Kriegsenkel: Auf vielen Dachböden schlummern noch Geschichten Claudia Hyna Minden (mt). Für die Kriegsgeneration ist es offenbar schwer, mit ihren Kindern über das Erlebte zu sprechen. Aber wenn die Menschen schweigen, können vielleicht Dokumente sprechen. Die Kommunalarchivarin Dr. Monika Schulte vermutet, dass es in vielen Familien noch schriftliche Nachlässe aus der Kriegszeit gibt. Die 55-Jährige interessiert sich für die Kriegsenkel-Thematik, denn sie gehört der Generation selbst an. „Wir finden in der Vergangenheit unserer Eltern den Schlüssel zu eigenen Problemen." Mit Kriegsenkeln, die sich für die Geschichte ihrer Vorfahren interessieren, hat sie im Archiv bislang nicht zu tun gehabt. Die meisten Dokumente dürften noch auf Dachböden und in Kellern schlummern, glaubt die promovierte Historikerin. Schließlich leben viele Eltern der Kriegsenkel noch. Erst nach dem Tod von Mutter oder Vater oder beim Umzug ins Pflegeheim stellt sich die Frage, was mit deren Papieren geschehen soll. In diesen Fällen können die Betroffenen sich ans Archiv wenden. Der Auftrag des Kommunalarchivs Minden besteht darin, Schriftgut von Stadt und Kreis zu sichten und archivieren. „Doch in den privaten Nachlässen, da tobt das Leben", sagt sie. Zwei bis drei Mal im Jahr liefern Menschen ihr Nachlässe in Schuhkartons an der Tonhallenstraße an. Darin finden die Mitarbeiter zum Beispiel Reisepässe und Fotoalben, aber auch Wehrmachtsausweise, Feldpostbriefe und Tagebücher aus dem Krieg. Ein Beispiel für einen Nachlass, der schon dorthin gelangt ist, ist der von Hans Kampmann aus Porta Westfalica. In seinem Tagebuch – das er nach Ansicht der Fachfrau nachträglich angefertigt hat – schreibt er unter anderem über den 1. November 1943. Das ist der letzte Tag seines Erholungsurlaubs, bevor es wieder an die Front geht. An diesem Tag besucht er mit seinen Eltern die Porta Westfalica mit ihrem Denkmal. Er schreibt: „Ein richtiges Abschiedswetter. In dem klaren funkelnden Sonnenschein erheben sich dort im Süden die Porta-Berge. Sie grüßen mit all ihrer herrlichen überschwellenden Farbenpracht herüber. Lebt wohl, ihr Berge!". Das Tagebuch endet mit einer Bleistifteintragung: Auf die Kriegserfahrung folgten fünfeinhalb Jahre Gefangenenlager in Russland. Monika Schulte klettert auch schonmal auf Dachböden und holt die Sachen vor Ort ab. Am liebsten ist ihr, wenn man ihr die Nachlässe für einige Zeit zur Verfügung stellt und sie sich Zeit nehmen kann mit der Sichtung – und dann später entscheiden darf, was brauchbar ist und was weg kann. Manche Menschen möchten, dass Unterlagen zu ihren Lebzeiten nicht angeschaut werden und erst nach ihrem Tod öffentlich zugänglich werden. Auch das kann sie zusichern. „Ich weiß nicht, ob es meine Kinder interessiert. Die werfen es wahrscheinlich doch nur ins Altpapier": Von solchen Sorgen umtrieben, wenden sich ältere Menschen ans Kommunalarchiv. Es sei oft der Fall, dass Kinder die Schrift nicht lesen können. Auch in diesen Fällen kann Monika Schulte helfen. Die Germanistin und Historikerin kennt Schriften von 1200 an bis gestern, sagt sie. Man müsste mehr Menschen dazu befähigen, dass sie alte Schriften lesen können, überlegt sie. Das sei vielleicht mal eine Aufgabe für den Hospizkreis. Auch mit Kriegsverherrlichern hat die wissenschaftliche Archivarin bei ihrer Arbeit von Zeit zu Zeit zu tun. „Deren Bemerkungen lasse ich dann unkommentiert. Schließlich ist es nicht meine Aufgabe, das zu bewerten", sagt sie. Und es geht ihr stets um das Ergebnis: nämlich das Material, das in der Regel für sich spricht. Monika Schulte geht davon aus, dass eines Tages vermehrt Nachlässe aus der Kriegszeit ins Archiv gelangen. Wann das genau sein wird, vermag sie nicht zu sagen Von alter Kleidung trennt man sich weitaus schneller als von alten Dokumenten, sagt sie.

Kriegsenkel: Auf vielen Dachböden schlummern noch Geschichten

Im Kommunalarchiv werden Tagebücher aufbewahrt. © Foto: Kommunalarchiv

Minden (mt). Für die Kriegsgeneration ist es offenbar schwer, mit ihren Kindern über das Erlebte zu sprechen. Aber wenn die Menschen schweigen, können vielleicht Dokumente sprechen. Die Kommunalarchivarin Dr. Monika Schulte vermutet, dass es in vielen Familien noch schriftliche Nachlässe aus der Kriegszeit gibt.

Die 55-Jährige interessiert sich für die Kriegsenkel-Thematik, denn sie gehört der Generation selbst an. „Wir finden in der Vergangenheit unserer Eltern den Schlüssel zu eigenen Problemen." Mit Kriegsenkeln, die sich für die Geschichte ihrer Vorfahren interessieren, hat sie im Archiv bislang nicht zu tun gehabt.

Die meisten Dokumente dürften noch auf Dachböden und in Kellern schlummern, glaubt die promovierte Historikerin. Schließlich leben viele Eltern der Kriegsenkel noch. Erst nach dem Tod von Mutter oder Vater oder beim Umzug ins Pflegeheim stellt sich die Frage, was mit deren Papieren geschehen soll. In diesen Fällen können die Betroffenen sich ans Archiv wenden.

Der Auftrag des Kommunalarchivs Minden besteht darin, Schriftgut von Stadt und Kreis zu sichten und archivieren. „Doch in den privaten Nachlässen, da tobt das Leben", sagt sie. Zwei bis drei Mal im Jahr liefern Menschen ihr Nachlässe in Schuhkartons an der Tonhallenstraße an. Darin finden die Mitarbeiter zum Beispiel Reisepässe und Fotoalben, aber auch Wehrmachtsausweise, Feldpostbriefe und Tagebücher aus dem Krieg.

Ein Beispiel für einen Nachlass, der schon dorthin gelangt ist, ist der von Hans Kampmann aus Porta Westfalica. In seinem Tagebuch – das er nach Ansicht der Fachfrau nachträglich angefertigt hat – schreibt er unter anderem über den 1. November 1943. Das ist der letzte Tag seines Erholungsurlaubs, bevor es wieder an die Front geht.

An diesem Tag besucht er mit seinen Eltern die Porta Westfalica mit ihrem Denkmal. Er schreibt: „Ein richtiges Abschiedswetter. In dem klaren funkelnden Sonnenschein erheben sich dort im Süden die Porta-Berge. Sie grüßen mit all ihrer herrlichen überschwellenden Farbenpracht herüber. Lebt wohl, ihr Berge!". Das Tagebuch endet mit einer Bleistifteintragung: Auf die Kriegserfahrung folgten fünfeinhalb Jahre Gefangenenlager in Russland.

Monika Schulte klettert auch schonmal auf Dachböden und holt die Sachen vor Ort ab. Am liebsten ist ihr, wenn man ihr die Nachlässe für einige Zeit zur Verfügung stellt und sie sich Zeit nehmen kann mit der Sichtung – und dann später entscheiden darf, was brauchbar ist und was weg kann. Manche Menschen möchten, dass Unterlagen zu ihren Lebzeiten nicht angeschaut werden und erst nach ihrem Tod öffentlich zugänglich werden. Auch das kann sie zusichern.

„Ich weiß nicht, ob es meine Kinder interessiert. Die werfen es wahrscheinlich doch nur ins Altpapier": Von solchen Sorgen umtrieben, wenden sich ältere Menschen ans Kommunalarchiv. Es sei oft der Fall, dass Kinder die Schrift nicht lesen können. Auch in diesen Fällen kann Monika Schulte helfen. Die Germanistin und Historikerin kennt Schriften von 1200 an bis gestern, sagt sie. Man müsste mehr Menschen dazu befähigen, dass sie alte Schriften lesen können, überlegt sie. Das sei vielleicht mal eine Aufgabe für den Hospizkreis.

Auch mit Kriegsverherrlichern hat die wissenschaftliche Archivarin bei ihrer Arbeit von Zeit zu Zeit zu tun. „Deren Bemerkungen lasse ich dann unkommentiert. Schließlich ist es nicht meine Aufgabe, das zu bewerten", sagt sie. Und es geht ihr stets um das Ergebnis: nämlich das Material, das in der Regel für sich spricht.

Monika Schulte geht davon aus, dass eines Tages vermehrt Nachlässe aus der Kriegszeit ins Archiv gelangen. Wann das genau sein wird, vermag sie nicht zu sagen Von alter Kleidung trennt man sich weitaus schneller als von alten Dokumenten, sagt sie.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden