Kürschnermeisterin Marianne Rohe und Schneiderin Almut Theine machen die Modewelt ein Stückchen nachhaltiger Anja Peper Minden (mt). Jahrelang in der hintersten Ecke des Schranks: Der alte Pelzmantel, oft ein Erbstück der Oma. Anziehen mag ihn keiner mehr, Mode und Zeitgeist haben sich geändert seit den Wirtschaftswunderzeiten. Zum Wegwerfen sind die Mäntel und Jacken zu schade. Wer über eine modische Auferstehung nachdenkt, kann Marianne Rohe fragen. Sie ist Kürschnermeisterin, mit hoher Wahrscheinlichkeit die einzige in Minden. Gemeinsam mit Schneiderin Almut Theine teilt sie sich ein Atelier an der Bäckerstraße. 150 Quadratmeter in 1a-Lage: „Das wäre für jeden allein nicht zu wuppen." Ein buntes Sammelsurium aus Fellen, Stoffen, Nähmaschinen, Schneiderpuppen, Knöpfen, Schnittmustern, alten Burda-Heften: Besucher denken spontan an „kreatives Chaos". Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die beiden Hausherrinnen wissen, wo sie welches Utensil finden. Beide brachten jahrzehntelange Berufserfahrung mit, als sie hier 2009 eingezogen sind. Und beide sind mit ihrem jeweiligen Handwerk groß geworden: Marianne Rohe (63) entstammt einer alten Kürschnerfamilie aus Pommern, Almut Theine (65) hat schon als kleines Mädchen ihrer Mutter beim Nähen zugesehen. „Sie hat für uns Kinder alles genäht." Früh war für sie klar, dass sie eine Schneiderlehre absolvieren würde. Echter Pelz ist ein Thema, über das hitzig diskutiert wurde und wird. Vor mehr als 25 Jahren sagte die Tierschutzorganisation Peta der Pelzindustrie mit der bekannten Kampagne „Lieber nackt als im Pelz" den Kampf an. So verlor die Pelzindustrie an Boden – und mit dem Abwärtstrend verlor das Kürschnerhandwerk an Bedeutung. „In den achtziger Jahren gab es hier in Minden noch fünf oder sechs Kürschner", erinnert sich Marianne Rohe. Heute ist sie vermutlich die Einzige. Unter diesen Bedingungen hat sich der Schwerpunkt ihrer Arbeit verlagert: Upcycling ist im Trend, bedeutet Wiederverwertung und Nachhaltigkeit. Statt alte Schätzchen auf den Müll wandern zu lassen, gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten für die modische Auferstehung. Die Kürschnermeisterin zerlegt den alten Pelz und näht die Teile nach einem aktuellen Schnitt wieder zusammen. In Kombination mit Leder und Schnallenverschlüssen wird aus einem eleganten Theater-Jäckchen eine robuste Bikerjacke. Fachleute können ein Fell auch flachscheren, damit es als Innenfutter weiter seinen Dienst tut. Oder zu einem Wohnaccessoire – Beispiel wäre eine Decke fürs Wohnzimmer – umarbeiten. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Die Lieferzeiten im Winter sind logischerweise länger als im Sommer. Aus alt mach neu: Das ist auch für Schneiderin Almut Theine ein Thema. Zu ihr kommen Kunden, die sich ein maßgefertigtes Unikat wünschen als auch jene, die etwas geändert haben möchten: „Ein Brautkleid eine Nummer größer, ein Abikleid zwei Nummern kleiner." Schwierige Änderungen erfordern Know-How und ein Auge fürs Detail. Den geschulten Blick kann Almut Theine auch dann nicht ausschalten, wenn sie durch die Boutiquen bummelt: „Vieles ist schlecht verarbeitet", kritisiert sie. Ein Knopf, der abfällt, sobald er das erste Mal durchs Loch gezogen wird – aus ihrer Sicht ein Unding. Auch schlampige Nähte oder giftige Farben in Billigklamotten sind ihr ein Gräuel. Auch die Absolventen ihrer Nähkurse gehen „mit anderen Augen durch die Läden", sagt sie. Die Motivation der Teilnehmer ist unterschiedlich. Manche nähen Babysachen, andere tragen Übergröße und suchen einen modischen Stil, wieder andere wollen einfach selber Hosen kürzen lernen oder entdecken an der Nähmaschine ein neues Hobby. Privat mag Almut Theine besonders gerne Kleider aus den fünfziger und sechziger Jahren. Für ihr Hobby – Squaredance mit den Mindener Kanalhoppers – hat sie sich einige Petticoats genäht. Die bauschig-weiten Unterröcke brauchen jede Menge Platz im Kleiderschrank. Mit einer einzigen Ausnahme, nämlich Jeanshosen, näht sie alles selbst. Ausreichend Platz für ihre Schätze hat sie. Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 231 oder Anja.Peper@MT.de

Kürschnermeisterin Marianne Rohe und Schneiderin Almut Theine machen die Modewelt ein Stückchen nachhaltiger

Buntes Sammelsurium aus Fellen, Stoffen, Nähmaschinen, Schneiderpuppen, Knöpfen, Schnittmustern: Kürschnermeisterin Marianne Rohe (links) und Schneiderin Almut Theine im gemeinsamen Atelier. MT-Fotos (2): Alex Lehn

Minden (mt). Jahrelang in der hintersten Ecke des Schranks: Der alte Pelzmantel, oft ein Erbstück der Oma. Anziehen mag ihn keiner mehr, Mode und Zeitgeist haben sich geändert seit den Wirtschaftswunderzeiten. Zum Wegwerfen sind die Mäntel und Jacken zu schade. Wer über eine modische Auferstehung nachdenkt, kann Marianne Rohe fragen. Sie ist Kürschnermeisterin, mit hoher Wahrscheinlichkeit die einzige in Minden. Gemeinsam mit Schneiderin Almut Theine teilt sie sich ein Atelier an der Bäckerstraße. 150 Quadratmeter in 1a-Lage: „Das wäre für jeden allein nicht zu wuppen."

Ein buntes Sammelsurium aus Fellen, Stoffen, Nähmaschinen, Schneiderpuppen, Knöpfen, Schnittmustern, alten Burda-Heften: Besucher denken spontan an „kreatives Chaos". Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die beiden Hausherrinnen wissen, wo sie welches Utensil finden. Beide brachten jahrzehntelange Berufserfahrung mit, als sie hier 2009 eingezogen sind. Und beide sind mit ihrem jeweiligen Handwerk groß geworden: Marianne Rohe (63) entstammt einer alten Kürschnerfamilie aus Pommern, Almut Theine (65) hat schon als kleines Mädchen ihrer Mutter beim Nähen zugesehen. „Sie hat für uns Kinder alles genäht." Früh war für sie klar, dass sie eine Schneiderlehre absolvieren würde.

Das traditionelle Kürschnerhandwerk stirbt aus. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist Marianne Rohe derzeit die einzige Kürschnerin in Minden. - © Alex Lehn
Das traditionelle Kürschnerhandwerk stirbt aus. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist Marianne Rohe derzeit die einzige Kürschnerin in Minden. - © Alex Lehn

Echter Pelz ist ein Thema, über das hitzig diskutiert wurde und wird. Vor mehr als 25 Jahren sagte die Tierschutzorganisation Peta der Pelzindustrie mit der bekannten Kampagne „Lieber nackt als im Pelz" den Kampf an. So verlor die Pelzindustrie an Boden – und mit dem Abwärtstrend verlor das Kürschnerhandwerk an Bedeutung. „In den achtziger Jahren gab es hier in Minden noch fünf oder sechs Kürschner", erinnert sich Marianne Rohe. Heute ist sie vermutlich die Einzige.

Trends aus früheren Jahrzehnten kommen wieder. Darum bewahrt Almut Theine viele alte Modehefte mit Schnittmustern auf. MT-Foto: Anja Peper - © Anja peper
Trends aus früheren Jahrzehnten kommen wieder. Darum bewahrt Almut Theine viele alte Modehefte mit Schnittmustern auf. MT-Foto: Anja Peper - © Anja peper

Unter diesen Bedingungen hat sich der Schwerpunkt ihrer Arbeit verlagert: Upcycling ist im Trend, bedeutet Wiederverwertung und Nachhaltigkeit. Statt alte Schätzchen auf den Müll wandern zu lassen, gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten für die modische Auferstehung. Die Kürschnermeisterin zerlegt den alten Pelz und näht die Teile nach einem aktuellen Schnitt wieder zusammen. In Kombination mit Leder und Schnallenverschlüssen wird aus einem eleganten Theater-Jäckchen eine robuste Bikerjacke. Fachleute können ein Fell auch flachscheren, damit es als Innenfutter weiter seinen Dienst tut. Oder zu einem Wohnaccessoire – Beispiel wäre eine Decke fürs Wohnzimmer – umarbeiten. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Die Lieferzeiten im Winter sind logischerweise länger als im Sommer.

Aus alt mach neu: Das ist auch für Schneiderin Almut Theine ein Thema. Zu ihr kommen Kunden, die sich ein maßgefertigtes Unikat wünschen als auch jene, die etwas geändert haben möchten: „Ein Brautkleid eine Nummer größer, ein Abikleid zwei Nummern kleiner." Schwierige Änderungen erfordern Know-How und ein Auge fürs Detail. Den geschulten Blick kann Almut Theine auch dann nicht ausschalten, wenn sie durch die Boutiquen bummelt: „Vieles ist schlecht verarbeitet", kritisiert sie. Ein Knopf, der abfällt, sobald er das erste Mal durchs Loch gezogen wird – aus ihrer Sicht ein Unding. Auch schlampige Nähte oder giftige Farben in Billigklamotten sind ihr ein Gräuel.

Auch die Absolventen ihrer Nähkurse gehen „mit anderen Augen durch die Läden", sagt sie. Die Motivation der Teilnehmer ist unterschiedlich. Manche nähen Babysachen, andere tragen Übergröße und suchen einen modischen Stil, wieder andere wollen einfach selber Hosen kürzen lernen oder entdecken an der Nähmaschine ein neues Hobby.

Privat mag Almut Theine besonders gerne Kleider aus den fünfziger und sechziger Jahren. Für ihr Hobby – Squaredance mit den Mindener Kanalhoppers – hat sie sich einige Petticoats genäht. Die bauschig-weiten Unterröcke brauchen jede Menge Platz im Kleiderschrank. Mit einer einzigen Ausnahme, nämlich Jeanshosen, näht sie alles selbst. Ausreichend Platz für ihre Schätze hat sie.

Die Autorin ist erreichbar unter (05 71) 882 231 oder Anja.Peper@MT.de

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