MT-Interview: Landrätin Anna Bölling über Corona-Entscheidungen, Vorurteile und ihr Privatleben Monika Jäger Minden. Nach dem Start im November wollte Landrätin Anna Bölling (CDU) viel verändern und musste dann vor allem erst einmal die Pandemie bekämpfen. Jetzt sitzt sie seit Ostermontag nach einem Sturz auch noch zuhause und kann nur stundenweise an ihren Arbeitsplatz in der Kreisverwaltung. Mit dem MT sprach sie über die ersten Monate – und darüber, was sie mal persönlich nimmt. Sie waren gerade soweit, Ihre Themen und Projekte direkt anzugehen. Wirft Sie Ihr Unfall da zurück? Ich sitze zuhause und kann kaum laufen. Das bedeutet vor allem für mich selbst, dass ich das aushalten muss. Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Der Fahrplan bleibt aber. Vorrangig sind wie immer Pandemiebekämpfung und Impfen. Aber die Mühlenkreiskliniken, Mobilität, Digitalisierung sind und bleiben die ganz großen und wesentlichen Themen, die angegangen werden müssen – dann eben telefonisch oder per Videokonferenz. Landrätin sein: Ist das so, wie Sie erwartet haben? Es war und bleibt natürlich anstrengend: Pandemiebekämpfung und Impfen zu bewältigen, gleichzeitig in alle Sachfragen reinzukommen und dazu Gespräche zu führen, die ich wegen der Kontaktbeschränkungen nicht so führen konnte, wie ich es gern getan hätte. . . Andererseits: Immer, wenn ich den Eindruck habe, dass ich etwas auf den Weg gebracht habe, fühle ich mich gut. Insgesamt macht mir diese Arbeit großen Spaß. Kommen Sie für Ihre eigenen Ansprüche schnell genug voran? Ich wusste ja vorher, dass das Tempo hoch und die Themenvielfalt groß sein werden. An vielen Tagen war ich ab morgens um acht auf einem Termin nach dem anderen – und dann war es mittags oft so, dass ich einfach die Pausetaste drücken musste, weil der Kopf nicht mehr aufnahmefähig war. Das Schöne finde ich nach wie vor, dass man nicht so eindimensional ist, sondern viele, viele Themen hat: Unfallstatistik, Treffen mit Kreissportbund. Tibetflagge – da ist ganz viel ganz bunt, was mich immer wieder neu und anders fordert. Gibt es schon jetzt Entscheidungen, die Sie im Rückblick anders getroffen hätten? Was mich nicht glücklich gemacht hat, ist dieser ganze Themenbereich Kontaktbeschränkungen und Einschnitte in die Grundrechte. Als auf die Aufhebung unserer Ausgangsbeschränkungen direkt die Entscheidung des Landes folgte, die 15-Kilometer-Radius-Regelung hier anzuwenden, konnte ich nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das war nicht so ein ganz schöner Moment. Da hätte ich mir gewünscht, dass wir vorher etwas anders gemacht hätten, um das aufzufangen. Sie hätten gern mehr Entscheidungsspielraum. Ja. Manchmal würde ich mir mehr Handlungsfreiheit wünschen. Wir müssen die Maßnahmen ja immer mit dem Land abstimmen – und manchmal macht mich nicht glücklich, was bei der Endabstimmung herauskommt. Stichworte sind hier Gottesdienste oder Schulöffnung. Immer mal wieder gibt uns das Land da vor, wie wir agieren müssen, das können wir dann nicht beeinflussen. Dennoch werden wir als Kreis in der Öffentlichkeit dafür verantwortlich gemacht und auch angegriffen Das heißt, Sie würden Schulen und Kirchen zu lassen? Wir haben im Moment, anders als vor Weihnachten, keine Anhaltspunkte für ein deutliches Infektionsgeschehen in Gottesdiensten. Darum halte ich die momentane Regelung für angemessen, würde mir aber eine Testpflicht wünschen. Ich hätte vor den Osterferien die Schulen gerne früher vom Netz genommen, aber dafür haben wir auch kein Go bekommen. Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass wir uns in Deutschland mit Entscheidungen zur Pandemiebekämpfung nicht nur so schwer tun, weil wir föderal sind, sondern vor allem, weil wir ein Rechtsstaat sind. Und das ist gut so. Sie haben sich vor Ostern zu partiellen Öffnungen der Geschäfte entschieden. Wie schwer fallen Ihnen solche Entscheidungen? Grundsätzlich fällt mir jede dieser Entscheidungen schwer, denn ich weiß, dass die Menschen hochsensibilisiert sind und die Nerven aller sehr angespannt sind. Diese Maßnahmen sind immer Kompromisse und niemals leicht – vor allem Grundrechtseingriffe. Aber wir haben wie 32 andere Kreise und kreisfreie Städte in NRW davon Gebrauch gemacht, mit dem Testangebot den Einzelhandel zu öffnen. Das ist mir tatsächlich leicht gefallen, weil wir wissen, dass es überhaupt keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass es unter diesen Bedingungen im Einzelhandel zu Infektionen gekommen ist und kommt. Was wir hingegen genau wissen ist, dass Corona sich bei privaten Kontakten verbreitet. Und das ist immer die ganz schwierige Entscheidung: Wie weit und mit welchen Mitteln möchte ich in das Privatleben der Bürger eingreifen? Das ist, was wir alle am wenigsten wollen. Gibt es Reaktionen? Sehr, sehr viele. So viele, dass es uns schwerfällt, alle zu beantworten, weil wir sonst zur eigentlichen Pandemiebekämpfung gar nicht mehr kommen würden. Dabei geht es um die ganze breite Themenpalette: Schulöffnung, Masken für Schüler, Ausgangssperre, Teilöffnung. Wie viele Nächte haben Sie seit Amtsantritt nicht geschlafen? Ich schlafe schon die eine oder andere Nacht nicht – vor allem in Verbindung mit zahnenden Kindern (lächelt). Und ja, ich habe schonmal schlaflose Nächte, das gebe ich allerdings nicht so gerne zu. Aber es gibt Dinge, von denen ich mich nicht ganz frei machen kann. Zum Beispiel? Große politische Entscheidungen oder das ganze Thema Krisenmanagement. Beim Impfen, da ist mit Sicherheit nicht alles optimal gelaufen. Andererseits: Es hätte aber auch unter diesen Rahmenbedingungen, die wir vorgefunden haben, nicht optimal laufen können. Aber auch, wenn man weiß, dass man sein Bestes getan hat, hat man trotzdem eine schlaflose Nacht, weil man einfach weiß, wie wichtig das Thema für alle ist. Was mich im Moment sehr mitnimmt: Ich bekomme viele Zuschriften zum Thema Impfpriorisierung, oft in der Art: „Meine Frau und ich sind zwar mit dem Impfen noch nicht dran, aber wir haben zwei kleine Kinder mit Lungenerkrankung. Bitte ziehen Sie uns vor.“ Ich bin ja nicht die entscheidende Stelle. Aber ich nehme mir jede dieser Zuschriften zu Herzen. Viele beschäftigen mich lange. Hatten Sie auch den Anruf „Hier ist noch eine Dosis übrig, komm vorbei, du bekommst sie“? Nein, weil ich immer – schon vor Weihnachten – sehr deutlich gesagt habe: Ich werde mich als Allerletztes impfen lassen. Ich möchte überhaupt nicht in diese Situation reinkommen. Es gibt viele Menschen, die eher ein Anrecht haben als ich. Sie wurden am Anfang ziemlich gehypt: Die Frau, die Junge, die Neue; viele Medien interessierten sich für Sie – hat Sie das verändert? Es hat mich auf jeden Fall um Erfahrungen reicher gemacht. Ich sehe solche Anfragen immer als Herausforderung und überlege mir gut, ob ich das wirklich will, was passieren kann und wie ich das meistern kann. Natürlich verändert es einen. Aber ich denke wenig drüber nach, was das mit mir macht. Ich gehe meinen Weg, und der führt in der Regel nach vorne. Viel wurde über Sie geschrieben und gesendet. Gab es was, das Sie geärgert hat? Das waren so Anwürfe wie ich wäre zu jung und hätte zu wenig Erfahrung. Es gab Menschen, die mir das nicht zugetraut haben, schon im Wahlkampf, und die mir das vielleicht auch immer noch nicht zutrauen. Das ärgert mich, weil ich die Erfahrung mitbringe und zwar jung an Jahren, aber doch relativ lange im Geschäft bin. Mich darauf reduzieren zu lassen, das mag ich nicht. Ich bin nicht hier, weil ich eine Frau bin und weil ich jung bin, sondern weil ich etwas kann. Sie haben letztens gesagt, Ihr Privatleben ist Ihr Stärkungsort, und Sie würden es von der öffentlichen Rolle abschirmen. Funktioniert das? Bisher habe ich ja fast nur den Verwaltungsleitungs-Hut auf und kaum öffentliche Termine, weil es die kaum gibt. Das heißt auch, es den ganzen Tag mit Problemen zu tun zu haben, weil die ja nach oben durchgereicht werden. Wenn ich abends nach Hause gehe, habe ich also den ganzen Tag Probleme gelöst. Der offizielle, repräsentative Teil, der auch zu einem Landrätinnen-Amt dazu gehört und der ein sehr schöner Teil dieses Amtes ist, findet im Moment leider so gut wie nicht statt. Das ist sehr, sehr schade, denn das könnte ein guter Ausgleich sein. Deswegen stellt sich mir gerade nicht die Frage, inwieweit ich meine Familie da raus halte. Prinzipiell könnte ich mir schon vorstellen, meinen Mann und meine Kinder beispielsweise zur Eröffnung des Mühlentages mitzunehmen, weil das für mich einfach natürlich wäre. Jetzt nach dem Unfall habe ich auch kurz überlegt, ob ich etwas dazu auf Facebook posten sollte. Denn es gab überraschend viele Fragen dazu. Wie schwierig ist Beziehung, wenn man so unter Anspannung steht? Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht Dinge mit nach Hause nehme, die mich beschäftigen und wo ich mich oder mein Mann mich auf den Boden des Familienlebens zurückholen muss. Nicht nur die schlaflosen Nächte gehören dazu, sondern auch das Gespräch beim Abendessen. Manches strahlt in Beziehung und Familie hinein. Zum Thema Probleme: Sie haben da verschiedene geerbt ... Mich würde es grundsätzlich eher glücklich machen, neue Dinge vorantreiben zu können. Denn immer in der Situation zu sein, etwas geerbt zu haben, was das Potenzial hat, einem auf die Füße zu fallen, ist nicht so schön. Das ist nicht nur die Multifunktionshalle, das sind auch die Mühlenkreiskliniken und anderes, von denen man sich wünschen würde, dass es im Vorfeld anders angegangen worden wäre. Aber es ist wie es ist, und dann muss man das Beste draus machen und eine Lösung im Interesse möglichst vieler und für den Mühlenkreis finden. Welches Thema ist Ihnen im Moment am wichtigsten – die Coronapandemie mal ausgenommen? Der ganze Bereich gesundheitliche Versorgung durch die Mühlenkreiskliniken MKK und die Frage, was wollen wir als Kreis auch in ambulanter Versorgung wahrnehmen. Und zwar nicht nur, weil ich davon überzeugt bin, dass es das große Thema des Kreises ist, sondern weil wir alle gemerkt haben, dass Gesundheitsversorgung der Kern unseres Menschseins ist. Zum einen geht es mir darum, das Vertrauen zurückzugewinnen, das nach dem gescheiterten Medizinkonzept vom 1.6.2018 geschwunden ist. Ich möchte eine Entscheidungskultur herstellen, und muss dazu mit der Kreispolitik klären, wie viel Transparenz möglich ist. Und zum anderen sind es ökonomische Fragen. Die MKK sind noch gut aufgestellt, aber so, wie sie im Moment wirtschaften, wird es nicht weitergehen können.

MT-Interview: Landrätin Anna Bölling über Corona-Entscheidungen, Vorurteile und ihr Privatleben

Stundenweise ist Landrätin Anna Bölling zurzeit im Kreishaus. Nach ihrem Unfall am Ostermontag kann sie sechs Wochen nicht laufen. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Nach dem Start im November wollte Landrätin Anna Bölling (CDU) viel verändern und musste dann vor allem erst einmal die Pandemie bekämpfen. Jetzt sitzt sie seit Ostermontag nach einem Sturz auch noch zuhause und kann nur stundenweise an ihren Arbeitsplatz in der Kreisverwaltung. Mit dem MT sprach sie über die ersten Monate – und darüber, was sie mal persönlich nimmt.

Sie waren gerade soweit, Ihre Themen und Projekte direkt anzugehen. Wirft Sie Ihr Unfall da zurück?

Ich sitze zuhause und kann kaum laufen. Das bedeutet vor allem für mich selbst, dass ich das aushalten muss. Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Der Fahrplan bleibt aber. Vorrangig sind wie immer Pandemiebekämpfung und Impfen. Aber die Mühlenkreiskliniken, Mobilität, Digitalisierung sind und bleiben die ganz großen und wesentlichen Themen, die angegangen werden müssen – dann eben telefonisch oder per Videokonferenz.


Landrätin sein: Ist das so, wie Sie erwartet haben?

Es war und bleibt natürlich anstrengend: Pandemiebekämpfung und Impfen zu bewältigen, gleichzeitig in alle Sachfragen reinzukommen und dazu Gespräche zu führen, die ich wegen der Kontaktbeschränkungen nicht so führen konnte, wie ich es gern getan hätte. . . Andererseits: Immer, wenn ich den Eindruck habe, dass ich etwas auf den Weg gebracht habe, fühle ich mich gut. Insgesamt macht mir diese Arbeit großen Spaß.

Kommen Sie für Ihre eigenen Ansprüche schnell genug voran?

Ich wusste ja vorher, dass das Tempo hoch und die Themenvielfalt groß sein werden. An vielen Tagen war ich ab morgens um acht auf einem Termin nach dem anderen – und dann war es mittags oft so, dass ich einfach die Pausetaste drücken musste, weil der Kopf nicht mehr aufnahmefähig war. Das Schöne finde ich nach wie vor, dass man nicht so eindimensional ist, sondern viele, viele Themen hat: Unfallstatistik, Treffen mit Kreissportbund. Tibetflagge – da ist ganz viel ganz bunt, was mich immer wieder neu und anders fordert.

Gibt es schon jetzt Entscheidungen, die Sie im Rückblick anders getroffen hätten?

Was mich nicht glücklich gemacht hat, ist dieser ganze Themenbereich Kontaktbeschränkungen und Einschnitte in die Grundrechte. Als auf die Aufhebung unserer Ausgangsbeschränkungen direkt die Entscheidung des Landes folgte, die 15-Kilometer-Radius-Regelung hier anzuwenden, konnte ich nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das war nicht so ein ganz schöner Moment. Da hätte ich mir gewünscht, dass wir vorher etwas anders gemacht hätten, um das aufzufangen.

Sie hätten gern mehr Entscheidungsspielraum.

Ja. Manchmal würde ich mir mehr Handlungsfreiheit wünschen. Wir müssen die Maßnahmen ja immer mit dem Land abstimmen – und manchmal macht mich nicht glücklich, was bei der Endabstimmung herauskommt. Stichworte sind hier Gottesdienste oder Schulöffnung. Immer mal wieder gibt uns das Land da vor, wie wir agieren müssen, das können wir dann nicht beeinflussen. Dennoch werden wir als Kreis in der Öffentlichkeit dafür verantwortlich gemacht und auch angegriffen

Das heißt, Sie würden Schulen und Kirchen zu lassen?

Wir haben im Moment, anders als vor Weihnachten, keine Anhaltspunkte für ein deutliches Infektionsgeschehen in Gottesdiensten. Darum halte ich die momentane Regelung für angemessen, würde mir aber eine Testpflicht wünschen. Ich hätte vor den Osterferien die Schulen gerne früher vom Netz genommen, aber dafür haben wir auch kein Go bekommen.

Auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass wir uns in Deutschland mit Entscheidungen zur Pandemiebekämpfung nicht nur so schwer tun, weil wir föderal sind, sondern vor allem, weil wir ein Rechtsstaat sind. Und das ist gut so.

Sie haben sich vor Ostern zu partiellen Öffnungen der Geschäfte entschieden. Wie schwer fallen Ihnen solche Entscheidungen?

Grundsätzlich fällt mir jede dieser Entscheidungen schwer, denn ich weiß, dass die Menschen hochsensibilisiert sind und die Nerven aller sehr angespannt sind. Diese Maßnahmen sind immer Kompromisse und niemals leicht – vor allem Grundrechtseingriffe. Aber wir haben wie 32 andere Kreise und kreisfreie Städte in NRW davon Gebrauch gemacht, mit dem Testangebot den Einzelhandel zu öffnen. Das ist mir tatsächlich leicht gefallen, weil wir wissen, dass es überhaupt keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass es unter diesen Bedingungen im Einzelhandel zu Infektionen gekommen ist und kommt.

Was wir hingegen genau wissen ist, dass Corona sich bei privaten Kontakten verbreitet. Und das ist immer die ganz schwierige Entscheidung: Wie weit und mit welchen Mitteln möchte ich in das Privatleben der Bürger eingreifen? Das ist, was wir alle am wenigsten wollen.

Gibt es Reaktionen?

Sehr, sehr viele. So viele, dass es uns schwerfällt, alle zu beantworten, weil wir sonst zur eigentlichen Pandemiebekämpfung gar nicht mehr kommen würden. Dabei geht es um die ganze breite Themenpalette: Schulöffnung, Masken für Schüler, Ausgangssperre, Teilöffnung.

Wie viele Nächte haben Sie seit Amtsantritt nicht geschlafen?

Ich schlafe schon die eine oder andere Nacht nicht – vor allem in Verbindung mit zahnenden Kindern (lächelt). Und ja, ich habe schonmal schlaflose Nächte, das gebe ich allerdings nicht so gerne zu. Aber es gibt Dinge, von denen ich mich nicht ganz frei machen kann.

Zum Beispiel?

Große politische Entscheidungen oder das ganze Thema Krisenmanagement. Beim Impfen, da ist mit Sicherheit nicht alles optimal gelaufen. Andererseits: Es hätte aber auch unter diesen Rahmenbedingungen, die wir vorgefunden haben, nicht optimal laufen können. Aber auch, wenn man weiß, dass man sein Bestes getan hat, hat man trotzdem eine schlaflose Nacht, weil man einfach weiß, wie wichtig das Thema für alle ist.

Was mich im Moment sehr mitnimmt: Ich bekomme viele Zuschriften zum Thema Impfpriorisierung, oft in der Art: „Meine Frau und ich sind zwar mit dem Impfen noch nicht dran, aber wir haben zwei kleine Kinder mit Lungenerkrankung. Bitte ziehen Sie uns vor.“ Ich bin ja nicht die entscheidende Stelle. Aber ich nehme mir jede dieser Zuschriften zu Herzen. Viele beschäftigen mich lange.

Hatten Sie auch den Anruf „Hier ist noch eine Dosis übrig, komm vorbei, du bekommst sie“?

Nein, weil ich immer – schon vor Weihnachten – sehr deutlich gesagt habe: Ich werde mich als Allerletztes impfen lassen. Ich möchte überhaupt nicht in diese Situation reinkommen. Es gibt viele Menschen, die eher ein Anrecht haben als ich.

Sie wurden am Anfang ziemlich gehypt: Die Frau, die Junge, die Neue; viele Medien interessierten sich für Sie – hat Sie das verändert?

Es hat mich auf jeden Fall um Erfahrungen reicher gemacht. Ich sehe solche Anfragen immer als Herausforderung und überlege mir gut, ob ich das wirklich will, was passieren kann und wie ich das meistern kann. Natürlich verändert es einen. Aber ich denke wenig drüber nach, was das mit mir macht. Ich gehe meinen Weg, und der führt in der Regel nach vorne.

Viel wurde über Sie geschrieben und gesendet. Gab es was, das Sie geärgert hat?

Das waren so Anwürfe wie ich wäre zu jung und hätte zu wenig Erfahrung. Es gab Menschen, die mir das nicht zugetraut haben, schon im Wahlkampf, und die mir das vielleicht auch immer noch nicht zutrauen. Das ärgert mich, weil ich die Erfahrung mitbringe und zwar jung an Jahren, aber doch relativ lange im Geschäft bin. Mich darauf reduzieren zu lassen, das mag ich nicht. Ich bin nicht hier, weil ich eine Frau bin und weil ich jung bin, sondern weil ich etwas kann.

Sie haben letztens gesagt, Ihr Privatleben ist Ihr Stärkungsort, und Sie würden es von der öffentlichen Rolle abschirmen. Funktioniert das?

Bisher habe ich ja fast nur den Verwaltungsleitungs-Hut auf und kaum öffentliche Termine, weil es die kaum gibt. Das heißt auch, es den ganzen Tag mit Problemen zu tun zu haben, weil die ja nach oben durchgereicht werden. Wenn ich abends nach Hause gehe, habe ich also den ganzen Tag Probleme gelöst. Der offizielle, repräsentative Teil, der auch zu einem Landrätinnen-Amt dazu gehört und der ein sehr schöner Teil dieses Amtes ist, findet im Moment leider so gut wie nicht statt. Das ist sehr, sehr schade, denn das könnte ein guter Ausgleich sein. Deswegen stellt sich mir gerade nicht die Frage, inwieweit ich meine Familie da raus halte.

Prinzipiell könnte ich mir schon vorstellen, meinen Mann und meine Kinder beispielsweise zur Eröffnung des Mühlentages mitzunehmen, weil das für mich einfach natürlich wäre. Jetzt nach dem Unfall habe ich auch kurz überlegt, ob ich etwas dazu auf Facebook posten sollte. Denn es gab überraschend viele Fragen dazu.

Wie schwierig ist Beziehung, wenn man so unter Anspannung steht?

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht Dinge mit nach Hause nehme, die mich beschäftigen und wo ich mich oder mein Mann mich auf den Boden des Familienlebens zurückholen muss. Nicht nur die schlaflosen Nächte gehören dazu, sondern auch das Gespräch beim Abendessen. Manches strahlt in Beziehung und Familie hinein.

Zum Thema Probleme: Sie haben da verschiedene geerbt ...

Mich würde es grundsätzlich eher glücklich machen, neue Dinge vorantreiben zu können. Denn immer in der Situation zu sein, etwas geerbt zu haben, was das Potenzial hat, einem auf die Füße zu fallen, ist nicht so schön. Das ist nicht nur die Multifunktionshalle, das sind auch die Mühlenkreiskliniken und anderes, von denen man sich wünschen würde, dass es im Vorfeld anders angegangen worden wäre. Aber es ist wie es ist, und dann muss man das Beste draus machen und eine Lösung im Interesse möglichst vieler und für den Mühlenkreis finden.

Welches Thema ist Ihnen im Moment am wichtigsten – die Coronapandemie mal ausgenommen?

Der ganze Bereich gesundheitliche Versorgung durch die Mühlenkreiskliniken MKK und die Frage, was wollen wir als Kreis auch in ambulanter Versorgung wahrnehmen. Und zwar nicht nur, weil ich davon überzeugt bin, dass es das große Thema des Kreises ist, sondern weil wir alle gemerkt haben, dass Gesundheitsversorgung der Kern unseres Menschseins ist.

Zum einen geht es mir darum, das Vertrauen zurückzugewinnen, das nach dem gescheiterten Medizinkonzept vom 1.6.2018 geschwunden ist. Ich möchte eine Entscheidungskultur herstellen, und muss dazu mit der Kreispolitik klären, wie viel Transparenz möglich ist. Und zum anderen sind es ökonomische Fragen. Die MKK sind noch gut aufgestellt, aber so, wie sie im Moment wirtschaften, wird es nicht weitergehen können.

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