MT-Interview: Frauke Ratsmann ist die einzige Linkshänder-Beraterin in der Region Benjamin Piel Minden (mt). Früher bekamen Linkshänder die linke Hand auf den Rücken gebunden, um auf die Rechtshändigkeit umgeschult zu werden. Diese Zeiten sind vorbei. Linkshänderberaterin Frauke Ratsmann sieht für Eltern, Lehrer und Erzieher trotzdem noch Aufklärungsbedarf. Nicht zuletzt, weil Kinder sich oft unbemerkt selbst umschulen. Die Mindenerin ist vor 20 Jahren durch ihren Sohn auf das Thema gekommen. Sie begann, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sie machte schließlich eine Ausbildung zur Linkshänder-Beraterin. Bis heute ist sie die einzige in der Region. Ist das Thema Linkshändigkeit nicht längst durch? Nein, absolut nicht, auch wenn die Zeiten vorbei sind, in denen Kinder auf Biegen und Brechen auf Rechtshändigkeit getrimmt wurden. Aber beispielsweise einige Großeltern machen das heute noch bei ihren Enkeln – wenn auch subtiler. Die sagen dann: „Nimm doch mal die andere Hand.“ Bis heute ist das Thema bedauerlicherweise nicht fester Bestandteil des Lehramtsstudiums oder der Erzieherausbildung. Deshalb sehe ich da einigen Aufklärungsbedarf. Inwiefern? Noch immer wissen viele nicht, dass die Händigkeit Ausdruck der Dominanz einer Gehirnhälfte ist. Und zwar von Geburt an und unveränderlich. Der Rechtshänder hat eine dominante linke Gehirnhälfte, der Linkshänder eine dominante rechte Gehirnhälfte. Und wenn von der rechten auf die linke Hand umgeschult wird, ändert sich das? Eben nicht, das ist ja das Problem und deshalb sprechen wir hier von einer wichtigen Weichenstellungen im Leben. Die Dominanz der Gehirnhälften bleibt und wer mit seiner nicht dominanten Hand schreiben muss, dessen Gehirnhälften arbeiten nicht optimal miteinander. Die Ablaufprozesse im Gehirn werden gestört. Die Nervenbahnen laufen Umwege. Das führt dazu, dass der Betroffene mehr Energie aufbringen muss, um die gleichen Leistungen zu bringen. Das macht Probleme. Welche? Einige kompensieren das mit einem erheblichen Energieaufwand, andere sind frustriert. Es können Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen auftreten, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten, Verwechslung von Buchstaben und Zahlen, Sprachstörungen wie Stammeln oder Stottern. Daraus wiederum können sich Minderwertigkeitskomplexe oder Unsicherheit ergeben. Oft merken die Eltern, dass die Kinder nicht zurecht kommen, aber meistens kann niemand etwas finden. Manchmal gibt es die Fehldiagnose ADHS. Meistens sind es Zufälle, die eine Spur zum eigentlichen Thema legen. Oft übergeben umgeschulte Linkshänder beispielsweise mit der dominanten linken den Stift zum Schreiben in die rechte Hand. Das kann ein Hinweis sein. Es gibt einen Test, mit dem sich die Händigkeit recht spielerisch feststellen lässt. Das Umschulen ist aus Ihrer Sicht also ein heftiger Eingriff. Der englischsprachige Begriff dafür drückt das sehr viel deutlicher aus: „brain breaking“, also das Gehirn brechen. Dieser Ausdruck macht deutlicher, wie weitreichend der Vorgang ist, der da passiert. Übrigens auch dann, wenn sich das Kind selbst auf die andere Hand umschult, weil es seine rechtshändige Umwelt imitiert. Woher kommt eigentlich die Annahme, die rechte sei die bessere Hand? Ein Erklärungsansatz ist, dass die linke Hand in einigen Kulturen bis heute als unreine Hand gilt, mit der man die unsauberen Arbeiten erledigt, beispielsweise Fäkalien anfasst. Es gibt übrigens Forscher, die annehmen, dass es in der früheren Menschheitsgeschichte in etwa gleich viele Rechts- und Linkshänder gegeben hat. Dafür könnte auch sprechen, dass die Quote an Linkshändern deutlich gestiegen ist, seitdem nicht mehr konsequent umgeschult wird. Und je städtischer eine Region, desto höher die Linkshänderquote. In den ländlichen Regionen geht es auch bei diesem Thema traditioneller zu. Ganz anders sieht es in den USA aus. Die Amerikaner gehen schon seit 100 Jahren liberaler mit dem Thema um und dementsprechend ist auch die Linkshänderquote deutlich höher. Was brauchen linkshändige Kinder zur Unterstützung? Es hilft zunächst einmal, wenn Eltern um das Thema wissen und sich zu den Anwälten ihrer Kinder machen. Und dann sollten die Arbeitsgeräte zur Händigkeit passen. Linkshänder-Scheren gibt es heute in jedem Kindergarten. Da geht das linke Scherblatt nach oben und damit können Linkshänder gerade schneiden, was sie mit einer Rechtshänderschere nicht können. Weniger bekannt sich Linkshänder-Anspitzer, -Füller, -Schäler oder -Messser mit Schliff auf der linken Seite. Sehr hilfreich sind Schreibtischunterlagen, die eine Schreibtechnik unterstützen, die für eine entspannte Handhaltung sorgt und verhindert, dass die Schülerinnen und Schüler mit der Hand durch das Geschriebene wischen. Haben Sie mal gesehen wie Barack Obama schreibt? Der bricht sich als Linkshänder fast den Arm beim Schreiben, weil er offenbar nie eine gute Schreibtechnik gelernt hat, um das als Linkshänder eleganter zu lösen. Es gibt ja auch so etwas wie eine positive Diskriminierung von Linkshändern, die intelligenter seien. Ist da etwas dran? Wissenschaftlich ist das nicht nachweisbar. Womöglich sind Linkshänder deshalb ein bisschen kreativer, weil sie verknüpfter denken durch die Präferenz der rechten Gehirnhälfte. Rechtshänder denken linearer. Was raten Sie Eltern, die den Verdacht haben, ihr Kind könnte sich selbst auf die Linkshändigkeit umgeschult haben? Es hilft, Beobachtungen, die man beim Kind macht, aufzuschreiben. Ein Jahr vor der Einschulung sollte die Händigkeit getestet werden. Eine Rückschulung auf die dominante Hand ist jederzeit möglich. Allerdings nicht in der Pubertät, denn da finden schon zu viele Umbauprozesse statt. An sich allerdings gilt: Die dominante Hand bleibt die dominante Hand – ein Leben lang. Meine älteste Rückschülerin war 62 Jahre alt. Ist es ratsam, das Thema in dem Alter noch einmal anzugehen? Das kommt ganz darauf an, wie der- oder diejenige sich damit fühlt. Wenn jemand zufrieden ist, ist es gut. Wenn nicht, dann lässt sich das ändern. MT-Serie: #200in365 In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen. Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

MT-Interview: Frauke Ratsmann ist die einzige Linkshänder-Beraterin in der Region

Frauke Rathsmann fordert, Lehrer und Erzieher müssten in Studium und Ausbildung besser auf das Thema Händigkeit vorbereitet werden.
MT-
© Foto: Benjamin Piel

Minden (mt). Früher bekamen Linkshänder die linke Hand auf den Rücken gebunden, um auf die Rechtshändigkeit umgeschult zu werden. Diese Zeiten sind vorbei. Linkshänderberaterin Frauke Ratsmann sieht für Eltern, Lehrer und Erzieher trotzdem noch Aufklärungsbedarf. Nicht zuletzt, weil Kinder sich oft unbemerkt selbst umschulen. Die Mindenerin ist vor 20 Jahren durch ihren Sohn auf das Thema gekommen. Sie begann, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sie machte schließlich eine Ausbildung zur Linkshänder-Beraterin. Bis heute ist sie die einzige in der Region.

Ist das Thema Linkshändigkeit nicht längst durch?

Nein, absolut nicht, auch wenn die Zeiten vorbei sind, in denen Kinder auf Biegen und Brechen auf Rechtshändigkeit getrimmt wurden. Aber beispielsweise einige Großeltern machen das heute noch bei ihren Enkeln – wenn auch subtiler. Die sagen dann: „Nimm doch mal die andere Hand.“ Bis heute ist das Thema bedauerlicherweise nicht fester Bestandteil des Lehramtsstudiums oder der Erzieherausbildung. Deshalb sehe ich da einigen Aufklärungsbedarf.

Inwiefern?

Noch immer wissen viele nicht, dass die Händigkeit Ausdruck der Dominanz einer Gehirnhälfte ist. Und zwar von Geburt an und unveränderlich. Der Rechtshänder hat eine dominante linke Gehirnhälfte, der Linkshänder eine dominante rechte Gehirnhälfte.

Und wenn von der rechten auf die linke Hand umgeschult wird, ändert sich das?

Eben nicht, das ist ja das Problem und deshalb sprechen wir hier von einer wichtigen Weichenstellungen im Leben. Die Dominanz der Gehirnhälften bleibt und wer mit seiner nicht dominanten Hand schreiben muss, dessen Gehirnhälften arbeiten nicht optimal miteinander. Die Ablaufprozesse im Gehirn werden gestört. Die Nervenbahnen laufen Umwege. Das führt dazu, dass der Betroffene mehr Energie aufbringen muss, um die gleichen Leistungen zu bringen. Das macht Probleme.

Welche?

Einige kompensieren das mit einem erheblichen Energieaufwand, andere sind frustriert. Es können Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen auftreten, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten, Verwechslung von Buchstaben und Zahlen, Sprachstörungen wie Stammeln oder Stottern. Daraus wiederum können sich Minderwertigkeitskomplexe oder Unsicherheit ergeben. Oft merken die Eltern, dass die Kinder nicht zurecht kommen, aber meistens kann niemand etwas finden. Manchmal gibt es die Fehldiagnose ADHS. Meistens sind es Zufälle, die eine Spur zum eigentlichen Thema legen. Oft übergeben umgeschulte Linkshänder beispielsweise mit der dominanten linken den Stift zum Schreiben in die rechte Hand. Das kann ein Hinweis sein. Es gibt einen Test, mit dem sich die Händigkeit recht spielerisch feststellen lässt.

Das Umschulen ist aus Ihrer Sicht also ein heftiger Eingriff.

Der englischsprachige Begriff dafür drückt das sehr viel deutlicher aus: „brain breaking“, also das Gehirn brechen. Dieser Ausdruck macht deutlicher, wie weitreichend der Vorgang ist, der da passiert. Übrigens auch dann, wenn sich das Kind selbst auf die andere Hand umschult, weil es seine rechtshändige Umwelt imitiert.

Woher kommt eigentlich die Annahme, die rechte sei die bessere Hand?

Ein Erklärungsansatz ist, dass die linke Hand in einigen Kulturen bis heute als unreine Hand gilt, mit der man die unsauberen Arbeiten erledigt, beispielsweise Fäkalien anfasst. Es gibt übrigens Forscher, die annehmen, dass es in der früheren Menschheitsgeschichte in etwa gleich viele Rechts- und Linkshänder gegeben hat. Dafür könnte auch sprechen, dass die Quote an Linkshändern deutlich gestiegen ist, seitdem nicht mehr konsequent umgeschult wird. Und je städtischer eine Region, desto höher die Linkshänderquote. In den ländlichen Regionen geht es auch bei diesem Thema traditioneller zu. Ganz anders sieht es in den USA aus. Die Amerikaner gehen schon seit 100 Jahren liberaler mit dem Thema um und dementsprechend ist auch die Linkshänderquote deutlich höher.

Was brauchen linkshändige Kinder zur Unterstützung?

Es hilft zunächst einmal, wenn Eltern um das Thema wissen und sich zu den Anwälten ihrer Kinder machen. Und dann sollten die Arbeitsgeräte zur Händigkeit passen. Linkshänder-Scheren gibt es heute in jedem Kindergarten. Da geht das linke Scherblatt nach oben und damit können Linkshänder gerade schneiden, was sie mit einer Rechtshänderschere nicht können. Weniger bekannt sich Linkshänder-Anspitzer, -Füller, -Schäler oder -Messser mit Schliff auf der linken Seite. Sehr hilfreich sind Schreibtischunterlagen, die eine Schreibtechnik unterstützen, die für eine entspannte Handhaltung sorgt und verhindert, dass die Schülerinnen und Schüler mit der Hand durch das Geschriebene wischen. Haben Sie mal gesehen wie Barack Obama schreibt? Der bricht sich als Linkshänder fast den Arm beim Schreiben, weil er offenbar nie eine gute Schreibtechnik gelernt hat, um das als Linkshänder eleganter zu lösen.

Es gibt ja auch so etwas wie eine positive Diskriminierung von Linkshändern, die intelligenter seien. Ist da etwas dran?

Wissenschaftlich ist das nicht nachweisbar. Womöglich sind Linkshänder deshalb ein bisschen kreativer, weil sie verknüpfter denken durch die Präferenz der rechten Gehirnhälfte. Rechtshänder denken linearer.

Was raten Sie Eltern, die den Verdacht haben, ihr Kind könnte sich selbst auf die Linkshändigkeit umgeschult haben?

Es hilft, Beobachtungen, die man beim Kind macht, aufzuschreiben. Ein Jahr vor der Einschulung sollte die Händigkeit getestet werden. Eine Rückschulung auf die dominante Hand ist jederzeit möglich. Allerdings nicht in der Pubertät, denn da finden schon zu viele Umbauprozesse statt. An sich allerdings gilt: Die dominante Hand bleibt die dominante Hand – ein Leben lang. Meine älteste Rückschülerin war 62 Jahre alt.

Ist es ratsam, das Thema in dem Alter noch einmal anzugehen?

Das kommt ganz darauf an, wie der- oder diejenige sich damit fühlt. Wenn jemand zufrieden ist, ist es gut. Wenn nicht, dann lässt sich das ändern.

MT-Serie: #200in365

In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen. Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

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