MT-Interview mit Pflegeschutzbund: Immer wieder werden teils gravierende Missstände in Pflegeheimen bekannt Thomas Lieske Porta Westfalica-Hausberge. Die Bilder wirkten erschreckend: augenscheinlich kaputte Pflegebetten, tiefe Wunden, völlig heruntergekommene Zimmer. 27 Fotos wurden dem MT vor wenigen Wochen zugespielt. Sie alle sollten aktuelle Zustände in der Seniorenresidenz Weserbergland in Hausberge zeigen. Nachdem die Heimaufsicht des Kreises aktiv wurde und bei einer Razzia zahlreiche Mängel feststellte (MT berichtete), bleiben nun viele Fragen offen – vor allem für betroffene Bewohner und jene, die demnächst einen Platz in einem Pflegeheim suchen. Das MT hat im Interview mit Dr. David Kröll vom Pflegeschutzbund Biva versucht, diese Fragen zu klären. MT: Herr Dr. Kröll, immer wieder decken Medien und Behörden gravierende Missstände in deutschen Pflegeheimen auf – zuletzt in Porta Westfalica. Gibt es eine Chance, schon auf den ersten Blick zu sehen, ob eine Seniorenresidenz gut oder schlecht ist? David Kröll: Die Frage ist, was gut bedeutet. Jede pflegebedürftige Person hat andere Bedarfe und Vorstellungen von der Pflege. Will man sich an offiziellen Bewertungen orientieren, können die Bewertungen des Medizinischen Dienstes hilfreich sein. Tatsächlich raten wir aber auch dazu an, sich mit Menschen, die in der Einrichtung leben, zu unterhalten oder deren Angehörige. Auf den ersten Blick wird dies daher nur insofern gelingen, dass man sich einen eigenen Eindruck darüber verschaffen und seine Sinne benutzen kann. Wie sieht es in dem Heim aus? Wie riecht es, welchen Eindruck machen die Menschen? Also sind sie aufgeschlossen und auskunftsfreudig, oder wirken sie zurückhaltend und ängstlich? Zusätzlich gibt es zahlreiche Zertifikate, Gütesiegel und Empfehlungsportale, die Einrichtungen als „gute Heime“ klassifizieren. Ob eine Einrichtung aber für einen persönlich gut ist, muss man aber ganz individuell ermitteln, indem man sich über die eigenen Bedürfnisse Gedanken macht. Was ist einem selbst wichtig? Gehen wir noch einen Schritt zurück: Wo können sich Pflegebedürftige und deren Angehörige überhaupt erste Informationen über potenzielle Heime holen? Grundsätzlich sind die Pflegekassen gehalten, so genannte Leistungs- und Preisvergleichslisten der Pflegeheime vorzuhalten. Die können ein erster Überblick sein. Auch einige Kommunen oder Länder führen stationäre Einrichtungen namentlich auf. Die Einrichtung sollte darauf ausgerichtet sein. Hilfreich ist es auch, sich Heime, die in Frage kommen, tatsächlich selbst anzuschauen und mit den Menschen, die man dort trifft zu sprechen. Das eigene Gefühl für die Atmosphäre ist oft ein guter Berater. Welche wichtigsten Kriterien machen ein gutes Pflegeheim aus? Ein gutes Heim sollte auf dem aktuellen Stand der Pflege sein, ausreichend Personal haben und mehr als nur Pflege bieten, da es ein neuer Lebensraum für Menschen ist. Fragen Sie daher ruhig einmal kritisch nach Fachkraftquote, Personalschlüssel und Fortbildungen, auch wenn Sie selbst kein Fachmann sind. Beantwortet das Heim die Fragen offen, spricht dies für eine transparente Kommunikation. Lassen Sie sich die Angebote der Einrichtung hinsichtlich Verpflegung und Betreuung erläutern, ein Vertragsmuster aushändigen und die Kosten darstellen. Nun gibt es immer wieder Mel-dungen von Heimen, die ihre Bewohner in der Pflege vernach-lässigen. Woran erkenne ich so etwas vielleicht schon vor einem Einzug? Auch hierbei ist man ein Stück weit auf seinen Eindruck beim Besuch angewiesen: Sieht man dort viele Pflegekräfte? Wie ist der Umgangston? Auch andere informelle Wege können hilfreich sein, um einen Eindruck zu bekommen: Man kann beispielsweise die Bewohnervertretung der Einrichtung befragen oder sich einfach mal unverbindlich beim Bäcker um die Ecke umhören. Denn offizielle Zahlen zum eingesetzten Personal in Heimen gibt es nicht. Nicht einmal die Bewohnerinnen und Bewohner bekommen verlässliche Angaben zum tatsächlich eingesetzten Personal. Aus Sicht des Biva-Pflegeschutzbundes ein Unding, denn schließlich stellt das eingesetzte Personal den wichtigsten Qualitätsfaktor dar. Eine unserer wichtigsten Forderungen ist daher die Veröffentlichung dieser Zahlen. Das Interview wurde schriftlich geführt.

MT-Interview mit Pflegeschutzbund: Immer wieder werden teils gravierende Missstände in Pflegeheimen bekannt

Wie gut Bewohner in den Pflegeheimen betreut werden, das können Pflegebedürftige auch schon vor Einzug in eine solche Einrichtung feststellen. Symbolfoto: MT-Archiv/Sebastian Kahnert © MT-Archiv/Sebastian Kahnert

Porta Westfalica-Hausberge. Die Bilder wirkten erschreckend: augenscheinlich kaputte Pflegebetten, tiefe Wunden, völlig heruntergekommene Zimmer. 27 Fotos wurden dem MT vor wenigen Wochen zugespielt. Sie alle sollten aktuelle Zustände in der Seniorenresidenz Weserbergland in Hausberge zeigen. Nachdem die Heimaufsicht des Kreises aktiv wurde und bei einer Razzia zahlreiche Mängel feststellte (MT berichtete), bleiben nun viele Fragen offen – vor allem für betroffene Bewohner und jene, die demnächst einen Platz in einem Pflegeheim suchen. Das MT hat im Interview mit Dr. David Kröll vom Pflegeschutzbund Biva versucht, diese Fragen zu klären.

MT: Herr Dr. Kröll, immer wieder decken Medien und Behörden gravierende Missstände in deutschen Pflegeheimen auf – zuletzt in Porta Westfalica. Gibt es eine Chance, schon auf den ersten Blick zu sehen, ob eine Seniorenresidenz gut oder schlecht ist?

David Kröll: Die Frage ist, was gut bedeutet. Jede pflegebedürftige Person hat andere Bedarfe und Vorstellungen von der Pflege. Will man sich an offiziellen Bewertungen orientieren, können die Bewertungen des Medizinischen Dienstes hilfreich sein. Tatsächlich raten wir aber auch dazu an, sich mit Menschen, die in der Einrichtung leben, zu unterhalten oder deren Angehörige. Auf den ersten Blick wird dies daher nur insofern gelingen, dass man sich einen eigenen Eindruck darüber verschaffen und seine Sinne benutzen kann. Wie sieht es in dem Heim aus? Wie riecht es, welchen Eindruck machen die Menschen? Also sind sie aufgeschlossen und auskunftsfreudig, oder wirken sie zurückhaltend und ängstlich? Zusätzlich gibt es zahlreiche Zertifikate, Gütesiegel und Empfehlungsportale, die Einrichtungen als „gute Heime“ klassifizieren. Ob eine Einrichtung aber für einen persönlich gut ist, muss man aber ganz individuell ermitteln, indem man sich über die eigenen Bedürfnisse Gedanken macht. Was ist einem selbst wichtig?

Gehen wir noch einen Schritt zurück: Wo können sich Pflegebedürftige und deren Angehörige überhaupt erste Informationen über potenzielle Heime holen?

Grundsätzlich sind die Pflegekassen gehalten, so genannte Leistungs- und Preisvergleichslisten der Pflegeheime vorzuhalten. Die können ein erster Überblick sein. Auch einige Kommunen oder Länder führen stationäre Einrichtungen namentlich auf. Die Einrichtung sollte darauf ausgerichtet sein. Hilfreich ist es auch, sich Heime, die in Frage kommen, tatsächlich selbst anzuschauen und mit den Menschen, die man dort trifft zu sprechen. Das eigene Gefühl für die Atmosphäre ist oft ein guter Berater.

Welche wichtigsten Kriterien machen ein gutes Pflegeheim aus?

Ein gutes Heim sollte auf dem aktuellen Stand der Pflege sein, ausreichend Personal haben und mehr als nur Pflege bieten, da es ein neuer Lebensraum für Menschen ist. Fragen Sie daher ruhig einmal kritisch nach Fachkraftquote, Personalschlüssel und Fortbildungen, auch wenn Sie selbst kein Fachmann sind. Beantwortet das Heim die Fragen offen, spricht dies für eine transparente Kommunikation. Lassen Sie sich die Angebote der Einrichtung hinsichtlich Verpflegung und Betreuung erläutern, ein Vertragsmuster aushändigen und die Kosten darstellen.

Nun gibt es immer wieder Mel-dungen von Heimen, die ihre Bewohner in der Pflege vernach-lässigen. Woran erkenne ich so etwas vielleicht schon vor einem Einzug?

Auch hierbei ist man ein Stück weit auf seinen Eindruck beim Besuch angewiesen: Sieht man dort viele Pflegekräfte? Wie ist der Umgangston? Auch andere informelle Wege können hilfreich sein, um einen Eindruck zu bekommen: Man kann beispielsweise die Bewohnervertretung der Einrichtung befragen oder sich einfach mal unverbindlich beim Bäcker um die Ecke umhören. Denn offizielle Zahlen zum eingesetzten Personal in Heimen gibt es nicht. Nicht einmal die Bewohnerinnen und Bewohner bekommen verlässliche Angaben zum tatsächlich eingesetzten Personal. Aus Sicht des Biva-Pflegeschutzbundes ein Unding, denn schließlich stellt das eingesetzte Personal den wichtigsten Qualitätsfaktor dar. Eine unserer wichtigsten Forderungen ist daher die Veröffentlichung dieser Zahlen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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