MT-Interview: „Medienkompetenz wird oft auf Bedienkompetenz reduziert“ Jan Henning Rogge Minden/Bielefeld. Für viele Kinder und Jugendliche ist das eigene Handy absolut erstrebenswert, für die, die eines haben, eines der wichtigsten Dinge in ihrem Leben. Es ist ihr Tor in eine digitale Welt. Für einen sicheren Umgang müssen sie Kompetenzen erwerben, die die Generationen vor ihnen nicht brauchten. Anna-Maria Kamin ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik an der Universität Bielefeld. Im MT-Interview macht sie deutlich, dass von digitalen Medien und Endgeräten nicht nur Gefahren sondern auch viele Möglichkeiten ausgehen. Was macht den Umgang mit den digitalen Medien so kompliziert? Es gibt da verschiedene Problematiken, seien es schädliche Inhalte, zum Beispiel pornografische oder sexistische Inhalte mit denen Kinder und Jugendliche konfrontiert werden, aber auch Themen wie Mobbing, Hate-Speech, Abofallen, Datenschutz – das ist vielfältig. Das ist natürlich Teil unseres Alltags und aus meiner Sicht sollten Kinder und Jugendliche entsprechende Medienkompetenzen ausbilden, um diesen Gefahren zu begegnen. Und im Gegenteil sollten wir nicht nur die Gefahren von digitalen Medien sehen, sondern auch die Chancen, die sie für den Bereich der Selbstbildung und Persönlichkeitsbildung bieten – und natürlich auch für die Eröffnung von Bildungschancen. Was bedeutet denn Medienkompetenz? Im Alltag wird die individuelle Medienkompetenz oft auf Bedienkompetenz reduziert. Ich kann ein Programm nutzen, eine App runterladen oder eine Software installieren. Das greift zu kurz. Medienkompetenz bedeutet auch, dass Heranwachsende lernen, zunehmend für sich geeignete Medienangebote auszuwählen und Medieninhalte kritisch reflektieren, um mit den Gefahren besser umzugehen. Viele bleiben da auf der Strecke – kann man das auffangen? Tatsächlich ist es so, dass das Ausmaß der individuellen Medienkompetenz sehr stark mit dem Bildungshintergrund der Eltern zusammenhängt. Kinder von Eltern mit einem höheren Bildungshintergrund nutzen komplexere Medienanwendungen. Sie können scheinbar Medienkompetenz schneller und flexibler erwerben und anwenden. Im Prinzip ist da natürlich Schule gefragt, das auszugleichen und zu kompensieren und diese Kluft abzumildern. Aber auch der Bereich der außerschulischen Jugend- oder Jugendmedienarbeit und sozialpädagogische Angebote der Familienbildung, die da unterstützen. Dennoch – und das will ich gerne betonen – möchte ich vor einer normativen Zuschreibung warnen, dass Kinder und Jugendliche, die aus vermeintlich schwierigen Familienkonstellationen stammen, digitale Medien unzureichend anwenden können. Auch da muss man ganz genau hinschauen – und sehr auf die Stärken der Kinder schauen und diese Ressourcen nutzbar machen. Dass muss vielfach in der Schule und in der außerschulischen oder der Familienbildung passieren. Insofern ist da schon die Politik gefragt. Was macht die Faszination für digitale Medien aus? Digitale Medien durchdringen immer mehr Lebensbereiche, sie sind sehr präsent und umfassen immer Funktionen, die das Alltagsmanagement, die Alltagsgestaltung aber auch Lernen und Arbeiten immer mehr übernehmen. Heranwachsende erleben eine digitale mediale Umwelt von Geburt an. Sie erleben, wie in ihren Familien mit Medien umgegangen wird, wie ihre Eltern ständig ihre mobilen Endgeräte nutzen, damit arbeiten und kommunizieren und die Fahrten des Fußballvereins zu den Spielen über Social Media geregelt werden. Natürlich wollen Kinder das dann auch ausprobieren. Sie sind neugierig und wollen sich den Erfahrungsraum erschließen. Und das ist ja auch zwingend notwendig, weil heutzutage so etwas wie Alltagsmanagement, Kommunikation und Konsum über digitale Wege läuft. Ab wann sollen Kinder denn ein Handy haben und wie dürfen sie es benutzen? Das werde ich oft gefragt und das kann man nicht so pauschal beantworten. Es ist ja die Frage, was mache ich mit meinem Handy? Die Geräte übernehmen so viele Funktionen, die vorher einzelne Geräte übernommen haben. Wenn sich ein Kindergartenkind oder ein Grundschulkind an einem regnerischen Tag mal über Stunden mit einem mobilen Endgerät beschäftigt, sollte man schauen, was es da macht. Sucht es sich Bastelanleitungen raus und bastelt es nach? Liest es ein interaktives Buch, schaut es sich Filme an? Man muss nicht schauen, ab wann und wie lange, sondern wie nutzen die Kinder die Geräte. Das ist die Schwierigkeit: Die Auswahl von alters- und kindgerechten Inhalten und Funktionen, damit wir Persönlichkeitsbildung und Lernchancen eröffnen und sie gleichzeitig vor den schädlichen Inhalten schützen.

MT-Interview: „Medienkompetenz wird oft auf Bedienkompetenz reduziert“

Professorin Anna-Maria Kamins Schwerpunkt liegt auf der Medienpädagogik. Foto: Uni Bielefeld © Uni Bielefeld

Minden/Bielefeld. Für viele Kinder und Jugendliche ist das eigene Handy absolut erstrebenswert, für die, die eines haben, eines der wichtigsten Dinge in ihrem Leben. Es ist ihr Tor in eine digitale Welt. Für einen sicheren Umgang müssen sie Kompetenzen erwerben, die die Generationen vor ihnen nicht brauchten. Anna-Maria Kamin ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik an der Universität Bielefeld. Im MT-Interview macht sie deutlich, dass von digitalen Medien und Endgeräten nicht nur Gefahren sondern auch viele Möglichkeiten ausgehen.

Was macht den Umgang mit den digitalen Medien so kompliziert?


Es gibt da verschiedene Problematiken, seien es schädliche Inhalte, zum Beispiel pornografische oder sexistische Inhalte mit denen Kinder und Jugendliche konfrontiert werden, aber auch Themen wie Mobbing, Hate-Speech, Abofallen, Datenschutz – das ist vielfältig. Das ist natürlich Teil unseres Alltags und aus meiner Sicht sollten Kinder und Jugendliche entsprechende Medienkompetenzen ausbilden, um diesen Gefahren zu begegnen. Und im Gegenteil sollten wir nicht nur die Gefahren von digitalen Medien sehen, sondern auch die Chancen, die sie für den Bereich der Selbstbildung und Persönlichkeitsbildung bieten – und natürlich auch für die Eröffnung von Bildungschancen.

Was bedeutet denn Medienkompetenz?

Im Alltag wird die individuelle Medienkompetenz oft auf Bedienkompetenz reduziert. Ich kann ein Programm nutzen, eine App runterladen oder eine Software installieren. Das greift zu kurz. Medienkompetenz bedeutet auch, dass Heranwachsende lernen, zunehmend für sich geeignete Medienangebote auszuwählen und Medieninhalte kritisch reflektieren, um mit den Gefahren besser umzugehen.

Viele bleiben da auf der Strecke – kann man das auffangen?

Tatsächlich ist es so, dass das Ausmaß der individuellen Medienkompetenz sehr stark mit dem Bildungshintergrund der Eltern zusammenhängt. Kinder von Eltern mit einem höheren Bildungshintergrund nutzen komplexere Medienanwendungen. Sie können scheinbar Medienkompetenz schneller und flexibler erwerben und anwenden. Im Prinzip ist da natürlich Schule gefragt, das auszugleichen und zu kompensieren und diese Kluft abzumildern. Aber auch der Bereich der außerschulischen Jugend- oder Jugendmedienarbeit und sozialpädagogische Angebote der Familienbildung, die da unterstützen. Dennoch – und das will ich gerne betonen – möchte ich vor einer normativen Zuschreibung warnen, dass Kinder und Jugendliche, die aus vermeintlich schwierigen Familienkonstellationen stammen, digitale Medien unzureichend anwenden können. Auch da muss man ganz genau hinschauen – und sehr auf die Stärken der Kinder schauen und diese Ressourcen nutzbar machen. Dass muss vielfach in der Schule und in der außerschulischen oder der Familienbildung passieren. Insofern ist da schon die Politik gefragt.

Was macht die Faszination für digitale Medien aus?

Digitale Medien durchdringen immer mehr Lebensbereiche, sie sind sehr präsent und umfassen immer Funktionen, die das Alltagsmanagement, die Alltagsgestaltung aber auch Lernen und Arbeiten immer mehr übernehmen. Heranwachsende erleben eine digitale mediale Umwelt von Geburt an. Sie erleben, wie in ihren Familien mit Medien umgegangen wird, wie ihre Eltern ständig ihre mobilen Endgeräte nutzen, damit arbeiten und kommunizieren und die Fahrten des Fußballvereins zu den Spielen über Social Media geregelt werden. Natürlich wollen Kinder das dann auch ausprobieren. Sie sind neugierig und wollen sich den Erfahrungsraum erschließen. Und das ist ja auch zwingend notwendig, weil heutzutage so etwas wie Alltagsmanagement, Kommunikation und Konsum über digitale Wege läuft.

Ab wann sollen Kinder denn ein Handy haben und wie dürfen sie es benutzen?

Das werde ich oft gefragt und das kann man nicht so pauschal beantworten. Es ist ja die Frage, was mache ich mit meinem Handy? Die Geräte übernehmen so viele Funktionen, die vorher einzelne Geräte übernommen haben. Wenn sich ein Kindergartenkind oder ein Grundschulkind an einem regnerischen Tag mal über Stunden mit einem mobilen Endgerät beschäftigt, sollte man schauen, was es da macht. Sucht es sich Bastelanleitungen raus und bastelt es nach? Liest es ein interaktives Buch, schaut es sich Filme an? Man muss nicht schauen, ab wann und wie lange, sondern wie nutzen die Kinder die Geräte. Das ist die Schwierigkeit: Die Auswahl von alters- und kindgerechten Inhalten und Funktionen, damit wir Persönlichkeitsbildung und Lernchancen eröffnen und sie gleichzeitig vor den schädlichen Inhalten schützen.

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