MT-Interview: Es ist nie zu spät - gezielt Vorbeugen gegen Demenz Doris Christoph Minden. Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind an Demenz erkrankt. Eine Medizin dagegen gibt eszwar nicht – doch mit dem eigenen Verhalten kann man einer dementiellen Erkrankung vorbeugen. Dabei zählen einfache Dinge und ein langer Atem, wie Christian Heerdt (35) im MT-Interview erklärt. Der Sozialwissenschaftler ist Mitarbeiter des Kuratoriums Deutsche Altershilfe. Der Verein berät unter anderem Politiker, wie das Leben älterer Menschen verbessert werden kann, und hat eine Informationskampagne zur Demenzprävention ins Leben gerufen: Sanimemorix. Heerdt stellt sie bei der Online-Konferenz des Demenznetzes Minden-Lübbecke vor. Herr Heerdt, gab es Demenz schon immer oder ist das eine Zivilisationskrankheit? Wir gehen davon aus, dass es Demenz in unterschiedlichen Formen schon immer gegeben hat. Medizinisch gesehen ist es ein Syndrom und nicht die eine Krankheit: Nervenzellen, Kognitionen, Blutströme im Gehirn verändern sich krankheitsbedingt. Das kann sich in verschiedenen Beeinträchtigungen des Denkens und Erinnerns wie Vergesslichkeit, Orientierungs- und Sprachstörungen äußern. Diese Veränderungen können von vielen unterschiedlichen Krankheiten ausgelöst werden. Dazu gehören Alzheimer oder ein Schlaganfall. Die Wahrscheinlichkeit zu erkranken steigt mit dem Alter und weil wir als Gesellschaft immer älter werden, werden auch Demenzen häufiger. Deshalb trifft es zu: Ja, es ist eine Zivilisationskrankheit. Meine Großmutter hatte Alzheimer. Habe ich ein höheres Risiko auch daran zu erkranken? Jein. Ein gewisser Teil von Demenzerkrankungen kann aus einer erblich-genetischen Vorbelastung entstehen. Man kann das mittlerweile testen und identifizieren. Das Ergebnis liefert aber nicht immer eine hundertprozentige Wahrscheinlichkeit. Viele Demenz-Ursachen sind eher verhaltensbezogen und vor allem altersbedingt: durch unsere Lebensweise, durch bestimmte Traumata oder Co-Erkrankungen, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln. In der Summe können die im mittleren oder späteren Lebensalter dazu führen, dass wir Demenz entwickeln. Das ist ein komplexes Mischverhältnis. Darum ist es auch so schwierig, mit Medikamenten dagegen zu arbeiten. Dann bin ich also dem Schicksal Demenz nicht unbedingt ausgeliefert. Was kann ich im Alltag denn tun, um ihr vorzubeugen? Man kann eigentlich sehr viel tun. Aber kaum einer weiß, dass bis zu 40 Prozent der Demenz-Erkrankungen auf Verhaltensweisen zurückzuführen sind. In der mittleren Lebensphase zwischen 25 bis 50 Jahren können wir am meisten Einfluss nehmen. Die Kombination aus einer guten Ernährung und Bewegung zwei- bis dreimal die Woche senkt das Risiko, an Demenz zu erkranken, Übergewicht und Faktoren wie Rauchen und Alkoholkonsum erhöhen es. Und es gibt ganz viele gute Studien dazu, dass persönliche Teilhabe und das gemeinsame Miteinander Schutzfaktoren sind. Das hört sich doch nach einem einfachen Rezept an. Was ich aber betonen muss: Dieser Zusammenhang gilt nicht eins zu eins. Das heißt, man versucht immer alles richtig zu machen, keinen Alkohol zu trinken, nicht zu rauchen etc. und trotzdem gibt es Menschen, die an Krebs oder Demenz erkranken. Ein individuelles Risiko bleibt. Aber es geht ja auch um Lebensqualität, die deutlich zunimmt, wenn wir uns besser ernähren, mehr bewegen, viel Kontakt mit Menschen haben. Kann eine Demenz-Erkrankung auch aufgehalten werden? Man kann es nur dann aufhalten, wenn die kausalen Ursachen gar nicht erst eintreten. Das sind bei Demenzen in der Regel Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Bei einer dementiellen Erkrankung geht es auch darum, wie viele unserer Hirnareale kann man trotzdem noch erhalten oder vielleicht reaktivieren. Dazu gibt es in der Wissenschaft verschiedene Meinungen. Da spricht man dann eher von Verzögerungen. Ein Aufhalten und Vermeiden der Krankheit ist möglich, aber eben nicht vollständig und nicht bei jedem Einzelnen. Zurzeit ist eine gesunde Lebensweise ja eher schwierig umzusetzen: Das Homeoffice führt zu noch mehr Bewegungsmangel, abends lümmelt man sich mit Schokolade und Chips aufs Sofa, raucht mehr, trinkt mehr, soziale Kontakte nehmen ab. Wird die Pandemie das Voranschreiten von Demenz begünstigen? Die Pandemie verstärkt genau die Faktoren, die wir zivilisatorisch vermeiden müssten – nicht nur, wenn es um dementielle Erkrankungen geht. Es sind davon häufig die betroffen, die ganz viele Risikofaktoren vereinen. Menschen, die eh schon keine stabilen sozialen Kontakte haben, vereinsamen stärker, die anderen Verhaltensweisen – wie Alkohol- und Zigarettenkonsum oder zu wenig Bewegung – verstärken sich. Ich bin relativ sicher, dass man bei Corona in 30 bis 50 Jahren in ganz verschiedenen Bereichen Auswirkungen sehen wird. Sind die Auswirkungen weniger schlimm, wenn wir den gesunden Lebensstil nur ein Jahr schleifen lassen? Es geht vor allem um Kontinuität: Wenn wir dementielle Erkrankungen und unser persönliches Risiko beeinflussen wollen, dann muss man kontinuierlich aktiv bleiben. Eine Lockdown-Situation über ein, zwei Jahre ist kein Problem. Für den Moment zwar schon, weil wir uns schlechter fühlen – aber es ist auf jeden Fall kompensierbar. Eigentlich steht uns ja auch viel Zeit zur Verfügung. Aber den gesunden Lebensstil kontinuierlich gerade über die mittlere Lebensphase aufrecht zu erhalten – das ist die Herausforderung. Ist es egal, wann man mit der Umstellung beginnt? Je früher, desto besser. Wenn ich 60 Jahre in allen Bereichen nicht aktiv war, kann ich am Ende nicht das Maximum herausholen wie eine Person, die seit dem mittleren Alter sehr aktiv war und gesund lebte. Aber es ist nie zu spät und es führt immer zu positiven Effekten. Nicht jede Demenz-Erkrankung wird sich dadurch aufhalten lassen, teilweise verzögert sich aber der Beginn. Menschen erkranken weniger mit 70 oder 75 Jahren, sondern eher im späteren Lebensalter. Welche Altersspanne sprechen Sie also an? Wir wollen schwerpunktmäßig die Gruppe mit 40 bis 50 Jahren erreichen. Das ist der Punkt, an dem man sehr gut die Kurve kriegen kann. Wie sieht es bei Menschen aus, die nicht mehr so mobil sind? Man kann so viele tolle Sachen machen, häufig in Gruppenangeboten. Da hat man direkt noch den Effekt: Man kann sich gemeinsam bewegen, essen, hat sozialen Austausch, kognitive Aktivität wird angeregt. Aus klinischen Studien wissen wir auch, dass sich die Lebenssituation dieser Menschen stabilisiert und verbessert. Man kann sich auch im Stuhlkreis sitzend und auch im Rollstuhl total gut bewegen. Das machen mittlerweile auch viele stationäre Altenpflegeeinrichtungen mit ihren Bewohnern. Aber Dafür braucht es eben Zeit und Personal, und manchmal auch eine Qualifizierung und Fortbildung. Sind fernsehen oder ein Hörbuch hören auch kognitive Betätigungen? Jein. Wenn man den Podcast nur nebenbei laufen lässt, während man kocht oder andere Sachen macht, dann fehlt genau das, was wir wollen: Die Anregung von Hirnarealen. Das ist wie ein Begleitrauschen. So ist das beim Fernsehen leider auch. Aber Computer- oder Konsolenspiele sind total super. Das kann man bis ins hohe Alter machen, auch wenn man nicht mobil ist. Und das ist etwas, was die Gehirnagilität gut triggert. Und noch eine schlechte Nachricht: Ein später Renteneintritt und eine lange berufliche Tätigkeit helfen übrigens auch. Es geht hierbei um die kognitive Aktivität und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen, die man umso länger hat, je länger man arbeitet. Das kommt natürlich auch auf den Beruf an, den man ausübt Sie haben Sanimemorix entwickelt. Was ist das genau? Was die meisten Menschen gerne hätten, wäre eine Art Schluckimpfung gegen Demenz. „Sanimemorix – der Demenzimpfstoff" ist sozusagen unsere Medizin. Das ist eine Informationskampagne, die wir mit verschiedenen Partnern im europäischen Ausland initiiert haben. Wir haben zehn Hauptverhaltensweisen wie Ernährung und Bewegung auf Tablettenblistern dargestellt und bei einer Kampagne in Form von „Impfstoffschachteln" am Weltalzheimertag 2018 verteilt. In einem Beipackzettel werden außerdem die Wirkungen erklärt und es gibt eine Internetseite. Seitdem suchen wir Partner, die sich davon angesprochen fühlen, wie das Demenznetz. Das hat einen Seniorberater gefunden, der das Thema Sanimemorix und die Inhalte im Kreis Minden-Lübbecke weiter vorantreiben möchte. Erreicht der denn die jüngere Zielgruppe, um die es eigentlich geht? Auch wenn man Ältere erreicht, haben die ja jüngere Angehörige – man weiß es dann eben über den Umweg. Der Seniorberater Dr. Jan-Wilm Dunkel ist von Haus aus Mediziner, der bekommt die Impfstoffschachteln, mit denen er Sanimemorix an öffentlichen Orten und bei Netzwerkpartnern bewerben kann, wie zum Beispiel in Apotheken. Die Kollegen vom Demenznetz kennen die guten Orte, über die man die Menschen erreichen kann. Leider können wir die Schachteln wegen des Lockdowns aber im Moment nicht nachproduzieren. Nachdem Sie alle diese Studien gelesen haben – haben Sie auch selber ihr Verhalten geändert? Ich bewege mich deutlich mehr und habe meine Ernährung umgestellt. Aber ich habe gelitten. Mir hat eine stabile Beziehung geholfen – viele Dinge gehen zu zweit viel einfacher als alleine. Ich habe total von der guten Ernährung meiner Partnerin profitiert und davon, dass die mich aufs Fahrrad gesetzt hat, wenn ich abends schlechte Laune bekommen habe, weil ich mich nicht bewegt habe. Online-Netzwerkkonferenz am 14. April 2021

MT-Interview: Es ist nie zu spät - gezielt Vorbeugen gegen Demenz

Frauensportgruppe macht Sport im Freien, Bonn, 15.06.2020. Bonn Deutschland *** Womens sports group does outdoor sports, Bonn, 15 06 2020 Bonn Germany Copyright: xUtexGrabowsky/photothek.netx Foto: Ute Grabowsky/photothek.net via www.imago-images.de © imago images/photothek

Minden. Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind an Demenz erkrankt. Eine Medizin dagegen gibt eszwar nicht – doch mit dem eigenen Verhalten kann man einer dementiellen Erkrankung vorbeugen. Dabei zählen einfache Dinge und ein langer Atem, wie Christian Heerdt (35) im MT-Interview erklärt. Der Sozialwissenschaftler ist Mitarbeiter des Kuratoriums Deutsche Altershilfe. Der Verein berät unter anderem Politiker, wie das Leben älterer Menschen verbessert werden kann, und hat eine Informationskampagne zur Demenzprävention ins Leben gerufen: Sanimemorix. Heerdt stellt sie bei der Online-Konferenz des Demenznetzes Minden-Lübbecke vor.

Herr Heerdt, gab es Demenz schon immer oder ist das eine Zivilisationskrankheit?

Wir gehen davon aus, dass es Demenz in unterschiedlichen Formen schon immer gegeben hat. Medizinisch gesehen ist es ein Syndrom und nicht die eine Krankheit: Nervenzellen, Kognitionen, Blutströme im Gehirn verändern sich krankheitsbedingt. Das kann sich in verschiedenen Beeinträchtigungen des Denkens und Erinnerns wie Vergesslichkeit, Orientierungs- und Sprachstörungen äußern. Diese Veränderungen können von vielen unterschiedlichen Krankheiten ausgelöst werden. Dazu gehören Alzheimer oder ein Schlaganfall. Die Wahrscheinlichkeit zu erkranken steigt mit dem Alter und weil wir als Gesellschaft immer älter werden, werden auch Demenzen häufiger. Deshalb trifft es zu: Ja, es ist eine Zivilisationskrankheit.

Christian Heerdt kümmert sich um die Themen Pflege und Demenz beim Kuratorium Deutsche Altershilfe. Foto: privat - © s
Christian Heerdt kümmert sich um die Themen Pflege und Demenz beim Kuratorium Deutsche Altershilfe. Foto: privat - © s

Meine Großmutter hatte Alzheimer. Habe ich ein höheres Risiko auch daran zu erkranken?

Jein. Ein gewisser Teil von Demenzerkrankungen kann aus einer erblich-genetischen Vorbelastung entstehen. Man kann das mittlerweile testen und identifizieren. Das Ergebnis liefert aber nicht immer eine hundertprozentige Wahrscheinlichkeit. Viele Demenz-Ursachen sind eher verhaltensbezogen und vor allem altersbedingt: durch unsere Lebensweise, durch bestimmte Traumata oder Co-Erkrankungen, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln. In der Summe können die im mittleren oder späteren Lebensalter dazu führen, dass wir Demenz entwickeln. Das ist ein komplexes Mischverhältnis. Darum ist es auch so schwierig, mit Medikamenten dagegen zu arbeiten.

Dann bin ich also dem Schicksal Demenz nicht unbedingt ausgeliefert. Was kann ich im Alltag denn tun, um ihr vorzubeugen?

Man kann eigentlich sehr viel tun. Aber kaum einer weiß, dass bis zu 40 Prozent der Demenz-Erkrankungen auf Verhaltensweisen zurückzuführen sind. In der mittleren Lebensphase zwischen 25 bis 50 Jahren können wir am meisten Einfluss nehmen. Die Kombination aus einer guten Ernährung und Bewegung zwei- bis dreimal die Woche senkt das Risiko, an Demenz zu erkranken, Übergewicht und Faktoren wie Rauchen und Alkoholkonsum erhöhen es. Und es gibt ganz viele gute Studien dazu, dass persönliche Teilhabe und das gemeinsame Miteinander Schutzfaktoren sind.

Das hört sich doch nach einem einfachen Rezept an.

Was ich aber betonen muss: Dieser Zusammenhang gilt nicht eins zu eins. Das heißt, man versucht immer alles richtig zu machen, keinen Alkohol zu trinken, nicht zu rauchen etc. und trotzdem gibt es Menschen, die an Krebs oder Demenz erkranken. Ein individuelles Risiko bleibt. Aber es geht ja auch um Lebensqualität, die deutlich zunimmt, wenn wir uns besser ernähren, mehr bewegen, viel Kontakt mit Menschen haben.

Kann eine Demenz-Erkrankung auch aufgehalten werden?

Man kann es nur dann aufhalten, wenn die kausalen Ursachen gar nicht erst eintreten. Das sind bei Demenzen in der Regel Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Bei einer dementiellen Erkrankung geht es auch darum, wie viele unserer Hirnareale kann man trotzdem noch erhalten oder vielleicht reaktivieren. Dazu gibt es in der Wissenschaft verschiedene Meinungen. Da spricht man dann eher von Verzögerungen. Ein Aufhalten und Vermeiden der Krankheit ist möglich, aber eben nicht vollständig und nicht bei jedem Einzelnen.

Zurzeit ist eine gesunde Lebensweise ja eher schwierig umzusetzen: Das Homeoffice führt zu noch mehr Bewegungsmangel, abends lümmelt man sich mit Schokolade und Chips aufs Sofa, raucht mehr, trinkt mehr, soziale Kontakte nehmen ab. Wird die Pandemie das Voranschreiten von Demenz begünstigen?

Die Pandemie verstärkt genau die Faktoren, die wir zivilisatorisch vermeiden müssten – nicht nur, wenn es um dementielle Erkrankungen geht. Es sind davon häufig die betroffen, die ganz viele Risikofaktoren vereinen. Menschen, die eh schon keine stabilen sozialen Kontakte haben, vereinsamen stärker, die anderen Verhaltensweisen – wie Alkohol- und Zigarettenkonsum oder zu wenig Bewegung – verstärken sich. Ich bin relativ sicher, dass man bei Corona in 30 bis 50 Jahren in ganz verschiedenen Bereichen Auswirkungen sehen wird.

Sind die Auswirkungen weniger schlimm, wenn wir den gesunden Lebensstil nur ein Jahr schleifen lassen?

Es geht vor allem um Kontinuität: Wenn wir dementielle Erkrankungen und unser persönliches Risiko beeinflussen wollen, dann muss man kontinuierlich aktiv bleiben. Eine Lockdown-Situation über ein, zwei Jahre ist kein Problem. Für den Moment zwar schon, weil wir uns schlechter fühlen – aber es ist auf jeden Fall kompensierbar. Eigentlich steht uns ja auch viel Zeit zur Verfügung. Aber den gesunden Lebensstil kontinuierlich gerade über die mittlere Lebensphase aufrecht zu erhalten – das ist die Herausforderung.

Ist es egal, wann man mit der Umstellung beginnt?

Je früher, desto besser. Wenn ich 60 Jahre in allen Bereichen nicht aktiv war, kann ich am Ende nicht das Maximum herausholen wie eine Person, die seit dem mittleren Alter sehr aktiv war und gesund lebte. Aber es ist nie zu spät und es führt immer zu positiven Effekten. Nicht jede Demenz-Erkrankung wird sich dadurch aufhalten lassen, teilweise verzögert sich aber der Beginn. Menschen erkranken weniger mit 70 oder 75 Jahren, sondern eher im späteren Lebensalter.

Welche Altersspanne sprechen Sie also an?

Wir wollen schwerpunktmäßig die Gruppe mit 40 bis 50 Jahren erreichen. Das ist der Punkt, an dem man sehr gut die Kurve kriegen kann.

Wie sieht es bei Menschen aus, die nicht mehr so mobil sind?

Man kann so viele tolle Sachen machen, häufig in Gruppenangeboten. Da hat man direkt noch den Effekt: Man kann sich gemeinsam bewegen, essen, hat sozialen Austausch, kognitive Aktivität wird angeregt. Aus klinischen Studien wissen wir auch, dass sich die Lebenssituation dieser Menschen stabilisiert und verbessert. Man kann sich auch im Stuhlkreis sitzend und auch im Rollstuhl total gut bewegen. Das machen mittlerweile auch viele stationäre Altenpflegeeinrichtungen mit ihren Bewohnern. Aber Dafür braucht es eben Zeit und Personal, und manchmal auch eine Qualifizierung und Fortbildung.

Sind fernsehen oder ein Hörbuch hören auch kognitive Betätigungen?

Jein. Wenn man den Podcast nur nebenbei laufen lässt, während man kocht oder andere Sachen macht, dann fehlt genau das, was wir wollen: Die Anregung von Hirnarealen. Das ist wie ein Begleitrauschen. So ist das beim Fernsehen leider auch. Aber Computer- oder Konsolenspiele sind total super. Das kann man bis ins hohe Alter machen, auch wenn man nicht mobil ist. Und das ist etwas, was die Gehirnagilität gut triggert. Und noch eine schlechte Nachricht: Ein später Renteneintritt und eine lange berufliche Tätigkeit helfen übrigens auch. Es geht hierbei um die kognitive Aktivität und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen, die man umso länger hat, je länger man arbeitet. Das kommt natürlich auch auf den Beruf an, den man ausübt

Sanimemorix Foto: privat - © privat
Sanimemorix Foto: privat - © privat

Sie haben Sanimemorix entwickelt. Was ist das genau?

Was die meisten Menschen gerne hätten, wäre eine Art Schluckimpfung gegen Demenz. „Sanimemorix – der Demenzimpfstoff" ist sozusagen unsere Medizin. Das ist eine Informationskampagne, die wir mit verschiedenen Partnern im europäischen Ausland initiiert haben. Wir haben zehn Hauptverhaltensweisen wie Ernährung und Bewegung auf Tablettenblistern dargestellt und bei einer Kampagne in Form von „Impfstoffschachteln" am Weltalzheimertag 2018 verteilt. In einem Beipackzettel werden außerdem die Wirkungen erklärt und es gibt eine Internetseite. Seitdem suchen wir Partner, die sich davon angesprochen fühlen, wie das Demenznetz. Das hat einen Seniorberater gefunden, der das Thema Sanimemorix und die Inhalte im Kreis Minden-Lübbecke weiter vorantreiben möchte.

Erreicht der denn die jüngere Zielgruppe, um die es eigentlich geht?

Auch wenn man Ältere erreicht, haben die ja jüngere Angehörige – man weiß es dann eben über den Umweg. Der Seniorberater Dr. Jan-Wilm Dunkel ist von Haus aus Mediziner, der bekommt die Impfstoffschachteln, mit denen er Sanimemorix an öffentlichen Orten und bei Netzwerkpartnern bewerben kann, wie zum Beispiel in Apotheken. Die Kollegen vom Demenznetz kennen die guten Orte, über die man die Menschen erreichen kann. Leider können wir die Schachteln wegen des Lockdowns aber im Moment nicht nachproduzieren.

Nachdem Sie alle diese Studien gelesen haben – haben Sie auch selber ihr Verhalten geändert?

Ich bewege mich deutlich mehr und habe meine Ernährung umgestellt. Aber ich habe gelitten. Mir hat eine stabile Beziehung geholfen – viele Dinge gehen zu zweit viel einfacher als alleine. Ich habe total von der guten Ernährung meiner Partnerin profitiert und davon, dass die mich aufs Fahrrad gesetzt hat, wenn ich abends schlechte Laune bekommen habe, weil ich mich nicht bewegt habe.

Online-Netzwerkkonferenz am 14. April 2021

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