Kritische Phase für junge Igel: So wird der eigene Garten zum Überlebensraum Kirsten Elschner Minden. Wer Igeln helfen möchte, gut über den Winter zu kommen, kann in seinem Garten mit wenig Aufwand viel dazu beitragen, denn die kleinen Stacheltiere sind in diesen Tagen auf der Suche nach geeigneten Quartieren. Büsche, Totholz und jede Menge Laub bieten den Igeln ein ideales Winterquartier – und obendrein noch jede Menge Insekten, um sich ordentlich Speck für die kalte Jahreszeit anzufressen. Wer seinen Garten komplett vom Laub befreit oder große Laubhaufen erst nach einer Weile entfernt, nimmt den Tieren Unterschlupfmöglichkeiten und riskiert, dass die Igel aus Versehen mit dem Laub in der Biotonne landen. „Denn Igel rollen sich bei Gefahr zusammen und laufen nicht weg“, weiß Sabine Raskopf, Mitarbeiterin der Biologischen Station Minden-Lübbecke e.V. Die Station nimmt zwar selbst keine verletzten, kranken oder unterernährten Igel auf, sie berät aber telefonisch, wenn jemand ein hilfebedürftiges Stacheltier gefunden hat. Am besten könne man den Igeln helfen, indem man in seinem Garten „Igel-Zonen“ anlege, sagt Raskopf – zum Beispiel könne man einen Teil des Laubes unter einige Büsche harken und dort über den Winter liegen lassen. Auf Laubsauger oder Mähroboter sollte man generell lieber verzichten und stattdessen zur Harke greifen. „In diesem Jahr wurden sehr viele Igel durch automatische Rasenmäher verletzt“, berichtet Raskopf. Dieses Problem kennt auch Tierärztin Karolin Schütte von ihrer täglichen Arbeit in der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen – Braunbrustigel sind das Thema ihrer Doktorarbeit. Besonders nachts stellten Mähroboter eine Gefahr für die überwiegend nachtaktiven Igel dar. Aktuell beherbergt die Station rund 35 hilfebedürftige Igel – für diese Jahreszeit eine ganz normale Anzahl. Einige befinden sich schon in errichteten Winterquartieren, andere müssen noch aufgepäppelt und hochgefüttert werden. Damit sei die Station gut ausgelastet, „für stark verletzte Igel haben wir aber immer noch ein, zwei Boxen frei“, erklärt Schütte, die gerade erst einen Igel einschläfern musste, der mit Schnittverletzungen auf einem Feld gefunden wurde. „Der Igel steht generell recht schlecht da“, sagt die Tierärztin. Als Insektenfresser leide er unter dem Insektenschwund, zum Anderen fänden die Tiere immer weniger Lebensräume. So komme es in den igelfreundlichen Gärten schon mal zu Futterkonkurrenz, sodass die Tiere sich auf den Weg machten, um neue Lebensräume zu finden. Nicht selten führe dieser Weg auch über gefährliche Straßen. „Auch wild entsorgte Mülltüten sind eine Gefahr“, denn bei der Suche nach Nahrung könnten sich die Igel im Abfall verfangen – oder auch mit der gesamten Tüte im Container landen. Und dann haben die Igel noch ein Problem: Parasiten. Wann genau sich die Igel in den Winterschlaf begeben, in dem sie bis März oder April verweilen, lasse sich nicht pauschal sagen. „Zuerst ziehen sich die alten Männchen zurück“, zum Teil schon im Oktober. „Bei den derzeit milden Temperaturen kann sich das aber verschieben.“ Als nächstes folgten die erwachsenen Weibchen und zuletzt die Jungtiere, die im August oder September geboren werden. Sie müssten so schnell es geht zunehmen und das könne bis in den November hinein dauern. „Einen gesunden Igel sollte man nicht unnötig der Natur entreißen“, sagt Karolin Schütte. Zunächst sollte man die Situation beobachten und herausfinden, ob das Tier wirklich hilfebedürftig ist. So ganz pauschal und allein am Gewicht lasse sich das jedoch nicht beurteilen, erklärt die Tierärztin. „Das hängt zum Beispiel auch von der Temperatur ab.“ Wichtig sei neben dem Gewicht – ein fitter Igel mit 600 Gramm komme jetzt normalerweise noch allein zurecht – vor allem, ob der Igel gesund aussieht. Wenn man sich unsicher sei, solle man lieber bei einer der Igel-Anlaufstellen um Rat fragen. Nicht immer bräuchten die Tiere gleich ärztliche Hilfe. In vielen Fällen könnten die Menschen die Igel auch in ihrem eigenen Garten aufpäppeln, indem sie sie zufütterten – etwa mit Katzennassfutter oder speziellem Igelfutter. Auch ein selbst gebasteltes Igelhäuschen könne einen wichtigen Unterschlupf bieten, der Eingang sollte jedoch klein genug sein, damit keine Katzen hindurchpassen. Kontakte: Wildtierstation Sachsenhagen: (0 57 25) 70 87 30. Biologische Station Minden-Lübbecke: (0 57 04) 1 67 76 80. Checkliste für Erste-Hilfe und Anlaufstellen: www.pro-igel.de.

Kritische Phase für junge Igel: So wird der eigene Garten zum Überlebensraum

Zu leicht für den Winterschlaf: Dieser Igel wurde mit nur 90 Gramm und Durchfall in der Wildtierstation abgegeben. Foto: Kirsten Elschner © pr

Minden. Wer Igeln helfen möchte, gut über den Winter zu kommen, kann in seinem Garten mit wenig Aufwand viel dazu beitragen, denn die kleinen Stacheltiere sind in diesen Tagen auf der Suche nach geeigneten Quartieren. Büsche, Totholz und jede Menge Laub bieten den Igeln ein ideales Winterquartier – und obendrein noch jede Menge Insekten, um sich ordentlich Speck für die kalte Jahreszeit anzufressen. Wer seinen Garten komplett vom Laub befreit oder große Laubhaufen erst nach einer Weile entfernt, nimmt den Tieren Unterschlupfmöglichkeiten und riskiert, dass die Igel aus Versehen mit dem Laub in der Biotonne landen.

„Denn Igel rollen sich bei Gefahr zusammen und laufen nicht weg“, weiß Sabine Raskopf, Mitarbeiterin der Biologischen Station Minden-Lübbecke e.V. Die Station nimmt zwar selbst keine verletzten, kranken oder unterernährten Igel auf, sie berät aber telefonisch, wenn jemand ein hilfebedürftiges Stacheltier gefunden hat. Am besten könne man den Igeln helfen, indem man in seinem Garten „Igel-Zonen“ anlege, sagt Raskopf – zum Beispiel könne man einen Teil des Laubes unter einige Büsche harken und dort über den Winter liegen lassen. Auf Laubsauger oder Mähroboter sollte man generell lieber verzichten und stattdessen zur Harke greifen. „In diesem Jahr wurden sehr viele Igel durch automatische Rasenmäher verletzt“, berichtet Raskopf.

Dieses Problem kennt auch Tierärztin Karolin Schütte von ihrer täglichen Arbeit in der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen – Braunbrustigel sind das Thema ihrer Doktorarbeit. Besonders nachts stellten Mähroboter eine Gefahr für die überwiegend nachtaktiven Igel dar. Aktuell beherbergt die Station rund 35 hilfebedürftige Igel – für diese Jahreszeit eine ganz normale Anzahl. Einige befinden sich schon in errichteten Winterquartieren, andere müssen noch aufgepäppelt und hochgefüttert werden. Damit sei die Station gut ausgelastet, „für stark verletzte Igel haben wir aber immer noch ein, zwei Boxen frei“, erklärt Schütte, die gerade erst einen Igel einschläfern musste, der mit Schnittverletzungen auf einem Feld gefunden wurde.

„Der Igel steht generell recht schlecht da“, sagt die Tierärztin. Als Insektenfresser leide er unter dem Insektenschwund, zum Anderen fänden die Tiere immer weniger Lebensräume. So komme es in den igelfreundlichen Gärten schon mal zu Futterkonkurrenz, sodass die Tiere sich auf den Weg machten, um neue Lebensräume zu finden. Nicht selten führe dieser Weg auch über gefährliche Straßen. „Auch wild entsorgte Mülltüten sind eine Gefahr“, denn bei der Suche nach Nahrung könnten sich die Igel im Abfall verfangen – oder auch mit der gesamten Tüte im Container landen. Und dann haben die Igel noch ein Problem: Parasiten.

Wann genau sich die Igel in den Winterschlaf begeben, in dem sie bis März oder April verweilen, lasse sich nicht pauschal sagen. „Zuerst ziehen sich die alten Männchen zurück“, zum Teil schon im Oktober. „Bei den derzeit milden Temperaturen kann sich das aber verschieben.“ Als nächstes folgten die erwachsenen Weibchen und zuletzt die Jungtiere, die im August oder September geboren werden. Sie müssten so schnell es geht zunehmen und das könne bis in den November hinein dauern.

„Einen gesunden Igel sollte man nicht unnötig der Natur entreißen“, sagt Karolin Schütte. Zunächst sollte man die Situation beobachten und herausfinden, ob das Tier wirklich hilfebedürftig ist. So ganz pauschal und allein am Gewicht lasse sich das jedoch nicht beurteilen, erklärt die Tierärztin. „Das hängt zum Beispiel auch von der Temperatur ab.“ Wichtig sei neben dem Gewicht – ein fitter Igel mit 600 Gramm komme jetzt normalerweise noch allein zurecht – vor allem, ob der Igel gesund aussieht. Wenn man sich unsicher sei, solle man lieber bei einer der Igel-Anlaufstellen um Rat fragen. Nicht immer bräuchten die Tiere gleich ärztliche Hilfe. In vielen Fällen könnten die Menschen die Igel auch in ihrem eigenen Garten aufpäppeln, indem sie sie zufütterten – etwa mit Katzennassfutter oder speziellem Igelfutter. Auch ein selbst gebasteltes Igelhäuschen könne einen wichtigen Unterschlupf bieten, der Eingang sollte jedoch klein genug sein, damit keine Katzen hindurchpassen.

Kontakte: Wildtierstation Sachsenhagen: (0 57 25) 70 87 30. Biologische Station Minden-Lübbecke: (0 57 04) 1 67 76 80. Checkliste für Erste-Hilfe und Anlaufstellen: www.pro-igel.de.

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