Larissa und Tatjana Kastein übernehmen das Tourneegeschäft bei Flic Flac Anja Peper Minden (mt). Die strenge Russin war nicht zufrieden. Ihre kritischen Augen ruhten auf Larissa, der damals fünf Jahre alte Tochter des Zirkuschefs. Das Mädchen probierte im Zelt ein paar Stretching-Übungen. „Das machst Du ganz falsch!", gab sie der Kleinen zu verstehen. Daraufhin engagierte Benno Kastein, der Gründer des Zirkus Flic Flac, die Russin als Trainerin für seine beiden Töchter. Dehnen, Gleichgewicht, Spagat, Muskelaufbau, Training an sechs Tagen pro Woche. Die harte Schule der Artistenausbildung hat Larissa (31) und Tatjana (27) geprägt. Die Schwestern können beides: In der Show das Publikum bezaubern – und vom Büro aus das Tourneegeschäft managen. Das Geschäft mit dem Nervenkitzel ist ihr Ding. Beide sind im Zirkus groß geworden, haben nie etwas anderes gemacht. Die Wohnwagen und das Zirkuszelt sind ihr Zuhause. Bald gastiert die Truppe in dem auffälligen schwarz-gelben Zelt wieder in Minden: „Punxxx" heißt die aktuelle Show (4. bis 14. April, Kanzlers Weide). Flic Flac hat hier viele Fans, die Karten verkaufen sich auch diesmal gut. Und auch aus einem persönlichen Grund freuen sich die Schwestern auf das Gastspiel an der Weser: Larissas Tochter Isabella ist eine waschechte Mindenerin. Sie wurde während eines Gastspiels an der Weser im Johannes Wesling Klinikum geboren. An dem Tag war viel los auf der Entbindungsstation, noch 15 weitere Kinder seien am selben Tag (24. März 2017) geboren worden, erinnert sich die junge Mutter. Jedenfalls verlief die Geburt schnell und ohne Probleme. Und wen wundert's: Die Kleine ist ein „ganz unkompliziertes Zirkuskind", sagt Isabella. Auch ihre Schwester Tatjana hat eine kleine Tochter, Fiona (3). Die beiden Cousinen wachsen auf dem selben Spielplatz auf wie ihre Mütter – zwischen Wohnwagen und Zirkuszelt. Mit ihnen steht die nächste Generation des Familienunternehmens in den Startlöchern. Die Väter sind ebenfalls im Flic Flac-Kosmos zuhause, sie fahren Motorrad. Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt: Das Sprichwort trifft für die Flic Flac-Schwestern absolut zu. Irina Rezajeva hieß ihre russische Trainerin. „Und oft haben wir sie verflucht." Selbst wenn das Zelt aufgeheizt war von der Sonne, manchmal 50 Grad warm, war das noch lange kein Grund, das Training ausfallen zu lassen. Dann floss eben mehr Schweiß als sonst, was soll's. Diese Zeit hat die Schwestern geprägt, daher haben sie vermutlich ihre eiserne Disziplin. Larissa hat sich auf Pole Dance spezialisiert, Tatjana auf Handstandakrobatik. In den knappen Kostümen bekommen die Zuschauer einen guten Eindruck von der vorbildlich definierten Muskulatur. Bei der aktuellen Show „Punxxx" werden sie allerdings hinter den Kulissen aktiv sein, die Bühne muss jetzt erstmal warten. Solange die Kinder klein sind, wollen sie sich zunächst auf ihre anderen Aufgabenfelder konzentrieren. Denn Flic Flac ist kein kleines Unternehmen, um die hundert Leute reisen von Stadt zu Stadt. Die Shows wechseln im Zwei-Jahres-Rhythmus, dahinter steckt eine ausgeklügelte Logistik. Tatjana und Larissa Kastein sind nun mit jeweils 50 Prozent der Anteile alleinige Gesellschafterinnen im Tourneegeschäft. Ihr Vater Benno kümmert sich weiterhin um die Weihnachts- und Wintershows. Außerdem reist der 63-Jährige viel um die Welt, entdeckt neue Talente, neue Zeltbauten oder sonstige technischen Finessen. Er ist eben auch ein Macher. Seine Töchter haben das Tourneegeschäft folgendermaßen aufgeteilt: Larissa ist künstlerische Leiterin und ist damit zuständig für den Einkauf, für Verhandlungen mit Artisten und für die Choreographie. Ein Markenzeichen von Flic Flac ist der düstere Chic und die rockige Musik. Licht, Laser, Pyrotechnik, Sound – das alles ist aus einem Guss. Ein Drummer ist diesmal live dabei. Mit viel Action zielt das Konzept auf eine jüngere Zielgruppe, so etwas wie einen betulichen Zirkusdirektor mit Zylinder gibt es bei Flic Flac nicht. Und schon gar keine Tiere in der Manege. Weil Zirkus ein internationales Geschäft ist, gehören langwierige Verhandlungen mit Artisten aus dem Ausland dazu. Das bedeutet, wie kürzlich bei einer zehnköpfigen Truppe aus China, jede Menge Papierkram (siehe Kasten). Den Job hat sie von ihrem Vater übernommen. Die Fachgebiete von Tatjana sind Buchhaltung, Gastronomie, Kartenvorverkauf und Kasse. Den Job hat sie von ihrer Mutter übernommen. „Ich bin immer noch dabei, etwas Neues zu lernen", sagt sie. Fünf Leute arbeiten bei Flic Flac in dem reisenden Büro. Sie müssen dafür sorgen, dass die Umsätze stimmen. Journalisten fragen oft: „Wo ist eigentlich eure Heimat?" Darauf haben die Kastein-Schwestern die immer gleiche Antwort: „Heimat ist das Zelt und die Wohnwagen daneben." Das bedeutet aus ihrer Sicht auch keine Einschränkung, auch nicht mit Mann und Kind. Ganz im Gegenteil: „Diese Familienwohnwagen sind praktisch und flexibel. Wohnen und Arbeiten auf engem Raum, das macht es im Grunde nur einfacher." 37 Quadratmeter reichen. Ab Mitte März stehen Zelt und Wohnwagen dann wieder auf Kanzlers Weide. Die Schwestern freuen sich schon: „Da kann man so schön spazieren gehen an der Weser." Und der Geburtstag von Isabella steht an. Internationales Geschäft – viel Papierkram Das Zirkusgeschäft ist international, viele Artisten kommen aus dem Ausland. Als besonders temperamentvoll und risikobereit gelten die Südamerikaner: Sie rasen mit ihren Motorrädern durch die berühmte Stahlkugel, den „Globe Of Speed". Diese Nummer ist seit Jahren eine Spezialität von Flic Flac. Viele der besten Turner kommen aus Russland oder der Ukraine. Die erste anspruchsvolle Bewährungsprobe als Chefinnen im Tourneegeschäft haben Tatjana und Larissa Kastein schon hinter sich: Für die neue Show haben sie zehn Artisten einer chinesischen Staatsschule engagiert. Sich auf ein gemeinsames künstlerisches Programm zu verständigen, erwies sich als geringste Hürde. „Extrem aufwendig waren die Verhandlungen mit einem Übersetzer und der ganze Papierkram." Denn die Chinesen brauchen ein Visum für ein Jahr. Unter dem Namen Holy Warriors treten die Artisten der China National Akrobatik Truppe auf. Sie zeigen Präzisionsartistik, darunter zielgenaue Sprünge durch mobile und rotierende 60 Zentimeter große Reifen. (ani)

Larissa und Tatjana Kastein übernehmen das Tourneegeschäft bei Flic Flac

Sie gehören zusammen wie das Flic und das Flac: Tatjana und Larissa, die beiden Töchter des Gründers Benno Kastein, übernehmen die Regie im Familienunternehmen. Seit Anfang Februar sind sie offiziell die Chefinnen des Tourgeschäftes.?MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden (mt). Die strenge Russin war nicht zufrieden. Ihre kritischen Augen ruhten auf Larissa, der damals fünf Jahre alte Tochter des Zirkuschefs. Das Mädchen probierte im Zelt ein paar Stretching-Übungen. „Das machst Du ganz falsch!", gab sie der Kleinen zu verstehen. Daraufhin engagierte Benno Kastein, der Gründer des Zirkus Flic Flac, die Russin als Trainerin für seine beiden Töchter. Dehnen, Gleichgewicht, Spagat, Muskelaufbau, Training an sechs Tagen pro Woche. Die harte Schule der Artistenausbildung hat Larissa (31) und Tatjana (27) geprägt. Die Schwestern können beides: In der Show das Publikum bezaubern – und vom Büro aus das Tourneegeschäft managen.

Das Geschäft mit dem Nervenkitzel ist ihr Ding. Beide sind im Zirkus groß geworden, haben nie etwas anderes gemacht. Die Wohnwagen und das Zirkuszelt sind ihr Zuhause. Bald gastiert die Truppe in dem auffälligen schwarz-gelben Zelt wieder in Minden: „Punxxx" heißt die aktuelle Show (4. bis 14. April, Kanzlers Weide). Flic Flac hat hier viele Fans, die Karten verkaufen sich auch diesmal gut. Und auch aus einem persönlichen Grund freuen sich die Schwestern auf das Gastspiel an der Weser: Larissas Tochter Isabella ist eine waschechte Mindenerin. Sie wurde während eines Gastspiels an der Weser im Johannes Wesling Klinikum geboren. An dem Tag war viel los auf der Entbindungsstation, noch 15 weitere Kinder seien am selben Tag (24. März 2017) geboren worden, erinnert sich die junge Mutter. Jedenfalls verlief die Geburt schnell und ohne Probleme. Und wen wundert's: Die Kleine ist ein „ganz unkompliziertes Zirkuskind", sagt Isabella. Auch ihre Schwester Tatjana hat eine kleine Tochter, Fiona (3). Die beiden Cousinen wachsen auf dem selben Spielplatz auf wie ihre Mütter – zwischen Wohnwagen und Zirkuszelt. Mit ihnen steht die nächste Generation des Familienunternehmens in den Startlöchern. Die Väter sind ebenfalls im Flic Flac-Kosmos zuhause, sie fahren Motorrad.

Die Spezialität von Tatjana ist Handstandakrobatik. Der artistische Schwerpunkt von Larissa: Pole Dance. MT-Foto: Archiv/Alex Lehn/Frederik Mügge - © Lehn,Alexander
Die Spezialität von Tatjana ist Handstandakrobatik. Der artistische Schwerpunkt von Larissa: Pole Dance. MT-Foto: Archiv/Alex Lehn/Frederik Mügge - © Lehn,Alexander

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt: Das Sprichwort trifft für die Flic Flac-Schwestern absolut zu. Irina Rezajeva hieß ihre russische Trainerin. „Und oft haben wir sie verflucht." Selbst wenn das Zelt aufgeheizt war von der Sonne, manchmal 50 Grad warm, war das noch lange kein Grund, das Training ausfallen zu lassen. Dann floss eben mehr Schweiß als sonst, was soll's. Diese Zeit hat die Schwestern geprägt, daher haben sie vermutlich ihre eiserne Disziplin. Larissa hat sich auf Pole Dance spezialisiert, Tatjana auf Handstandakrobatik. In den knappen Kostümen bekommen die Zuschauer einen guten Eindruck von der vorbildlich definierten Muskulatur. Bei der aktuellen Show „Punxxx" werden sie allerdings hinter den Kulissen aktiv sein, die Bühne muss jetzt erstmal warten. Solange die Kinder klein sind, wollen sie sich zunächst auf ihre anderen Aufgabenfelder konzentrieren.

Die Spezialität von Tatjana ist Handstandakrobatik. Der artistische Schwerpunkt von Larissa: Pole Dance. MT-Foto: Archiv/Alex Lehn/Frederik Mügge - © FREDERIK MUEGGE
Die Spezialität von Tatjana ist Handstandakrobatik. Der artistische Schwerpunkt von Larissa: Pole Dance. MT-Foto: Archiv/Alex Lehn/Frederik Mügge - © FREDERIK MUEGGE

Denn Flic Flac ist kein kleines Unternehmen, um die hundert Leute reisen von Stadt zu Stadt. Die Shows wechseln im Zwei-Jahres-Rhythmus, dahinter steckt eine ausgeklügelte Logistik. Tatjana und Larissa Kastein sind nun mit jeweils 50 Prozent der Anteile alleinige Gesellschafterinnen im Tourneegeschäft. Ihr Vater Benno kümmert sich weiterhin um die Weihnachts- und Wintershows. Außerdem reist der 63-Jährige viel um die Welt, entdeckt neue Talente, neue Zeltbauten oder sonstige technischen Finessen. Er ist eben auch ein Macher.

Zehn Artisten der China National Akrobatik Truppe verblüffen mit Präzisionsartistik und High Tech. Foto: pr/Flic Flac - © pr
Zehn Artisten der China National Akrobatik Truppe verblüffen mit Präzisionsartistik und High Tech. Foto: pr/Flic Flac - © pr

Seine Töchter haben das Tourneegeschäft folgendermaßen aufgeteilt:

Larissa ist künstlerische Leiterin und ist damit zuständig für den Einkauf, für Verhandlungen mit Artisten und für die Choreographie. Ein Markenzeichen von Flic Flac ist der düstere Chic und die rockige Musik. Licht, Laser, Pyrotechnik, Sound – das alles ist aus einem Guss. Ein Drummer ist diesmal live dabei. Mit viel Action zielt das Konzept auf eine jüngere Zielgruppe, so etwas wie einen betulichen Zirkusdirektor mit Zylinder gibt es bei Flic Flac nicht. Und schon gar keine Tiere in der Manege.

Weil Zirkus ein internationales Geschäft ist, gehören langwierige Verhandlungen mit Artisten aus dem Ausland dazu. Das bedeutet, wie kürzlich bei einer zehnköpfigen Truppe aus China, jede Menge Papierkram (siehe Kasten). Den Job hat sie von ihrem Vater übernommen.

Die Fachgebiete von Tatjana sind Buchhaltung, Gastronomie, Kartenvorverkauf und Kasse. Den Job hat sie von ihrer Mutter übernommen. „Ich bin immer noch dabei, etwas Neues zu lernen", sagt sie. Fünf Leute arbeiten bei Flic Flac in dem reisenden Büro. Sie müssen dafür sorgen, dass die Umsätze stimmen.

Journalisten fragen oft: „Wo ist eigentlich eure Heimat?" Darauf haben die Kastein-Schwestern die immer gleiche Antwort: „Heimat ist das Zelt und die Wohnwagen daneben." Das bedeutet aus ihrer Sicht auch keine Einschränkung, auch nicht mit Mann und Kind. Ganz im Gegenteil: „Diese Familienwohnwagen sind praktisch und flexibel. Wohnen und Arbeiten auf engem Raum, das macht es im Grunde nur einfacher." 37 Quadratmeter reichen.

Ab Mitte März stehen Zelt und Wohnwagen dann wieder auf Kanzlers Weide. Die Schwestern freuen sich schon: „Da kann man so schön spazieren gehen an der Weser." Und der Geburtstag von Isabella steht an.

Internationales Geschäft – viel Papierkram

Das Zirkusgeschäft ist international, viele Artisten kommen aus dem Ausland. Als besonders temperamentvoll und risikobereit gelten die Südamerikaner: Sie rasen mit ihren Motorrädern durch die berühmte Stahlkugel, den „Globe Of Speed". Diese Nummer ist seit Jahren eine Spezialität von Flic Flac. Viele der besten Turner kommen aus Russland oder der Ukraine.

Die erste anspruchsvolle Bewährungsprobe als Chefinnen im Tourneegeschäft haben Tatjana und Larissa Kastein schon hinter sich: Für die neue Show haben sie zehn Artisten einer chinesischen Staatsschule engagiert. Sich auf ein gemeinsames künstlerisches Programm zu verständigen, erwies sich als geringste Hürde. „Extrem aufwendig waren die Verhandlungen mit einem Übersetzer und der ganze Papierkram." Denn die Chinesen brauchen ein Visum für ein Jahr.

Unter dem Namen Holy Warriors treten die Artisten der China National Akrobatik Truppe auf. Sie zeigen Präzisionsartistik, darunter zielgenaue Sprünge durch mobile und rotierende 60 Zentimeter große Reifen. (ani)

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