MT-Interview: Darum setzt die Diakonie Stiftung Salem auf WGs für Menschen, die pflegebedürftig werden Monika Jäger Minden. Anders Wohnen im Alter – mit dem Thema befasst sich Christian Schultz, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Stiftung Salem, seit Jahren. Er spricht mit dem MT über den Unterschied zur Studenten-WG, dass sich solch ein Angebot nicht für alle eignet – und warum die Diakonie dennoch keine neuen stationären Einrichtungen mehr bauen wird. Wie sollen und wollen Seniorinnen und Senioren im Alter wohnen? Ich komme aus der klassischen Altenpflege, wo vor über 25 Jahren die Regel war, dass Menschen in großen Einrichtungen gelebt haben, und zwar teilweise in Vierbettzimmern. Ich hatte aber auch das Glück, in meiner 19-jährigen Arbeit als Berater für soziale Einrichtungen deutschlandweit viele Konzepte zu sehen. Vor zwölf Jahren haben wir dann in Biberach an der Riß das Hausgemeinschaftsprinzip entwickelt und implementiert, indem wir geschaut haben, was möglich ist, wenn man von allem das Beste nimmt und daraus eine Versorgungsform für die Zukunft gestaltet. Und das haben Sie dann vor acht Jahren mit nach Minden gebracht? Ja, wir brauchen zwar stationäre Pflegeeinrichtungen, das ist keine Frage, aber wir brauchen daneben auch ganz anders gestaltete Angebote. Gemeinsame Grundlage ist, dass überall eine Pflege von Grad Null bis 5 möglich ist. Aber wir werden derzeit keine stationären Plätze mehr bauen. Wir setzen auf Gemeinschaft – sowohl in der Hilfe für Menschen mit Behinderung als auch in der Seniorenhilfe. Meistens docken wir an die Senioren-Hausgemeinschaften auch barrierearme Wohnungen und Appartements an, um es wirtschaftlicher zu machen. Keine stationären Plätze mehr – müssen sich dann alle notgedrungen in das WG-Wohnmodell reinfinden? Nein, es gibt ja weiterhin stationäre Einrichtungen – wir beispielsweise haben da über 600 Plätze. Aber wir bauen keine mehr hinzu. Das machen allerdings private Pflegekonzerne. Wie schwierig ist es, sich in so eine Hausgemeinschaft hinein zu finden? Wer keine Lust hat, mit Menschen zusammen zu leben, bekommt ein Problem: Da lebt man immerhin mit zwölf bis 16 Menschen in einer sehr großen Wohnung, wo jeder so rund 50 Quadratmeter inklusive aller Nebenräume zur Verfügung hat. Ich muss schon eine gewisse Affinität dazu haben, Menschen zu begegnen. Nichts für Introvertierte. . . Doch, die kann ich abholen – ebenso wie Menschen, die mit Demenz kommen. Dafür sind ja auch unsere Mitarbeiter da. Dann sind Konfliktthemen nicht wie in Studenten-WGs die verschwundene Milch im Kühlschrank? Nein. Heiß diskutiert wird beispielsweise über den Essensplan für die kommende Woche: Hacksteak? Fisch? Welches Gemüse? Oder auch über politische Themen. Streiten gehört dazu, wir wollen ja in der WG einen familiären Charakter schaffen. Ist das das passende Modell für die Boomer-Generation? Absolut: Mir bräuchten Sie mit nichts anderem zu kommen. Und klar, die Infrastruktur muss laufen. Ich brauche gutes Internet, gutes Essen, und wenn ich keinen Bock auf Gesellschaft habe, gehe ich in mein Zimmer. Mein Pflegeproblem muss dann eher nebenbei erledigt werden. Wichtig ist doch: Nicht wir legen fest, was gut ist, sondern der Nutzer weiß es. Wir unterstützen da nur. Wie alt sind die Leute beim Einzug? Alter ist nicht das Kriterium, sondern Pflegebedürftigkeit. In der Seniorenhilfe beginnen wir ab 60, alles, was darunter ist, muss man mit dem Sozialhilfeträger verhandeln. Stellen Sie die Hausgemeinschaften nach Neigungen der Bewohner zusammen? Das wäre ideal. Aber man kann höchstens am Anfang, wenn eine WG neu ist, darauf achten, ob alle zueinander passen. Später, wenn dann Plätze frei werden – und das ist ja in der Regel, weil jemand verstirbt – ist die Auswahl nicht mehr so groß. In Minden zumindest ist die Idee, solche Wohngruppen in die Quartiere zu bringen. Kommen die Bewohner zu Ihnen? Genau darum wollen wir kleine Einheiten in den Wohnvierteln. Dann können alle in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Sie sind dann zwar nicht mehr in ihrem eigenen Haus, aber noch in ihrer Kirchengemeinde, im Verein und nahe bei ihren Freunden. Wie finanzieren Sie das? Es gibt Banken und Investoren, die an uns herantreten. Wir müssen uns aber über die Rahmenbedingungen einig werden – wir machen schließlich einen Dienst für Menschen und nicht für Investoren. Wenn wir von anderen mieten, fordern wir ein Vorkaufsrecht. Private Pflegekonzerne haben inzwischen auch erkannt, dass man da Geld machen kann Altenhilfe ist leider die Cashcow der Bundesrepublik Deutschland geworden. Ich habe nichts gegen private kleine Träger, aber schon etwas gegen jene, die mehr als 260 Einrichtungen in der Bundesrepublik unterwegs sind. Wenn Sie sich die Umsatzrenditen mancher dieser großen Pflegekonzerne ansehen, sind Sie zwischen 18 und 20 Prozent. Es ist unverschämt, aus dem Sozialsystem auf diese Weise Geld rauszuziehen. Wie stehen die Verantwortlichen in den Kommunen zu dem Konzept, mehr gemeinsames Wohnen an Stelle von stationären Einrichtungen zu bauen? Sehr unterschiedlich, beispielsweise in Hille hätte ich mich über mehr Offenheit gefreut. In Minden treiben wir das gemeinsam voran. Auch Petershagen ist absolut aufgeschlossen. In Porta ist Frau Dr. Gerlach auch offen, aber da sind ja schon Vorentscheidungen gefallen, und wir werden uns da nicht in Konkurrenz zu privaten Pflegekonzernen engagieren. Zurzeit haben wir 10 Wohngruppen am Netz, in Planung sind in Minden und Lahde neun weitere. Und bei der Behindertenhilfe kommen in Barkhausen zwei neue hinzu.

MT-Interview: Darum setzt die Diakonie Stiftung Salem auf WGs für Menschen, die pflegebedürftig werden

Beim Thema Wohnen im Alter setzt die Diakonie Stiftung Salem auf WGs, so wie hier in Dützen: Im Erdgeschoss befinden sich ambulant betreute Wohngruppen, im Obergeschoss barrierearme Appartements. MT-Foto: Doris Christoph (Archiv) © Doris Christoph

Minden. Anders Wohnen im Alter – mit dem Thema befasst sich Christian Schultz, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Stiftung Salem, seit Jahren. Er spricht mit dem MT über den Unterschied zur Studenten-WG, dass sich solch ein Angebot nicht für alle eignet – und warum die Diakonie dennoch keine neuen stationären Einrichtungen mehr bauen wird.

Wie sollen und wollen Seniorinnen und Senioren im Alter wohnen?

Ich komme aus der klassischen Altenpflege, wo vor über 25 Jahren die Regel war, dass Menschen in großen Einrichtungen gelebt haben, und zwar teilweise in Vierbettzimmern. Ich hatte aber auch das Glück, in meiner 19-jährigen Arbeit als Berater für soziale Einrichtungen deutschlandweit viele Konzepte zu sehen. Vor zwölf Jahren haben wir dann in Biberach an der Riß das Hausgemeinschaftsprinzip entwickelt und implementiert, indem wir geschaut haben, was möglich ist, wenn man von allem das Beste nimmt und daraus eine Versorgungsform für die Zukunft gestaltet.


Und das haben Sie dann vor acht Jahren mit nach Minden gebracht?

Ja, wir brauchen zwar stationäre Pflegeeinrichtungen, das ist keine Frage, aber wir brauchen daneben auch ganz anders gestaltete Angebote. Gemeinsame Grundlage ist, dass überall eine Pflege von Grad Null bis 5 möglich ist. Aber wir werden derzeit keine stationären Plätze mehr bauen. Wir setzen auf Gemeinschaft – sowohl in der Hilfe für Menschen mit Behinderung als auch in der Seniorenhilfe. Meistens docken wir an die Senioren-Hausgemeinschaften auch barrierearme Wohnungen und Appartements an, um es wirtschaftlicher zu machen.

Christian Schultz, kaufmännischer Vorstand der Mindener Diakonie Stiftung Salem. Foto: privat - © privat
Christian Schultz, kaufmännischer Vorstand der Mindener Diakonie Stiftung Salem. Foto: privat - © privat

Keine stationären Plätze mehr – müssen sich dann alle notgedrungen in das WG-Wohnmodell reinfinden?

Nein, es gibt ja weiterhin stationäre Einrichtungen – wir beispielsweise haben da über 600 Plätze. Aber wir bauen keine mehr hinzu. Das machen allerdings private Pflegekonzerne.

Wie schwierig ist es, sich in so eine Hausgemeinschaft hinein zu finden?

Wer keine Lust hat, mit Menschen zusammen zu leben, bekommt ein Problem: Da lebt man immerhin mit zwölf bis 16 Menschen in einer sehr großen Wohnung, wo jeder so rund 50 Quadratmeter inklusive aller Nebenräume zur Verfügung hat. Ich muss schon eine gewisse Affinität dazu haben, Menschen zu begegnen.

Nichts für Introvertierte. . .

Doch, die kann ich abholen – ebenso wie Menschen, die mit Demenz kommen. Dafür sind ja auch unsere Mitarbeiter da.

Dann sind Konfliktthemen nicht wie in Studenten-WGs die verschwundene Milch im Kühlschrank?

Nein. Heiß diskutiert wird beispielsweise über den Essensplan für die kommende Woche: Hacksteak? Fisch? Welches Gemüse? Oder auch über politische Themen. Streiten gehört dazu, wir wollen ja in der WG einen familiären Charakter schaffen.

Ist das das passende Modell für die Boomer-Generation?

Absolut: Mir bräuchten Sie mit nichts anderem zu kommen. Und klar, die Infrastruktur muss laufen. Ich brauche gutes Internet, gutes Essen, und wenn ich keinen Bock auf Gesellschaft habe, gehe ich in mein Zimmer. Mein Pflegeproblem muss dann eher nebenbei erledigt werden. Wichtig ist doch: Nicht wir legen fest, was gut ist, sondern der Nutzer weiß es. Wir unterstützen da nur.

Wie alt sind die Leute beim Einzug?

Alter ist nicht das Kriterium, sondern Pflegebedürftigkeit. In der Seniorenhilfe beginnen wir ab 60, alles, was darunter ist, muss man mit dem Sozialhilfeträger verhandeln.

Stellen Sie die Hausgemeinschaften nach Neigungen der Bewohner zusammen?

Das wäre ideal. Aber man kann höchstens am Anfang, wenn eine WG neu ist, darauf achten, ob alle zueinander passen. Später, wenn dann Plätze frei werden – und das ist ja in der Regel, weil jemand verstirbt – ist die Auswahl nicht mehr so groß.

In Minden zumindest ist die Idee, solche Wohngruppen in die Quartiere zu bringen. Kommen die Bewohner zu Ihnen?

Genau darum wollen wir kleine Einheiten in den Wohnvierteln. Dann können alle in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Sie sind dann zwar nicht mehr in ihrem eigenen Haus, aber noch in ihrer Kirchengemeinde, im Verein und nahe bei ihren Freunden.

Wie finanzieren Sie das?

Es gibt Banken und Investoren, die an uns herantreten. Wir müssen uns aber über die Rahmenbedingungen einig werden – wir machen schließlich einen Dienst für Menschen und nicht für Investoren. Wenn wir von anderen mieten, fordern wir ein Vorkaufsrecht.

Private Pflegekonzerne haben inzwischen auch erkannt, dass man da Geld machen kann

Altenhilfe ist leider die Cashcow der Bundesrepublik Deutschland geworden. Ich habe nichts gegen private kleine Träger, aber schon etwas gegen jene, die mehr als 260 Einrichtungen in der Bundesrepublik unterwegs sind. Wenn Sie sich die Umsatzrenditen mancher dieser großen Pflegekonzerne ansehen, sind Sie zwischen 18 und 20 Prozent. Es ist unverschämt, aus dem Sozialsystem auf diese Weise Geld rauszuziehen.

Wie stehen die Verantwortlichen in den Kommunen zu dem Konzept, mehr gemeinsames Wohnen an Stelle von stationären Einrichtungen zu bauen?

Sehr unterschiedlich, beispielsweise in Hille hätte ich mich über mehr Offenheit gefreut. In Minden treiben wir das gemeinsam voran. Auch Petershagen ist absolut aufgeschlossen. In Porta ist Frau Dr. Gerlach auch offen, aber da sind ja schon Vorentscheidungen gefallen, und wir werden uns da nicht in Konkurrenz zu privaten Pflegekonzernen engagieren. Zurzeit haben wir 10 Wohngruppen am Netz, in Planung sind in Minden und Lahde neun weitere. Und bei der Behindertenhilfe kommen in Barkhausen zwei neue hinzu.

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