Sormas sorgt für Ärger: Deshalb zögert der Kreis mit Einführung neuer Corona-Software Jürgen Langenkämper Minden. Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie hatten viele Staaten anfangs unterschiedliche Wege bestritten. Auch in Deutschland gab und gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern – und auch auf der lokalen Ebene –, um das gemeinsame Ziele zu erreichen, die Zahl der Todesopfer möglichst gering zu halten. Dieser Kampf wird auch digital geführt. Dabei geht es um eine einheitliche Software für die Registrierung von Infektionsfällen. Obwohl er wie andere Kreise in Ostwestfalen-Lippe dafür eine aus seiner Sicht gute Lösung gefunden hat, steht dem Kreis Minden-Lübbecke möglicherweise ein ungeliebter Wechsel zu einem anderen System ins Haus – und das mitten in der Bekämpfung der Pandemie, die noch längst nicht überwunden ist, wie immer klarer wird. „Für den Kreis Minden-Lübbecke hätte die Umstellung auf Sormas überhaupt keinen Vorteil“, hatte Kreissozialdezernent Hans-Joerg Deichholz unlängst im Sozial- und Gesundheitsausschuss. Ein Grund: „Weil das zusätzliche Arbeit mit sich bringt.“ Und diese Ressourcen kann das Gesundheitsamt, das über ein Jahr lang bis an seine Kapazitätsgrenzen – und manchmal darüber hinaus – gearbeitet hat, angesichts eines Bergs von Überstunden und nicht genommenem Urlaub nicht. Die tatsächlichen Gründe für die Sperrigkeit des Kreises, die vom Städtetag NRW wie vom Landkreistag geteilt werden, stecken tiefer in der Handhabbarkeit und Anwendbarkeit von Sormas – der Name steht für „Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System“ und ist ein Kontaktpersonenmanagementsystem. Als solches hat es, 2014 entwickelt, bei der Eindämmung der Ebola-Epidemie in Westafrika geholfen, um Kontaktpersonen zu identifizieren und zu überwachen. In Deutschland, wo es wie in sieben weiteren Ländern eingeführt werden soll – aktuell läuft es bereits in zwei weiteren, Ghana und Nigeria –, arbeitete Mitte Februar noch nicht einmal die Hälfte der 376 Gesundheitsämter mit Sormas, obwohl dies bis Ende Februar geschehen sein sollte. Mitte Mai hatten 336 Ämter die vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung mitentwickelte Software installiert – aber eben nur installiert. Genutzt wurde sie noch längst nicht überall. Wie löchrig der Flickenteppich war und auch geblieben ist, zeigt der Fall Berlin: Nur drei der zwölf Bezirksgesundheitsämter waren Ende Juni imstande, mit Sormas zu arbeiten. Und im Gesundheitsamt in Minden? „Der Kreis Minden-Lübbecke hat die Nutzung dieser Software vorbereitet, nutzt sie aber noch nicht, weil der Wechsel aus lokaler Sicht keine Vorteile für die Arbeit vor Ort bringt und zudem einen erhöhten Ressourceneinsatz zur Folge hätte“, teilt Deichholz, zugleich stellvertretender Leiter des Krisenstabes, mit. Der Kreis zieht wie seine Nachbarschaft in OWL die Arbeit mit dem medizinischen Datenbankprogramm Gumax vor, das ermöglicht auch andere meldepflichtige Krankheiten wie Tuberkulose und das Norovirus mit einzubeziehen. Obwohl die Leiterin des Kreisgesundheitsamtes Dr. Elke Lustfeld schon Anfang des Jahres auf das Problem hingewiesen hatte, gibt es bislang keine Schnittstellen zwischen Sormas und Gumax sowie anderen Softwarelösungen. Da nicht geplant ist, Sormas auf andere Infektionskrankheiten auszuweiten, müssten andere Systeme parallel weitergenutzt werden. „Ein Ausweg aus dieser Zweigleisigkeit wären sogenannte bidirektionale Schnittstellen zwischen Sormas und der vor Ort genutzten umfassenden Softwarelösung, wie Gumax und andere Softwarehäuser sie anbieten“, sagt Deichholz. Der Bundesgesundheitsminister habe jedoch verlautbaren lassen, dass diese Lösungen „nicht prioritär“ seien. Und das Helmholtz-Institutes hat bislang noch keine Schnittstellenbeschreibung veröffentlicht, so dass die Softwarehersteller keine Möglichkeit haben, entsprechende Exportmöglichkeiten in ihren Verfahren zu programmieren. Zu den Gründen, warum der Kreis und andere sich so schwer tun mit Sormas, sind die eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten der aktuell ausgespielten Version „Sormas L“. Perspektivisch könnte das Programm sehr viel mehr – beziehungsweise sollte es können. Derzeit werden in Pilotkommunen die Version Sormas-X getestet. „Aber der kreisübergreifende Austausch von Fällen würde erst mit der Nutzung der Version Sormas-XL aufseiten des Landes funktionieren“, sagt Deichholz. Dies sei der einzige Vorteil, den das Gesundheitsamt durch die Umstellung hätte. Dagegen stünden zahlreiche Nachteile, die der Kreis bei der Umstellung auf Sormas-X gegenüber der jetzigen Software, in Kauf nehmen müsste – bis hin zu der Gefahr von Datenverlusten bei einer sogenannten Migration in ein neues Programm. Unterstützung kommt auch von den kommunalen Spitzenverbänden. Der Städtetag warnte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) noch im Juni davor, die Software mit der „Brechstange“ einzuführen.Und der Landkreistag äußerte die Erwartung, „dass die Kosten, die den Kommunen dabei entstehen, nach der Maßgabe ,Wer bestellt, bezahlt‘ vollumfänglich ausgeglichen werden“. Das Kreishaus und das Gesundheitsamt in Minden würden trotz aller Vorbehalte nicht das letzte gallische Dorf am Rande nordrhein-westfälischen Imperiums bilden. „Der Kreis Minden-Lübbecke würde gerne bei seiner einheitlichen Bearbeitung bleiben“, teilt Hans-Joerg Deichholz mit, „würde sich aber selbstverständlich einer verbindlichen Weisung des Landes fügen“. Doch bislang liegt nur eine nachdrückliche Bitte des Gesundheitsstaatssekretärs vor, „ den interkommunalen Datenaustausch im Rahmen der Kontaktpersonennachverfolgung bis zum 30. September 2021 sicherzustellen“.

Sormas sorgt für Ärger: Deshalb zögert der Kreis mit Einführung neuer Corona-Software

Pandemiebekämpfung: NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) setzt auf Sormas zur Nachverfolgung von Infektionsketten. Foto: Marcel Kusch/dpa © Marcel Kusch

Minden. Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie hatten viele Staaten anfangs unterschiedliche Wege bestritten. Auch in Deutschland gab und gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern – und auch auf der lokalen Ebene –, um das gemeinsame Ziele zu erreichen, die Zahl der Todesopfer möglichst gering zu halten. Dieser Kampf wird auch digital geführt. Dabei geht es um eine einheitliche Software für die Registrierung von Infektionsfällen. Obwohl er wie andere Kreise in Ostwestfalen-Lippe dafür eine aus seiner Sicht gute Lösung gefunden hat, steht dem Kreis Minden-Lübbecke möglicherweise ein ungeliebter Wechsel zu einem anderen System ins Haus – und das mitten in der Bekämpfung der Pandemie, die noch längst nicht überwunden ist, wie immer klarer wird.

„Für den Kreis Minden-Lübbecke hätte die Umstellung auf Sormas überhaupt keinen Vorteil“, hatte Kreissozialdezernent Hans-Joerg Deichholz unlängst im Sozial- und Gesundheitsausschuss. Ein Grund: „Weil das zusätzliche Arbeit mit sich bringt.“ Und diese Ressourcen kann das Gesundheitsamt, das über ein Jahr lang bis an seine Kapazitätsgrenzen – und manchmal darüber hinaus – gearbeitet hat, angesichts eines Bergs von Überstunden und nicht genommenem Urlaub nicht.

Die tatsächlichen Gründe für die Sperrigkeit des Kreises, die vom Städtetag NRW wie vom Landkreistag geteilt werden, stecken tiefer in der Handhabbarkeit und Anwendbarkeit von Sormas – der Name steht für „Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System“ und ist ein Kontaktpersonenmanagementsystem. Als solches hat es, 2014 entwickelt, bei der Eindämmung der Ebola-Epidemie in Westafrika geholfen, um Kontaktpersonen zu identifizieren und zu überwachen.


In Deutschland, wo es wie in sieben weiteren Ländern eingeführt werden soll – aktuell läuft es bereits in zwei weiteren, Ghana und Nigeria –, arbeitete Mitte Februar noch nicht einmal die Hälfte der 376 Gesundheitsämter mit Sormas, obwohl dies bis Ende Februar geschehen sein sollte. Mitte Mai hatten 336 Ämter die vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung mitentwickelte Software installiert – aber eben nur installiert. Genutzt wurde sie noch längst nicht überall. Wie löchrig der Flickenteppich war und auch geblieben ist, zeigt der Fall Berlin: Nur drei der zwölf Bezirksgesundheitsämter waren Ende Juni imstande, mit Sormas zu arbeiten.

Und im Gesundheitsamt in Minden? „Der Kreis Minden-Lübbecke hat die Nutzung dieser Software vorbereitet, nutzt sie aber noch nicht, weil der Wechsel aus lokaler Sicht keine Vorteile für die Arbeit vor Ort bringt und zudem einen erhöhten Ressourceneinsatz zur Folge hätte“, teilt Deichholz, zugleich stellvertretender Leiter des Krisenstabes, mit. Der Kreis zieht wie seine Nachbarschaft in OWL die Arbeit mit dem medizinischen Datenbankprogramm Gumax vor, das ermöglicht auch andere meldepflichtige Krankheiten wie Tuberkulose und das Norovirus mit einzubeziehen.

Obwohl die Leiterin des Kreisgesundheitsamtes Dr. Elke Lustfeld schon Anfang des Jahres auf das Problem hingewiesen hatte, gibt es bislang keine Schnittstellen zwischen Sormas und Gumax sowie anderen Softwarelösungen. Da nicht geplant ist, Sormas auf andere Infektionskrankheiten auszuweiten, müssten andere Systeme parallel weitergenutzt werden. „Ein Ausweg aus dieser Zweigleisigkeit wären sogenannte bidirektionale Schnittstellen zwischen Sormas und der vor Ort genutzten umfassenden Softwarelösung, wie Gumax und andere Softwarehäuser sie anbieten“, sagt Deichholz. Der Bundesgesundheitsminister habe jedoch verlautbaren lassen, dass diese Lösungen „nicht prioritär“ seien. Und das Helmholtz-Institutes hat bislang noch keine Schnittstellenbeschreibung veröffentlicht, so dass die Softwarehersteller keine Möglichkeit haben, entsprechende Exportmöglichkeiten in ihren Verfahren zu programmieren.

Zu den Gründen, warum der Kreis und andere sich so schwer tun mit Sormas, sind die eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten der aktuell ausgespielten Version „Sormas L“. Perspektivisch könnte das Programm sehr viel mehr – beziehungsweise sollte es können. Derzeit werden in Pilotkommunen die Version Sormas-X getestet. „Aber der kreisübergreifende Austausch von Fällen würde erst mit der Nutzung der Version Sormas-XL aufseiten des Landes funktionieren“, sagt Deichholz. Dies sei der einzige Vorteil, den das Gesundheitsamt durch die Umstellung hätte. Dagegen stünden zahlreiche Nachteile, die der Kreis bei der Umstellung auf Sormas-X gegenüber der jetzigen Software, in Kauf nehmen müsste – bis hin zu der Gefahr von Datenverlusten bei einer sogenannten Migration in ein neues Programm.

Unterstützung kommt auch von den kommunalen Spitzenverbänden. Der Städtetag warnte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) noch im Juni davor, die Software mit der „Brechstange“ einzuführen.Und der Landkreistag äußerte die Erwartung, „dass die Kosten, die den Kommunen dabei entstehen, nach der Maßgabe ,Wer bestellt, bezahltvollumfänglich ausgeglichen werden“.

Das Kreishaus und das Gesundheitsamt in Minden würden trotz aller Vorbehalte nicht das letzte gallische Dorf am Rande nordrhein-westfälischen Imperiums bilden. „Der Kreis Minden-Lübbecke würde gerne bei seiner einheitlichen Bearbeitung bleiben“, teilt Hans-Joerg Deichholz mit, „würde sich aber selbstverständlich einer verbindlichen Weisung des Landes fügen“. Doch bislang liegt nur eine nachdrückliche Bitte des Gesundheitsstaatssekretärs vor, „ den interkommunalen Datenaustausch im Rahmen der Kontaktpersonennachverfolgung bis zum 30. September 2021 sicherzustellen“.

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