Lockdown, Jobverlust, Proteste: Psychotherapeutin im großen Corona-Interview Malina Reckordt Minden. Jeden Morgen ploppen auf dem Handy die neuen Infektionszahlen auf, ein Bekannter oder Angehöriger hat sich möglicherweise mit dem Virus infiziert, man arbeitet im Homeoffice und die Maske ist längt zum ständigen Begleiter geworden. Das Corona-Virus hat sich längst in den Alltag integriert. Wie geht es den Menschen damit? Im MT-Interview spricht Dr. Silke Telkemeyer, psychologische Psychotherapeutin in Minden, über Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche und wie man damit umgehen kann. Viele Menschen haben Angst vor einer Ansteckung. Was macht die Angst mit uns? Die Angst vor einer Ansteckung und die Sorge um Angehörige stellen eine große Belastung dar. Angst ist ein sehr starkes negatives Gefühl, dass zu einer Reihe automatischer körperlicher Reaktionen führt, so steigen bei großer Angst Blutdruck und Atemfrequenz und die Muskeln spannen sich an. Gegen diese Reaktionen können wir im ersten Moment gar nichts tun, da sie hoch automatisiert und auch nützlich sind. Angst macht uns zu schnellen Reaktionen bereit. Wenn uns also plötzlich ein zähnefletschender Hund begegnet, können wir schnell fliehen oder kämpfen. Die Corona-Pandemie dauert nun schon einige Zeit an. Was passiert, wenn diese Angst Menschen über einen längeren Zeitraum begleitet? Wenn die Belastung durch eine Angst auslösende Situation über einen langen Zeitraum andauert, entsteht Stress. Die Angst begleitet uns zwar nicht immer gleich stark in unserem Alltag, aber sie begegnet uns immer wieder – durch die aktuellen Nachrichten oder durch Berichte von Krankheitsfällen. Dennoch kann man auch beobachten, dass wir uns an die Situation gewöhnen und dadurch auch die Angst weniger wird. Das sieht man gut am Beispiel der Maskenpflicht. zu Beginn haben wir uns mit dieser Veränderung schwer getan und uns mit der Maske vielleicht ängstlicher und unwohl gefühlt. Inzwischen ist es für viele zur Normalität geworden. Jeder Mensch besitzt die Fähigkeit, mit Stress umzugehen oder ihn eine gewisse Zeit auszuhalten. Allerdings kostet die Stressbewältigung viel Kraft, die irgendwann knapp werden oder aufgebraucht sein kann. Bei Menschen, die zusätzlich noch andere Stressfaktoren bewältigen müssen, zum Beispiel eine Krankheit, einen anstrengenden Beruf, ist die Kraft zur Bewältigung des Stresses möglicherweise schneller aufgebraucht und sie leiden derzeit mehr. Welche Sorgen stehen momentan im Vordergrund? Die Sorgen sind sehr unterschiedlich und hängen von der Lebenssituation des Einzelnen ab. Eine wesentliche Besonderheit der Pandemie ist, dass diese Situation für alle neu ist. Es gibt keine eindeutigen Verhaltensregeln, die angewendet werden können, sondern wir müssen durch die „Versuch-und-Irrtum" Strategie lernen, welche Handlungsmöglichkeiten funktionieren und welche nicht. Das schafft natürlich zunächst eine kollektive Verunsicherung, die sich nicht nur auf eine spezifische Sorge reduzieren lässt. Ich habe den Eindruck, dass oft die Sorge besteht, man selber könnte nicht alles richtig machen und für die Ansteckung anderer verantwortlich sein. Viele versuchen, sich an die vorgegebenen Empfehlungen zu halten und diese in ihrem Alltag umzusetzen. Wenn ich in meinem Beruf zum Beispiel Verantwortung für andere Menschen trage, muss ich derzeit viel bedenken und immer wieder einen Weg finden, mit den vielen neuen Regeln und Situationen umzugehen. Ist die Pandemie ein Grund für mehr psychische Erkrankungen? Wenn ja, welche Bevölkerungsgruppen sind da besonders betroffen? Wir wissen bereits aus ersten Studien, dass die aktuelle Situation zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen führt. Das ist auch mein persönlicher Eindruck aus meiner psychotherapeutischen Praxis. Die Nachfrage nach einem Behandlungsplatz ist deutlich gestiegen in den vergangenen Monaten. Der Grund dafür ist individuell unterschiedlich, aber oft beobachte ich, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie einen zusätzlichen Stressfaktor darstellen, der in Kombination mit bereits vorhandenen Belastungen zu einer psychischen Erkrankung beitragen kann. Eine weitere wichtige Ursache ist der Wegfall von Aktivitäten, die eine Ausgleich schaffe, also zum Beispiel Sport oder Kultur. Diese Aktivitäten geben uns oft Kraft zurück, die wir durch die Arbeit oder die alltäglichen Belastungen verbraucht haben. Laut einem Bericht in der November Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind durch die Pandemie folgende Bevölkerungsgruppen einem erhöhten Risiko einer psychischen Erkrankung ausgesetzt: Covid-19-Erkrankte und deren Angehörige, ältere Menschen und Pflegebedürftige, Kinder und Jugendliche, Frauen sowie Ärzte und Pflegekräfte. Bei Erkrankten und älteren Menschen sowie Pflegebedürftigen ist sicherlich die soziale Isolation ein wesentlicher verursachender Faktor. Frauen, Ärzte und Pflegekräfte sind derzeit besonderen Belastungen ausgesetzt. Frauen fangen zusätzlich zu ihrer Arbeit einen Großteil der Versorgung von Kindern und zu pflegenden Angehörigen auf. Bei Ärzten und Pflegekräften herrschten schon vor der Pandemie schwierige Arbeitsbedingungen und Personalknappheit. Die Ressourcen sind also schon erschöpft, so dass kaum Kompensationsmöglichkeit für den aktuell erhöhten Bedarf besteht. Was ist bei Kindern und Jugendlichen das Problem? Die Schulschließungen stellten ein großes Problem dar, vor allem für Kinder, die unter schwierigen sozioökonomischen Bedingungen leben. Für Kinder und Jugendliche sind Faktoren wie Regelmäßigkeit, Struktur, soziale Interaktionen mit Gleichaltrigen und ein sicheres Lernumfeld von immenser Bedeutung. Zudem kamen oft familiäre Konflikte hinzu, die unter erhöhten Belastungen gehäuft auftreten. Da Jugendliche und junge Erwachsene besonders die Interaktion mit Gleichaltrigen brauchen, weil sie sich in dieser Entwicklungsphase von ihren Eltern ablösen, leidet diese Gruppe sicher derzeit besonders unter den Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Ab wann sollte man sich an einen Psychotherapeuten wenden? Damit keine psychischen Folgen aus der aktuellen Situation entstehen, hilft es zu versuchen, sein Leben so normal wie möglich zu gestalten und auch mal Pause von dem Thema Corona zu haben und für Entspannung g zu sorgen. Dazu zählt, dass ich vielleicht meine Push-Nachrichten auf dem Smartphone ausstelle und stattdessen gezielt einmal pro Tag Nachrichten schaue, anstatt alle neuen Infektionszahlen in Echtzeit zu verfolgen. Auch soziale Netzwerke fördern oft das Aufrechterhalten von Angst und Sorge, da diese Gruppen oft zu einem Klage- oder Beschwerde-Austausch werden. Vielleicht könnte man auch hier öfter mal „Abschalten". Die erste Anlaufstelle für Menschen, die das Gefühl haben, ein psychisches Leiden nicht mehr selber bewältigen zu können, ist oft die Hausärztin oder der Hausarzt. Es gibt aber auch die Möglichkeit einen Termin für eine Sprechstunde in einer psychologischen oder ärztlichen Psychotherapie zu vereinbaren. Auch diese dient dazu eine erste Einschätzung zu geben. Man benötigt keine Überweisung durch den Hausarzt und die Sprechstunde wird bei Vertragspsychotherapeuten über die Krankenkasse abgerechnet. Man muss sich allerdings, so wie bei vielen Fachärzten, auf längere Wartezeiten für einen Termin einstellen, besonders bei dem aktuell gestiegenen Bedarf. Werden Menschen aggressiver? Wenn ja, wie kann man damit umgehen? Ich kenne keine statistisch belegten Zahlen dazu, ob die Menschen tatsächlich aggressiver werden. Allerdings entsteht teilweise dieser Eindruck. Ich erkläre mir das durch die bereits beschriebene kollektive Verunsicherung, die uns alle ein Stück unter Druck setzt. Manch einer reagiert darauf gereizt oder aggressiv. Im Umgang mit aggressiven Menschen hilft es oft wenig, selber mit einer aggressiven Antwort zu reagieren. Druck erzeugt Gegendruck. Manchmal hilft das Ignorieren, ich persönlich finde auch eine humorvolle oder besonders freundliche Antwort hilfreich, die dem Gegenüber den Wind aus den Segeln nimmt. Aber leider fällt einem die ja nicht immer sofort ein. Kein Händeschütteln, kaum persönliche Treffen – Wird sich das Verhalten in unseren Alltag einschleichen? Das glaube ich nicht. Wir sind soziale Wesen und brauchen Körperkontakt und zwischenmenschliche Interaktion. Ob das Händeschütteln generell wegfällt und durch ein neues Begrüßungsritual ersetzt wird, kann ich nicht sagen. Vielleicht setzt sich der Ellenbogengruß durch, oder es entsteht noch ein ganz neues Ritual. Welche Auswirkungen könnte die soziale Isolation haben? Die Auswirkungen der sozialen Isolation hängen stark von der individuellen Lebenssituation ab. Hier sind die bereits beschriebenen Risikogruppen besonders gefährdet. Ich denke, dass auch Menschen, die alleine leben, im Moment sehr darunter leiden. Hier finde ich, dass jetzt die Zeit für kreative Hilfsbereitschaft gekommen ist. Wir sollten gegenseitig aufeinander aufpassen und Freundlichkeiten austauschen. Wenn sie also jemanden kennen, der alleine lebt, stellen sie doch eine kleine Aufmerksamkeit vor die Tür oder halten ein Gespräch durch das offene Fenster. Manchmal ergeben sich auch spontan Gespräche beim Einkaufen oder beim Spaziergang. Eine Krise kann ja auch eine Gelegenheit sein, Hilfsbereitschaft und Fürsorge zu teilen. Was hilft, wenn man sich nicht entscheiden kann, ob man zum Beispiel die Großeltern besuchen sollte? Ein Epidemiologe würde jetzt vermutlich sagen, dass jeder Kontakt ein Kontakt zu viel sei. Daraus ergeben sich auch die klaren Verhaltensregeln die wir derzeit befolgen müssen und die auch ein Stück Sicherheit in der Verunsicherung schaffen sollen. Allerdings gibt es denke ich derzeit kein ganz klares richtig oder falsch. Ohne soziale Kontakte und menschliche Zuwendung geht es den allermeisten Menschen sehr schlecht. Dieser Zwiespalt macht die Entscheidung so schwer. Ich denke, man sollte den gesunden Menschenverstand einschalten und versuchen, besonnen zu reagieren. Mir persönlich helfen derzeit bei solchen Entscheidungen Gespräche darüber mit Familie und Freunden um verschiedene Meinungen und Sichtweisen zu hören und verschiedene Seiten zu beleuchten. Zudem versuche ich, mir die Situation vorzustellen und neben den abzuwägenden Fakten auch auf mein Bauchgefühl zu hören.

Lockdown, Jobverlust, Proteste: Psychotherapeutin im großen Corona-Interview

MT-Illustration: Alex Lehn © Alexander Lehn

Minden. Jeden Morgen ploppen auf dem Handy die neuen Infektionszahlen auf, ein Bekannter oder Angehöriger hat sich möglicherweise mit dem Virus infiziert, man arbeitet im Homeoffice und die Maske ist längt zum ständigen Begleiter geworden. Das Corona-Virus hat sich längst in den Alltag integriert. Wie geht es den Menschen damit? Im MT-Interview spricht Dr. Silke Telkemeyer, psychologische Psychotherapeutin in Minden, über Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche und wie man damit umgehen kann.

Viele Menschen haben Angst vor einer Ansteckung. Was macht die Angst mit uns?

Die Angst vor einer Ansteckung und die Sorge um Angehörige stellen eine große Belastung dar. Angst ist ein sehr starkes negatives Gefühl, dass zu einer Reihe automatischer körperlicher Reaktionen führt, so steigen bei großer Angst Blutdruck und Atemfrequenz und die Muskeln spannen sich an. Gegen diese Reaktionen können wir im ersten Moment gar nichts tun, da sie hoch automatisiert und auch nützlich sind. Angst macht uns zu schnellen Reaktionen bereit. Wenn uns also plötzlich ein zähnefletschender Hund begegnet, können wir schnell fliehen oder kämpfen.

Silke Telkemeyer Foto: Privat - © Privat
Silke Telkemeyer Foto: Privat - © Privat

Die Corona-Pandemie dauert nun schon einige Zeit an. Was passiert, wenn diese Angst Menschen über einen längeren Zeitraum begleitet?

Wenn die Belastung durch eine Angst auslösende Situation über einen langen Zeitraum andauert, entsteht Stress. Die Angst begleitet uns zwar nicht immer gleich stark in unserem Alltag, aber sie begegnet uns immer wieder – durch die aktuellen Nachrichten oder durch Berichte von Krankheitsfällen. Dennoch kann man auch beobachten, dass wir uns an die Situation gewöhnen und dadurch auch die Angst weniger wird. Das sieht man gut am Beispiel der Maskenpflicht. zu Beginn haben wir uns mit dieser Veränderung schwer getan und uns mit der Maske vielleicht ängstlicher und unwohl gefühlt. Inzwischen ist es für viele zur Normalität geworden.

Jeder Mensch besitzt die Fähigkeit, mit Stress umzugehen oder ihn eine gewisse Zeit auszuhalten. Allerdings kostet die Stressbewältigung viel Kraft, die irgendwann knapp werden oder aufgebraucht sein kann. Bei Menschen, die zusätzlich noch andere Stressfaktoren bewältigen müssen, zum Beispiel eine Krankheit, einen anstrengenden Beruf, ist die Kraft zur Bewältigung des Stresses möglicherweise schneller aufgebraucht und sie leiden derzeit mehr.

Welche Sorgen stehen momentan im Vordergrund?

Die Sorgen sind sehr unterschiedlich und hängen von der Lebenssituation des Einzelnen ab. Eine wesentliche Besonderheit der Pandemie ist, dass diese Situation für alle neu ist. Es gibt keine eindeutigen Verhaltensregeln, die angewendet werden können, sondern wir müssen durch die „Versuch-und-Irrtum" Strategie lernen, welche Handlungsmöglichkeiten funktionieren und welche nicht. Das schafft natürlich zunächst eine kollektive Verunsicherung, die sich nicht nur auf eine spezifische Sorge reduzieren lässt.

Ich habe den Eindruck, dass oft die Sorge besteht, man selber könnte nicht alles richtig machen und für die Ansteckung anderer verantwortlich sein. Viele versuchen, sich an die vorgegebenen Empfehlungen zu halten und diese in ihrem Alltag umzusetzen. Wenn ich in meinem Beruf zum Beispiel Verantwortung für andere Menschen trage, muss ich derzeit viel bedenken und immer wieder einen Weg finden, mit den vielen neuen Regeln und Situationen umzugehen.

Ist die Pandemie ein Grund für mehr psychische Erkrankungen? Wenn ja, welche Bevölkerungsgruppen sind da besonders betroffen?

Wir wissen bereits aus ersten Studien, dass die aktuelle Situation zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen führt. Das ist auch mein persönlicher Eindruck aus meiner psychotherapeutischen Praxis. Die Nachfrage nach einem Behandlungsplatz ist deutlich gestiegen in den vergangenen Monaten. Der Grund dafür ist individuell unterschiedlich, aber oft beobachte ich, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie einen zusätzlichen Stressfaktor darstellen, der in Kombination mit bereits vorhandenen Belastungen zu einer psychischen Erkrankung beitragen kann.

Eine weitere wichtige Ursache ist der Wegfall von Aktivitäten, die eine Ausgleich schaffe, also zum Beispiel Sport oder Kultur. Diese Aktivitäten geben uns oft Kraft zurück, die wir durch die Arbeit oder die alltäglichen Belastungen verbraucht haben.

Laut einem Bericht in der November Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sind durch die Pandemie folgende Bevölkerungsgruppen einem erhöhten Risiko einer psychischen Erkrankung ausgesetzt: Covid-19-Erkrankte und deren Angehörige, ältere Menschen und Pflegebedürftige, Kinder und Jugendliche, Frauen sowie Ärzte und Pflegekräfte. Bei Erkrankten und älteren Menschen sowie Pflegebedürftigen ist sicherlich die soziale Isolation ein wesentlicher verursachender Faktor. Frauen, Ärzte und Pflegekräfte sind derzeit besonderen Belastungen ausgesetzt. Frauen fangen zusätzlich zu ihrer Arbeit einen Großteil der Versorgung von Kindern und zu pflegenden Angehörigen auf. Bei Ärzten und Pflegekräften herrschten schon vor der Pandemie schwierige Arbeitsbedingungen und Personalknappheit. Die Ressourcen sind also schon erschöpft, so dass kaum Kompensationsmöglichkeit für den aktuell erhöhten Bedarf besteht.

Was ist bei Kindern und Jugendlichen das Problem?

Die Schulschließungen stellten ein großes Problem dar, vor allem für Kinder, die unter schwierigen sozioökonomischen Bedingungen leben. Für Kinder und Jugendliche sind Faktoren wie Regelmäßigkeit, Struktur, soziale Interaktionen mit Gleichaltrigen und ein sicheres Lernumfeld von immenser Bedeutung. Zudem kamen oft familiäre Konflikte hinzu, die unter erhöhten Belastungen gehäuft auftreten. Da Jugendliche und junge Erwachsene besonders die Interaktion mit Gleichaltrigen brauchen, weil sie sich in dieser Entwicklungsphase von ihren Eltern ablösen, leidet diese Gruppe sicher derzeit besonders unter den Einschränkungen des öffentlichen Lebens.

Ab wann sollte man sich an einen Psychotherapeuten wenden?

Damit keine psychischen Folgen aus der aktuellen Situation entstehen, hilft es zu versuchen, sein Leben so normal wie möglich zu gestalten und auch mal Pause von dem Thema Corona zu haben und für Entspannung g zu sorgen. Dazu zählt, dass ich vielleicht meine Push-Nachrichten auf dem Smartphone ausstelle und stattdessen gezielt einmal pro Tag Nachrichten schaue, anstatt alle neuen Infektionszahlen in Echtzeit zu verfolgen. Auch soziale Netzwerke fördern oft das Aufrechterhalten von Angst und Sorge, da diese Gruppen oft zu einem Klage- oder Beschwerde-Austausch werden. Vielleicht könnte man auch hier öfter mal „Abschalten".

Die erste Anlaufstelle für Menschen, die das Gefühl haben, ein psychisches Leiden nicht mehr selber bewältigen zu können, ist oft die Hausärztin oder der Hausarzt. Es gibt aber auch die Möglichkeit einen Termin für eine Sprechstunde in einer psychologischen oder ärztlichen Psychotherapie zu vereinbaren. Auch diese dient dazu eine erste Einschätzung zu geben. Man benötigt keine Überweisung durch den Hausarzt und die Sprechstunde wird bei Vertragspsychotherapeuten über die Krankenkasse abgerechnet. Man muss sich allerdings, so wie bei vielen Fachärzten, auf längere Wartezeiten für einen Termin einstellen, besonders bei dem aktuell gestiegenen Bedarf.

Werden Menschen aggressiver? Wenn ja, wie kann man damit umgehen?

Ich kenne keine statistisch belegten Zahlen dazu, ob die Menschen tatsächlich aggressiver werden. Allerdings entsteht teilweise dieser Eindruck. Ich erkläre mir das durch die bereits beschriebene kollektive Verunsicherung, die uns alle ein Stück unter Druck setzt. Manch einer reagiert darauf gereizt oder aggressiv. Im Umgang mit aggressiven Menschen hilft es oft wenig, selber mit einer aggressiven Antwort zu reagieren. Druck erzeugt Gegendruck. Manchmal hilft das Ignorieren, ich persönlich finde auch eine humorvolle oder besonders freundliche Antwort hilfreich, die dem Gegenüber den Wind aus den Segeln nimmt. Aber leider fällt einem die ja nicht immer sofort ein.

Kein Händeschütteln, kaum persönliche Treffen – Wird sich das Verhalten in unseren Alltag einschleichen?

Das glaube ich nicht. Wir sind soziale Wesen und brauchen Körperkontakt und zwischenmenschliche Interaktion. Ob das Händeschütteln generell wegfällt und durch ein neues Begrüßungsritual ersetzt wird, kann ich nicht sagen. Vielleicht setzt sich der Ellenbogengruß durch, oder es entsteht noch ein ganz neues Ritual.

Welche Auswirkungen könnte die soziale Isolation haben?

Die Auswirkungen der sozialen Isolation hängen stark von der individuellen Lebenssituation ab. Hier sind die bereits beschriebenen Risikogruppen besonders gefährdet. Ich denke, dass auch Menschen, die alleine leben, im Moment sehr darunter leiden. Hier finde ich, dass jetzt die Zeit für kreative Hilfsbereitschaft gekommen ist. Wir sollten gegenseitig aufeinander aufpassen und Freundlichkeiten austauschen. Wenn sie also jemanden kennen, der alleine lebt, stellen sie doch eine kleine Aufmerksamkeit vor die Tür oder halten ein Gespräch durch das offene Fenster. Manchmal ergeben sich auch spontan Gespräche beim Einkaufen oder beim Spaziergang. Eine Krise kann ja auch eine Gelegenheit sein, Hilfsbereitschaft und Fürsorge zu teilen.

Was hilft, wenn man sich nicht entscheiden kann, ob man zum Beispiel die Großeltern besuchen sollte?

Ein Epidemiologe würde jetzt vermutlich sagen, dass jeder Kontakt ein Kontakt zu viel sei. Daraus ergeben sich auch die klaren Verhaltensregeln die wir derzeit befolgen müssen und die auch ein Stück Sicherheit in der Verunsicherung schaffen sollen. Allerdings gibt es denke ich derzeit kein ganz klares richtig oder falsch. Ohne soziale Kontakte und menschliche Zuwendung geht es den allermeisten Menschen sehr schlecht. Dieser Zwiespalt macht die Entscheidung so schwer. Ich denke, man sollte den gesunden Menschenverstand einschalten und versuchen, besonnen zu reagieren. Mir persönlich helfen derzeit bei solchen Entscheidungen Gespräche darüber mit Familie und Freunden um verschiedene Meinungen und Sichtweisen zu hören und verschiedene Seiten zu beleuchten. Zudem versuche ich, mir die Situation vorzustellen und neben den abzuwägenden Fakten auch auf mein Bauchgefühl zu hören.

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