MT-Interview mit Professor Reinbold: „Ich bin kein flauschiger Typ“ Monika Jäger Minden. Wer Wolf-Dieter Reinbold in Fahrt erlebt hat, vergisst das nicht so schnell wieder. Es konnte passieren, dass der Radiologe voller Begeisterung über die neuesten Entwicklungen und Chancen seines Fachgebiets so sehr ins Schwärmen kam, dass medizinische Laien auch mal nicht mehr mitkamen. Gleichzeitig konnte er, etwa bei der KinderUni oder für Besuchergruppen, ein charmanter Erklärer auf Augenhöhe sein. Alle, die ihm zuhörten, verstanden: hier ist einer, der immer, immer mehr will, der nicht stehen bleiben kann, der die Medizin leidenschaftlich liebt. Als medizinischer Direktor der Mühlenkreiskliniken gab er gern den schwer berechenbaren Polterkopp, der auch um die sprichwörtlichen Elefanten im Raum keinen Bogen zu machen bereit war, der immer und überall die Rechte der Mediziner gegen die Verwalter („Die können alles, aber keine Medizin“) verteidigte. Als Funktionär setzte er seine Kraft auch dafür ein, die modernsten Methoden der Neuroradiologie zu etablieren und für Minden überall das Bestmögliche rauszuholen. Er war auch Cellist und Liebhaber der Kammermusik, und da saß er manchmal am Wochenende im Treppenhaus des Klinikums und gab Konzerte. Als Chefarzt, das hätte ihm ein Kollege zum Abschied gesagt, sei er ein „Kümmerer“ gewesen. Das hat Reinbold gefreut. Eine offizielle Verabschiedung gab es noch nicht – wegen Corona, die offizielle Feier wird irgendwann nachgeholt. Seit August lebt er jetzt mit seiner Frau in einem Haus am See in Schleswig-Holstein. Und was macht er mit der ganzen Energie? „Cello spielen, und dann sind da ja auch die fünf Enkelkinder.“ Angebote, anderes zu tun, hatte er genug. Angenommen hat er keines. Vorerst. Eigentlich wollte er ja mal Gehirnchirurg werden. 1952 in eine Stuttgarter Medizinerfamilie geboren, war er in der Schule ein Ass in Mathe und Physik. Im Studium in Freiburg hörte er dann irgendwann eine Vorlesung von Professor Werner Wenz, der zu der Zeit auch am dortigen Uniklinikum Chefradiologe war. „Das war die beste Vorlesung überhaupt“, sagt Reinbold rückblickend. Und wegen dieses außergewöhnlichen Lehrers wählte er dann selbst auch den Schwerpunkt Radiologie. Allerdings ging er auch hier seinen eigenen Weg und konzentrierte sich lieber auf Knochen statt auf Gefäße. „Damit bin ich aus der Phalanx der Habilitanden ausgebrochen.“ Unter anderem in San Francisco bildete er sich weiter, und als er nach einem halben Jahr nach Freiburg zurückkam, wollte er eigentlich auch Professor und Lehrender werden. „Doch damals war ich für ein Ordinariat zu jung und mein Freiburger Chef war kurz vor der Emeritierung.“ Also sah er sich nach neuen Herausforderungen um. In Minden suchte das Klinikum gerade einen Chefarzt für sein Institut für Radiologie, Neuroradiologie und Nuklearmedizin. Reinbold bewarb sich und wurde so 1989 mit 36 Jahren zu einem der jüngsten Chefärzte Deutschlands gewählt. Im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte wurde aus dem aufstrebenden Mediziner, der aus den USA ein in Deutschland völlig neues Verfahren zum Messen der Knochendichte mitgebracht hatte, auch ein Funktionär. „Als Student hatte ich mich nicht mit Gesundheitspolitik befasst“, sagt Reinbold. „Jetzt wurde ich plötzlich gebeten, Vorsitzender des Marburger Bundes zu werden.“ Das ist die Gewerkschaft der Ärzte. Reinbold sah die Entwicklung des Gesundheitssystems zunehmend kritisch. „Politik bedrohte die Belange des Arztes, Krankenhäuser mussten Gewinne abwerfen, Mediziner kamen immer mehr ins Hamsterrad“, erinnert er sich. „Ich dachte: Du musst was dagegen tun, wenn du nicht dem politischen und dem Mammon-Diktat folgen willst.“ Gleichzeitig habe er sich an vielen Punkten bemüht, die Ausstattung des JWK mit Großgeräten voranzutreiben. Dass er es schaffte, ein festes MR-Gerät zu bekommen (siehe Kasten unten auf dieser Seite ), führt er auch darauf zurück, dass er mit Leistungsnachweisen „im Ministerium herumgeisterte“. Kritisch blieb er über die Jahre. „Ich bin kein flauschiger Typ“, sagt Reinbold über Reinbold. „Ich sage den Leuten, was ich denke, eiere nicht rum.“ Das hätten alle geschätzt, sagt er dann auch noch. Unumstritten war er nicht immer; nach der ersten Amtszeit als Ärztlicher Direktor gab es durchaus Kritiker und Gegenkandidaten, doch in der Wahl setzte sich Reinbold durch. „Dass ich polterig war, war auch Taktik, dann wusste ich, wer Freund ist und wer Feind, und dann konnte ich die bearbeiten, die ich überzeugen musste.“ Und er ergänzt nach kurzer Pause: „Ich bin auch emotional.“ Auf alten Fotos ist auch schon mal der Schlips schief, oder der offene Hemdkragen schaut oben aus dem Kittel heraus. „Ich bin halt ein schwäbischer Rollkutscher. Ich kann auch in der Scholle arbeiten“. Für die Ärzte forderte er immer und überall Autonomie. Seine Gegner: Bürokraten und Politiker. Das Knowhow der Mediziner würde von der Verwaltungsspitze immer weniger gesucht, klagt er. „Die entscheiden nur noch nach pekuniären Gesichtspunkten.“ Auch eingekaufte Berater hatten es mit ihm nicht leicht. „Es ist eine fiese Entwicklung, wenn Externen mehr geglaubt wird als der eigenen Mannschaft.“ Dem Verwaltungsrat der Mühlenkreiskliniken lag er in den Ohren, dass ein Mitglied der Ärzteschaft beratend an den Sitzungen teilnehmen müsste. „Wir, die Verantwortung am Patienten haben, sollten zumindest gehört werden.“ In seiner Amtszeit gelang es ihm nicht, den Verwaltungsrat davon zu überzeugen. Professor und Uni-Dozent ist er dann doch noch geworden, allerdings musste dafür die Uni nach Minden kommen. Auch etwas, wofür sich Reinbold eingesetzt hat. „Wir waren gebäude- und gerätemäßig gut aufgestellt und hatten ein exzellentes Ärzteteam, auf das ich als ärztlicher Direktor stolz war“, sagt er rückblickend. Für ihn war klar, dass die Uni nach Minden muss, und dafür ist er mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Matthias Bracht Klinken putzen gegangen. Dass das Land heute wieder Bielefeld und nicht die Ruhr- Universität Bochum stärkt, findet er kein Problem: „Es würde mich wahnsinnig reizen, bei etwas Visionärem dabei zu sein und eine gemeinsame Universität zu gestalten.“ Fehlt ihm Minden? „Voraussetzung für eine hohe uniklinische Qualität ist fachliche und menschliche Solidarität der Ärzte, Schwestern und Pfleger“ – die sei zweifellos da. „Aber ich habe kein Vertrauen mehr ins Management“, sagt er heute. Ende März 2019 legte Reinbold sein Amt als Ärztlicher Direktor nach fast zehn Jahren nieder – hätte er weitergemacht, wäre er kurz nach Antritt der nächsten Amtszeit in Ruhestand gegangen. Medizin muss stark und wichtig bleiben, Privatisierung von Kliniken darf nicht sein, und Krankenhäuser müssen finanziell gut ausgestattet werden: Das sei seine Botschaft an die Nachfolgenden. Gerade jetzt. „Wir brauchen im Coronazeiten eine starke Medizin, die sagt, wo es hingehen soll. Nur so können wir eine Katastrophe abwenden.“

MT-Interview mit Professor Reinbold: „Ich bin kein flauschiger Typ“

Der Radiologe hat die Ausstattung des Klinikums mit Großgeräten vorangetrieben. Fotos: MKK/pr © pr

Minden. Wer Wolf-Dieter Reinbold in Fahrt erlebt hat, vergisst das nicht so schnell wieder. Es konnte passieren, dass der Radiologe voller Begeisterung über die neuesten Entwicklungen und Chancen seines Fachgebiets so sehr ins Schwärmen kam, dass medizinische Laien auch mal nicht mehr mitkamen. Gleichzeitig konnte er, etwa bei der KinderUni oder für Besuchergruppen, ein charmanter Erklärer auf Augenhöhe sein. Alle, die ihm zuhörten, verstanden: hier ist einer, der immer, immer mehr will, der nicht stehen bleiben kann, der die Medizin leidenschaftlich liebt.

Als medizinischer Direktor der Mühlenkreiskliniken gab er gern den schwer berechenbaren Polterkopp, der auch um die sprichwörtlichen Elefanten im Raum keinen Bogen zu machen bereit war, der immer und überall die Rechte der Mediziner gegen die Verwalter („Die können alles, aber keine Medizin“) verteidigte. Als Funktionär setzte er seine Kraft auch dafür ein, die modernsten Methoden der Neuroradiologie zu etablieren und für Minden überall das Bestmögliche rauszuholen.

Wolf-Dieter Reinbold hat es auch an der Kinder-Uni verstanden, seinen Zuhörern die Medizin zu erklären. - © pr
Wolf-Dieter Reinbold hat es auch an der Kinder-Uni verstanden, seinen Zuhörern die Medizin zu erklären. - © pr

Er war auch Cellist und Liebhaber der Kammermusik, und da saß er manchmal am Wochenende im Treppenhaus des Klinikums und gab Konzerte. Als Chefarzt, das hätte ihm ein Kollege zum Abschied gesagt, sei er ein „Kümmerer“ gewesen. Das hat Reinbold gefreut. Eine offizielle Verabschiedung gab es noch nicht – wegen Corona, die offizielle Feier wird irgendwann nachgeholt.

Der Professor ist Cellist und ein Liebhaber der Kammermusik, die er gern im Klinikum präsentierte. - © Muehlenkreiskliniken
Der Professor ist Cellist und ein Liebhaber der Kammermusik, die er gern im Klinikum präsentierte. - © Muehlenkreiskliniken

Seit August lebt er jetzt mit seiner Frau in einem Haus am See in Schleswig-Holstein. Und was macht er mit der ganzen Energie? „Cello spielen, und dann sind da ja auch die fünf Enkelkinder.“ Angebote, anderes zu tun, hatte er genug. Angenommen hat er keines. Vorerst.

Eigentlich wollte er ja mal Gehirnchirurg werden. 1952 in eine Stuttgarter Medizinerfamilie geboren, war er in der Schule ein Ass in Mathe und Physik. Im Studium in Freiburg hörte er dann irgendwann eine Vorlesung von Professor Werner Wenz, der zu der Zeit auch am dortigen Uniklinikum Chefradiologe war. „Das war die beste Vorlesung überhaupt“, sagt Reinbold rückblickend. Und wegen dieses außergewöhnlichen Lehrers wählte er dann selbst auch den Schwerpunkt Radiologie.

Allerdings ging er auch hier seinen eigenen Weg und konzentrierte sich lieber auf Knochen statt auf Gefäße. „Damit bin ich aus der Phalanx der Habilitanden ausgebrochen.“ Unter anderem in San Francisco bildete er sich weiter, und als er nach einem halben Jahr nach Freiburg zurückkam, wollte er eigentlich auch Professor und Lehrender werden. „Doch damals war ich für ein Ordinariat zu jung und mein Freiburger Chef war kurz vor der Emeritierung.“ Also sah er sich nach neuen Herausforderungen um. In Minden suchte das Klinikum gerade einen Chefarzt für sein Institut für Radiologie, Neuroradiologie und Nuklearmedizin. Reinbold bewarb sich und wurde so 1989 mit 36 Jahren zu einem der jüngsten Chefärzte Deutschlands gewählt.

Im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte wurde aus dem aufstrebenden Mediziner, der aus den USA ein in Deutschland völlig neues Verfahren zum Messen der Knochendichte mitgebracht hatte, auch ein Funktionär. „Als Student hatte ich mich nicht mit Gesundheitspolitik befasst“, sagt Reinbold. „Jetzt wurde ich plötzlich gebeten, Vorsitzender des Marburger Bundes zu werden.“ Das ist die Gewerkschaft der Ärzte. Reinbold sah die Entwicklung des Gesundheitssystems zunehmend kritisch.

„Politik bedrohte die Belange des Arztes, Krankenhäuser mussten Gewinne abwerfen, Mediziner kamen immer mehr ins Hamsterrad“, erinnert er sich. „Ich dachte: Du musst was dagegen tun, wenn du nicht dem politischen und dem Mammon-Diktat folgen willst.“

Gleichzeitig habe er sich an vielen Punkten bemüht, die Ausstattung des JWK mit Großgeräten voranzutreiben. Dass er es schaffte, ein festes MR-Gerät zu bekommen (siehe Kasten unten auf dieser Seite ), führt er auch darauf zurück, dass er mit Leistungsnachweisen „im Ministerium herumgeisterte“.

Kritisch blieb er über die Jahre. „Ich bin kein flauschiger Typ“, sagt Reinbold über Reinbold. „Ich sage den Leuten, was ich denke, eiere nicht rum.“ Das hätten alle geschätzt, sagt er dann auch noch. Unumstritten war er nicht immer; nach der ersten Amtszeit als Ärztlicher Direktor gab es durchaus Kritiker und Gegenkandidaten, doch in der Wahl setzte sich Reinbold durch.

„Dass ich polterig war, war auch Taktik, dann wusste ich, wer Freund ist und wer Feind, und dann konnte ich die bearbeiten, die ich überzeugen musste.“ Und er ergänzt nach kurzer Pause: „Ich bin auch emotional.“ Auf alten Fotos ist auch schon mal der Schlips schief, oder der offene Hemdkragen schaut oben aus dem Kittel heraus. „Ich bin halt ein schwäbischer Rollkutscher. Ich kann auch in der Scholle arbeiten“.

Für die Ärzte forderte er immer und überall Autonomie. Seine Gegner: Bürokraten und Politiker. Das Knowhow der Mediziner würde von der Verwaltungsspitze immer weniger gesucht, klagt er. „Die entscheiden nur noch nach pekuniären Gesichtspunkten.“ Auch eingekaufte Berater hatten es mit ihm nicht leicht. „Es ist eine fiese Entwicklung, wenn Externen mehr geglaubt wird als der eigenen Mannschaft.“ Dem Verwaltungsrat der Mühlenkreiskliniken lag er in den Ohren, dass ein Mitglied der Ärzteschaft beratend an den Sitzungen teilnehmen müsste. „Wir, die Verantwortung am Patienten haben, sollten zumindest gehört werden.“ In seiner Amtszeit gelang es ihm nicht, den Verwaltungsrat davon zu überzeugen.

Professor und Uni-Dozent ist er dann doch noch geworden, allerdings musste dafür die Uni nach Minden kommen. Auch etwas, wofür sich Reinbold eingesetzt hat. „Wir waren gebäude- und gerätemäßig gut aufgestellt und hatten ein exzellentes Ärzteteam, auf das ich als ärztlicher Direktor stolz war“, sagt er rückblickend. Für ihn war klar, dass die Uni nach Minden muss, und dafür ist er mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Matthias Bracht Klinken putzen gegangen. Dass das Land heute wieder Bielefeld und nicht die Ruhr- Universität Bochum stärkt, findet er kein Problem: „Es würde mich wahnsinnig reizen, bei etwas Visionärem dabei zu sein und eine gemeinsame Universität zu gestalten.“

Fehlt ihm Minden? „Voraussetzung für eine hohe uniklinische Qualität ist fachliche und menschliche Solidarität der Ärzte, Schwestern und Pfleger“ – die sei zweifellos da. „Aber ich habe kein Vertrauen mehr ins Management“, sagt er heute. Ende März 2019 legte Reinbold sein Amt als Ärztlicher Direktor nach fast zehn Jahren nieder – hätte er weitergemacht, wäre er kurz nach Antritt der nächsten Amtszeit in Ruhestand gegangen.

Medizin muss stark und wichtig bleiben, Privatisierung von Kliniken darf nicht sein, und Krankenhäuser müssen finanziell gut ausgestattet werden: Das sei seine Botschaft an die Nachfolgenden. Gerade jetzt. „Wir brauchen im Coronazeiten eine starke Medizin, die sagt, wo es hingehen soll. Nur so können wir eine Katastrophe abwenden.“

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