"Liebe zur Stille": MT-Interview mit Dokumentarfilmerin Renata Keller Ursula Koch Minden. Der Hospizkreis Minden veranstaltet in der Reihe „Kino und Hospiz“ seinen Filmabend zum ersten Mal nicht live im BÜZ, sondern als Online-Filmabend. Am Freitag, 26. Februar, um 19 Uhr ist Renata Kellers Dokumentarfilm „Im Feuer der tanzenden Stille – Reflexionen über Vimala Thakar“ zu sehen. Im Mittelpunkt steht eine indische Mystikerin, Philosophin und Grassroots-Aktivistin (1921-2009). Im Anschluss an den Film besteht die Möglichkeit, via Zoom-Konferenz mit der Regisseurin zu sprechen. Keller, die in der Schweiz und in Berlin lebt, hat mit „Warum Frauen Berge besteigen sollten“ (2016) über die amerikanische Frauenhistorikerin Gerda Lerner und „Echte Heilung findet in Freiheit statt“ (2019) über die Forschung des Biochemikers Dr. Roger Kalbermatten, bereits zwei Dokumentarfilme realisiert. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit spirituellen und philosophischen Fragen. Über ihren Film gibt sie dem MT in einem schriftlich geführten Interview Auskunft. Warum ist es Ihnen wichtig, das Publikum mit Vimala Thakar bekannt zu machen? Ich bin Vimala Thakar persönlich begegnet und obwohl die Begegnung nur drei Tage dauerte, hat sie in meiner Seele einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Ich spürte seither ohne Zweifel, dass es möglich ist, mit Integrität, Herzensgüte und sozialem und politischem Einsatz wach im Leben zu stehen. Sie hat mir auch die Liebe zur Stille beigebracht. Der Gedanke, einen Film über Vimala Thakar zu machen, hat eigentlich 18 Jahre lang gegärt. Es war eher ein Ruf, als eine Entscheidung. Als ich dann selbst mehr und mehr über Vimala Thakar herausfand, ihre Autobiografie und die vielen Bücher, die sie publiziert hatte, las, wuchs meine Begeisterung über das Berührtsein in die Verstandesebene und darüber hinaus in einen Willen, anderen Menschen die scharfsinnige Weitsicht und die angewandte Lebenskraft dieser Philosophin und Aktivistin zu vermitteln. Ich spürte, dass wir in unseren Zeiten kraftvolle und positive Beispiele dringend brauchen, da wir gefragt sind, uns dem Leben mit Mut und viel Gestaltungskraft zu stellen. Sie sind Vimala Thakar 2001 in Indien begegnet. Womit hat die Philosophin Sie damals beeindruckt? Wie gesagt, mich berührte die gelebte Verbindung in ihr zwischen Demut, Großmut und Lebenswille, und auch ihre pragmatische Bereitschaft, sich mit vielen sozialen Problemen, vor allem in Indien, aktiv auseinanderzusetzen. Mit ihrer Art, allen Menschen auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen, praktizierte sie für mich auch eine weibliche Art der Führung, die darauf zielt, mit anderen Menschen eine Thematik tiefgründig und ehrlich zu erforschen und gemeinsam Lösungen zu finden. Sie ermutigt uns — im Hinblick auf die Erfahrung von Sinnlosigkeit und Sinnentleertheit in einer von uns erschaffenen, globalisierten und technologisierten Welt — in Stille und Kontemplation neue Kraft zu finden und daraus zu handeln. Wir werden von ihr aufgefordert, neue Formen des Zusammenlebens zwischen Menschen und mit der Natur von innen heraus zu erdenken und zu gestalten. Der Film ist zehn Jahre nach Thakars Tod entstanden. Auf welches Material konnten Sie zurückgreifen? Es war gerade während der Zeit, wo ich mich bewusst entscheiden wollte, ob es überhaupt möglich war, einen Film zu machen, da ich noch gar kein Material hatte, als sich jemand bei mir meldete, die viele Vorträge von Vimala Thakar auf Audio- und Videokassetten hatte. Diese Frau kam wie aus dem Nichts. Sie traf mich in einem Café und brachte unangemeldet zwei Köfferchen mit diesen Kassetten mit, die für mich immer noch Gold wert sind, da ich deshalb den Film anfangen konnte. Diese Vorträge werden auch noch in diesem Jahr auf eine Webseite geschaltet werden. Nach diesem Treffen wurde ich von einem Menschen zum andern gereicht und mehr und mehr Menschen, die Vimala kannten, kamen zum Vorschein. Lange Kameraeinstellungen, viele Sprechpausen – der Film widersetzt sich gängiger Filmästhetik. Warum gehen Sie dieses Risiko ein? Es war für mich kein Risiko, den Film auf kontemplative Weise zu machen, es ging eher darum, Vimalas Wesen gerecht zu werden. Ich wollte, dass die Zuschauer Vimala, auch ihrer Medienscheuheit, mit Respekt begegnen und auch selbst in die Stille kommen. Und es war mir wichtig, mit meinen Schnitten Vimalas Blick auf das Leben zu spiegeln, ihre tiefe, aufmeksame Art, wie sie mit Liebe den Menschen begegnete. Sie gibt einem das Gefühl, dass jeder Augenblick der Wichtigste ist. Es gibt kein „Danach“, und dieses Gefühl der Zeitlosigkeit wollte ich im Film vermitteln. Ich empfand das Arbeiten an dem Film als ein ständiges Ringen mit einem Paradox: Einerseits einen Film zu machen über eine Frau, die sich nicht zur Schau stellen wollte. Andrerseits aber den Menschen zu sagen: Schaut mal, diese Frau hat so Vieles zu sagen. Welche Erkenntnisse kann die Beschäftigung mit Vimala Thakar für die Arbeit im Hospiz bringen? Ich habe bewusst Vimalas Beziehung zum Tod thematisiert, da sie ihm gegenüber furchtlos dasteht. An einem Punkt lasse ich sie auch sagen: „Kann der Tod so schön sein?“ Das eigene Durchsterben und Loslassen innerhalb eines Menschenlebens bringt auch die Möglichkeit hervor, dass wir uns neu wiederfinden können. Vielleicht kann ich Ihre Frage so beantworten: die Beschäftigung mit Vimala Thakars Werk kann einem Mut zum immerwährenden Sterben ins tiefe Verbundensein des Lebens geben und das kann vielleicht eine tiefe Dankbarkeit erzeugen, dafür, dass wir uns den Herausforderungen unserer Zeit mit Offenheit und Demut stellen dürfen. Für den Filmabend ist eine Anmeldung erforderlich unter https://imfeuerdertanzendenstille.de/events/screening-15/

"Liebe zur Stille": MT-Interview mit Dokumentarfilmerin Renata Keller

Die Filmemacherin Renata Keller recherchierte für ihren Film über Vimala Thakar in Indien. Foto: Vertical Impulse/pr © Vertical Impulse/pr

Minden. Der Hospizkreis Minden veranstaltet in der Reihe „Kino und Hospiz“ seinen Filmabend zum ersten Mal nicht live im BÜZ, sondern als Online-Filmabend. Am Freitag, 26. Februar, um 19 Uhr ist Renata Kellers Dokumentarfilm „Im Feuer der tanzenden Stille – Reflexionen über Vimala Thakar“ zu sehen. Im Mittelpunkt steht eine indische Mystikerin, Philosophin und Grassroots-Aktivistin (1921-2009). Im Anschluss an den Film besteht die Möglichkeit, via Zoom-Konferenz mit der Regisseurin zu sprechen.

Keller, die in der Schweiz und in Berlin lebt, hat mit „Warum Frauen Berge besteigen sollten“ (2016) über die amerikanische Frauenhistorikerin Gerda Lerner und „Echte Heilung findet in Freiheit statt“ (2019) über die Forschung des Biochemikers Dr. Roger Kalbermatten, bereits zwei Dokumentarfilme realisiert. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit spirituellen und philosophischen Fragen. Über ihren Film gibt sie dem MT in einem schriftlich geführten Interview Auskunft.

Warum ist es Ihnen wichtig, das Publikum mit Vimala Thakar bekannt zu machen?

Ich bin Vimala Thakar persönlich begegnet und obwohl die Begegnung nur drei Tage dauerte, hat sie in meiner Seele einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Ich spürte seither ohne Zweifel, dass es möglich ist, mit Integrität, Herzensgüte und sozialem und politischem Einsatz wach im Leben zu stehen. Sie hat mir auch die Liebe zur Stille beigebracht. Der Gedanke, einen Film über Vimala Thakar zu machen, hat eigentlich 18 Jahre lang gegärt. Es war eher ein Ruf, als eine Entscheidung. Als ich dann selbst mehr und mehr über Vimala Thakar herausfand, ihre Autobiografie und die vielen Bücher, die sie publiziert hatte, las, wuchs meine Begeisterung über das Berührtsein in die Verstandesebene und darüber hinaus in einen Willen, anderen Menschen die scharfsinnige Weitsicht und die angewandte Lebenskraft dieser Philosophin und Aktivistin zu vermitteln. Ich spürte, dass wir in unseren Zeiten kraftvolle und positive Beispiele dringend brauchen, da wir gefragt sind, uns dem Leben mit Mut und viel Gestaltungskraft zu stellen.

Sie sind Vimala Thakar 2001 in Indien begegnet. Womit hat die Philosophin Sie damals beeindruckt?

Wie gesagt, mich berührte die gelebte Verbindung in ihr zwischen Demut, Großmut und Lebenswille, und auch ihre pragmatische Bereitschaft, sich mit vielen sozialen Problemen, vor allem in Indien, aktiv auseinanderzusetzen. Mit ihrer Art, allen Menschen auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen, praktizierte sie für mich auch eine weibliche Art der Führung, die darauf zielt, mit anderen Menschen eine Thematik tiefgründig und ehrlich zu erforschen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Sie ermutigt uns — im Hinblick auf die Erfahrung von Sinnlosigkeit und Sinnentleertheit in einer von uns erschaffenen, globalisierten und technologisierten Welt — in Stille und Kontemplation neue Kraft zu finden und daraus zu handeln. Wir werden von ihr aufgefordert, neue Formen des Zusammenlebens zwischen Menschen und mit der Natur von innen heraus zu erdenken und zu gestalten.

Der Film ist zehn Jahre nach Thakars Tod entstanden. Auf welches Material konnten Sie zurückgreifen?

Es war gerade während der Zeit, wo ich mich bewusst entscheiden wollte, ob es überhaupt möglich war, einen Film zu machen, da ich noch gar kein Material hatte, als sich jemand bei mir meldete, die viele Vorträge von Vimala Thakar auf Audio- und Videokassetten hatte. Diese Frau kam wie aus dem Nichts. Sie traf mich in einem Café und brachte unangemeldet zwei Köfferchen mit diesen Kassetten mit, die für mich immer noch Gold wert sind, da ich deshalb den Film anfangen konnte. Diese Vorträge werden auch noch in diesem Jahr auf eine Webseite geschaltet werden. Nach diesem Treffen wurde ich von einem Menschen zum andern gereicht und mehr und mehr Menschen, die Vimala kannten, kamen zum Vorschein.

Lange Kameraeinstellungen, viele Sprechpausen – der Film widersetzt sich gängiger Filmästhetik. Warum gehen Sie dieses Risiko ein?

Es war für mich kein Risiko, den Film auf kontemplative Weise zu machen, es ging eher darum, Vimalas Wesen gerecht zu werden. Ich wollte, dass die Zuschauer Vimala, auch ihrer Medienscheuheit, mit Respekt begegnen und auch selbst in die Stille kommen. Und es war mir wichtig, mit meinen Schnitten Vimalas Blick auf das Leben zu spiegeln, ihre tiefe, aufmeksame Art, wie sie mit Liebe den Menschen begegnete. Sie gibt einem das Gefühl, dass jeder Augenblick der Wichtigste ist. Es gibt kein „Danach“, und dieses Gefühl der Zeitlosigkeit wollte ich im Film vermitteln. Ich empfand das Arbeiten an dem Film als ein ständiges Ringen mit einem Paradox: Einerseits einen Film zu machen über eine Frau, die sich nicht zur Schau stellen wollte. Andrerseits aber den Menschen zu sagen: Schaut mal, diese Frau hat so Vieles zu sagen.

Welche Erkenntnisse kann die Beschäftigung mit Vimala Thakar für die Arbeit im Hospiz bringen?

Ich habe bewusst Vimalas Beziehung zum Tod thematisiert, da sie ihm gegenüber furchtlos dasteht. An einem Punkt lasse ich sie auch sagen: „Kann der Tod so schön sein?“ Das eigene Durchsterben und Loslassen innerhalb eines Menschenlebens bringt auch die Möglichkeit hervor, dass wir uns neu wiederfinden können. Vielleicht kann ich Ihre Frage so beantworten: die Beschäftigung mit Vimala Thakars Werk kann einem Mut zum immerwährenden Sterben ins tiefe Verbundensein des Lebens geben und das kann vielleicht eine tiefe Dankbarkeit erzeugen, dafür, dass wir uns den Herausforderungen unserer Zeit mit Offenheit und Demut stellen dürfen.

Für den Filmabend ist eine Anmeldung erforderlich unter https://imfeuerdertanzendenstille.de/events/screening-15/

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