Krisensituationen machen Menschen anfälliger für rechtsextreme Verschwörungserzählungen Kerstin Rickert Minden. Wie lässt sich in Zeiten von Corona eine Veranstaltung organisieren, an der in der Vergangenheit bis zu 150 Menschen teilnahmen? „Der Lokale Aktionsplan Minden“, vertreten durch die Stadt Minden und „Minden – Für Demokratie und Vielfalt“ verlegte seine sechste Demokratiekonferenz in den virtuellen Raum des Internets. Inhaltlich ging es diesmal um ein hochaktuelles Thema, das ein weitaus größeres Interesse hätte erwarten lassen: Verschwörungstheorien. Das Coronavirus lässt auch Verschwörungstheorien sprießen. Sie reichen von der Annahme, das Virus sei in chinesischen Laboren gezüchtet worden über die Behauptung, Bill Gates stecke hinter der Pandemie, bis hin zu der kruden Vorstellung, das Virus werde über die 5G-Mobilfunkstrahlung verbreitet. Die aus Berlin zugeschaltete Katharina Nocun sprach dabei mehr von Verschwörungserzählungen, denn Theorien seien in der Regel wissenschaftlich nachprüfbar. Die deutsch-polnische Netzaktivistin, Bloggerin und ehemalige Politikerin ist Co-Autorin des Buches „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“. Darin setzt sie sich mit der Sozialpädagogin Pia Lamberty mit der Dynamik von Verschwörungsideologien auseinander. In ihrem einstündigen Online-Vortrag gab sie den Teilnehmern der Demokratiekonferenz einen Überblick. Verschwörungsideologien seien weder ein neues Phänomen noch eines, das es zu vernachlässigen gelte. Auf besonders fruchtbaren Boden fielen sie vor allem in Krisensituationen, so seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Nocun warnte davor, diese von vielen nicht nachvollziehbaren Weltanschauungen als verrückte Gedanken weniger Spinner abzutun. Verschwörungserzählungen seien längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und die Folgen alles andere als harmlos. „Wer glaubt, Corona sei ein Schwindel, der folgt weniger den Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung“, machte die 34-Jährige klar. Zudem zeigten diejenigen, die überzeugt sind, Corona sei menschengemacht, ein sogenanntes „Prepper“-Verhalten, was Katharina Nocun als „exzessive Vorbereitung auf den Zusammenbruch“ erklärte. Dazu gehöre das übertriebene Anlegen von Notvorräten, das Horten von Waffen und paramilitärische Übungen. In den USA etwa sei der Absatz von Schusswaffen am Anfang der Pandemie um 200 Prozent gestiegen. Darüberhinaus machte Nocun bei den Verschwörungsanhängern eine Übereinstimmung aus: „Die Bereitschaft, an Corona-Protesten teilzunehmen, geht mit geringem Wissen über das Virus einher.“ „Viele Akteure waren schon vor Corona da und haben andere Verschwörungsmythen verbreitet“, so Nocun. Etwa die, dass mit Hilfe der 5G-Technologie die Gedanken der Menschen kontrolliert werden sollen. Weil das offensichtlich nicht funktioniere, würde 5G nun eingesetzt, um sie mit dem Virus zu infizieren, so der Glaube, der in manchen Köpfen so manifestiert sei, dass Mitarbeiter von Mobilfunkunternehmen angegriffen und Sendemasten angezündet würden. Ein verbreiteter Verschwörungsglaube ist die Vorstellung, gesellschaftliche Eliten würden insgeheim an einer „Neuen Weltordnung“ arbeiten, und die Corona-Maßnahmen würden als Mittel eingesetzt, die Weltherrschaft zu übernehmen. Auch unter Impfgegnern habe die Annahme von Verschwörungen in Wissenschaft und Medizin schon immer eine große Rolle gespielt. Corona werde von ihnen als Plan ansehen, um Massenimpfungen durchzuführen. Eine bislang unterschätze Gefahr sah die Referentin in der Esoterik-Szene, wo sie teilweise eine mangelnde Abgrenzung zur politischen Rechten ausmachte. Verschwörungserzählungen beruhen laut Katharina Nocun auf dem Glauben, dass sich eine Gruppe in geheimer Mission mit der festen Absicht verschworen hat, der Gesellschaft Schaden zuzufügen. Den Drahtziehern werde eine gewisse Macht zugesprochen, deshalb drehten sich Verschwörungserzählungen vornehmlich um Staatsoberhäupter, Bankiers, Millionäre und Geheimbünde. Bei der Verbreitung spiele das Internet nicht die große Rolle, die ihm vielfach zugeschrieben werde. „Bestimmte Algorithmen können dazu führen, dass Nutzer zufällig auf Inhalte stoßen und dran bleiben“, so Nocun. Sie sagte aber auch: „Verschwörungserzählungen sind nicht neu“, und verwies auf Beispiele, die sich in der Vergangenheit um die Spanische Grippe drehten oder die antisemitischen Verschwörungserzählungen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreiteten und den Holocaust erst möglich machten. Ihre Empfehlung lautete, antisemitischen und rassistischen Äußerungen mit klarer Gegenrede zu begegnen. Auf die Frage eines Teilnehmers, wie groß sie das Problem einschätzt, antwortete Katharina Nocun: „38 Prozent der Bevölkerung sind für Verschwörungstheorien empfänglich. Meine Sorge ist, dass ein großer Teil daran glaubt und die Verknüpfung zur rechtsextremen Szene größer ist, als bisher angenommen.“

Krisensituationen machen Menschen anfälliger für rechtsextreme Verschwörungserzählungen

Zielscheibe Bill Gates: Anhänger von Verschwörungstheorien folgen kruden Erklärungsmustern. Foto: Ralph Peters/imahgo-images © imago images/Ralph Peters

Minden. Wie lässt sich in Zeiten von Corona eine Veranstaltung organisieren, an der in der Vergangenheit bis zu 150 Menschen teilnahmen? „Der Lokale Aktionsplan Minden“, vertreten durch die Stadt Minden und „Minden – Für Demokratie und Vielfalt“ verlegte seine sechste Demokratiekonferenz in den virtuellen Raum des Internets. Inhaltlich ging es diesmal um ein hochaktuelles Thema, das ein weitaus größeres Interesse hätte erwarten lassen: Verschwörungstheorien.

Das Coronavirus lässt auch Verschwörungstheorien sprießen. Sie reichen von der Annahme, das Virus sei in chinesischen Laboren gezüchtet worden über die Behauptung, Bill Gates stecke hinter der Pandemie, bis hin zu der kruden Vorstellung, das Virus werde über die 5G-Mobilfunkstrahlung verbreitet. Die aus Berlin zugeschaltete Katharina Nocun sprach dabei mehr von Verschwörungserzählungen, denn Theorien seien in der Regel wissenschaftlich nachprüfbar. Die deutsch-polnische Netzaktivistin, Bloggerin und ehemalige Politikerin ist Co-Autorin des Buches „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“. Darin setzt sie sich mit der Sozialpädagogin Pia Lamberty mit der Dynamik von Verschwörungsideologien auseinander.

In ihrem einstündigen Online-Vortrag gab sie den Teilnehmern der Demokratiekonferenz einen Überblick. Verschwörungsideologien seien weder ein neues Phänomen noch eines, das es zu vernachlässigen gelte. Auf besonders fruchtbaren Boden fielen sie vor allem in Krisensituationen, so seit Ausbruch der Corona-Pandemie.

Nocun warnte davor, diese von vielen nicht nachvollziehbaren Weltanschauungen als verrückte Gedanken weniger Spinner abzutun. Verschwörungserzählungen seien längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und die Folgen alles andere als harmlos. „Wer glaubt, Corona sei ein Schwindel, der folgt weniger den Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung“, machte die 34-Jährige klar. Zudem zeigten diejenigen, die überzeugt sind, Corona sei menschengemacht, ein sogenanntes „Prepper“-Verhalten, was Katharina Nocun als „exzessive Vorbereitung auf den Zusammenbruch“ erklärte. Dazu gehöre das übertriebene Anlegen von Notvorräten, das Horten von Waffen und paramilitärische Übungen. In den USA etwa sei der Absatz von Schusswaffen am Anfang der Pandemie um 200 Prozent gestiegen.

Darüberhinaus machte Nocun bei den Verschwörungsanhängern eine Übereinstimmung aus: „Die Bereitschaft, an Corona-Protesten teilzunehmen, geht mit geringem Wissen über das Virus einher.“

„Viele Akteure waren schon vor Corona da und haben andere Verschwörungsmythen verbreitet“, so Nocun. Etwa die, dass mit Hilfe der 5G-Technologie die Gedanken der Menschen kontrolliert werden sollen. Weil das offensichtlich nicht funktioniere, würde 5G nun eingesetzt, um sie mit dem Virus zu infizieren, so der Glaube, der in manchen Köpfen so manifestiert sei, dass Mitarbeiter von Mobilfunkunternehmen angegriffen und Sendemasten angezündet würden.

Ein verbreiteter Verschwörungsglaube ist die Vorstellung, gesellschaftliche Eliten würden insgeheim an einer „Neuen Weltordnung“ arbeiten, und die Corona-Maßnahmen würden als Mittel eingesetzt, die Weltherrschaft zu übernehmen. Auch unter Impfgegnern habe die Annahme von Verschwörungen in Wissenschaft und Medizin schon immer eine große Rolle gespielt. Corona werde von ihnen als Plan ansehen, um Massenimpfungen durchzuführen. Eine bislang unterschätze Gefahr sah die Referentin in der Esoterik-Szene, wo sie teilweise eine mangelnde Abgrenzung zur politischen Rechten ausmachte.

Verschwörungserzählungen beruhen laut Katharina Nocun auf dem Glauben, dass sich eine Gruppe in geheimer Mission mit der festen Absicht verschworen hat, der Gesellschaft Schaden zuzufügen. Den Drahtziehern werde eine gewisse Macht zugesprochen, deshalb drehten sich Verschwörungserzählungen vornehmlich um Staatsoberhäupter, Bankiers, Millionäre und Geheimbünde.

Bei der Verbreitung spiele das Internet nicht die große Rolle, die ihm vielfach zugeschrieben werde. „Bestimmte Algorithmen können dazu führen, dass Nutzer zufällig auf Inhalte stoßen und dran bleiben“, so Nocun. Sie sagte aber auch: „Verschwörungserzählungen sind nicht neu“, und verwies auf Beispiele, die sich in der Vergangenheit um die Spanische Grippe drehten oder die antisemitischen Verschwörungserzählungen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreiteten und den Holocaust erst möglich machten.

Ihre Empfehlung lautete, antisemitischen und rassistischen Äußerungen mit klarer Gegenrede zu begegnen. Auf die Frage eines Teilnehmers, wie groß sie das Problem einschätzt, antwortete Katharina Nocun: „38 Prozent der Bevölkerung sind für Verschwörungstheorien empfänglich. Meine Sorge ist, dass ein großer Teil daran glaubt und die Verknüpfung zur rechtsextremen Szene größer ist, als bisher angenommen.“

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