Gesundheit Lebensgefährliche Kombination: Mehr Hautkrebs, weniger Check-ups Die Zahl der Krebsfälle steigt, deshalb raten Dermatologen dringend zur Vorsorge, doch das Interesse sinkt. Mediziner Rudolf Stadler erklärt, welche Folge sommerliche Wochenenden wie das aktuelle haben können. Minden (nw). Blauer Himmel, hohe Temperaturen und Sonne satt. Seit wenigen Tagen herrscht in OWL wieder Sommer, wie ihn sich viele wünschen. Doch Sommer dieser Art haben auch Schattenseiten, wie die steigende Zahl der Hautkrebsfälle zeigt. Seit 1970 hat sich die Häufigkeit von Neuerkrankungen an schwarzem Hautkrebs in Deutschland verfünffacht. Gleichzeitig nutzen nach Angaben von Krankenkassen immer weniger Menschen das Hautkrebs-Screening zur Vorsorge. Wie gefährlich diese Kombination ist, erklärt der Mindener Dermatologe Rudolf Stadler. Mit mehr als 220.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Hautkrebs die häufigste Krebserkrankung in Deutschland. Um bösartige Hautveränderungen möglichst frühzeitig zu entdecken, finanzieren Krankenkassen ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre ein Hautkrebs-Screening. Doch diese Möglichkeit nutzen immer weniger Menschen. Laut einer Untersuchung der Krankenkasse AOK Nordwest sind es in Westfalen-Lippe gerade Mal 15,1 Prozent der Versicherten. Tendenz sinkend. Dermatologen raten jedoch dringend zur Vorsorge, da Hautkrebs gut heilbar ist, wenn er früh erkannt wird. Doch woran liegt das sinkende Interesse am Screening? Privileg der kostenlosen Hautkrebs-Vorsorge nutzen nicht viele „Offenbar schaffen wir es nicht, Menschen klar zu machen, wie wichtig Krebsvorsorge ist. In der Bevölkerung fehlt das Bewusstsein dafür, das Privileg der kostenlosen Hautkrebs-Vorsorge zu nutzen", sagt Rudolf Stadler, Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie, Allergologie und Phlebologie am Universitätsklinikum Minden. „Proaktives Handeln ist meiner Beobachtung nach vor allem im Bewusstsein des Bildungsbürgertums verankert, doch einen großen Teil der restlichen Bevölkerung erreichen wir leider nicht." Dabei hat sich das Hautkrebs-Screening laut Stadler bewehrt. „Es gibt Mediziner, die sagen, dass das Screening keine Wirkung zeigt, weil die Sterblichkeit nicht abgenommen hat. Doch das Argument hinkt, weil insgesamt ja mehr Menschen an Hautkrebs erkranken und durch die Vorsorge mehr Krebserkrankungen in frühen Stadien entdeckt werden." Durch die Prävention werden mehr Menschen vor schweren Krankheitsverläufen geschützt, womit auch die Überlebenschancen nach einer Krebsdiagnose steigen. Forderung: Menschen früh für Sonnenschutz sensibilisieren Wichtig ist nach Einschätzung Stadlers deshalb, Menschen so früh wie möglich für das Thema Sonnenschutz zu sensibilisieren. „In Australien steigt die Zahl der Hautkrebserkrankungen nicht mehr an, weil die Präventionsprojekte wirken. Dort werden bereits in Kindergärten und Schulen Kinder und Eltern darüber aufgeklärt, wie wichtig Sonnencreme, Kopfbedeckungen und lange Kleidung sind." Projekte dieser Art sind laut Stadler auch in Deutschland nötig, denn hier steigt die Zahl der Hautkrebserkrankungen weiter an. „Denn mit Blick auf die beiden vergangenen Ausnahmesommer wird deutlich, dass Reisen in sonnenreiche Regionen gar nicht mehr nötig sind, um seine Haut nachhaltig zu schädigen." Besonders häufig von Hautkrebs betroffen sind laut Stadler zwei Gruppen: Ältere Männer und jüngere Frauen. „Aufgrund der alternden Gesellschaft steigt auch die Zahl der Hautkrebs-Erkrankungen, doch zunehmend betroffen sind auch jüngere Generationen", erklärt Stadler. Verantwortlich dafür machen Experten dafür das in Deutschland weit verbreitete Schönheitsideal der gebräunten Haut. „Dieses ungesunde Ideal gilt bereits seit Jahrzehnten. Angefangen hat das in der Nachkriegszeit, als Familien Urlaub an sonnigen Küsten machten und sich mit Nussöl bräunten." Doch obwohl mittlerweile bekannt ist, welche Folgen Sonnenbrände und intensives Bräunen haben, scheint das Schönheitsideal ungebrochen. „Menschen gehen nach wie vor ins Solarium und nutzen jede Gelegenheit, um sich intensiv zu bräunen. Das betrifft vor allem junge Frauen." Reparatursystem der Haut schützt nur bis zu einem gewissen Maß Dieses Verhalten beobachtet Stadler auch bei Senioren. „Viele ältere Männer und Frauen überwintern in sonnenreichen Regionen wie Andalusien und haben so zwölf Monate des Jahres Sonne satt." Das Problem: „Sie verhalten sich nicht wie die native Bevölkerung, die zwischen 11 und 16 Uhr die Sonne meidet und stets mit langer Kleidung und Kopfbedeckung unterwegs ist. In Südeuropa beginnt das Leben erst nach 17 Uhr, doch deutsche Rentner liegen zu dieser Zeit bereits sieben Stunden am Strand." Und das, obwohl Nordeuropäer aufgrund ihres hellen Hauttyps genetisch nicht für lange Aufenthalte in der Sonne ausgestattet sind. Die Folge: Je länger sich Menschen ungeschützt in der Sonne aufhalten, desto höher ist das Risiko im Laufe des Lebens an Hautkrebs zu erkranken. „Die Haut hat ein Reparatursystem, das uns bis zu einem gewissen Maß vor Zellmutationen schützt. Doch irgendwann ist das Maß voll, Zellmutationen nehmen zu und irgendwann bricht Hautkrebs aus." Sonnenanbeter verhalten sich ähnlich wie Raucher Stadler vergleicht das Verhalten von Sonnenanbetern mit der noch immer hohen Zahl an Rauchern in Deutschland. „Mittlerweile steht auf jeder Zigaretten-Schachtel, dass Rauchen tödlich sein kann. Trotzdem erreicht die Botschaft nicht alle." Die steigende Zahl der Hautkrebs-Erkrankungen belastet zudem nicht nur die Betroffenen selbst, sondern laut Stadler auch massiv Praxen und Kliniken. „Deutlich geworden ist das Problem zu Beginn der Coronakrise, als die Krankenhäuser in Deutschland Operationen abgesagt haben, um Kapazitäten für Covid-19-Patienten frei zuhalten. In Minden mussten wir in der Hautklinik die Zahl der Betten von 60 auf 30 reduzieren." Als Folge der Pandemie mussten in Deutschland nach Angaben der Deutschen Krebshilfe bislang mehr als 50.000 Krebs-Operationen verschoben worden. „Doch jede OP-Absage kann schwerwiegende Folgen haben, denn nach einer Hautkrebs-Diagnose muss gehandelt werden. Wenn schwarzer Hautkrebs nicht adäquat versorgt wird, besteht das Risiko, dass der Krebs erneut ausbricht", warnt Stadler. „Das hat für Patienten dann durch eine erneute Krebs-Diagnose eine emotionale Achterbahnfahrt zur Folge." Stadler hofft deshalb, dass die Zahl tatsächlich erkrankter Covid-19-Patienten in Deutschland weiter gering bleibt. „Zudem dürfen wird nicht aus dem Blick verlieren, dass die Zahl der Herzinfarkte, Schlaganfälle und Krebserkrankungen nicht sinkt, auch wenn das Coronavirus im Fokus steht."
Gesundheit

Lebensgefährliche Kombination: Mehr Hautkrebs, weniger Check-ups

An diesem Wochenende genießen vielen Menschen die Sonne. Dabei sollten aber auch Sonnenanbeter auf ausreichend Schutz achten und die Mittagssonne meiden. © picture alliance

Minden (nw). Blauer Himmel, hohe Temperaturen und Sonne satt. Seit wenigen Tagen herrscht in OWL wieder Sommer, wie ihn sich viele wünschen. Doch Sommer dieser Art haben auch Schattenseiten, wie die steigende Zahl der Hautkrebsfälle zeigt. Seit 1970 hat sich die Häufigkeit von Neuerkrankungen an schwarzem Hautkrebs in Deutschland verfünffacht. Gleichzeitig nutzen nach Angaben von Krankenkassen immer weniger Menschen das Hautkrebs-Screening zur Vorsorge. Wie gefährlich diese Kombination ist, erklärt der Mindener Dermatologe Rudolf Stadler.

Mit mehr als 220.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Hautkrebs die häufigste Krebserkrankung in Deutschland. Um bösartige Hautveränderungen möglichst frühzeitig zu entdecken, finanzieren Krankenkassen ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre ein Hautkrebs-Screening. Doch diese Möglichkeit nutzen immer weniger Menschen. Laut einer Untersuchung der Krankenkasse AOK Nordwest sind es in Westfalen-Lippe gerade Mal 15,1 Prozent der Versicherten. Tendenz sinkend. Dermatologen raten jedoch dringend zur Vorsorge, da Hautkrebs gut heilbar ist, wenn er früh erkannt wird. Doch woran liegt das sinkende Interesse am Screening?

Privileg der kostenlosen Hautkrebs-Vorsorge nutzen nicht viele

Rudolf Stadler, Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie,Allergologie und Phlebologie am Universitätsklinikum Minden. - © MKK
Rudolf Stadler, Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie,Allergologie und Phlebologie am Universitätsklinikum Minden. - © MKK

„Offenbar schaffen wir es nicht, Menschen klar zu machen, wie wichtig Krebsvorsorge ist. In der Bevölkerung fehlt das Bewusstsein dafür, das Privileg der kostenlosen Hautkrebs-Vorsorge zu nutzen", sagt Rudolf Stadler, Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie, Allergologie und Phlebologie am Universitätsklinikum Minden. „Proaktives Handeln ist meiner Beobachtung nach vor allem im Bewusstsein des Bildungsbürgertums verankert, doch einen großen Teil der restlichen Bevölkerung erreichen wir leider nicht."

Dabei hat sich das Hautkrebs-Screening laut Stadler bewehrt. „Es gibt Mediziner, die sagen, dass das Screening keine Wirkung zeigt, weil die Sterblichkeit nicht abgenommen hat. Doch das Argument hinkt, weil insgesamt ja mehr Menschen an Hautkrebs erkranken und durch die Vorsorge mehr Krebserkrankungen in frühen Stadien entdeckt werden." Durch die Prävention werden mehr Menschen vor schweren Krankheitsverläufen geschützt, womit auch die Überlebenschancen nach einer Krebsdiagnose steigen.

Forderung: Menschen früh für Sonnenschutz sensibilisieren

Wichtig ist nach Einschätzung Stadlers deshalb, Menschen so früh wie möglich für das Thema Sonnenschutz zu sensibilisieren. „In Australien steigt die Zahl der Hautkrebserkrankungen nicht mehr an, weil die Präventionsprojekte wirken. Dort werden bereits in Kindergärten und Schulen Kinder und Eltern darüber aufgeklärt, wie wichtig Sonnencreme, Kopfbedeckungen und lange Kleidung sind." Projekte dieser Art sind laut Stadler auch in Deutschland nötig, denn hier steigt die Zahl der Hautkrebserkrankungen weiter an. „Denn mit Blick auf die beiden vergangenen Ausnahmesommer wird deutlich, dass Reisen in sonnenreiche Regionen gar nicht mehr nötig sind, um seine Haut nachhaltig zu schädigen."

Besonders häufig von Hautkrebs betroffen sind laut Stadler zwei Gruppen: Ältere Männer und jüngere Frauen. „Aufgrund der alternden Gesellschaft steigt auch die Zahl der Hautkrebs-Erkrankungen, doch zunehmend betroffen sind auch jüngere Generationen", erklärt Stadler. Verantwortlich dafür machen Experten dafür das in Deutschland weit verbreitete Schönheitsideal der gebräunten Haut. „Dieses ungesunde Ideal gilt bereits seit Jahrzehnten. Angefangen hat das in der Nachkriegszeit, als Familien Urlaub an sonnigen Küsten machten und sich mit Nussöl bräunten." Doch obwohl mittlerweile bekannt ist, welche Folgen Sonnenbrände und intensives Bräunen haben, scheint das Schönheitsideal ungebrochen. „Menschen gehen nach wie vor ins Solarium und nutzen jede Gelegenheit, um sich intensiv zu bräunen. Das betrifft vor allem junge Frauen."

Reparatursystem der Haut schützt nur bis zu einem gewissen Maß

Dieses Verhalten beobachtet Stadler auch bei Senioren. „Viele ältere Männer und Frauen überwintern in sonnenreichen Regionen wie Andalusien und haben so zwölf Monate des Jahres Sonne satt." Das Problem: „Sie verhalten sich nicht wie die native Bevölkerung, die zwischen 11 und 16 Uhr die Sonne meidet und stets mit langer Kleidung und Kopfbedeckung unterwegs ist. In Südeuropa beginnt das Leben erst nach 17 Uhr, doch deutsche Rentner liegen zu dieser Zeit bereits sieben Stunden am Strand." Und das, obwohl Nordeuropäer aufgrund ihres hellen Hauttyps genetisch nicht für lange Aufenthalte in der Sonne ausgestattet sind.

Die Folge: Je länger sich Menschen ungeschützt in der Sonne aufhalten, desto höher ist das Risiko im Laufe des Lebens an Hautkrebs zu erkranken. „Die Haut hat ein Reparatursystem, das uns bis zu einem gewissen Maß vor Zellmutationen schützt. Doch irgendwann ist das Maß voll, Zellmutationen nehmen zu und irgendwann bricht Hautkrebs aus."

Sonnenanbeter verhalten sich ähnlich wie Raucher

Stadler vergleicht das Verhalten von Sonnenanbetern mit der noch immer hohen Zahl an Rauchern in Deutschland. „Mittlerweile steht auf jeder Zigaretten-Schachtel, dass Rauchen tödlich sein kann. Trotzdem erreicht die Botschaft nicht alle."

Die steigende Zahl der Hautkrebs-Erkrankungen belastet zudem nicht nur die Betroffenen selbst, sondern laut Stadler auch massiv Praxen und Kliniken. „Deutlich geworden ist das Problem zu Beginn der Coronakrise, als die Krankenhäuser in Deutschland Operationen abgesagt haben, um Kapazitäten für Covid-19-Patienten frei zuhalten. In Minden mussten wir in der Hautklinik die Zahl der Betten von 60 auf 30 reduzieren." Als Folge der Pandemie mussten in Deutschland nach Angaben der Deutschen Krebshilfe bislang mehr als 50.000 Krebs-Operationen verschoben worden.

„Doch jede OP-Absage kann schwerwiegende Folgen haben, denn nach einer Hautkrebs-Diagnose muss gehandelt werden. Wenn schwarzer Hautkrebs nicht adäquat versorgt wird, besteht das Risiko, dass der Krebs erneut ausbricht", warnt Stadler. „Das hat für Patienten dann durch eine erneute Krebs-Diagnose eine emotionale Achterbahnfahrt zur Folge." Stadler hofft deshalb, dass die Zahl tatsächlich erkrankter Covid-19-Patienten in Deutschland weiter gering bleibt. „Zudem dürfen wird nicht aus dem Blick verlieren, dass die Zahl der Herzinfarkte, Schlaganfälle und Krebserkrankungen nicht sinkt, auch wenn das Coronavirus im Fokus steht."

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