Kommentar zur Wehrpflicht: Wichtige Verbindung Henning Wandel Ist es in Ordnung, junge Menschen zum Dienst für die Allgemeinheit zu verpflichten? Ja, steht im Grundgesetz – und zwar nicht nur in Artikel 12a, in dem es um die Wehrpflicht geht. Kurz zuvor, in Artikel 12, steht: „Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.“ Die Aussetzung der Wehrpflicht mit der Begründung aufrechtzuerhalten, sie sei inzwischen nicht mehr mit unserer Verfassung vereinbar, ist an den Haaren herbeigezogen. Der Vorstoß der Wehrbeauftragten, die Wehrpflicht zu reaktivieren (abgeschafft wurde sie nie), hat heftigen Widerspruch ausgelöst. Auch das mediale Echo war eindeutig ablehnend. Dabei gibt es gute Gründe, junge Menschen wieder zum Bund zu schicken. Der Gedanke, damit die Ausbreitung rechtsextremen Gedankenguts einzudämmen, ist nur eines von vielen Mosaikstückchen. Dahinter steckt vor allem der Gedanke, einen permanenten Austausch zwischen Truppe und Gesellschaft zu schaffen – nicht nur als Absicherung gegen rechts. Das so wichtige Leitbild eines Staatsbürgers in Uniform funktioniert nur, wenn Bundeswehr und Zivilgesellschaft möglichst viele Berührungspunkte haben, wenn sie sich gegenseitig so gut kennen, dass sie praktisch nicht mehr voneinander zu trennen sind. Eine Armee – gerade in Deutschland – muss sich das Vertrauen der Gesellschaft immer wieder erarbeiten. Anders als zum Beispiel in den USA gibt es aus nachvollziehbaren historischen Gründen keinen per se breiten Rückhalt für die Truppe. Je mehr sich der militärische Alltag dem Blickfeld der Öffentlichkeit entzieht, desto schneller wächst Misstrauen. Und jede Meldung über rechtsextremistische Umtriebe oder menschenverachtende Aufnahmerituale beschleunigt die Entfremdung. Über die Wehrpflicht hatte fast jeder eine Verbindung zur Bundeswehr. Das hat die Auswüchse der Vergangenheit nicht verhindert. Doch die größere Nähe war gut für Prävention und Aufarbeitung. Und schließlich dreht sich die Debatte zugleich um nicht weniger als die Frage nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. Dabei geht es nicht nur um den militärischen Teil der Wehrpflicht, sondern genauso um den zivilen Ersatzdienst. Freiwillige Jahre – ob nun sozial, ökologisch oder beim Bund – können den Gedanken nicht ersetzen, der Gesellschaft gegenüber zu etwas verpflichtet zu sein. Das kann eben nur eine echte Pflicht – so unbequem das zunächst einmal ist. Viele junge Männer haben beim Bund zum ersten Mal erfahren, was es heißt, sich in eine erzwungene Gemeinschaft einzufügen und dort ihren Platz zu finden. Das tut im ersten Moment weh, erdet aber auch. Schließlich funktioniert auch eine Gesellschaft nur dann, wenn nicht jeder seine Individualinteressen bedingungslos an die erste Stelle stellt. Wahrscheinlich ist es nur Zufall, dass sich die Fliehkräfte des Individualismus seit der Aussetzung der Wehrpflicht vor neun Jahren zusehends verschärft haben. Nichtsdestotrotz wäre zumindest eine offene Diskussion über eine Rückkehr zur Musterung ein wichtiger Schritt. Wer wirklich auf der Suche nach dem viel zitierten gesellschaftlichen Kitt ist, findet hier womöglich eine entscheidende Zutat.

Kommentar zur Wehrpflicht: Wichtige Verbindung

© Alex Lehn/mt

Ist es in Ordnung, junge Menschen zum Dienst für die Allgemeinheit zu verpflichten? Ja, steht im Grundgesetz – und zwar nicht nur in Artikel 12a, in dem es um die Wehrpflicht geht. Kurz zuvor, in Artikel 12, steht: „Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.“ Die Aussetzung der Wehrpflicht mit der Begründung aufrechtzuerhalten, sie sei inzwischen nicht mehr mit unserer Verfassung vereinbar, ist an den Haaren herbeigezogen.

Der Vorstoß der Wehrbeauftragten, die Wehrpflicht zu reaktivieren (abgeschafft wurde sie nie), hat heftigen Widerspruch ausgelöst. Auch das mediale Echo war eindeutig ablehnend. Dabei gibt es gute Gründe, junge Menschen wieder zum Bund zu schicken.

Der Gedanke, damit die Ausbreitung rechtsextremen Gedankenguts einzudämmen, ist nur eines von vielen Mosaikstückchen. Dahinter steckt vor allem der Gedanke, einen permanenten Austausch zwischen Truppe und Gesellschaft zu schaffen – nicht nur als Absicherung gegen rechts. Das so wichtige Leitbild eines Staatsbürgers in Uniform funktioniert nur, wenn Bundeswehr und Zivilgesellschaft möglichst viele Berührungspunkte haben, wenn sie sich gegenseitig so gut kennen, dass sie praktisch nicht mehr voneinander zu trennen sind.

Eine Armee – gerade in Deutschland – muss sich das Vertrauen der Gesellschaft immer wieder erarbeiten. Anders als zum Beispiel in den USA gibt es aus nachvollziehbaren historischen Gründen keinen per se breiten Rückhalt für die Truppe. Je mehr sich der militärische Alltag dem Blickfeld der Öffentlichkeit entzieht, desto schneller wächst Misstrauen. Und jede Meldung über rechtsextremistische Umtriebe oder menschenverachtende Aufnahmerituale beschleunigt die Entfremdung. Über die Wehrpflicht hatte fast jeder eine Verbindung zur Bundeswehr. Das hat die Auswüchse der Vergangenheit nicht verhindert. Doch die größere Nähe war gut für Prävention und Aufarbeitung.

Und schließlich dreht sich die Debatte zugleich um nicht weniger als die Frage nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. Dabei geht es nicht nur um den militärischen Teil der Wehrpflicht, sondern genauso um den zivilen Ersatzdienst. Freiwillige Jahre – ob nun sozial, ökologisch oder beim Bund – können den Gedanken nicht ersetzen, der Gesellschaft gegenüber zu etwas verpflichtet zu sein. Das kann eben nur eine echte Pflicht – so unbequem das zunächst einmal ist.

Viele junge Männer haben beim Bund zum ersten Mal erfahren, was es heißt, sich in eine erzwungene Gemeinschaft einzufügen und dort ihren Platz zu finden. Das tut im ersten Moment weh, erdet aber auch. Schließlich funktioniert auch eine Gesellschaft nur dann, wenn nicht jeder seine Individualinteressen bedingungslos an die erste Stelle stellt.

Wahrscheinlich ist es nur Zufall, dass sich die Fliehkräfte des Individualismus seit der Aussetzung der Wehrpflicht vor neun Jahren zusehends verschärft haben. Nichtsdestotrotz wäre zumindest eine offene Diskussion über eine Rückkehr zur Musterung ein wichtiger Schritt.

Wer wirklich auf der Suche nach dem viel zitierten gesellschaftlichen Kitt ist, findet hier womöglich eine entscheidende Zutat.

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