MT-Interview: Eine Hochwasserkatastrophe ist auch in Minden möglich Stefan Koch Minden. Extreme Niederschlagsmengen mit bis zu 200 Liter pro Quadratmeter können überall in Deutschland auftreten. Seitdem die Katastrophenmeldungen aus den betroffenen Gebieten nicht mehr enden, ist das ins öffentliche Bewusstsein gelangt. Wer an Gewässern wohnt, stellt sich die Frage, was ihn bei anhaltendem Starkregen erwartet. Mit Risiken durch derartige Naturereignisse beschäftigt sich unter anderem auch die Ingenieurgesellschaft für Wasserbau und Wasserwirtschaft Sönnichsen & Weinert aus Minden. Das MT befragte den Geschäftsführer Norbert Weinert zum Thema. Kann sich eine Hochwasser-Katastrophe wie im Landkreis Ahrweiler auch bei uns in der Mindener Region ereignen? Ja. Solche extremen Hochwasserereignisse sind Resultat von lang anhaltenden, extremen Niederschlägen. Und diese entspringen dem hydrologischen Zufall, so dass diese auch an unseren Gewässer auftreten können. Relevant sind dabei zwei Dinge: Zum Einen die Größe des Einzugsgebiets eines Gewässers/Flusses. Diese Schüssel, in die der Niederschlag fällt, muss für extreme Hochwasserereignisse zu einem großen Anteil „erregt“ werden, sprich betroffen sein. Bei einem „kleinen“ Einzugsgebiet, wie zum Beispiel der Bückeburger Aue, reicht es dafür aus, dass dieser Niederschlag über dem südlichen Landkreis Schaumburg fällt. Bei der Weser hingegen muss es in großen Teilen von Hessen, Thüringen, Niedersachsen und NRW entsprechend stark und lange regnen, damit in Minden ein extremes Hochwasser auftritt. Zum Anderen ist das Relief entscheidend. Je steiler und hügeliger ein Einzugsgebiet, desto schneller reagiert es auf den Niederschlag und desto höher sind die auftretenden Fließgeschwindigkeiten und mithin die auftretenden Kräfte und die resultierenden Gefahren. Es ist also etwas anderes, wenn der gleiche Niederschlag im hügeligen Weserbergland fällt, etwa in den Weser-Nebengewässern Emmer oder Nethe, als etwa über der Bastau oder der Ösper im flachen Tiefland. Bei den erstgenannten sind Schäden durch hohe Fließgeschwindigkeiten zu erwarten, bei den letztgenannten vornehmlich durch vergleichsweise langsam fließendes Wasser und Vernässung. Hochwasser ist besonders ein Mengenproblem, dass als solches von den meisten unterschätzt wird. Ein einfaches Beispiel: Die Volme hat in Hagen ein Niederschlagsgebiet von mehr als 400 Quadratkilometern. Bei den beobachteten 200 Millimeter Niederschlag in 24 Stunden entspricht das einem Wasservolumen von 80 Millionen Kubikmetern, das sich in kurzer Zeit durch die Stadt wälzt (zum Vergleich: Inhalt Möhnetalsperre 130 Millionen Kubikmeter). Vor elf Jahren hatte sich Ihr Büro mit einer Hochwasser-Gefahrenkarte beschäftigt und dabei Überflutungsgebiete bei unterschiedlichen Szenarien dargestellt. Was war der Grund dafür und wozu dienten diese Karten? Das Land NRW hat nach den extremen Hochwasserereignissen insbesondere im Osten Deutschlands Anfang der 2000er Jahre einen Leitfaden für die Aufstellung von solche Gefahrenkarten aufgelegt. Ziel war es, das Hochwasserbewusstsein zu fördern. In diesen Karten ist für drei unterschiedlich „starke“ Hochwasserereignisse dargestellt, welche Bereiche dann betroffen sind. Neben grundlegenden wasserwirtschaftlichen Informationen (Überschwemmungsflächen, Wassertiefen, Geschwindigkeiten) enthalten diese Karten noch Informationen über betroffene Anwohner, ob Brücken befahrbar sind, betroffenen Infrastruktur. Für die Katastropheneinsatzkräfte gibt es eine separate Version der Karten, die über die allgemeinen Informationen hinaus noch mögliche Schutzmaßnahmen aufzeigt. Die Karten sind im Internet verfügbar unter folgendem Link: https://www.bezreg-detmold.nrw.de/wir-ueber-uns/organisationsstruktur/abteilung-5/dezernat-54/hochwasser-gefahrenkarten-nrw Welche Vorgaben müssen solche Karten erfüllen? Die Karten sollen in erster Linie über die potenzielle Betroffenheit informieren. Nur wer weiß, was ihn in einem Ereignisfall erwartet, kann auch handeln. Die zusätzlichen Informationen helfen den Katastropheneinsatzkräften bei der Beurteilung der Situation und dem Einsatz der verfügbaren Kräfte und auch gegegebenenfalls benötigtem Material. Die Überschwemmungsflächen, die in den Karten dargestellt sind, unterliegen einer ständigen Aktualisierung. Diese werden durch das Land NRW durch die Bezirksregierungen erarbeitet. Welche Maßnahmen sind nach der Veröffentlichung der Karten erfolgt? Können Sie Beispiele nennen? Die Maßnahmen in den genannten Hochwasser-Gefahrenkarten sind Maßnahmen für den Ereignisfall – wo müssen Sandsäcke eingesetzt werden? Wo ist kritische Infrastruktur zu schützen oder anders zu betreiben? Wo sind Leute zu evakuieren? Verantwortlich sind hier die Katastropheneinsatzkräfte. Gibt es neben der Weser auch andere Gewässer im Kreis Minden-Lübbecke, die für den Hochwasserschutz relevant sind? Grundsätzlich sind aufgrund der hydrologischen Zufälligkeit alle Gewässer hochwassergefährdet. Und je seltener und außergewöhnlicher ein Ereignis ist, desto größer ist auch die Gefährdung. Unterschiedlich ist die jeweilige Betroffenheit, die mit der Siedlungsstruktur zusammenhängt. Dementsprechend sind auch die erforderlichen Schutzmaßnahmen unterschiedlich relevant. Vergessen werden darf dabei nicht, dass auch überschwemmte landwirtschaftliche Flächen oder Straßen, wie zum Beispiel am Großen Diekfluss 2017, Schäden erleiden. Wo sehen Sie heute im Kreis Minden-Lübbecke beim Hochwasserschutz Nachholbedarf? Nimmt man das sogenannte hundertjährliche Hochwasser, welches statistisch einmal in hundert Jahren auftritt, als Maßstab, so ist das Kreisgebiet relativ gut aufgestellt. Es gibt vergleichsweise wenige größere Betroffenheiten, zum Beispiel an der Weser in Porta Westfalica-Hausberge und -Veltheim, sowie in Teilen der Altstädte von Minden und Petershagen. Bei extremeren Ereignissen sieht das allerdings schon deutlich anders aus. Hier ist neben den genannten Städten zusätzlich Bad Oeynhausen stark betroffen. Und für die meisten kleineren Nebengewässer liegen für solche extremen Ereignisse keine Informationen vor, so dass die Betroffenheit nicht bekannt ist. Aber auch hier dürfte die Betroffenheit größer sein als bisher bekannt. Allerdings betrifft diese Einschätzung „nur“ die Gefährdungsart Flusshochwasser. Beim Thema Starkniederschlag, welches sich vom Flusshochwasser durch lokale Starkniederschläge unterscheidet, ist jede Region potenziell betroffen. Es kann auch eine 1 Quadratkilometer große hängige Ackerfläche am Tiefpunkt ungeschickt errichtete Gebäude desaströs beschädigen. Für Minden gilt, dass durch den hydrologischen Zufall der seit 1946 nicht mehr aufgetretenen Extreme, keine Sorglosigkeit eintreten sollte. Das betrifft besonders den Stadtdurchgang, der eine Engstelle für den extremen Hochwasserabfluss darstellt. So wünschenswert Gehölzbestand ist, so verheerend wirkt er sich aus, wenn er quer zur Fließrichtung den Abfluss behindert. Insofern ist die landwirtschaftliche Grünlandnutzung zwischen Stadt- und Nordbrücke unbedingt erhaltenswert während unkontrolliert aufwachsender Gehölzbestand angegangen werden muss. Sind Ihre Ergebnisse auch für Versicherungen von Bedeutung? Die ermittelten Überschwemmungsflächen werden von den Versicherungen in das sogenannte „Zonierungssystem für Überschwemmungsrisiko und Einschätzung von Umweltrisiken“ (ZÜRS) übernommen. Über die dort vorgenommene Zonierung kann der Versicherer erkennen, in wie weit ein Objekt von Hochwasser betroffen ist und auf dieser Grundlage entscheiden, ob und zu welchen Bedingungen zum Beispiel eine Elementarschadensversicherung angeboten wird. Ist Ihrer Meinung nach die Bevölkerung ausreichend gegenüber Risiken durch Hochwasser sensibilisiert? In diesem Bereich besteht noch Nachholbedarf. Obwohl in den letzten Jahren viele gute Grundlagen und Informationen von Seiten des Landes, der Städte oder Wasserverbände erarbeitet und bereitgestellt wurden, kommt das Vorhandensein dieser Informationen oft nicht bei den Betroffenen an. Nur wer aktiv danach sucht wird fündig. Hier müsste in meinen Augen eine Umkehr hin zu einer größeren aktiven Information in Form von Veranstaltungen, Objektschutzblättern, Hinweisen über die Betroffenheit von Seiten der öffentlichen Verwaltung oder insbesondere auch über soziale Medien und Apps kommen. Ein einfacher Link auf der Homepage auf der Internetseite ist meines Erachtens nicht (mehr) ausreichend. Doch ist auch klar, dass ein solches Vorgehen mit Zeit und Aufwand und Personal in der Verwaltung verbunden ist, das nicht vorhanden beziehungsweise ausgelastet ist. Gut angelegt wäre der Einsatz aber allemal. Welche Möglichkeiten gibt es für Bürgerinnen und Bürger, sich indiesen Fragen zu informieren? Die Verwaltungen, angefangen vom Bund bis hin zu den Kommunen, haben in der Regel auf ihren Internetseiten entsprechende Links zu vorhandenen Überschwemmungskarten oder Handlungsempfehlungen verknüpft. Auch die entsprechenden Fachabteilungen des Kreises oder der Bezirksregierung geben entsprechend Auskünfte. Die Versicherungswirtschaft bietet Interessierten entsprechende Informationsbroschüren oder Gefährdungseinschätzungen (https://www.dieversicherer.de). Für Nordrhein-Westfalen bietet der Geovserver des Landes NRW einen sehr guten Überblick: https://www.elwasweb.nrw.de Das Interview wurde schriftlichgeführt Zunehmende Hochwasserereignisse erfordern den Ausbau des Risikomanagements ¶ Hochwasserereignisse haben in Deutschland zu erheblichen Schäden geführt. Neben den großen Hochwassern um die Jahrtausendwende (1995 Rhein, 1997 Oder, 1999 Süddeutschland, 2002 Elbe/Mulde) kam es vor der aktuellen Katastrophe im Sommer 2013 zu großen Überschwemmungen. Betroffen waren insbesondere die Einzugsgebiete der Donau und der Elbe. Aufgrund dieser Ereignisse hat sich in den vergangenen Jahren auch die Wahrnehmung im Umgang mit Hochwasser verändert. Da ein absoluter Hochwasserschutz weder technisch machbar, noch wirtschaftlich sinnvoll ist, wird heute ein umfassendes Management des durch Hochwasser entstehenden Risikos in den Mittelpunkt der Bemühungen gestellt. Dabei soll das Hochwasserrisiko bewertet, dargestellt und die durch Hochwasser bedingten Folgen reduziert und weitestgehend vermieden werden. Die Verantwortung für die Ausgestaltung detaillierter Strategien und Maßnahmen gegen Hochwasser liegt im Wesentlichen bei den 16 Bundesländern. Die Verantwortung für einzelne Projekte des Hochwasserrisikomanagements kann – abhängig von der Verteilung der Kompetenzen in den Ländern – auch bei den Kommunen oder bei Wasserverbänden angesiedelt sein. Mit Blick auf die Vorgaben der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie arbeiten die Länder bei der Bewirtschaftung in zehn nationalen Flussgebietseinheiten zusammen. Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit

MT-Interview: Eine Hochwasserkatastrophe ist auch in Minden möglich

Die Ingenieurgesellschaft hatte Hochwasserkarten für die Bezirksregierung Detmold erstellt. Die Darstellung für ein extremes Ereignis mit 8,37 Metern Wasserhöhe am Pegel Porta zeigt, wie das Mindener Stadtgebiet betroffen ist. Rund 400 Anwohner sind gefährdet. Das Albert-Nisius-Altenpflegeheim und das Robert-Winzer-Haus müsen evakuiert werden. Auch zahlreiche Industriebetriebe stehen im Wasser, darunter Teile der Firma Wago.?Grafik: Barner © Grafik: Barner

Minden. Extreme Niederschlagsmengen mit bis zu 200 Liter pro Quadratmeter können überall in Deutschland auftreten. Seitdem die Katastrophenmeldungen aus den betroffenen Gebieten nicht mehr enden, ist das ins öffentliche Bewusstsein gelangt. Wer an Gewässern wohnt, stellt sich die Frage, was ihn bei anhaltendem Starkregen erwartet. Mit Risiken durch derartige Naturereignisse beschäftigt sich unter anderem auch die Ingenieurgesellschaft für Wasserbau und Wasserwirtschaft Sönnichsen & Weinert aus Minden. Das MT befragte den Geschäftsführer Norbert Weinert zum Thema.

Kann sich eine Hochwasser-Katastrophe wie im Landkreis Ahrweiler auch bei uns in der Mindener Region ereignen?

Ja. Solche extremen Hochwasserereignisse sind Resultat von lang anhaltenden, extremen Niederschlägen. Und diese entspringen dem hydrologischen Zufall, so dass diese auch an unseren Gewässer auftreten können. Relevant sind dabei zwei Dinge: Zum Einen die Größe des Einzugsgebiets eines Gewässers/Flusses. Diese Schüssel, in die der Niederschlag fällt, muss für extreme Hochwasserereignisse zu einem großen Anteil „erregt“ werden, sprich betroffen sein. Bei einem „kleinen“ Einzugsgebiet, wie zum Beispiel der Bückeburger Aue, reicht es dafür aus, dass dieser Niederschlag über dem südlichen Landkreis Schaumburg fällt. Bei der Weser hingegen muss es in großen Teilen von Hessen, Thüringen, Niedersachsen und NRW entsprechend stark und lange regnen, damit in Minden ein extremes Hochwasser auftritt. Zum Anderen ist das Relief entscheidend. Je steiler und hügeliger ein Einzugsgebiet, desto schneller reagiert es auf den Niederschlag und desto höher sind die auftretenden Fließgeschwindigkeiten und mithin die auftretenden Kräfte und die resultierenden Gefahren. Es ist also etwas anderes, wenn der gleiche Niederschlag im hügeligen Weserbergland fällt, etwa in den Weser-Nebengewässern Emmer oder Nethe, als etwa über der Bastau oder der Ösper im flachen Tiefland. Bei den erstgenannten sind Schäden durch hohe Fließgeschwindigkeiten zu erwarten, bei den letztgenannten vornehmlich durch vergleichsweise langsam fließendes Wasser und Vernässung. Hochwasser ist besonders ein Mengenproblem, dass als solches von den meisten unterschätzt wird. Ein einfaches Beispiel: Die Volme hat in Hagen ein Niederschlagsgebiet von mehr als 400 Quadratkilometern. Bei den beobachteten 200 Millimeter Niederschlag in 24 Stunden entspricht das einem Wasservolumen von 80 Millionen Kubikmetern, das sich in kurzer Zeit durch die Stadt wälzt (zum Vergleich: Inhalt Möhnetalsperre 130 Millionen Kubikmeter).


Vor elf Jahren hatte sich Ihr Büro mit einer Hochwasser-Gefahrenkarte beschäftigt und dabei Überflutungsgebiete bei unterschiedlichen Szenarien dargestellt. Was war der Grund dafür und wozu dienten diese Karten?

Das Land NRW hat nach den extremen Hochwasserereignissen insbesondere im Osten Deutschlands Anfang der 2000er Jahre einen Leitfaden für die Aufstellung von solche Gefahrenkarten aufgelegt. Ziel war es, das Hochwasserbewusstsein zu fördern. In diesen Karten ist für drei unterschiedlich „starke“ Hochwasserereignisse dargestellt, welche Bereiche dann betroffen sind. Neben grundlegenden wasserwirtschaftlichen Informationen (Überschwemmungsflächen, Wassertiefen, Geschwindigkeiten) enthalten diese Karten noch Informationen über betroffene Anwohner, ob Brücken befahrbar sind, betroffenen Infrastruktur. Für die Katastropheneinsatzkräfte gibt es eine separate Version der Karten, die über die allgemeinen Informationen hinaus noch mögliche Schutzmaßnahmen aufzeigt.

Norbert Weinert kennt sich mit Hochwasser aus. Foto: privat - © privat
Norbert Weinert kennt sich mit Hochwasser aus. Foto: privat - © privat

Die Karten sind im Internet verfügbar unter folgendem Link:

https://www.bezreg-detmold.nrw.de/wir-ueber-uns/organisationsstruktur/abteilung-5/dezernat-54/hochwasser-gefahrenkarten-nrw

Welche Vorgaben müssen solche Karten erfüllen?

Die Karten sollen in erster Linie über die potenzielle Betroffenheit informieren. Nur wer weiß, was ihn in einem Ereignisfall erwartet, kann auch handeln. Die zusätzlichen Informationen helfen den Katastropheneinsatzkräften bei der Beurteilung der Situation und dem Einsatz der verfügbaren Kräfte und auch gegegebenenfalls benötigtem Material. Die Überschwemmungsflächen, die in den Karten dargestellt sind, unterliegen einer ständigen Aktualisierung. Diese werden durch das Land NRW durch die Bezirksregierungen erarbeitet.

Welche Maßnahmen sind nach der Veröffentlichung der Karten erfolgt? Können Sie Beispiele nennen?

Die Maßnahmen in den genannten Hochwasser-Gefahrenkarten sind Maßnahmen für den Ereignisfall – wo müssen Sandsäcke eingesetzt werden? Wo ist kritische Infrastruktur zu schützen oder anders zu betreiben? Wo sind Leute zu evakuieren? Verantwortlich sind hier die Katastropheneinsatzkräfte.

Gibt es neben der Weser auch andere Gewässer im Kreis Minden-Lübbecke, die für den Hochwasserschutz relevant sind?

Grundsätzlich sind aufgrund der hydrologischen Zufälligkeit alle Gewässer hochwassergefährdet. Und je seltener und außergewöhnlicher ein Ereignis ist, desto größer ist auch die Gefährdung. Unterschiedlich ist die jeweilige Betroffenheit, die mit der Siedlungsstruktur zusammenhängt. Dementsprechend sind auch die erforderlichen Schutzmaßnahmen unterschiedlich relevant. Vergessen werden darf dabei nicht, dass auch überschwemmte landwirtschaftliche Flächen oder Straßen, wie zum Beispiel am Großen Diekfluss 2017, Schäden erleiden.

Wo sehen Sie heute im Kreis Minden-Lübbecke beim Hochwasserschutz Nachholbedarf?

Nimmt man das sogenannte hundertjährliche Hochwasser, welches statistisch einmal in hundert Jahren auftritt, als Maßstab, so ist das Kreisgebiet relativ gut aufgestellt. Es gibt vergleichsweise wenige größere Betroffenheiten, zum Beispiel an der Weser in Porta Westfalica-Hausberge und -Veltheim, sowie in Teilen der Altstädte von Minden und Petershagen. Bei extremeren Ereignissen sieht das allerdings schon deutlich anders aus. Hier ist neben den genannten Städten zusätzlich Bad Oeynhausen stark betroffen. Und für die meisten kleineren Nebengewässer liegen für solche extremen Ereignisse keine Informationen vor, so dass die Betroffenheit nicht bekannt ist. Aber auch hier dürfte die Betroffenheit größer sein als bisher bekannt. Allerdings betrifft diese Einschätzung „nur“ die Gefährdungsart Flusshochwasser. Beim Thema Starkniederschlag, welches sich vom Flusshochwasser durch lokale Starkniederschläge unterscheidet, ist jede Region potenziell betroffen. Es kann auch eine 1 Quadratkilometer große hängige Ackerfläche am Tiefpunkt ungeschickt errichtete Gebäude desaströs beschädigen. Für Minden gilt, dass durch den hydrologischen Zufall der seit 1946 nicht mehr aufgetretenen Extreme, keine Sorglosigkeit eintreten sollte. Das betrifft besonders den Stadtdurchgang, der eine Engstelle für den extremen Hochwasserabfluss darstellt. So wünschenswert Gehölzbestand ist, so verheerend wirkt er sich aus, wenn er quer zur Fließrichtung den Abfluss behindert. Insofern ist die landwirtschaftliche Grünlandnutzung zwischen Stadt- und Nordbrücke unbedingt erhaltenswert während unkontrolliert aufwachsender Gehölzbestand angegangen werden muss.

Sind Ihre Ergebnisse auch für Versicherungen von Bedeutung?

Die ermittelten Überschwemmungsflächen werden von den Versicherungen in das sogenannte „Zonierungssystem für Überschwemmungsrisiko und Einschätzung von Umweltrisiken“ (ZÜRS) übernommen. Über die dort vorgenommene Zonierung kann der Versicherer erkennen, in wie weit ein Objekt von Hochwasser betroffen ist und auf dieser Grundlage entscheiden, ob und zu welchen Bedingungen zum Beispiel eine Elementarschadensversicherung angeboten wird.

Ist Ihrer Meinung nach die Bevölkerung ausreichend gegenüber Risiken durch Hochwasser sensibilisiert?

In diesem Bereich besteht noch Nachholbedarf. Obwohl in den letzten Jahren viele gute Grundlagen und Informationen von Seiten des Landes, der Städte oder Wasserverbände erarbeitet und bereitgestellt wurden, kommt das Vorhandensein dieser Informationen oft nicht bei den Betroffenen an. Nur wer aktiv danach sucht wird fündig. Hier müsste in meinen Augen eine Umkehr hin zu einer größeren aktiven Information in Form von Veranstaltungen, Objektschutzblättern, Hinweisen über die Betroffenheit von Seiten der öffentlichen Verwaltung oder insbesondere auch über soziale Medien und Apps kommen. Ein einfacher Link auf der Homepage auf der Internetseite ist meines Erachtens nicht (mehr) ausreichend. Doch ist auch klar, dass ein solches Vorgehen mit Zeit und Aufwand und Personal in der Verwaltung verbunden ist, das nicht vorhanden beziehungsweise ausgelastet ist. Gut angelegt wäre der Einsatz aber allemal.

Welche Möglichkeiten gibt es für Bürgerinnen und Bürger, sich indiesen Fragen zu informieren?

Die Verwaltungen, angefangen vom Bund bis hin zu den Kommunen, haben in der Regel auf ihren Internetseiten entsprechende Links zu vorhandenen Überschwemmungskarten oder Handlungsempfehlungen verknüpft. Auch die entsprechenden Fachabteilungen des Kreises oder der Bezirksregierung geben entsprechend Auskünfte. Die Versicherungswirtschaft bietet Interessierten entsprechende Informationsbroschüren oder Gefährdungseinschätzungen (https://www.dieversicherer.de). Für Nordrhein-Westfalen bietet der Geovserver des Landes NRW einen sehr guten Überblick: https://www.elwasweb.nrw.de

Das Interview wurde schriftlichgeführt

Zunehmende Hochwasserereignisse erfordern den Ausbau des Risikomanagements ¶

  • Hochwasserereignisse haben in Deutschland zu erheblichen Schäden geführt. Neben den großen Hochwassern um die Jahrtausendwende (1995 Rhein, 1997 Oder, 1999 Süddeutschland, 2002 Elbe/Mulde) kam es vor der aktuellen Katastrophe im Sommer 2013 zu großen Überschwemmungen. Betroffen waren insbesondere die Einzugsgebiete der Donau und der Elbe.
  • Aufgrund dieser Ereignisse hat sich in den vergangenen Jahren auch die Wahrnehmung im Umgang mit Hochwasser verändert. Da ein absoluter Hochwasserschutz weder technisch machbar, noch wirtschaftlich sinnvoll ist, wird heute ein umfassendes Management des durch Hochwasser entstehenden Risikos in den Mittelpunkt der Bemühungen gestellt. Dabei soll das Hochwasserrisiko bewertet, dargestellt und die durch Hochwasser bedingten Folgen reduziert und weitestgehend vermieden werden.
  • Die Verantwortung für die Ausgestaltung detaillierter Strategien und Maßnahmen gegen Hochwasser liegt im Wesentlichen bei den 16 Bundesländern. Die Verantwortung für einzelne Projekte des Hochwasserrisikomanagements kann – abhängig von der Verteilung der Kompetenzen in den Ländern – auch bei den Kommunen oder bei Wasserverbänden angesiedelt sein. Mit Blick auf die Vorgaben der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie arbeiten die Länder bei der Bewirtschaftung in zehn nationalen Flussgebietseinheiten zusammen.
  • Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
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