MT-Interview: Mindener Kinderarzt fordert von Medizinpolitik „mehr Sachverstand für Kinderbelange“ Monika Jäger Minden. Was würde dieser Arzt ändern, wenn er für einen Tag Gesundheitsminister wäre? Diese Frage stand am Ende eines langen Gesprächs mit Professor Dr. Bernhard Erdlenbruch, Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Johannes Wesling Klinikum Minden. Begonnen hatte alles bei Medikamenten für Kinder, doch schnell richtete er seinen Blick auf Medizinpolitik und Medikamentenindustrie, auf Abrechnungspolitik und frustrierte Ärzte. Was er ändern würde? Den Medizinern vor Ort mehr vertrauen. Gremien mit mehr Sachverstand einrichten. Und den Blick mehr darauf richten, Kindern zu helfen statt die Abrechnungsschraube immer weiter zu zu drehen. Wie gut wissen Eltern über die Gesundheit ihrer Kinder bescheid – brauchen sie tatsächlich einen Ratgeber zu Medikamenten? Eltern haben viel mehr Möglichkeiten als noch vor wenigen Jahren, sich über Krankheiten zu informieren, zum Beispiel zu googeln, so dass sie beim Gespräch mit Medizinern häufig nachfragen. Gleichzeitig sind viele junge Eltern in diesem Bereich nicht erfahren genug. Das liegt auch an unseren Lebensverhältnissen: In den allerwenigsten Fällen sind Großeltern da, die sagen können: „Das Kind fiebert zwar, aber damit musst du jetzt nicht gleich zum Arzt." Und zum anderen stellt die Krankheit eines Kindes die Familien auch vor soziale Probleme, wenn beispielsweise beide Eltern berufstätig sind: Man muss zu Hause bleiben, braucht Betreuung. Führt das dazu, dass die Eltern sagen: Mein Kind hat Fieber, egal, ich bringe es in die Kita und gehe trotzdem arbeiten? Nein, eher anders herum: Die Eltern sorgen sich sehr und kommen dann lieber am Sonntagabend noch hierher ins Klinikum und tragen damit zur Überflutung der Notaufnahmen bei, auch wenn es kein echter Notfall ist. Damit man mich nicht falsch versteht: Die Eltern empfinden das natürlich als Notfall – weil es für sie ein sozialer Notfall ist. Sie müssten sonst am Montag zum Kinderarzt; das passt aber nicht, weil sie arbeiten müssen, nur ein Auto da ist oder aus anderen Gründen. Und weil sie keine Erfahrung mit den normalen Erkrankungen haben, haben sie sehr schnell Angst um ihr Kind. Eltern müssen also gelassener werden? Wir haben leider auch zunehmend Fälle von Eltern, die selbst psychische Krankheiten oder andere Erkrankungen haben und darum mit einem Kind, das auch ein Problem hat, absolut überfordert sind. Psychische Krankheiten bei Kindern nehmen zu, und damit nehmen sie auch bei jungen Eltern zu. Welche Rolle spielt nun der neue Ratgeber? Es ist kein reines Nachschlagwerk, sondern gibt auch Grundinformationen über Krankheiten und über ganz allgemeine Maßnahmen bei bestimmten Symptomen. Das Buch ist sehr praktisch orientiert. Warum haben Sie dabei mitgemacht? Ich bin angesprochen worden, weil ich in der Onkologie und in der Pharmakologie geforscht und promoviert habe. Und weil hier eine Kinderklinik ist, in der alle Krankheiten vorkommen: Wir sehen jeden Schnupfen, aber auch seltene oder auch sehr schwere Erkrankungen. Sie haben zunächst einmal 500 Medikamente betrachtet, die nicht verschreibungspflichtig sind. Warum? Diese Daten dazu bekam die Stiftung Warentest von den Ersatzkassen. Diese Liste sind wir durchgegangen und wollten den Eltern Hilfe bei Fragen wie diesen geben: Ist das, was ich einfach so in der Apotheke kaufen kann, für mein Kind geeignet, gibt es Gründe, ein Mittel nicht zu geben, gibt es vielleicht was Besseres? Diese Arbeit war gut zu machen, weil die Stiftung Warentest supergut strukturiert ist. Die haben zum Beispiel ein wissenschaftliches Team, das die gesamte Literatur zusammengetragen, alles großartig recherchiert und vorsortiert hat, und so konnten wir sehr gezielt die Fragen beantworten, die aufkamen. Wie viel Arbeit dahinter steckt, kann man diesem Buch tatsächlich nicht ansehen. Ist es ein Problem, dass so viele Medikamente frei zu kaufen sind? Es gibt viele Medikamente, die rezeptfrei erhältlich sind, bei denen in Frage gestellt werden könnte, ob sie geeignet oder auch notwendig sind. Frei verkäuflich suggeriert den Eltern, „dann muss das ja unproblematisch sein, wenn ich es so kaufen kann" – aber das ist vielleicht in dem konkreten Fall gar nicht so. Das sind dann keine hochtoxischen oder hochproblematischen Sachen. Aber man wundert sich, wenn man der Sache nachgeht, dass es dazu gar keine Untersuchungen gibt. Darum ist es gut, dass die Apotheker beraten. Zum Beispiel? Dass man kleinen Kindern kein Aspirin geben sollte, weiß ein Apotheker. Eltern wissen das in der Regel nicht. Diese können das jetzt aber in dem Ratgeber nachlesen. Zweites Beispiel: Wir stellen auch Hustensäfte in Frage: Was sollen die bringen? Inhalationsgerät und Kochsalz helfen viel besser – das wird aber aus verschiedenen Gründen, meist wegen der Kosten, zu selten verschrieben. Hustensaft, das ist Efeuextrakt oder Thymianextrakt, gelöst in Alkohol. Alkohol ist nicht hochtoxisch, aber wir möchten den, wie auch Konservierungsstoffe, gerne raus haben aus den Medikamenten für Kinder. Und darum hat die Stiftung Warentest Mittel abgewertet, wenn Alkohol oder Konservierungsmittel drin sind. Punkt. Und, um das klar zu sagen: Hustensaft ist nicht wirkungslos. Aber die Frage ist: Wie wirkungsvoll ist er im Vergleich dazu, Kochsalz zu inhalieren und viel Flüssigkeit zu trinken? Was war schwierig? Ich fand unheimlich kompliziert herauszufinden, ob es zu einem Medikament tatsächlich Studien an Kindern gegeben hat oder nicht. Da steht oft auch in der Fachinformation schlichtweg nichts drin. Die Arbeitsgruppe bei Stiftung Warentest hat sich dann wirklich rein gegraben und herausgefunden, was es an belastbaren Daten gibt. Das finde ich sehr bedeutsam. Erst seit 2008 wird nach einem Anstoß der Europäischen Union intensiv und konzentriert auf die Zulassung von Medikamenten für Kinder geschaut. Was ist da los? Es ist ja nicht so, als ob 2008 plötzlich alle aufgewacht sind. Dass es da ein Problem gibt, ist in der behandelnden Community, bei Ärzten und in der Pflege, schon lange bekannt. Es ist damals einfach nur in der Politik und in europäischem Rahmen aufgegriffen worden. Es gab dann verschiedene Maßnahmen mit dem Ziel, die Medikamentensicherheit, genauer die Arzneimitteltherapiesicherheit, zu verbessern. Unter anderem sind verschiedene Regularien für Neuzulassungen aufgestellt worden: Man wollte darauf achten, dass neu zugelassene Medikamente auch für Kinder untersucht werden. Diese Ziele sind jedoch nicht erreicht worden. Warum nicht? Das ist ein sehr schwieriges Feld. Kurz gesagt: Es besteht die Möglichkeit, Studien an Kindern bei einer Zulassung nachzureichen. Doch nicht alle Studien müssen am Ende auch durchgeführt werden. Im Prinzip sind seither nur ein oder zwei Hand voll Medikamente explizit für Kinder zugelassen worden. Woran liegt das? Solche Studien sind teuer und aufwendig, und bevor Medikamente genutzt werden können, ist auch ein hoch komplexes Verfahren nötig, bis klar ist, ob diese am Ende auch von den Kassen finanziert werden. Dazu muss für jedes Mittel nachgewiesen werden, dass es einen zusätzlichen Vorteil bringt, den bereits marktübliche Medikamente nicht bieten können. Dann gibt es Medikamente, die Sie einsetzen könnten, aber nicht dürfen, weil diese nicht zugelassen sind? Wir werden in diesen Dingen leider immer formalistischer und setzen uns im Zweifel sogar dem Vorwurf des Betrugs aus. Ich will mal ein Beispiel nennen: Da gibt es einen Beta-Blocker, ein uraltes Medikament. Das ist für Erwachsene zugelassen, für die Behandlung von Rhythmusstörungen. Bei der Zulassung werden Medikamente auf ein ganz bestimmtes Ziel geprüft. Sie können sie aber natürlich auch bei fast identischen Krankheitszuständen einsetzen, die aber eine andere Ursache haben. Formell haben diese Mittel dann aber keine Zulassung – das bezeichnen wir als Off-Label-Use. Diese Beta-Blocker wirkten nun auch bei Blutschwämmchen bei Kindern. Daraufhin hat es eine Studie gegeben, man hat unter anderem die Dosis festgelegt, jetzt gibt es einen Saft. Dieser Saft kostet ziemlich viel Geld dafür, dass es ein uraltes Medikament ist. Wollte die Pharmafirma bessere Gewinnmargen? Alle sagen: Wir brauchen Studien, klare Dosisempfehlungen, eine Darreichungsform, die funktioniert. Jetzt haben wir ein wunderbares Medikament, die Hersteller haben die teure Studie dafür gemacht. Und dann – das sage ich auch selbstkritisch als Pädiater – fragen wir uns in den Kliniken: Müssen wir das teure Medikament kaufen? Kann man das nicht selber zusammenmischen? Natürlich nehmen wir das neue Mittel, denn alles andere wäre Sparen am falschen Ort. Da hat eine Firma genau das getan, was gefordert wird: Eine siebenstellige hohe Summe in die Hand genommen, um dieses Medikament zur Verfügung zu stellen. Was hat sich also seit 2008 geändert? Was Off-Label-Use angeht, Zulassung für Kinder und auch Lieferbarkeit von Medikamenten sind wir nicht signifikant weiter gekommen. Die Politik hat das Problem erkannt. Aber wir haben nur zahnlose Tiger erschaffen. Da wird sich auch nicht viel ändern – ich sehe das eher pessimistisch. Wieso? Der Kostendruck, der auf dem System lastet, macht es nicht besser. So sagen Kassen beispielsweise, sie bezahlen ein Medikament nicht, welches das Krankenhaus genommen hat und das auch gewirkt hat. Doch es ist für diesen spezifischen Gebrauch nicht zugelassen gewesen. Das ist die neue Daumenschraube der Kostenminimierung. Im ambulanten Bereich ist das tatsächlich schon länger so. Im Krankenhaus werden wir vom medizinischen Dienst geprüft. Und wenn dann gestrichen wird, bekommen wir weniger oder in manchen Fällen trotz Behandlung gar kein Geld und müssen auch noch eine prozentuale Strafe des Rechnungsbetrags – mindestens aber 300 Euro – zahlen.. Und in den Medien steht: Bei etwa 20 Prozent der Rechnungen erfolgen mittlerweile solche für alle Beteiligten aufwendigen Prüfungen, die dann häufig in Klageverfahren münden. Ich würde mir wirklich wünschen, dass mehr Menschen verstehen, was Medizin für Kinder bedeutet und dass unsere Gremien auch etwas mehr Sachverstand für Kinderbelange entwickeln Ratgeber für Eltern Professor Dr. Bernhard Erdlenbruch hat in einem dreiköpfigen Expertenteam für die Stiftung Warentest 1.000 Arzneimittel für Kinder – je 500 verschreibungspflichtige und 500 frei verkäufliche – auf Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet. Herausgekommen ist ein Ratgeber der Stiftung Warentest. „Medikamente für Kinder" hat 384 Seiten und ist zum Preis von 29,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

MT-Interview: Mindener Kinderarzt fordert von Medizinpolitik „mehr Sachverstand für Kinderbelange“

Viele Eltern sind unerfahren mit Medikamenten für Kinder und bei Erkrankungen häufig überfordert, sagt der Kinderarzt Prof. Dr. Bernhard Erdlenbruch. Deshalb hat er an einem Ratgeber für Eltern mitgearbeitet. © Foto: privat

Minden. Was würde dieser Arzt ändern, wenn er für einen Tag Gesundheitsminister wäre? Diese Frage stand am Ende eines langen Gesprächs mit Professor Dr. Bernhard Erdlenbruch, Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Johannes Wesling Klinikum Minden. Begonnen hatte alles bei Medikamenten für Kinder, doch schnell richtete er seinen Blick auf Medizinpolitik und Medikamentenindustrie, auf Abrechnungspolitik und frustrierte Ärzte. Was er ändern würde? Den Medizinern vor Ort mehr vertrauen. Gremien mit mehr Sachverstand einrichten. Und den Blick mehr darauf richten, Kindern zu helfen statt die Abrechnungsschraube immer weiter zu zu drehen.

Wie gut wissen Eltern über die Gesundheit ihrer Kinder bescheid – brauchen sie tatsächlich einen Ratgeber zu Medikamenten?

Eltern haben viel mehr Möglichkeiten als noch vor wenigen Jahren, sich über Krankheiten zu informieren, zum Beispiel zu googeln, so dass sie beim Gespräch mit Medizinern häufig nachfragen. Gleichzeitig sind viele junge Eltern in diesem Bereich nicht erfahren genug. Das liegt auch an unseren Lebensverhältnissen: In den allerwenigsten Fällen sind Großeltern da, die sagen können: „Das Kind fiebert zwar, aber damit musst du jetzt nicht gleich zum Arzt." Und zum anderen stellt die Krankheit eines Kindes die Familien auch vor soziale Probleme, wenn beispielsweise beide Eltern berufstätig sind: Man muss zu Hause bleiben, braucht Betreuung.

Führt das dazu, dass die Eltern sagen: Mein Kind hat Fieber, egal, ich bringe es in die Kita und gehe trotzdem arbeiten?

Nein, eher anders herum: Die Eltern sorgen sich sehr und kommen dann lieber am Sonntagabend noch hierher ins Klinikum und tragen damit zur Überflutung der Notaufnahmen bei, auch wenn es kein echter Notfall ist. Damit man mich nicht falsch versteht: Die Eltern empfinden das natürlich als Notfall – weil es für sie ein sozialer Notfall ist. Sie müssten sonst am Montag zum Kinderarzt; das passt aber nicht, weil sie arbeiten müssen, nur ein Auto da ist oder aus anderen Gründen. Und weil sie keine Erfahrung mit den normalen Erkrankungen haben, haben sie sehr schnell Angst um ihr Kind.

Eltern müssen also gelassener werden?

Wir haben leider auch zunehmend Fälle von Eltern, die selbst psychische Krankheiten oder andere Erkrankungen haben und darum mit einem Kind, das auch ein Problem hat, absolut überfordert sind. Psychische Krankheiten bei Kindern nehmen zu, und damit nehmen sie auch bei jungen Eltern zu.

Welche Rolle spielt nun der neue Ratgeber?

Es ist kein reines Nachschlagwerk, sondern gibt auch Grundinformationen über Krankheiten und über ganz allgemeine Maßnahmen bei bestimmten Symptomen. Das Buch ist sehr praktisch orientiert.

Warum haben Sie dabei mitgemacht?

Ich bin angesprochen worden, weil ich in der Onkologie und in der Pharmakologie geforscht und promoviert habe. Und weil hier eine Kinderklinik ist, in der alle Krankheiten vorkommen: Wir sehen jeden Schnupfen, aber auch seltene oder auch sehr schwere Erkrankungen.

Sie haben zunächst einmal 500 Medikamente betrachtet, die nicht verschreibungspflichtig sind. Warum?

Diese Daten dazu bekam die Stiftung Warentest von den Ersatzkassen. Diese Liste sind wir durchgegangen und wollten den Eltern Hilfe bei Fragen wie diesen geben: Ist das, was ich einfach so in der Apotheke kaufen kann, für mein Kind geeignet, gibt es Gründe, ein Mittel nicht zu geben, gibt es vielleicht was Besseres? Diese Arbeit war gut zu machen, weil die Stiftung Warentest supergut strukturiert ist. Die haben zum Beispiel ein wissenschaftliches Team, das die gesamte Literatur zusammengetragen, alles großartig recherchiert und vorsortiert hat, und so konnten wir sehr gezielt die Fragen beantworten, die aufkamen. Wie viel Arbeit dahinter steckt, kann man diesem Buch tatsächlich nicht ansehen.

Ist es ein Problem, dass so viele Medikamente frei zu kaufen sind?

Es gibt viele Medikamente, die rezeptfrei erhältlich sind, bei denen in Frage gestellt werden könnte, ob sie geeignet oder auch notwendig sind. Frei verkäuflich suggeriert den Eltern, „dann muss das ja unproblematisch sein, wenn ich es so kaufen kann" – aber das ist vielleicht in dem konkreten Fall gar nicht so. Das sind dann keine hochtoxischen oder hochproblematischen Sachen. Aber man wundert sich, wenn man der Sache nachgeht, dass es dazu gar keine Untersuchungen gibt. Darum ist es gut, dass die Apotheker beraten.

Zum Beispiel?

Dass man kleinen Kindern kein Aspirin geben sollte, weiß ein Apotheker. Eltern wissen das in der Regel nicht. Diese können das jetzt aber in dem Ratgeber nachlesen. Zweites Beispiel: Wir stellen auch Hustensäfte in Frage: Was sollen die bringen? Inhalationsgerät und Kochsalz helfen viel besser – das wird aber aus verschiedenen Gründen, meist wegen der Kosten, zu selten verschrieben. Hustensaft, das ist Efeuextrakt oder Thymianextrakt, gelöst in Alkohol. Alkohol ist nicht hochtoxisch, aber wir möchten den, wie auch Konservierungsstoffe, gerne raus haben aus den Medikamenten für Kinder. Und darum hat die Stiftung Warentest Mittel abgewertet, wenn Alkohol oder Konservierungsmittel drin sind. Punkt. Und, um das klar zu sagen: Hustensaft ist nicht wirkungslos. Aber die Frage ist: Wie wirkungsvoll ist er im Vergleich dazu, Kochsalz zu inhalieren und viel Flüssigkeit zu trinken?

Was war schwierig?

Ich fand unheimlich kompliziert herauszufinden, ob es zu einem Medikament tatsächlich Studien an Kindern gegeben hat oder nicht. Da steht oft auch in der Fachinformation schlichtweg nichts drin. Die Arbeitsgruppe bei Stiftung Warentest hat sich dann wirklich rein gegraben und herausgefunden, was es an belastbaren Daten gibt. Das finde ich sehr bedeutsam.

Erst seit 2008 wird nach einem Anstoß der Europäischen Union intensiv und konzentriert auf die Zulassung von Medikamenten für Kinder geschaut. Was ist da los?

Es ist ja nicht so, als ob 2008 plötzlich alle aufgewacht sind. Dass es da ein Problem gibt, ist in der behandelnden Community, bei Ärzten und in der Pflege, schon lange bekannt. Es ist damals einfach nur in der Politik und in europäischem Rahmen aufgegriffen worden. Es gab dann verschiedene Maßnahmen mit dem Ziel, die Medikamentensicherheit, genauer die Arzneimitteltherapiesicherheit, zu verbessern. Unter anderem sind verschiedene Regularien für Neuzulassungen aufgestellt worden: Man wollte darauf achten, dass neu zugelassene Medikamente auch für Kinder untersucht werden. Diese Ziele sind jedoch nicht erreicht worden.

Warum nicht?

Das ist ein sehr schwieriges Feld. Kurz gesagt: Es besteht die Möglichkeit, Studien an Kindern bei einer Zulassung nachzureichen. Doch nicht alle Studien müssen am Ende auch durchgeführt werden. Im Prinzip sind seither nur ein oder zwei Hand voll Medikamente explizit für Kinder zugelassen worden.

Woran liegt das?

Solche Studien sind teuer und aufwendig, und bevor Medikamente genutzt werden können, ist auch ein hoch komplexes Verfahren nötig, bis klar ist, ob diese am Ende auch von den Kassen finanziert werden. Dazu muss für jedes Mittel nachgewiesen werden, dass es einen zusätzlichen Vorteil bringt, den bereits marktübliche Medikamente nicht bieten können.

Dann gibt es Medikamente, die Sie einsetzen könnten, aber nicht dürfen, weil diese nicht zugelassen sind?

Wir werden in diesen Dingen leider immer formalistischer und setzen uns im Zweifel sogar dem Vorwurf des Betrugs aus. Ich will mal ein Beispiel nennen: Da gibt es einen Beta-Blocker, ein uraltes Medikament. Das ist für Erwachsene zugelassen, für die Behandlung von Rhythmusstörungen. Bei der Zulassung werden Medikamente auf ein ganz bestimmtes Ziel geprüft. Sie können sie aber natürlich auch bei fast identischen Krankheitszuständen einsetzen, die aber eine andere Ursache haben. Formell haben diese Mittel dann aber keine Zulassung – das bezeichnen wir als Off-Label-Use. Diese Beta-Blocker wirkten nun auch bei Blutschwämmchen bei Kindern. Daraufhin hat es eine Studie gegeben, man hat unter anderem die Dosis festgelegt, jetzt gibt es einen Saft. Dieser Saft kostet ziemlich viel Geld dafür, dass es ein uraltes Medikament ist.

Wollte die Pharmafirma bessere Gewinnmargen?

Alle sagen: Wir brauchen Studien, klare Dosisempfehlungen, eine Darreichungsform, die funktioniert. Jetzt haben wir ein wunderbares Medikament, die Hersteller haben die teure Studie dafür gemacht. Und dann – das sage ich auch selbstkritisch als Pädiater – fragen wir uns in den Kliniken: Müssen wir das teure Medikament kaufen? Kann man das nicht selber zusammenmischen? Natürlich nehmen wir das neue Mittel, denn alles andere wäre Sparen am falschen Ort. Da hat eine Firma genau das getan, was gefordert wird: Eine siebenstellige hohe Summe in die Hand genommen, um dieses Medikament zur Verfügung zu stellen.

Was hat sich also seit 2008 geändert?

Was Off-Label-Use angeht, Zulassung für Kinder und auch Lieferbarkeit von Medikamenten sind wir nicht signifikant weiter gekommen. Die Politik hat das Problem erkannt. Aber wir haben nur zahnlose Tiger erschaffen. Da wird sich auch nicht viel ändern – ich sehe das eher pessimistisch.

Wieso?

Der Kostendruck, der auf dem System lastet, macht es nicht besser. So sagen Kassen beispielsweise, sie bezahlen ein Medikament nicht, welches das Krankenhaus genommen hat und das auch gewirkt hat. Doch es ist für diesen spezifischen Gebrauch nicht zugelassen gewesen. Das ist die neue Daumenschraube der Kostenminimierung. Im ambulanten Bereich ist das tatsächlich schon länger so. Im Krankenhaus werden wir vom medizinischen Dienst geprüft. Und wenn dann gestrichen wird, bekommen wir weniger oder in manchen Fällen trotz Behandlung gar kein Geld und müssen auch noch eine prozentuale Strafe des Rechnungsbetrags – mindestens aber 300 Euro – zahlen.. Und in den Medien steht: Bei etwa 20 Prozent der Rechnungen erfolgen mittlerweile solche für alle Beteiligten aufwendigen Prüfungen, die dann häufig in Klageverfahren münden. Ich würde mir wirklich wünschen, dass mehr Menschen verstehen, was Medizin für Kinder bedeutet und dass unsere Gremien auch etwas mehr Sachverstand für Kinderbelange entwickeln

Ratgeber für Eltern

  • Professor Dr. Bernhard Erdlenbruch hat in einem dreiköpfigen Expertenteam für die Stiftung Warentest 1.000 Arzneimittel für Kinder – je 500 verschreibungspflichtige und 500 frei verkäufliche – auf Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet. Herausgekommen ist ein Ratgeber der Stiftung Warentest.
  • „Medikamente für Kinder" hat 384 Seiten und ist zum Preis von 29,90 Euro im Fachhandel erhältlich.
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