MT-Interview mit Epidemiologen Oliver Razum: Eine Frage des Vertrauens Jan Henning Rogge Minden. Im Sommer schien die Pandemie weit weg, ja fast besiegt. Politiker sprachen vom Ende der „epidemischen Lage“, viele Menschen wiegten sich in Sicherheit. Bereits ab Anfang Juli stiegen die Infektionszahlen wieder an. Nach einer kurzen Erholung bewegt sich die Kurve seit dem 26. September – dem Wahltag – nach oben, zuletzt immer steiler. Das MT hat mit dem Epidemiologen Prof. Dr. Oliver Razum über die vierte Welle, fehlendes Vertrauen in Experten und Weihnachtsmarktbesuche in Corona-Zeiten gesprochen. Herr Professor Razum, haben Sie diese vierte Welleso erwartet? Erwartet nicht – befürchtet. Erwartet nicht, weil ich glaube, dass wir mit einer größeren Beteiligung an den Impfungen tatsächlich in eine Situation gekommen wären, in der die Wellen flacher verlaufen wären. Befürchtet habe ich, dass die Reaktionen auf die Impfung so durchwachsen sein werden, wie sie jetzt sind: Ein großer Teil der Bevölkerung nimmt die Impfungen wahr und ein kleinerer nicht, teilweise mangels Gelegenheit, teilweise mangels Vertrauens. Können Sie dieses mangelnde Vertrauen aus wissenschaftlicher Sicht nachvollziehen? Ich glaube, es ist ein sehr grundlegendes Misstrauen, was sich dort zeigt. Und es ist ein Misstrauen, das einen eigentlich erstaunt. Denn wir leben ja in einer Gesellschaft, in der wir uns sonst im Alltag auf Expertinnen und Experten verlassen. Wenn ich über eine Brücke gehe, mache ich mir zumindest hier in Deutschland keine Gedanken darüber, ob sie einstürzen könnte – und in aller Regel stürzt sie auch nicht ein. Wenn ich mich in ein Flugzeug setze, versuche ich auch nicht auf den Piloten einzuwirken und dem zu sagen, wie er oder sie das zu machen hat – weil ich mich darauf verlasse: Das sind Expertinnen und Experten, die haben das gelernt und das wird auch überwacht. Bei Covid-19 haben wir eine Situation, in der es auch wissenschaftlich hervorragend ausgewiesene Expertinnen und Experten gibt, etwa am Robert-Koch-Institut oder in der Ständigen Impfkommission (Stiko), die aber dieses Vertrauen offenbar nicht bei allen Menschen genießen.Hört denn die Politik auf die Experten? Leider nicht immer. Da gab es zuletzt eine Gemengelage mit tagespolitischen Interessenslagen. Gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem die Entscheidungen getroffen werden mussten, wie man mit den ansteigenden Fallzahlen der vierten Welle umgeht, standen die Wahlen an. Da zeigte sich eine große Zögerlichkeit auf Seiten der Politik, den aus wissenschaftlicher Sicht gut nachvollziehbaren Ratschlägen der Expertinnen und Experten zu folgen. Bundestag und Bundesrathaben nun wieder Regeln verschärft. Einige Menschen lehnen aber sämtliche Auflagen ab. Was würde ohne Vorsichtsmaßnahmen passieren? Wir würden weiterhin einen Anstieg der Zahl von Infizierten sehen, der in den nächsten Wochen noch dramatischer verlaufen würde. Wir sprechen ja nicht von einem linearen Verlauf – also jeden Tag kommen 1.000 neu Infizierte dazu – sondern von einem exponentiellen Zuwachs. Das bedeutet, dass der Anstieg immer schneller wird. Und zwar so lange, wie es noch eine genügend große Gruppe von nicht infizierten oder nicht ausreichend geschützten Menschen gibt. Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt und ein noch kleinerer Teil schwer erkrankt, hat das dramatische Auswirkungen auf das Gesundheitssystem. Aber wäre es dann nicht vielleicht nach dieser Welle überstanden? Jetzt müssten wir mal den Taschenrechner rausziehen: Die Impfquote ist bei rund 70 Prozent, das heißt 30 Prozent sind ungeimpft. Von denen ist ein bestimmter Anteil aufgrund einer Infektion zumindest zeitweilig geschützt. Da bleiben aber immer noch mehrere Millionen Menschen, die sich anstecken können – darunter auch einige Geimpfte, die noch keine Booster-Impfung bekommen haben. Wenn man das durchlaufen lässt, wird das Dimensionen annehmen, die einfach nicht mehr zu stemmen sind.Was bedeutet das konkret? Das bedeutet vor allem volle Intensivstationen. Ärztinnen und Ärzte wollen allen Schwerkranken die bestmögliche Versorgung bieten, auch dem 60-Jährigen mit Herzinfarkt. Was aber, wenn die Intensivstation komplett belegt ist? Steigende Zahlen bedeutet auch, dass im Alltag vieles nicht mehr funktionieren wird, weil Leute vielleicht nicht lebensbedrohlich krank sind, aber doch so krank, dass sie zuhause bleiben. Das ist das, was mir zusätzlich Sorgen macht: Die Vorstellung, dass jetzt innerhalb weniger Wochen Hunderttausende erkranken. Pandemien haben das Potenzial, das Alltagsleben zum Erliegen zu bringen – mehr als die Lockdown-Maßnahmen, die ja gerade darauf abzielten, die Grundversorgung aufrecht zu erhalten. Ist denn ein Ende in Sicht? Ich finde es im Augenblick schwer, ein Ende der Pandemie abzusehen. Ich denke, dass wir in eine endemische Situation kommen werden. Das bedeutet: Wir werden auch längerfristig mit dem Virus konfrontiert sein. Was das für unseren Alltag bedeuten wird, darüber gibt es derzeit mehrere wissenschaftliche Überlegungen. Es sieht derzeit so aus, als ob die Immunität nach einer Erkrankung und möglicherweise auch nach der dritten Impfung nur vorübergehend ist. Das würde bedeuten: Es sind in Abständen weitere Booster-Impfungen erforderlich. Wer nicht geimpft ist, kann sich im Abstand von einem oder mehreren Jahren immer wieder infizieren....und möglicherweise schwer erkranken? Genau da gibt es unterschiedliche Überlegungen in der Wissenschaft: Falls das Virus mit der Zeit die schwer krankmachenden Eigenschaften verliert, dann kommen wir perspektivisch über Jahre in eine Situation, in der dieses Coronavirus ähnlich auftreten wird wie andere Coronaviren. Diese Viren rufen Erkältungskrankheiten und Erkrankungen der oberen Atemwege bei Erwachsenen hervor. Aber sie führen in der Regel nicht zu schweren Verläufen – möglicherweise bei der Erstinfektion bei Kindern, aber bei Erwachsenen eher nicht mehr. Das ist ein mögliches Szenario. Ein anderes ist, dass das Virus seine schwer krankmachenden Eigenschaften nicht einbüßt. Das heißt, dass es weiterhin in einem kleinen Teil der Infizierten zu schweren oder lebensbedrohlichen Verläufen kommt. Die Coronaimpfung müsste dann zur Routine gehören wie die Grippeimpfung, ganz besonders für ältere oder chronisch kranke Menschen. Das sind zwei der Szenarien, die im Augenblick diskutiert werden.Manche ungeimpfte Menschen warten auf „klassische“ Tot-Impfstoffe. Was hat es damit auf sich? Zunächst mal: Die Begriffe Totimpfstoff und Lebendimpfstoff sind ein bisschen irreführend. Ausgangspunkt für die Herstellung beider dieser Impfstofftypen sind Viren, und Viren sind keine Lebewesen. Viren sind kleine Eiweiß-Umschläge, die Erbmaterial enthalten. Sie benötigen lebende Zellen, um sich zu vermehren. Bei den Impfstoffen ist zu unterscheiden, ob ein abgeschwächtes Erregervirus gespritzt wird, das bezeichnet man als Lebendimpfstoff. Oder ein Virus oder ein Virusbestandteil, der so weit deaktiviert ist, dass er keine Infektionen hervorrufen kann – ein Totimpfstoff. Beide dieser Impfstofftypen haben Vor- und Nachteile. Gegen Covid-19 ist noch kein klassischer Totimpfstoff zugelassen. Wie wirksam und gut verträglich ein solcher Impfstoff sein wird, falls es ihn einmal gibt, muss sich erst noch zeigen. Die beiden Vektor-Impfstoffe gegen Covid-19 ähneln aber vom Grundsatz her den Totimpfstoffen. Die mRNA-Impfstoffe funktionieren nach einem anderen, dritten Prinzip. Hier wird nur ein Botenstoff injiziert, kein Virus oder Virus-Erbmaterial.Alle genannten Impfstoffe können das Problem haben, dass geimpfte Personen zwar geschützt sind, aber in Einzelfällen das Virus trotzdem weiterverbreiten. Das ist nicht nur bei den Impfstoffen gegen Covid-19 so, sondern auch beispielsweise beim Totimpfstoff gegen Kinderlähmung. Ein Totimpfstoff gegen Covid-19 wird also wahrscheinlich keine Vorteile gegenüber dem mRNA-Impfstoff haben. Was ist mit den befürchteten Langzeitfolgen bei mRNA-Impfstoffen? Wenn wir von Langzeitfolgen sprechen, sind das nicht Folgen, die in den Stunden oder Tagen nach der Impfung auftreten, sondern Monate oder Jahre später. Es gibt keine plausiblen Mechanismen, warum ein Impfstoff auf einmal in drei Jahren Nebenwirkungen haben sollte, denn er wird binnen kurzer Zeit im Körper abgebaut. Es wird da ja immer wieder die Befürchtung geäußert, dass man durch die Impfung unfruchtbar wird. Auch dafür gibt es keinen Mechanismus. Und mittlerweile haben Hunderttausende geimpfter Paare Kinder bekommen. Durch die mRNA-Impfung wird auch kein fremdes Erbmaterial in das menschliche Genom eingebaut. Eine solche Befürchtung kann man höchstens bei krankmachenden Viren haben. Die schleusen ihr Erbmaterial in die menschliche Zelle ein. Die Zelle beginnt dann, das Virus zu produzieren, buchstäblich bis sie platzt und dann die neuen Viren nach außen entleert. Wer das nicht möchte, der sollte sich tunlichst gegen die entsprechenden Erreger impfen lassen.Wenn sich jetzt die ungeimpften Menschen impfen lassen, kommt das dann nicht zu spät? Es kommt nicht zu spät. Die Zahl der Menschen, die sich noch infizieren und andere anstecken können, geht – wie gesagt – immer noch in den Bereich von einigen Millionen. Das Risiko des Einzelnen, schwer zu erkranken, ist überschaubar, wenn man jung ist und keine Vorerkrankungen hat. Aber man kann andere anstecken, die stärker gefährdet sind. Wir haben es also mit einem Problem zu tun, das man nicht allein aus individueller Perspektive lösen kann. Die Impfung hilft immer auch anderen. Was müssen Geimpfte beachten? Können die sich jetzt normal bewegen? Wo es im Alltag schwierig wird, sind überfüllte Busse, Straßenbahnen und Züge, wo wir nicht wissen können, ob die Menschen um mich herum geimpft sind oder nicht, wo die Fenster nicht aufgehen oder es zu kalt zum Lüften ist. Das ist die Situation, die ich schwierig finde. Sie können das natürlich weiterdenken in Richtung Weihnachtsmarkt oder Supermarkt. Da kann der Ratschlag auch an Geimpfte nur sein, vorsichtig zu bleiben. Das heißt, weiterhin medizinische Masken zu nutzen. Im ÖPNV ganz unbedingt. Und im Supermarkt sehe ich auch keine Möglichkeit, wie man davon im Augenblick wegkommt. Auch Abstand halten und Händewaschen bleiben wichtig.Wie sieht es aus Ihrer Sicht mit einem Weihnachtsmarkt-Besuch aus? Es könnte alles so stattfinden, vielleicht mit Vorsichtsmaßnahmen, wenn der weit überwiegende Teil der Bevölkerung geimpft wäre. Leider sind wir davon deutlich entfernt, anders als andere Länder, siehe Spanien, siehe Italien, siehe teilweise Frankreich, in denen die Impfquoten deutlich höher sind. Im Augenblick habe ich die Befürchtung, dass die Fallzahlen weiter steigen. Ich würde nur auf einen Weihnachtsmarkt gehen, wenn ich geimpft bin und wenn die 2G-Regel auch kontrolliert wird. Und ich würde im Gedränge zwischen den Buden eine Maske tragen. Und ich würde nicht auf den Weihnachtsmarkt gehen, wenn ich nicht geimpft bin.

MT-Interview mit Epidemiologen Oliver Razum: Eine Frage des Vertrauens

Am Impfen führt nach Meinung von Epidemiologe Professor Oliver Razum kein Weg vorbei. MT-Archivfoto: Alex Lehn

Minden. Im Sommer schien die Pandemie weit weg, ja fast besiegt. Politiker sprachen vom Ende der „epidemischen Lage“, viele Menschen wiegten sich in Sicherheit. Bereits ab Anfang Juli stiegen die Infektionszahlen wieder an. Nach einer kurzen Erholung bewegt sich die Kurve seit dem 26. September – dem Wahltag – nach oben, zuletzt immer steiler. Das MT hat mit dem Epidemiologen Prof. Dr. Oliver Razum über die vierte Welle, fehlendes Vertrauen in Experten und Weihnachtsmarktbesuche in Corona-Zeiten gesprochen.

Herr Professor Razum, haben Sie diese vierte Welleso erwartet?

Erwartet nicht – befürchtet. Erwartet nicht, weil ich glaube, dass wir mit einer größeren Beteiligung an den Impfungen tatsächlich in eine Situation gekommen wären, in der die Wellen flacher verlaufen wären. Befürchtet habe ich, dass die Reaktionen auf die Impfung so durchwachsen sein werden, wie sie jetzt sind: Ein großer Teil der Bevölkerung nimmt die Impfungen wahr und ein kleinerer nicht, teilweise mangels Gelegenheit, teilweise mangels Vertrauens.


Können Sie dieses mangelnde Vertrauen aus wissenschaftlicher Sicht nachvollziehen?

Ich glaube, es ist ein sehr grundlegendes Misstrauen, was sich dort zeigt. Und es ist ein Misstrauen, das einen eigentlich erstaunt. Denn wir leben ja in einer Gesellschaft, in der wir uns sonst im Alltag auf Expertinnen und Experten verlassen. Wenn ich über eine Brücke gehe, mache ich mir zumindest hier in Deutschland keine Gedanken darüber, ob sie einstürzen könnte – und in aller Regel stürzt sie auch nicht ein. Wenn ich mich in ein Flugzeug setze, versuche ich auch nicht auf den Piloten einzuwirken und dem zu sagen, wie er oder sie das zu machen hat – weil ich mich darauf verlasse: Das sind Expertinnen und Experten, die haben das gelernt und das wird auch überwacht. Bei Covid-19 haben wir eine Situation, in der es auch wissenschaftlich hervorragend ausgewiesene Expertinnen und Experten gibt, etwa am Robert-Koch-Institut oder in der Ständigen Impfkommission (Stiko), die aber dieses Vertrauen offenbar nicht bei allen Menschen genießen.

Hört denn die Politik auf die Experten?

Professor Oiver Razum ist Epidemiologe an der Universität Bielefeld. - © Universität Bielefeld
Professor Oiver Razum ist Epidemiologe an der Universität Bielefeld. - © Universität Bielefeld

Leider nicht immer. Da gab es zuletzt eine Gemengelage mit tagespolitischen Interessenslagen. Gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem die Entscheidungen getroffen werden mussten, wie man mit den ansteigenden Fallzahlen der vierten Welle umgeht, standen die Wahlen an. Da zeigte sich eine große Zögerlichkeit auf Seiten der Politik, den aus wissenschaftlicher Sicht gut nachvollziehbaren Ratschlägen der Expertinnen und Experten zu folgen.

Bundestag und Bundesrathaben nun wieder Regeln verschärft. Einige Menschen lehnen aber sämtliche Auflagen ab. Was würde ohne Vorsichtsmaßnahmen passieren?

Wir würden weiterhin einen Anstieg der Zahl von Infizierten sehen, der in den nächsten Wochen noch dramatischer verlaufen würde. Wir sprechen ja nicht von einem linearen Verlauf – also jeden Tag kommen 1.000 neu Infizierte dazu – sondern von einem exponentiellen Zuwachs. Das bedeutet, dass der Anstieg immer schneller wird. Und zwar so lange, wie es noch eine genügend große Gruppe von nicht infizierten oder nicht ausreichend geschützten Menschen gibt. Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Infizierten erkrankt und ein noch kleinerer Teil schwer erkrankt, hat das dramatische Auswirkungen auf das Gesundheitssystem.

Aber wäre es dann nicht vielleicht nach dieser Welle überstanden?

Jetzt müssten wir mal den Taschenrechner rausziehen: Die Impfquote ist bei rund 70 Prozent, das heißt 30 Prozent sind ungeimpft. Von denen ist ein bestimmter Anteil aufgrund einer Infektion zumindest zeitweilig geschützt. Da bleiben aber immer noch mehrere Millionen Menschen, die sich anstecken können – darunter auch einige Geimpfte, die noch keine Booster-Impfung bekommen haben. Wenn man das durchlaufen lässt, wird das Dimensionen annehmen, die einfach nicht mehr zu stemmen sind.

Was bedeutet das konkret?

Das bedeutet vor allem volle Intensivstationen. Ärztinnen und Ärzte wollen allen Schwerkranken die bestmögliche Versorgung bieten, auch dem 60-Jährigen mit Herzinfarkt. Was aber, wenn die Intensivstation komplett belegt ist? Steigende Zahlen bedeutet auch, dass im Alltag vieles nicht mehr funktionieren wird, weil Leute vielleicht nicht lebensbedrohlich krank sind, aber doch so krank, dass sie zuhause bleiben. Das ist das, was mir zusätzlich Sorgen macht: Die Vorstellung, dass jetzt innerhalb weniger Wochen Hunderttausende erkranken. Pandemien haben das Potenzial, das Alltagsleben zum Erliegen zu bringen – mehr als die Lockdown-Maßnahmen, die ja gerade darauf abzielten, die Grundversorgung aufrecht zu erhalten.

Ist denn ein Ende in Sicht?

Ich finde es im Augenblick schwer, ein Ende der Pandemie abzusehen. Ich denke, dass wir in eine endemische Situation kommen werden. Das bedeutet: Wir werden auch längerfristig mit dem Virus konfrontiert sein. Was das für unseren Alltag bedeuten wird, darüber gibt es derzeit mehrere wissenschaftliche Überlegungen. Es sieht derzeit so aus, als ob die Immunität nach einer Erkrankung und möglicherweise auch nach der dritten Impfung nur vorübergehend ist. Das würde bedeuten: Es sind in Abständen weitere Booster-Impfungen erforderlich. Wer nicht geimpft ist, kann sich im Abstand von einem oder mehreren Jahren immer wieder infizieren.

...und möglicherweise schwer erkranken?

Genau da gibt es unterschiedliche Überlegungen in der Wissenschaft: Falls das Virus mit der Zeit die schwer krankmachenden Eigenschaften verliert, dann kommen wir perspektivisch über Jahre in eine Situation, in der dieses Coronavirus ähnlich auftreten wird wie andere Coronaviren. Diese Viren rufen Erkältungskrankheiten und Erkrankungen der oberen Atemwege bei Erwachsenen hervor. Aber sie führen in der Regel nicht zu schweren Verläufen – möglicherweise bei der Erstinfektion bei Kindern, aber bei Erwachsenen eher nicht mehr. Das ist ein mögliches Szenario. Ein anderes ist, dass das Virus seine schwer krankmachenden Eigenschaften nicht einbüßt. Das heißt, dass es weiterhin in einem kleinen Teil der Infizierten zu schweren oder lebensbedrohlichen Verläufen kommt. Die Coronaimpfung müsste dann zur Routine gehören wie die Grippeimpfung, ganz besonders für ältere oder chronisch kranke Menschen. Das sind zwei der Szenarien, die im Augenblick diskutiert werden.

Manche ungeimpfte Menschen warten auf „klassische“ Tot-Impfstoffe. Was hat es damit auf sich?

Zunächst mal: Die Begriffe Totimpfstoff und Lebendimpfstoff sind ein bisschen irreführend. Ausgangspunkt für die Herstellung beider dieser Impfstofftypen sind Viren, und Viren sind keine Lebewesen. Viren sind kleine Eiweiß-Umschläge, die Erbmaterial enthalten. Sie benötigen lebende Zellen, um sich zu vermehren. Bei den Impfstoffen ist zu unterscheiden, ob ein abgeschwächtes Erregervirus gespritzt wird, das bezeichnet man als Lebendimpfstoff. Oder ein Virus oder ein Virusbestandteil, der so weit deaktiviert ist, dass er keine Infektionen hervorrufen kann – ein Totimpfstoff. Beide dieser Impfstofftypen haben Vor- und Nachteile. Gegen Covid-19 ist noch kein klassischer Totimpfstoff zugelassen. Wie wirksam und gut verträglich ein solcher Impfstoff sein wird, falls es ihn einmal gibt, muss sich erst noch zeigen. Die beiden Vektor-Impfstoffe gegen Covid-19 ähneln aber vom Grundsatz her den Totimpfstoffen. Die mRNA-Impfstoffe funktionieren nach einem anderen, dritten Prinzip. Hier wird nur ein Botenstoff injiziert, kein Virus oder Virus-Erbmaterial.

Alle genannten Impfstoffe können das Problem haben, dass geimpfte Personen zwar geschützt sind, aber in Einzelfällen das Virus trotzdem weiterverbreiten. Das ist nicht nur bei den Impfstoffen gegen Covid-19 so, sondern auch beispielsweise beim Totimpfstoff gegen Kinderlähmung. Ein Totimpfstoff gegen Covid-19 wird also wahrscheinlich keine Vorteile gegenüber dem mRNA-Impfstoff haben.

Was ist mit den befürchteten Langzeitfolgen bei mRNA-Impfstoffen?

Wenn wir von Langzeitfolgen sprechen, sind das nicht Folgen, die in den Stunden oder Tagen nach der Impfung auftreten, sondern Monate oder Jahre später. Es gibt keine plausiblen Mechanismen, warum ein Impfstoff auf einmal in drei Jahren Nebenwirkungen haben sollte, denn er wird binnen kurzer Zeit im Körper abgebaut. Es wird da ja immer wieder die Befürchtung geäußert, dass man durch die Impfung unfruchtbar wird. Auch dafür gibt es keinen Mechanismus. Und mittlerweile haben Hunderttausende geimpfter Paare Kinder bekommen. Durch die mRNA-Impfung wird auch kein fremdes Erbmaterial in das menschliche Genom eingebaut. Eine solche Befürchtung kann man höchstens bei krankmachenden Viren haben. Die schleusen ihr Erbmaterial in die menschliche Zelle ein. Die Zelle beginnt dann, das Virus zu produzieren, buchstäblich bis sie platzt und dann die neuen Viren nach außen entleert. Wer das nicht möchte, der sollte sich tunlichst gegen die entsprechenden Erreger impfen lassen.

Wenn sich jetzt die ungeimpften Menschen impfen lassen, kommt das dann nicht zu spät?

Es kommt nicht zu spät. Die Zahl der Menschen, die sich noch infizieren und andere anstecken können, geht – wie gesagt – immer noch in den Bereich von einigen Millionen. Das Risiko des Einzelnen, schwer zu erkranken, ist überschaubar, wenn man jung ist und keine Vorerkrankungen hat. Aber man kann andere anstecken, die stärker gefährdet sind. Wir haben es also mit einem Problem zu tun, das man nicht allein aus individueller Perspektive lösen kann. Die Impfung hilft immer auch anderen.

Was müssen Geimpfte beachten? Können die sich jetzt normal bewegen?

Wo es im Alltag schwierig wird, sind überfüllte Busse, Straßenbahnen und Züge, wo wir nicht wissen können, ob die Menschen um mich herum geimpft sind oder nicht, wo die Fenster nicht aufgehen oder es zu kalt zum Lüften ist. Das ist die Situation, die ich schwierig finde. Sie können das natürlich weiterdenken in Richtung Weihnachtsmarkt oder Supermarkt. Da kann der Ratschlag auch an Geimpfte nur sein, vorsichtig zu bleiben. Das heißt, weiterhin medizinische Masken zu nutzen. Im ÖPNV ganz unbedingt. Und im Supermarkt sehe ich auch keine Möglichkeit, wie man davon im Augenblick wegkommt. Auch Abstand halten und Händewaschen bleiben wichtig.

Wie sieht es aus Ihrer Sicht mit einem Weihnachtsmarkt-Besuch aus?

Es könnte alles so stattfinden, vielleicht mit Vorsichtsmaßnahmen, wenn der weit überwiegende Teil der Bevölkerung geimpft wäre. Leider sind wir davon deutlich entfernt, anders als andere Länder, siehe Spanien, siehe Italien, siehe teilweise Frankreich, in denen die Impfquoten deutlich höher sind. Im Augenblick habe ich die Befürchtung, dass die Fallzahlen weiter steigen. Ich würde nur auf einen Weihnachtsmarkt gehen, wenn ich geimpft bin und wenn die 2G-Regel auch kontrolliert wird. Und ich würde im Gedränge zwischen den Buden eine Maske tragen. Und ich würde nicht auf den Weihnachtsmarkt gehen, wenn ich nicht geimpft bin.

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