Lichtverschmutzung: Wie Tiere und Pflanzen unter hellen Nächten leiden Malina Reckordt Minden. Nicht nur zur Weihnachtszeit gehen in den Gärten die Lichter an, ein beleuchteter Garten ist das ganze Jahr über schön anzusehen. Dabei ist es egal, ob man in einer lauen Sommernacht auf der Terrasse sitzt oder sich im Winter die Lichter vom Sofa aus anschaut. Das leicht im Wind wehende Pampasgras lässt sich durch einen entsprechenden Strahler in Szene setzen und auch Bäume, die von unten angestrahlt werden, machen was her. Leuchtkugeln in verschiedenen Größen scheinen fast schon zum festen Garteninventar zu gehören. Wohl kaum einer denkt beim Kauf von Leuchtmitteln an Insekten oder Pflanzen, sondern nur an Optik und Stromverbrauch. Wer aber der Natur im Garten nicht schaden möchte, sollte das allerdings tun. „Falsch gestaltete Lichtquellen schaden Insekten enorm und tragen zum Insektensterben bei ", betont Sabine Raskopf, Diplom-Agraringenieurin und Mitarbeiterin der Biologischen Station. Generell schadet zu viel Licht der Chronobiologie (zeitliche Organisation von biologischen Prozessen) – beim Menschen, bei Tieren und bei Pflanzen. Insekten stark betroffen Besonders stark leiden Insekten unter der Beleuchtung. „Entweder sterben Insekten durch den Aufpralltod, durch den Hitzetod oder aber sie umkreisen eine Lampe bis zur völligen Erschöpfung", sagt Raskopf. Normalerweise orientieren sich nachtaktive Insekten am Mondlicht, zu dem sie in einem stabilen Winkel fliegen. Dieses Verhalten führt bei künstlichen Lichtquellen dazu, dass sie sich stundenlang in einer Spirale um das Licht herumbewegen. „Man spricht dann vom Staubsaugereffekt", ergänzt Raskopf. Übrigens: Während zu viel Licht den Nützlingen schadet, begünstigt es die Schädlinge, wie zum Beispiel Läuse. Da Läuse meistens keine Flügel haben und folglich nachts nicht fliegen, besteht für sie auch keine Gefahr, an einer Lampe zu sterben. Nützliche Insekten sind hingegen jede Nacht in der Luft unterwegs. „Sie werden in einem viel größeren Ausmaß aus ihren Habitaten gelockt", sagt Raskopf. Das große Problem daran ist, dass die meisten Insekten, die nachts unterwegs sind, Bestäuber sind. Wenn also zu viel Licht den Insektenbestand dezimiert, werden auch weniger Pflanzen bestäubt und im Endeffekt gibt es weniger Früchte. Noch ein Problem: „Viele Vögel fliegen sich tot, wenn sie gegen beleuchtete Hochhäuser prallen", so Raskopf. Um das zu verhindern, könnten Bewohner die Lichttemperatur anpassen. „Wie auch die Insekten, reagieren Vögel auf weißes Licht viel stärker als auf Licht mit hohem Orangefaktor", so Sabine Raskopf. Außerdem stören künstliche Lichtquellen die Orientierung von Zugvögeln. Die Vögel werden von ihren gewohnten Routen abgelenkt und fliegen erschöpfende Umwege. „Singvögel, die sich in hell erleuchteten Gebieten aufhalten, legen früher die Eier ab", sagt Raskopf. Der Schlupftermin passe dann nicht zum Nahrungsangebot, erläutert sie das Problem. Vögel bräuchten im Brutgeschäft vor allem Insekten, sonst würden die jungen Vögel verhungern oder sich schlecht entwickeln. Und selbst für Fische kann zu viel Licht schädlich sein. „Hell erleuchtete Brücken können nachts zu einem unüberwindbaren Hindernis werden", sagt Raskopf. Eine solche Barriere könne die Laichwanderungen behindern. Wachstumszyklus gestört Durch künstliche Lichtquellen wird der Wachstumszyklus auch bei Pflanzen negativ beeinflusst. Bäume, die direkt neben Straßenlaternen stehen oder angestrahlt werden, werfen ihre Blätter später ab. „Eine längere Vegetationsdauer führt dazu, dass Bäume durch Frost geschädigt werden können. Ohne eine Beleuchtung würden solche Schäden nicht auftreten", erklärt die Agraringenieurin. Wie es besser geht Oftmals kann zumindest am Haus oder im Garten auf eine Dauerbeleuchtung verzichtet werden. Stattdessen können Bewegungsmelder eingebaut werden. Aber nicht nur im Garten können diese eingesetzt werden. „Rein theoretisch könnten auch Laternen an Straßen und Parkplätzen Lichtdimmer mit Bewegungsmeldern bekommen", sagt Raskopf. Und sie nennt ein weiteres Beispiel: „An Tankstellen könnten solche Systeme optimal eingesetzt werden. Sobald ein Auto die Tankstelle ansteuert, wird das Licht heller." Auch die Richtung der Beleuchtung ist entscheidend. Leuchten im Außenbereich sollten so eingebaut werden, dass sie nur nach unten strahlen. „Alles, was nach oben strahlt, ist schädlich", betont Raskopf. Von Beleuchtungen an lebenden Bäumen solle unbedingt abgesehen werden. Zudem sollten geschlossene Gehäuse verwendet werden, deren Oberflächen nicht heißer als 60 Grad Celcius werden. „Bei höheren Temperaturen verbrennen Insekten sofort", so die Agraringenieurin. Wer die Insekten in seinem Garten schonen möchte, sollte eher warmweiße und bernsteinfarbene Leuchtmittel verwenden (weniger als 3.000 Kelvin). Je größer die Wellenlänge des Lichtes, desto kleiner ist die Lockwirkung für Insekten. Verbrauch eher gestiegen Seitdem es energiesparende Leuchtmittel gibt, würde partiell noch mehr beleuchtet, meint Raskopf. „Jetzt gibt es nicht mehr den finanzielle Grund, das Licht zu reduzieren", meint sie. Die Menschen würden länger und intensiver beleuchten, so dass der Stromverbrauch letztendlich gar nicht sinke. Das eigentliche Ziel sei laut Raskopf verfehlt worden, stattdessen sei es nachts noch heller. Innere Uhr aus dem Takt Auch für den Menschen hat die Lichtflut Folgen. Die nächtliche Beleuchtung kann nämlich den Hormonhaushalt durcheinanderbringen, was häufig Schlafstörungen zur Folge hat. Das Schlafhormon Melatonin wird durch Licht nämlich weniger ausgeschüttet, was das Einschlafen erschwert. Himmlische Aussichten Im Übrigen bewirkt die diffuse Aufhellung der Atmosphäre durch zu viel nach oben strahlendes Licht, dass der Sternenhimmel auch in klaren Nächten kaum zu beobachten ist. Mit dem schönsten und hellsten Sternenhimmel wirbt die Rhön. Auch zwei Nordseeinseln wollen den Gästen und Bewohnern eine bessere Aussicht bieten und dafür das Licht reduzieren. Ebenfalls zum Thema: So wird die Beleuchtung gesteuert: Vor allem Industriegebiete sind hell erleuchtet

Lichtverschmutzung: Wie Tiere und Pflanzen unter hellen Nächten leiden

Angestrahlte Bäume und Pflanzen sehen zwar gut aus, allerdings beeinflussen künstliche Lichtquellen den Wachstumszyklus negativ. Symbolfoto: Martina Raedlein/Imago Images © imago images/CHROMORANGE

Minden. Nicht nur zur Weihnachtszeit gehen in den Gärten die Lichter an, ein beleuchteter Garten ist das ganze Jahr über schön anzusehen. Dabei ist es egal, ob man in einer lauen Sommernacht auf der Terrasse sitzt oder sich im Winter die Lichter vom Sofa aus anschaut. Das leicht im Wind wehende Pampasgras lässt sich durch einen entsprechenden Strahler in Szene setzen und auch Bäume, die von unten angestrahlt werden, machen was her. Leuchtkugeln in verschiedenen Größen scheinen fast schon zum festen Garteninventar zu gehören.

Wohl kaum einer denkt beim Kauf von Leuchtmitteln an Insekten oder Pflanzen, sondern nur an Optik und Stromverbrauch. Wer aber der Natur im Garten nicht schaden möchte, sollte das allerdings tun. „Falsch gestaltete Lichtquellen schaden Insekten enorm und tragen zum Insektensterben bei ", betont Sabine Raskopf, Diplom-Agraringenieurin und Mitarbeiterin der Biologischen Station. Generell schadet zu viel Licht der Chronobiologie (zeitliche Organisation von biologischen Prozessen) – beim Menschen, bei Tieren und bei Pflanzen.

Insekten stark betroffen

Besonders stark leiden Insekten unter der Beleuchtung. „Entweder sterben Insekten durch den Aufpralltod, durch den Hitzetod oder aber sie umkreisen eine Lampe bis zur völligen Erschöpfung", sagt Raskopf. Normalerweise orientieren sich nachtaktive Insekten am Mondlicht, zu dem sie in einem stabilen Winkel fliegen. Dieses Verhalten führt bei künstlichen Lichtquellen dazu, dass sie sich stundenlang in einer Spirale um das Licht herumbewegen. „Man spricht dann vom Staubsaugereffekt", ergänzt Raskopf. Übrigens: Während zu viel Licht den Nützlingen schadet, begünstigt es die Schädlinge, wie zum Beispiel Läuse. Da Läuse meistens keine Flügel haben und folglich nachts nicht fliegen, besteht für sie auch keine Gefahr, an einer Lampe zu sterben. Nützliche Insekten sind hingegen jede Nacht in der Luft unterwegs. „Sie werden in einem viel größeren Ausmaß aus ihren Habitaten gelockt", sagt Raskopf.

Das große Problem daran ist, dass die meisten Insekten, die nachts unterwegs sind, Bestäuber sind. Wenn also zu viel Licht den Insektenbestand dezimiert, werden auch weniger Pflanzen bestäubt und im Endeffekt gibt es weniger Früchte.

Noch ein Problem: „Viele Vögel fliegen sich tot, wenn sie gegen beleuchtete Hochhäuser prallen", so Raskopf. Um das zu verhindern, könnten Bewohner die Lichttemperatur anpassen. „Wie auch die Insekten, reagieren Vögel auf weißes Licht viel stärker als auf Licht mit hohem Orangefaktor", so Sabine Raskopf. Außerdem stören künstliche Lichtquellen die Orientierung von Zugvögeln. Die Vögel werden von ihren gewohnten Routen abgelenkt und fliegen erschöpfende Umwege. „Singvögel, die sich in hell erleuchteten Gebieten aufhalten, legen früher die Eier ab", sagt Raskopf. Der Schlupftermin passe dann nicht zum Nahrungsangebot, erläutert sie das Problem. Vögel bräuchten im Brutgeschäft vor allem Insekten, sonst würden die jungen Vögel verhungern oder sich schlecht entwickeln.

Und selbst für Fische kann zu viel Licht schädlich sein. „Hell erleuchtete Brücken können nachts zu einem unüberwindbaren Hindernis werden", sagt Raskopf. Eine solche Barriere könne die Laichwanderungen behindern.

Wachstumszyklus gestört

Durch künstliche Lichtquellen wird der Wachstumszyklus auch bei Pflanzen negativ beeinflusst. Bäume, die direkt neben Straßenlaternen stehen oder angestrahlt werden, werfen ihre Blätter später ab. „Eine längere Vegetationsdauer führt dazu, dass Bäume durch Frost geschädigt werden können. Ohne eine Beleuchtung würden solche Schäden nicht auftreten", erklärt die Agraringenieurin.

Wie es besser geht

Oftmals kann zumindest am Haus oder im Garten auf eine Dauerbeleuchtung verzichtet werden. Stattdessen können Bewegungsmelder eingebaut werden. Aber nicht nur im Garten können diese eingesetzt werden. „Rein theoretisch könnten auch Laternen an Straßen und Parkplätzen Lichtdimmer mit Bewegungsmeldern bekommen", sagt Raskopf. Und sie nennt ein weiteres Beispiel: „An Tankstellen könnten solche Systeme optimal eingesetzt werden. Sobald ein Auto die Tankstelle ansteuert, wird das Licht heller."

Auch die Richtung der Beleuchtung ist entscheidend. Leuchten im Außenbereich sollten so eingebaut werden, dass sie nur nach unten strahlen. „Alles, was nach oben strahlt, ist schädlich", betont Raskopf. Von Beleuchtungen an lebenden Bäumen solle unbedingt abgesehen werden.

Zudem sollten geschlossene Gehäuse verwendet werden, deren Oberflächen nicht heißer als 60 Grad Celcius werden. „Bei höheren Temperaturen verbrennen Insekten sofort", so die Agraringenieurin. Wer die Insekten in seinem Garten schonen möchte, sollte eher warmweiße und bernsteinfarbene Leuchtmittel verwenden (weniger als 3.000 Kelvin). Je größer die Wellenlänge des Lichtes, desto kleiner ist die Lockwirkung für Insekten.

Verbrauch eher gestiegen

Seitdem es energiesparende Leuchtmittel gibt, würde partiell noch mehr beleuchtet, meint Raskopf. „Jetzt gibt es nicht mehr den finanzielle Grund, das Licht zu reduzieren", meint sie. Die Menschen würden länger und intensiver beleuchten, so dass der Stromverbrauch letztendlich gar nicht sinke. Das eigentliche Ziel sei laut Raskopf verfehlt worden, stattdessen sei es nachts noch heller.

Innere Uhr aus dem Takt

Auch für den Menschen hat die Lichtflut Folgen. Die nächtliche Beleuchtung kann nämlich den Hormonhaushalt durcheinanderbringen, was häufig Schlafstörungen zur Folge hat. Das Schlafhormon Melatonin wird durch Licht nämlich weniger ausgeschüttet, was das Einschlafen erschwert.

Himmlische Aussichten

Im Übrigen bewirkt die diffuse Aufhellung der Atmosphäre durch zu viel nach oben strahlendes Licht, dass der Sternenhimmel auch in klaren Nächten kaum zu beobachten ist. Mit dem schönsten und hellsten Sternenhimmel wirbt die Rhön. Auch zwei Nordseeinseln wollen den Gästen und Bewohnern eine bessere Aussicht bieten und dafür das Licht reduzieren.

Ebenfalls zum Thema: So wird die Beleuchtung gesteuert: Vor allem Industriegebiete sind hell erleuchtet

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