verhältnisse, mit denen das humanitäre Engagement zurechtkommen muss. Nicht nur die Gastronomie und der Einzelhandel wurden von der Coronakrise im Frühjahr kalt erwischt, sondern viele andere Organisationen, bei denen es nicht gerade um Umsatz ging, gleichermaßen. Wie war das bei Ihnen? Am 18. März hatten wir die Tafel in Minden sowie die Ausgabestellen in Heimsen und Petershagen für eine Woche geschlossen. Danach gab es einen Bringdienst für 25 bis 30 Personen. Dann hatten wir vor Ostern eine Notausgabe eingerichtet, wo wir 250 Personen einmal in der Woche bedienen konnten. Die Ausgabe erfolgte auf dem Hof in Minden und die Lebensmittel gab es in gepackten Tüten. Wir konnten in dieser Zeit keine Lebensmittelmärkte anfahren, um die Mitarbeiter vor möglichen Infektionen zu schützen. Stattdessen mussten wir aus Geldspenden Ware zukaufen und Lebensmittelspenden aus der Bevölkerung nehmen. Konnten Sie damals alle erreichen, die auf Ihre Hilfe angewiesen waren? Es handelte sich bei den 250 Kunden um Personen aus Bedarfsgemeinschaften – das heißt, sie versorgten andere Familienmitglieder mit, so dass wir mit mehr als 700 Bedürftigen gerechnet hatten. Dennoch haben wir festgestellt, dass 20 Prozent weniger Kunden gekommen sind. Vielleich lag es daran, dass sie Angst vor Infektionen hatten oder die Strapazen des langen Warten nicht auf sich nehmen wollten. Im November stellten wir aber fest, dass neue Kunden kamen. Wir wissen, dass Betroffene wegen der Kurzarbeit geringere Einkünfte hatten. Am 24. November hatten wir 369 Bedarfsgemeinschaften mit 983 Personen gezählt. Wie bekommen sie solche genauen Zahlen? Die Bedürftigkeit müssen die Kunden nachweisen. Dazu gibt es behördliche Bescheide die bei uns eingetragen werden. Wie ging es im Sommer dann weiter, als sich die Pandemie zu verflüchtigen schien? Anfang Juni hatten wir den Tafelbetrieb unter Coronabedingungen wieder aufgenommen, das heißt, Abstand auf dem Hof und eingeschränkte Personenzahl im Innenbereich, Plexiglasschutzscheiben für die Mitarbeiter, Desinfektion der Hände vor Zutritt und so weiter. Am 3. August wurde die Ausgabe dann wieder in den Normalbetrieb zweimal in der Woche und unter den entsprechenden Schutzbestimmungen eingeführt. Gab es Coronainfektionen bei der Tafel? Zum Glück ist das weder bei unseren 140 ehrenamtlichen Mitarbeiter noch bei den Kunden eingetreten. Welchen Herausforderungen sehen sie in den nächsten Wintermonaten auf die Tafel zukommen? Seit dem 3. November haben wir die Ausgabe von drinnen vor die Tafel verlagert. Die Kunden können nicht mehr einkaufen, sondern erhalten nur noch gepackte Tüten. Des Weiteren besteht bei uns ein rollierendes Abholsystem, bei dem wir die Kunden über das uns zur Verfügung stehende Zeitfenster verteilen. Seit dem 3. Juni fahren wir auch wieder die Lebensmittelmärkte an. Die Märkte sind auch froh, dass wir wieder aus dem Verkauf genommene Ware abholen, so dass wir keine Lebensmittelknappheit im Moment haben. Was haben die Märkte mit den nicht verkauften Lebensmitteln gemacht, als sie nicht gekommen sind? Das weiß nicht. Und wer sind überhaupt ihre Kunden? Aktuell haben wir es mit 60 Nationen zu tun. Die größte Gruppe sind deutsche Staatsbürger. Danach kommen Migranten aus Syrien und danach aus dem Irak. Der größte Anteil befindet im SGB II-Bezug. Die größte Gruppe in unserer Altersstatistik ist zwischen 31 bis 40 Jahre alt. Viele Bedarfsgemeinschaften weisen Kinder auf. Was teilen diese Menschen aus ihrem Corona-Alltag mit, wie sehen dort die Sorgen aus? Das lässt sich schlecht sagen. Es gibt wenig Zeit für Gespräche, weil der Durchlauf aus Sicherheitsgründen möglichst zügig vonstatten gehen muss. Früher trafen sich noch Gruppen auf dem Hof in Minden und unterhielten sich. Das gibt es nicht mehr. Ich glaube, dass die Leute froh sind, dass wir da sind. Der vollständige Lockdown im Frühjahr muss ein ziemlicher Schock für alle gewesen sein. Hat die Tafel noch andere Angebote aufrecht erhalten können, die über die Lieferung von Lebensmitteln hinausgegangen sind? Neben der Lebensmittelausgabe gibt es für Kinder aus den Bedarfsgemeinschaften noch eine Hausaufgabenbetreuung. In der Spitze waren das 25 bis 30 Kinder. Am Dienstag hatten sich 14 Kinder aus vier Familien angemeldet. Die Hausaufgabenbetreuung ist von der Hohenstaufenschule in das Aktivitätszentrum Altendorf umgezogen, wo wir über wesentlich mehr Platz und Räume verfügen. Das Projekt unterstützen Schüler der Oberstufe des Ratsgymnasiums. Ihre Tafel finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen, der Ausgabe von unverkäuflichen Lebensmitteln gegen einen geringen Betrag sowie sporadischen Spenden. Wie hat sich da die Coronakrise auf die Finanzierung ihrer Arbeit ausgewirkt? Wir hatten bedeutend weniger Einnahmen aus der Abgabe der Lebensmittel erzielt. Wir hatten auch Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen. Es gab einen erheblichen Aufwand für die Beschaffung von Papiertüten zur infektionssicheren Lebensmittelausgabe. Bei uns sind drei Mitarbeiter in Teilzeit – davon zwei im Büro und ein Lagerist. Dann haben wir vier Minijobber angestellt. Wir müssen dieses Personal bezahlen. Schließlich sind bei uns 1.500 Bedarfsgemeinschaften mit 4.000 Personen registriert. Das ist ein großer Pool an Kunden und der ist mit sehr viel Bürokratie verbunden.

MT-Interview zur Mindener Tafel: „Auch wir hatten Kurzarbeit“

Die Ausgabe der Lebensmittel erfolgt jetzt auf dem Hof. Dabei müssen die Kunden der Tafel den Sicherheitsabstand einhalten. Kommunikation ist damit nicht mehr möglich. Foto: Kerstin Rickert © Kerstin Rickert

Minden. Die Coronakrise trifft nicht nur Teile der Wirtschaft hart, sondern auch viele gemeinnützige Organisationen und die Bedürftigen, für die sie da sind. Das ist auch bei der Mindener Tafel der Fall. Ihre ehrenamtlichen und angestellten Kräfte sorgen am Hauptstandort Hohenzollernring in Minden sowie in Heimsen und Petershagen dafür, dass Bedürftige zu niedrigen Preisen an Lebensmittel gelangen. Auch hier hatte im Frühjahr der Lockdown und die weiteren Kontaktbeschränkungen in der Folge zu Einbrüchen geführt. Wolfgang Reichel, der Vorsitzende des Vereins, berichtet über die neuen Verhältnisse, mit denen das humanitäre Engagement zurechtkommen muss.

Nicht nur die Gastronomie und der Einzelhandel wurden von der Coronakrise im Frühjahr kalt erwischt, sondern viele andere Organisationen, bei denen es nicht gerade um Umsatz ging, gleichermaßen. Wie war das bei Ihnen?

Am 18. März hatten wir die Tafel in Minden sowie die Ausgabestellen in Heimsen und Petershagen für eine Woche geschlossen. Danach gab es einen Bringdienst für 25 bis 30 Personen. Dann hatten wir vor Ostern eine Notausgabe eingerichtet, wo wir 250 Personen einmal in der Woche bedienen konnten. Die Ausgabe erfolgte auf dem Hof in Minden und die Lebensmittel gab es in gepackten Tüten. Wir konnten in dieser Zeit keine Lebensmittelmärkte anfahren, um die Mitarbeiter vor möglichen Infektionen zu schützen. Stattdessen mussten wir aus Geldspenden Ware zukaufen und Lebensmittelspenden aus der Bevölkerung nehmen.

Wolfgang Reichel will so viel Kunden wie möglich versorgen. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Wolfgang Reichel will so viel Kunden wie möglich versorgen. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert

Konnten Sie damals alle erreichen, die auf Ihre Hilfe angewiesen waren?

Es handelte sich bei den 250 Kunden um Personen aus Bedarfsgemeinschaften – das heißt, sie versorgten andere Familienmitglieder mit, so dass wir mit mehr als 700 Bedürftigen gerechnet hatten. Dennoch haben wir festgestellt, dass 20 Prozent weniger Kunden gekommen sind. Vielleich lag es daran, dass sie Angst vor Infektionen hatten oder die Strapazen des langen Warten nicht auf sich nehmen wollten. Im November stellten wir aber fest, dass neue Kunden kamen. Wir wissen, dass Betroffene wegen der Kurzarbeit geringere Einkünfte hatten. Am 24. November hatten wir 369 Bedarfsgemeinschaften mit 983 Personen gezählt.

Wie bekommen sie solche genauen Zahlen?

Die Bedürftigkeit müssen die Kunden nachweisen. Dazu gibt es behördliche Bescheide die bei uns eingetragen werden.

Wie ging es im Sommer dann weiter, als sich die Pandemie zu verflüchtigen schien?

Anfang Juni hatten wir den Tafelbetrieb unter Coronabedingungen wieder aufgenommen, das heißt, Abstand auf dem Hof und eingeschränkte Personenzahl im Innenbereich, Plexiglasschutzscheiben für die Mitarbeiter, Desinfektion der Hände vor Zutritt und so weiter. Am 3. August wurde die Ausgabe dann wieder in den Normalbetrieb zweimal in der Woche und unter den entsprechenden Schutzbestimmungen eingeführt.

Gab es Coronainfektionen bei der Tafel?

Zum Glück ist das weder bei unseren 140 ehrenamtlichen Mitarbeiter noch bei den Kunden eingetreten.

Welchen Herausforderungen sehen sie in den nächsten Wintermonaten auf die Tafel zukommen?

Seit dem 3. November haben wir die Ausgabe von drinnen vor die Tafel verlagert. Die Kunden können nicht mehr einkaufen, sondern erhalten nur noch gepackte Tüten. Des Weiteren besteht bei uns ein rollierendes Abholsystem, bei dem wir die Kunden über das uns zur Verfügung stehende Zeitfenster verteilen. Seit dem 3. Juni fahren wir auch wieder die Lebensmittelmärkte an. Die Märkte sind auch froh, dass wir wieder aus dem Verkauf genommene Ware abholen, so dass wir keine Lebensmittelknappheit im Moment haben.

Was haben die Märkte mit den nicht verkauften Lebensmitteln gemacht, als sie nicht gekommen sind?

Das weiß nicht.

Und wer sind überhaupt ihre Kunden?

Aktuell haben wir es mit 60 Nationen zu tun. Die größte Gruppe sind deutsche Staatsbürger. Danach kommen Migranten aus Syrien und danach aus dem Irak. Der größte Anteil befindet im SGB II-Bezug. Die größte Gruppe in unserer Altersstatistik ist zwischen 31 bis 40 Jahre alt. Viele Bedarfsgemeinschaften weisen Kinder auf.

Was teilen diese Menschen aus ihrem Corona-Alltag mit, wie sehen dort die Sorgen aus?

Das lässt sich schlecht sagen. Es gibt wenig Zeit für Gespräche, weil der Durchlauf aus Sicherheitsgründen möglichst zügig vonstatten gehen muss. Früher trafen sich noch Gruppen auf dem Hof in Minden und unterhielten sich. Das gibt es nicht mehr. Ich glaube, dass die Leute froh sind, dass wir da sind. Der vollständige Lockdown im Frühjahr muss ein ziemlicher Schock für alle gewesen sein.

Hat die Tafel noch andere Angebote aufrecht erhalten können, die über die Lieferung von Lebensmitteln hinausgegangen sind?

Neben der Lebensmittelausgabe gibt es für Kinder aus den Bedarfsgemeinschaften noch eine Hausaufgabenbetreuung. In der Spitze waren das 25 bis 30 Kinder. Am Dienstag hatten sich 14 Kinder aus vier Familien angemeldet. Die Hausaufgabenbetreuung ist von der Hohenstaufenschule in das Aktivitätszentrum Altendorf umgezogen, wo wir über wesentlich mehr Platz und Räume verfügen. Das Projekt unterstützen Schüler der Oberstufe des Ratsgymnasiums.

Ihre Tafel finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen, der Ausgabe von unverkäuflichen Lebensmitteln gegen einen geringen Betrag sowie sporadischen Spenden. Wie hat sich da die Coronakrise auf die Finanzierung ihrer Arbeit ausgewirkt?

Wir hatten bedeutend weniger Einnahmen aus der Abgabe der Lebensmittel erzielt. Wir hatten auch Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen. Es gab einen erheblichen Aufwand für die Beschaffung von Papiertüten zur infektionssicheren Lebensmittelausgabe. Bei uns sind drei Mitarbeiter in Teilzeit – davon zwei im Büro und ein Lagerist. Dann haben wir vier Minijobber angestellt. Wir müssen dieses Personal bezahlen. Schließlich sind bei uns 1.500 Bedarfsgemeinschaften mit 4.000 Personen registriert. Das ist ein großer Pool an Kunden und der ist mit sehr viel Bürokratie verbunden.

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