Kurz mal einen Joint holen? Heimische Experten sehen Gefahr Leandra Finke,Stefan Koch,Monika Jäger,Ursula Koch Minden. Heilpflanze oder Einstiegsdroge? Die Antwort auf diese Frage beeinflusst, wie künftig mit Cannabis umgegangen wird. Seit langem wird darüber diskutiert, ob der Marihuanagebrauch legalisiert werden sollte – jedenfalls unter bestimmten Bedingungen. Die Befürworter argumentieren, dass es falsch ist, jemanden für eine Tüte Cannabis zum eigenen Gebrauch zu kriminalisieren, verweisen auf gesundheitliche Gründe und darauf, dass die Qualität des Produkts so besser kontrolliert werden könnte. Auch Polizei und Justiz würden entlastet. Gegner verweisen darauf, dass die gesundheitlichen Folgen nicht endgültig erforscht sind, betonen, dass Suchtgefahr besteht und dass viel mehr Menschen Marihuana rauchen könnten, wenn die Droge legalisiert wird. Die drei Parteien, die gerade Gespräche zu einer Koalition führen, haben in ihren Positionspapieren vor der Wahl dazu klare Aussagen getroffen. Die SPD möchte, dass die Abgabe an Erwachsene möglich ist – dazu müsste es aber zunächst Modellversuche geben. Cannabis sei – wie Alkohol – eine gesellschaftliche Realität, mit der ein angemessener Umgang gefunden werden müsse. FDP und Grüne sind für eine Freigabe. Im Wahlprogramm der FDP steht, Besitz und Nutzung sollten volljährigen Menschen erlaubt sein. Geschäfte sollten Lizenzen zum Verkauf bekommen. Damit ließen sich zum einen Steuern einnehmen, zum anderen könnten so auch Jugendschutz und Beratung gesichert werden. Die Grünen sind ebenfalls für spezielle Geschäfte, sie setzen auf Regulierung, Prävention und Hilfe. Im Kreisgebiet haben viele Einrichtungen und Behörden mit dem Thema zu tun – entweder, weil sie für die Strafverfolgung zuständig sind, oder weil sie mit Abhängigen arbeiten. Ein Überblick. Kein Bewusstsein dafür, dass Kiffen eine Straftat ist Schon jetzt ist das allgemeine Verständnis dafür gering, dass der Konsum von Cannabis eine Straftat ist, so die Polizei Minden-Lübbecke. Seit rund zwei Jahren hat sie die Bekämpfung der Drogenkriminalität zu einem Arbeitsschwerpunkt erklärt. Nicht nur, dass die Zahl der Verfahren hier stieg – das passt auch zu dem, was die Beamten vor Ort beobachtet hatten und was ihnen aus der Bevölkerung mitgeteilt worden war. Zentrale Orte für das schnelle Geschäft waren das Glacis und die Umgebung weiterführender Schulen, erklärt Polizeipressesprecher Ralf Steinmeyer. Auch der Botanische Garten steht immer wieder im Fokus. Bei Verkehrskontrollen haben immer mehr Fahrer nicht Alkohol, sondern härtere Drogen im Blut. Mittlerweile werden mehr Verfahren aufgrund von Drogeneinfluss als von zuviel Alkohol eingeleitet. Die Einsatzkräfte decken im Durchschnitt mehr als eine Drogenfahrt pro Tag auf. So gab es von Januar bis September 2021 400 Blutproben wegen des Verdachts auf Drogen im Straßenverkehr und 300 wegen Alkoholverdachts. Im gleichen Zeitraum des Jahres davor gab es 400 Proben wegen Drogenverdachts und 361 wegen Alkohol. Meist fielen hier jüngere Männer und Frauen auf. Der Konsum von Drogen scheine offenbar weiter verbreitet zu sein, als von vielen angenommen, so Steinmeyers Fazit. Wann dieser Wandel eingetreten ist, könne die Polizei nicht genau sagen. Denn sie findet nur, was sie auch kontrolliert: Keine Überprüfung, keine Straftat. Steinmeyer führt die zunehmenden Zahlen bei aufgedeckten Fällen auch auf die bessere Ausbildung der jüngeren Polizisten zurück. Immer wieder werden Drogenplantagen entdeckt, beispielsweise in Minden, Petershagen und Bad Oeynhausen. In Preußisch Oldendorf wurde bei Löscharbeiten eines der größten jemals in Deutschland betriebenen Drogenlabore gefunden. Bisher wurden in diesem Jahr rund 2.000 Marihuana-Pflanzen aus Groß-Plantagen vernichtet. Gefunden wurde mehr, denn normalerweise wird das Marihuana nach der Untersuchung im Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf der zuständigen Staatsanwaltschaft übersandt. Bei der Suche nach Drogendealern wird vor allem verdeckt operiert. Die der heimischen Polizei bekannten Dealer stammen häufig aus dem Mühlenkreis und sie sind meist bis zu 30 Jahren alt. Die jeweiligen Ermittlungen werden nicht nur vor Ort geführt: „Mitunter stoßen auch andere Polizeibehörden, zum Beispiel aus Niedersachsen, bei ihrer Arbeit auf Verbindungen in den Mühlenkreis." Gerade bei den „kleineren" Konsumenten stelle die Polizei oft fest, dass sie wenig oder gar kein Unrechtsbewusstsein hätten, wenn sie Drogen zum Eigenverbrauch erwerben. Dabei handelt sich auch das um eine Straftat. „Zu der aktuell geführten politischen Diskussion um eine mögliche Freigabe von bestimmten Drogen nimmt die Polizei grundsätzlich keine Stellung. Wir richten uns nach den gütigen Rechtsnormen", so Steinmeyer abschließend. Verfahren bei Gericht und Staatsanwaltschaft Wen die Polizei auch mit kleinen Mengen Haschisch erwischt, der bekommt in jedem Fall eine Strafanzeige. Diese geht in der Folge zur Staatsanwaltschaft. Jedes Verfahren wird dort gesondert geprüft – und dann kommt es unter anderem darauf an, wie groß die Menge war, wie hoch deren THC-Gehalt, oder ob der Besitzer oder die Besitzerin schon Vorstrafen hatte, wie Pressedezernent Moritz Kutkuhn von der Staatsanwaltschaft Bielefeld erläutert. THC ist der Bestandteil der Hanfpflanze, die den Rausch hervorruft. Wenn nötig, wird die sichergestellte Droge zur Analyse geschickt, um die Menge an Tetrahydrocannabiol festzustellen. Wie viele Verfahren eingestellt werden, dazu kann die Staatsanwaltschaft keine Angaben machen. Dr. Homeier als Straf- und Schöffenrichter am Mindener Amtsgericht erklärt, aus seiner strafrichterlichen Sicht sei gegenüber einer Freigabe von Cannabis eher Zurückhaltung geboten, da die Risiken einer solchen Einstiegsdroge nicht unterschätzt werden sollten. Außerdem bleibe auch bei einer Freigabe und der Freiverkäuflichkeit von Cannabis das Problem der Beschaffungskriminalität bestehen, da die wenigsten Konsumenten in der Lage sein dürften, einen regelmäßigen Konsum aus eigenen – legal erworbenen – Mitteln zu finanzieren Suchtexperte sorgt sich um junge Menschen „Der Konsum von Cannabis spielt bei vielen Krankheitsbildern der Patientinnen und Patienten eine Rolle", sagt Prof. Dr. Udo Schneider zu den Erfahrungen aus seinem Berufsalltag. Er ist Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Medizinischen Zentrum für Seelische Gesundheit der Mühlenkreiskliniken. Im Bereich der Suchtpsychiatrie würden häufiger Betroffene zum Cannabisentzug aufgenommen, weil ambulante Behandlungsversuche gescheitert seien. Oft gingen Psychosen mit Cannabiskonsum einher. Auch Angstzustände könnten hervorgerufen werden, die eine stationäre Behandlung erforderten. „Ein weiteres, häufiges Problem sind jüngere Patientinnen und Patienten, die frühzeitig mit dem Konsum begonnen haben", hat Schneider beobachtet. Die Folge sind ein Nachlassen der Motivation und der Rückzug aus dem sozialen Leben, Defizite in der geistigen Leistungsfähigkeit und eine hohe Rückfallrate beim Entzug. Bei einer allgemeinen Freigabe von Cannabis, wie es derzeit diskutiert wird, rechnet Schneider mit einem Anstieg von psychischen Krankheiten insbesondere bei Jugendlichen im Alter bis 15 Jahren. „Prinzipiell sehe ich eine nicht regulierte Freigabe sehr kritisch und würde mich dagegen aussprechen", meint er deshalb. Seines Erachtens dürfe eine Freigabe für Konsumenten nicht vor dem 21. Lebensjahr erfolgen, da die Reifung des Gehirns vorher noch nicht abgeschlossen sei. Schneider hält es für wichtig, den Konsum zu entkriminalisieren, da angesichts der Kosten für 150.000 Strafverfahren im Jahr die Mittel sinnvoller eingesetzt werden könnten. Er warnt zugleich vor den Gefahren des illegalen Handels mit der Droge. Cannabis könne nicht nur mit Pestiziden belastet sein, sondern auch harte Drogen enthalten, die durchaus schädlicher seien, als das „reine Cannabis", das Apotheken als Medikament verkaufen. Bei einer Freigabe müsse man sich nicht nur auf die Altersgrenze verständigen, sondern auch die Höchstgrenze der berauschenden Chemikalie in der Pflanze festlegen. Zudem müsse im Fall eines legalen Verkaufs der Preis des illegalen Handels unterboten werden, um diesen auszutrocknen. Schulleitungen setzen auf präventive Aufklärung An den Mindener Schulen ist Cannabis verboten, auch ein mögliches Gesetz zur Legalisierung von Cannabis wird an dieser Regelung nichts ändern. Knut Engels, Schulleiter des Leo- Sympher-Berufskollegs, betont: „Neben anderen Drogen wie Alkohol und Zigaretten ist und bleibt auch der Konsum von Cannabis auf dem Schulgelände verboten, um das Lernen nicht zu beeinträchtigen." Auch Carsten Mittelberg, Schulleiter des Freiherr-vom Stein-Berufskolleg, kann sich keine Änderung dieses Schulgesetzes vorstellen. Ziel der Lehrkräfte sei es weiterhin, die Schülerinnen und Schüler vor gesundheitlichen Folgen durch Drogenkonsum zu schützen. Deshalb setzen die weiterführenden Schulen auf Aufklärungsarbeit und präventive Maßnahmen. Heike Plöger, Schulleiterin des Herder-Gymnasiums in Minden, befürchtet, eine Legalisierung könne dazu führen, dass Jugendliche das Verbot von Suchtmitteln an Schulen anzweifeln. Deshalb sei es wichtig, über den Cannabis-Konsum aufzuklären: „Schülerinnen und Schüler müssen sich mit dem Begriff der Sucht auseinandersetzen." Das Herder-Gymnasium bietet für die neunten Klassen eine Lesung von Amon Barth an. Er ist Filmregisseur aus Hamburg und kommt über seine Biographie „Mein Leben als Kiffer" mit den Jugendlichen ins Gespräch. Auch werden die Eltern in der Präventionsarbeit mit thematisch ausgerichteten Elternabenden einbezogen. Schülerinnen und Schüler, die mit Cannabis bereits in Kontakt gekommen sind, werden an den Schulen durch Beratungsgespräche mit geschulten Teams und Sozialarbeitern betreut. Eng arbeiten dabei die Mindener Schulen mit der Drogenberatungsstelle Minden-Lübbecke zusammen. Seit vielen Jahren ist die Polizei bei Projekttagen zum Thema Sucht an diversen Schulen unterwegs, vor allem in den siebten und achten Klassen. Zudem reagierten die Experten auch auf aktuelle Anfragen von Schulen und anderen Institutionen. Aufgrund der Pandemie war die Zusammenarbeit mit den Schulen stark eingeschränkt, jetzt nehmen die Veranstaltungen vor Ort aber wieder Fahrt auf. Therapeutin lehnt Freigabe ab „80 Prozent der Psychosen, die ich gesehen habe, sind durch Drogen ausgelöst worden. Je eher die Menschen mit Cannabis in Kontakt kommen und je mehr sie konsumieren, desto größer ist die Gefahr", sagt Dr. Ina Senne, leitende Ärztin der Psychologischen Psychotherapie der Stiftung Club 74.In der Reha-Einrichtung leben viele psychisch erkrankte Jugendliche, die Cannabis geraucht haben. Das Gehirn befinde sich bis zum 25. Lebensjahr in der Entwicklung. Cannabis könne dazu führen, dass Verbindungen zwischen den Hirnarealen nicht hergestellt werden. Aus ihrer Sicht wäre die Legalisierung von Cannabis daher der falsche Weg. Jede Psychose, die verhindert werden könne, sei ein Gewinn. „75 Prozent der psychischen Erkrankungen tritt vor dem 25. Lebensjahr in Erscheinung", erläutert Senne. Damit hätten diese Menschen schlechte Chancen in ein normales Leben zu finden. Drogenberatung kümmert sich um Abhängige Der Cannabiskonsum ist bei der Drogenberatung des Kreises Minden-Lübbecke ebenfalls ein großes Thema. Die Einrichtung ist mit zwei Standorten in Minden und Lübbecke vertreten. Wie die jährlichen Statistiken ausweisen, ist Cannabis bei rund der Hälfte der Betroffenen die am meisten konsumierte Substanz. Weit dahinter kommen Amphetamine, Opiatersatzstoffe, Kokain und andere. Auf die Frage, ob die Drogenberatungsstelle die legale Abgabe von Cannabis für sinnvoll hält, entzieht sie sich einer Antwort. Gleichwohl bestätigen die Mitarbeitenden den Verdacht, dass auch im Mindener Land illegal vertriebenes Cannabis mit weiteren anderen Substanzen aufgepeppt wird, was den Suchtfaktor erhöht. Ein konkreter Nachweis sei bisher allerdings noch nicht gegeben.

Kurz mal einen Joint holen? Heimische Experten sehen Gefahr

Legal? Illegal? Selbst wenn Cannabis zum eigenen Gebrauch frei gegeben werden sollte, werden bestimmte Regeln festgelegt und überprüft werden müssen: Zum Beispiel, wer verkaufen und wer einkaufen darf. Foto: Unsplash

Minden. Heilpflanze oder Einstiegsdroge? Die Antwort auf diese Frage beeinflusst, wie künftig mit Cannabis umgegangen wird.

Seit langem wird darüber diskutiert, ob der Marihuanagebrauch legalisiert werden sollte – jedenfalls unter bestimmten Bedingungen. Die Befürworter argumentieren, dass es falsch ist, jemanden für eine Tüte Cannabis zum eigenen Gebrauch zu kriminalisieren, verweisen auf gesundheitliche Gründe und darauf, dass die Qualität des Produkts so besser kontrolliert werden könnte. Auch Polizei und Justiz würden entlastet. Gegner verweisen darauf, dass die gesundheitlichen Folgen nicht endgültig erforscht sind, betonen, dass Suchtgefahr besteht und dass viel mehr Menschen Marihuana rauchen könnten, wenn die Droge legalisiert wird.

Die drei Parteien, die gerade Gespräche zu einer Koalition führen, haben in ihren Positionspapieren vor der Wahl dazu klare Aussagen getroffen. Die SPD möchte, dass die Abgabe an Erwachsene möglich ist – dazu müsste es aber zunächst Modellversuche geben. Cannabis sei – wie Alkohol – eine gesellschaftliche Realität, mit der ein angemessener Umgang gefunden werden müsse. FDP und Grüne sind für eine Freigabe. Im Wahlprogramm der FDP steht, Besitz und Nutzung sollten volljährigen Menschen erlaubt sein. Geschäfte sollten Lizenzen zum Verkauf bekommen. Damit ließen sich zum einen Steuern einnehmen, zum anderen könnten so auch Jugendschutz und Beratung gesichert werden. Die Grünen sind ebenfalls für spezielle Geschäfte, sie setzen auf Regulierung, Prävention und Hilfe.

Malina Reckordt

Gendern bei MT - überflüssig oder überfällig?

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Im Kreisgebiet haben viele Einrichtungen und Behörden mit dem Thema zu tun – entweder, weil sie für die Strafverfolgung zuständig sind, oder weil sie mit Abhängigen arbeiten. Ein Überblick.

Kein Bewusstsein dafür, dass Kiffen eine Straftat ist

Schon jetzt ist das allgemeine Verständnis dafür gering, dass der Konsum von Cannabis eine Straftat ist, so die Polizei Minden-Lübbecke. Seit rund zwei Jahren hat sie die Bekämpfung der Drogenkriminalität zu einem Arbeitsschwerpunkt erklärt. Nicht nur, dass die Zahl der Verfahren hier stieg – das passt auch zu dem, was die Beamten vor Ort beobachtet hatten und was ihnen aus der Bevölkerung mitgeteilt worden war. Zentrale Orte für das schnelle Geschäft waren das Glacis und die Umgebung weiterführender Schulen, erklärt Polizeipressesprecher Ralf Steinmeyer. Auch der Botanische Garten steht immer wieder im Fokus.

Bei Verkehrskontrollen haben immer mehr Fahrer nicht Alkohol, sondern härtere Drogen im Blut. Mittlerweile werden mehr Verfahren aufgrund von Drogeneinfluss als von zuviel Alkohol eingeleitet. Die Einsatzkräfte decken im Durchschnitt mehr als eine Drogenfahrt pro Tag auf. So gab es von Januar bis September 2021 400 Blutproben wegen des Verdachts auf Drogen im Straßenverkehr und 300 wegen Alkoholverdachts. Im gleichen Zeitraum des Jahres davor gab es 400 Proben wegen Drogenverdachts und 361 wegen Alkohol. Meist fielen hier jüngere Männer und Frauen auf.

Der Konsum von Drogen scheine offenbar weiter verbreitet zu sein, als von vielen angenommen, so Steinmeyers Fazit. Wann dieser Wandel eingetreten ist, könne die Polizei nicht genau sagen. Denn sie findet nur, was sie auch kontrolliert: Keine Überprüfung, keine Straftat. Steinmeyer führt die zunehmenden Zahlen bei aufgedeckten Fällen auch auf die bessere Ausbildung der jüngeren Polizisten zurück.

Immer wieder werden Drogenplantagen entdeckt, beispielsweise in Minden, Petershagen und Bad Oeynhausen. In Preußisch Oldendorf wurde bei Löscharbeiten eines der größten jemals in Deutschland betriebenen Drogenlabore gefunden. Bisher wurden in diesem Jahr rund 2.000 Marihuana-Pflanzen aus Groß-Plantagen vernichtet. Gefunden wurde mehr, denn normalerweise wird das Marihuana nach der Untersuchung im Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf der zuständigen Staatsanwaltschaft übersandt.

Bei der Suche nach Drogendealern wird vor allem verdeckt operiert. Die der heimischen Polizei bekannten Dealer stammen häufig aus dem Mühlenkreis und sie sind meist bis zu 30 Jahren alt. Die jeweiligen Ermittlungen werden nicht nur vor Ort geführt: „Mitunter stoßen auch andere Polizeibehörden, zum Beispiel aus Niedersachsen, bei ihrer Arbeit auf Verbindungen in den Mühlenkreis."

Gerade bei den „kleineren" Konsumenten stelle die Polizei oft fest, dass sie wenig oder gar kein Unrechtsbewusstsein hätten, wenn sie Drogen zum Eigenverbrauch erwerben. Dabei handelt sich auch das um eine Straftat.

„Zu der aktuell geführten politischen Diskussion um eine mögliche Freigabe von bestimmten Drogen nimmt die Polizei grundsätzlich keine Stellung. Wir richten uns nach den gütigen Rechtsnormen", so Steinmeyer abschließend.

Verfahren bei Gericht und Staatsanwaltschaft

Wen die Polizei auch mit kleinen Mengen Haschisch erwischt, der bekommt in jedem Fall eine Strafanzeige. Diese geht in der Folge zur Staatsanwaltschaft. Jedes Verfahren wird dort gesondert geprüft – und dann kommt es unter anderem darauf an, wie groß die Menge war, wie hoch deren THC-Gehalt, oder ob der Besitzer oder die Besitzerin schon Vorstrafen hatte, wie Pressedezernent Moritz Kutkuhn von der Staatsanwaltschaft Bielefeld erläutert. THC ist der Bestandteil der Hanfpflanze, die den Rausch hervorruft.

Wenn nötig, wird die sichergestellte Droge zur Analyse geschickt, um die Menge an Tetrahydrocannabiol festzustellen. Wie viele Verfahren eingestellt werden, dazu kann die Staatsanwaltschaft keine Angaben machen.

Dr. Homeier als Straf- und Schöffenrichter am Mindener Amtsgericht erklärt, aus seiner strafrichterlichen Sicht sei gegenüber einer Freigabe von Cannabis eher Zurückhaltung geboten, da die Risiken einer solchen Einstiegsdroge nicht unterschätzt werden sollten. Außerdem bleibe auch bei einer Freigabe und der Freiverkäuflichkeit von Cannabis das Problem der Beschaffungskriminalität bestehen, da die wenigsten Konsumenten in der Lage sein dürften, einen regelmäßigen Konsum aus eigenen – legal erworbenen – Mitteln zu finanzieren

Suchtexperte sorgt sich um junge Menschen

„Der Konsum von Cannabis spielt bei vielen Krankheitsbildern der Patientinnen und Patienten eine Rolle", sagt Prof. Dr. Udo Schneider zu den Erfahrungen aus seinem Berufsalltag. Er ist Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Medizinischen Zentrum für Seelische Gesundheit der Mühlenkreiskliniken. Im Bereich der Suchtpsychiatrie würden häufiger Betroffene zum Cannabisentzug aufgenommen, weil ambulante Behandlungsversuche gescheitert seien. Oft gingen Psychosen mit Cannabiskonsum einher.

Auch Angstzustände könnten hervorgerufen werden, die eine stationäre Behandlung erforderten. „Ein weiteres, häufiges Problem sind jüngere Patientinnen und Patienten, die frühzeitig mit dem Konsum begonnen haben", hat Schneider beobachtet. Die Folge sind ein Nachlassen der Motivation und der Rückzug aus dem sozialen Leben, Defizite in der geistigen Leistungsfähigkeit und eine hohe Rückfallrate beim Entzug.

Bei einer allgemeinen Freigabe von Cannabis, wie es derzeit diskutiert wird, rechnet Schneider mit einem Anstieg von psychischen Krankheiten insbesondere bei Jugendlichen im Alter bis 15 Jahren. „Prinzipiell sehe ich eine nicht regulierte Freigabe sehr kritisch und würde mich dagegen aussprechen", meint er deshalb. Seines Erachtens dürfe eine Freigabe für Konsumenten nicht vor dem 21. Lebensjahr erfolgen, da die Reifung des Gehirns vorher noch nicht abgeschlossen sei.

Schneider hält es für wichtig, den Konsum zu entkriminalisieren, da angesichts der Kosten für 150.000 Strafverfahren im Jahr die Mittel sinnvoller eingesetzt werden könnten. Er warnt zugleich vor den Gefahren des illegalen Handels mit der Droge. Cannabis könne nicht nur mit Pestiziden belastet sein, sondern auch harte Drogen enthalten, die durchaus schädlicher seien, als das „reine Cannabis", das Apotheken als Medikament verkaufen. Bei einer Freigabe müsse man sich nicht nur auf die Altersgrenze verständigen, sondern auch die Höchstgrenze der berauschenden Chemikalie in der Pflanze festlegen. Zudem müsse im Fall eines legalen Verkaufs der Preis des illegalen Handels unterboten werden, um diesen auszutrocknen.

Schulleitungen setzen auf präventive Aufklärung

An den Mindener Schulen ist Cannabis verboten, auch ein mögliches Gesetz zur Legalisierung von Cannabis wird an dieser Regelung nichts ändern. Knut Engels, Schulleiter des Leo- Sympher-Berufskollegs, betont: „Neben anderen Drogen wie Alkohol und Zigaretten ist und bleibt auch der Konsum von Cannabis auf dem Schulgelände verboten, um das Lernen nicht zu beeinträchtigen." Auch Carsten Mittelberg, Schulleiter des Freiherr-vom Stein-Berufskolleg, kann sich keine Änderung dieses Schulgesetzes vorstellen. Ziel der Lehrkräfte sei es weiterhin, die Schülerinnen und Schüler vor gesundheitlichen Folgen durch Drogenkonsum zu schützen. Deshalb setzen die weiterführenden Schulen auf Aufklärungsarbeit und präventive Maßnahmen.

Heike Plöger, Schulleiterin des Herder-Gymnasiums in Minden, befürchtet, eine Legalisierung könne dazu führen, dass Jugendliche das Verbot von Suchtmitteln an Schulen anzweifeln. Deshalb sei es wichtig, über den Cannabis-Konsum aufzuklären: „Schülerinnen und Schüler müssen sich mit dem Begriff der Sucht auseinandersetzen." Das Herder-Gymnasium bietet für die neunten Klassen eine Lesung von Amon Barth an. Er ist Filmregisseur aus Hamburg und kommt über seine Biographie „Mein Leben als Kiffer" mit den Jugendlichen ins Gespräch. Auch werden die Eltern in der Präventionsarbeit mit thematisch ausgerichteten Elternabenden einbezogen.

Schülerinnen und Schüler, die mit Cannabis bereits in Kontakt gekommen sind, werden an den Schulen durch Beratungsgespräche mit geschulten Teams und Sozialarbeitern betreut. Eng arbeiten dabei die Mindener Schulen mit der Drogenberatungsstelle Minden-Lübbecke zusammen.

Seit vielen Jahren ist die Polizei bei Projekttagen zum Thema Sucht an diversen Schulen unterwegs, vor allem in den siebten und achten Klassen. Zudem reagierten die Experten auch auf aktuelle Anfragen von Schulen und anderen Institutionen. Aufgrund der Pandemie war die Zusammenarbeit mit den Schulen stark eingeschränkt, jetzt nehmen die Veranstaltungen vor Ort aber wieder Fahrt auf.

Therapeutin lehnt Freigabe ab

„80 Prozent der Psychosen, die ich gesehen habe, sind durch Drogen ausgelöst worden. Je eher die Menschen mit Cannabis in Kontakt kommen und je mehr sie konsumieren, desto größer ist die Gefahr", sagt Dr. Ina Senne, leitende Ärztin der Psychologischen Psychotherapie der Stiftung Club 74.In der Reha-Einrichtung leben viele psychisch erkrankte Jugendliche, die Cannabis geraucht haben. Das Gehirn befinde sich bis zum 25. Lebensjahr in der Entwicklung. Cannabis könne dazu führen, dass Verbindungen zwischen den Hirnarealen nicht hergestellt werden.

Aus ihrer Sicht wäre die Legalisierung von Cannabis daher der falsche Weg. Jede Psychose, die verhindert werden könne, sei ein Gewinn. „75 Prozent der psychischen Erkrankungen tritt vor dem 25. Lebensjahr in Erscheinung", erläutert Senne. Damit hätten diese Menschen schlechte Chancen in ein normales Leben zu finden.

Drogenberatung kümmert sich um Abhängige

Der Cannabiskonsum ist bei der Drogenberatung des Kreises Minden-Lübbecke ebenfalls ein großes Thema. Die Einrichtung ist mit zwei Standorten in Minden und Lübbecke vertreten. Wie die jährlichen Statistiken ausweisen, ist Cannabis bei rund der Hälfte der Betroffenen die am meisten konsumierte Substanz. Weit dahinter kommen Amphetamine, Opiatersatzstoffe, Kokain und andere.

Auf die Frage, ob die Drogenberatungsstelle die legale Abgabe von Cannabis für sinnvoll hält, entzieht sie sich einer Antwort. Gleichwohl bestätigen die Mitarbeitenden den Verdacht, dass auch im Mindener Land illegal vertriebenes Cannabis mit weiteren anderen Substanzen aufgepeppt wird, was den Suchtfaktor erhöht. Ein konkreter Nachweis sei bisher allerdings noch nicht gegeben.

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