Kölner Stadtarchiv: Handfeger gehören zur Standardausrüstung Archivarin Monika Schulte hilft Kölner Kollegen bei Rettung des historischen Gedächtnisses der Rheinmetropole Von Jürgen Langenkämper Minden (mt). Berichte über das Kölner Stadtarchiv gehören seit einem Monat zur morgendlichen Pflichtlektüre von Dr. Monika Schulte. Jetzt war die Leiterin des Kommunalarchivs selbst drei Tage zum Rettungseinsatz für das historische Gedächtnis der Rheinmetropole vor Ort. Schon vor Wochen verriet die Historikerin: "Seit dem Einsturz des Stadtarchivs läuft die Mobilisierung unter den deutschen Archivaren im Hintergrund auf Hochtouren." Alle Fachleute können die Bedeutung gerade der Archivbestände der einstmals größten deutschen Stadt mit 2000-jähriger Tradition ermessen, viele haben selbst schon dort geforscht.Der Solidarisierungsschub geht weit über die Grenzen der Zunft hinaus, auch viele Nichtfachleute haben sich spontan bereit erklärt, freiwillig mitzuhelfen und die im wahrsten Sinne "Drecksarbeit" zu erledigen. "Es sind viele Ehrenamtliche im Einsatz", berichtet Monika Schulte nach ihrem Einsatz, für den sie von der Tätigkeit im Kommunalarchiv freigestellt wurde. Von Donnerstag bis Samstag voriger Woche arbeitete sie in einem Team von 25 bis 30 Helfern mit - an nur einer von mehreren Stationen, deren genauer Ort geheim gehalten wird, um nicht Störer und Räuber anzulocken.Wegen der möglicherweise sensiblen Daten, die sie notgedrungen zu Gesicht bekommen könnten, müssen sich die Helfer auch zur Verschwiegenheit verpflichten. Zum Stöbern in alten und neueren Akten hat aber ohnehin niemand Zeit und Muße, zu viel muss in den beiden siebenstündigen Schichten täglich möglichst rasch auf Schäden und die weitere Behandlung gesichtet und bearbeitet werden.AvD trägt rot und RvD am blauen T-Shirt zu erkennenDer Handfeger gehört zur Standardausrüstung, um an der Einsturzstelle geborgene und in der Sammelstelle gerade eingelieferte trockene Fundstücke grob zu reinigen und in Kartons zu legen. Mehr Probleme bereitet die Erhaltung nasser Archivalien, besonders wenn sich schon Schimmelbefall zeigt. "Diese Stücke müssen in Stretchfolie eingewickelt werden und gelangen dann in eine Gefriertrocknungsanlage", erzählt Schulte. Der Gefriervorgang verhindere ein "Ausbluten" der Tinte ins Papier und stoppe den Schimmel. Damit ist Zeit für eine spätere Restaurierung gewonnen.Das Stammpersonal des Archivs führt die Aufsicht und steht für Fragen der meist unkundigen Helfer, darunter viele Frauen, zur Verfügung. "Eine Archivarin vom Dienst - AvD - ist an ihrem roten T-Shirt zu erkennen, eine Restauratorin vom Dienst - RvD - trägt ein blaues."Als die Mitstreiter im Team - alle nennen sich bei ihren Vornamen - merken, dass "die Monika" vom Fach ist, landen immer mehr alte Handschriften, bei denen die herkömmlichen Lesekenntnisse nicht ausreichen, auf ihrem Tisch. Denn alle Fundstücke müssen bei ihrem Eingang in Listen eingetragen werden, um später einen Überblick über den Verbleib zu bekommen und zu sehen, was in welchem Zustand geborgen werden konnte. Manchmal aber fehlen Signaturen, manchmal sind einzelne Seiten herausgerissen, manchmal liegen nur Papierfitzel vor."Erfahrene Mitarbeiter des Archivs erkennen an den Signaturen, bis zu welchem Gebäudeteil die Bergungstrupps schon vorgedrungen sind", staunt die erfahrene Archivarin über die Kenntnis ihrer Kollegen, die immerhin mehr als 26 000 laufende Meter Archivalien in ihren Regalen verwahrt hatten - zum Vergleich: In der Tonhallenstraße in Minden lagern 4000 laufende Meter.Während ihrer Arbeit in Köln werden die Helfer durch die Stadt verpflegt. Untergebracht ist Monika Schulte mit weiteren Ehrenamtlichen - darunter des Technischen Hilfswerks (THW) und der Johanniter, die direkt an der Einsturzstelle arbeiten - in einem alten Kasernengebäude.Auch für die Arbeit im eigenen Haus gewinnt Dr. Schulte einige Erkenntnisse, "Den Einsturz besser überstanden haben alle Dinge, die liegend gelagert waren", sagt sie. Stärkere Beschädigungen weisen Aktenordner und Bücher auf, die aufrecht gestanden hatten. Aktenkartons, wie sie in ähnlicher Form auch in Minden genutzt werden, haben zum Teil sehr gut Wasser abgehalten - ein wichtiger Punkt, da im KAM die größte Gefahr von einem Hochwasser der Weser oder Löschwasser bei einem Brand drohen könnte (MT vom 21. März).Auch weitere Mitarbeiter aus Minden haben den Kölnern ihre Hilfsbereitschaft signalisiert. Schultes Stellvertreter Vinzenz Lübben und Benjamin Husemann warten auf ihren Einsatz.

Kölner Stadtarchiv: Handfeger gehören zur Standardausrüstung

Minden (mt). Berichte über das Kölner Stadtarchiv gehören seit einem Monat zur morgendlichen Pflichtlektüre von Dr. Monika Schulte. Jetzt war die Leiterin des Kommunalarchivs selbst drei Tage zum Rettungseinsatz für das historische Gedächtnis der Rheinmetropole vor Ort.

Arg lädiert: Wasser ist in eine alte Akte eingedrungen.
Arg lädiert: Wasser ist in eine alte Akte eingedrungen.

Schon vor Wochen verriet die Historikerin: "Seit dem Einsturz des Stadtarchivs läuft die Mobilisierung unter den deutschen Archivaren im Hintergrund auf Hochtouren." Alle Fachleute können die Bedeutung gerade der Archivbestände der einstmals größten deutschen Stadt mit 2000-jähriger Tradition ermessen, viele haben selbst schon dort geforscht.

Der Solidarisierungsschub geht weit über die Grenzen der Zunft hinaus, auch viele Nichtfachleute haben sich spontan bereit erklärt, freiwillig mitzuhelfen und die im wahrsten Sinne "Drecksarbeit" zu erledigen. "Es sind viele Ehrenamtliche im Einsatz", berichtet Monika Schulte nach ihrem Einsatz, für den sie von der Tätigkeit im Kommunalarchiv freigestellt wurde. Von Donnerstag bis Samstag voriger Woche arbeitete sie in einem Team von 25 bis 30 Helfern mit - an nur einer von mehreren Stationen, deren genauer Ort geheim gehalten wird, um nicht Störer und Räuber anzulocken.

Wegen der möglicherweise sensiblen Daten, die sie notgedrungen zu Gesicht bekommen könnten, müssen sich die Helfer auch zur Verschwiegenheit verpflichten. Zum Stöbern in alten und neueren Akten hat aber ohnehin niemand Zeit und Muße, zu viel muss in den beiden siebenstündigen Schichten täglich möglichst rasch auf Schäden und die weitere Behandlung gesichtet und bearbeitet werden.

AvD trägt rot und RvD am blauen T-Shirt zu erkennen

Der Handfeger gehört zur Standardausrüstung, um an der Einsturzstelle geborgene und in der Sammelstelle gerade eingelieferte trockene Fundstücke grob zu reinigen und in Kartons zu legen. Mehr Probleme bereitet die Erhaltung nasser Archivalien, besonders wenn sich schon Schimmelbefall zeigt. "Diese Stücke müssen in Stretchfolie eingewickelt werden und gelangen dann in eine Gefriertrocknungsanlage", erzählt Schulte. Der Gefriervorgang verhindere ein "Ausbluten" der Tinte ins Papier und stoppe den Schimmel. Damit ist Zeit für eine spätere Restaurierung gewonnen.

Freiwillige Helfer: Die ehrenamtlichen Kräfte werden mit Overalls und Schutzmasken ausgestattet, um die Fundstücke zu säubern. - © Fotos: Monika Schulte/pr
Freiwillige Helfer: Die ehrenamtlichen Kräfte werden mit Overalls und Schutzmasken ausgestattet, um die Fundstücke zu säubern. - © Fotos: Monika Schulte/pr

Das Stammpersonal des Archivs führt die Aufsicht und steht für Fragen der meist unkundigen Helfer, darunter viele Frauen, zur Verfügung. "Eine Archivarin vom Dienst - AvD - ist an ihrem roten T-Shirt zu erkennen, eine Restauratorin vom Dienst - RvD - trägt ein blaues."

Als die Mitstreiter im Team - alle nennen sich bei ihren Vornamen - merken, dass "die Monika" vom Fach ist, landen immer mehr alte Handschriften, bei denen die herkömmlichen Lesekenntnisse nicht ausreichen, auf ihrem Tisch. Denn alle Fundstücke müssen bei ihrem Eingang in Listen eingetragen werden, um später einen Überblick über den Verbleib zu bekommen und zu sehen, was in welchem Zustand geborgen werden konnte. Manchmal aber fehlen Signaturen, manchmal sind einzelne Seiten herausgerissen, manchmal liegen nur Papierfitzel vor.

"Erfahrene Mitarbeiter des Archivs erkennen an den Signaturen, bis zu welchem Gebäudeteil die Bergungstrupps schon vorgedrungen sind", staunt die erfahrene Archivarin über die Kenntnis ihrer Kollegen, die immerhin mehr als 26 000 laufende Meter Archivalien in ihren Regalen verwahrt hatten - zum Vergleich: In der Tonhallenstraße in Minden lagern 4000 laufende Meter.

Während ihrer Arbeit in Köln werden die Helfer durch die Stadt verpflegt. Untergebracht ist Monika Schulte mit weiteren Ehrenamtlichen - darunter des Technischen Hilfswerks (THW) und der Johanniter, die direkt an der Einsturzstelle arbeiten - in einem alten Kasernengebäude.

Auch für die Arbeit im eigenen Haus gewinnt Dr. Schulte einige Erkenntnisse, "Den Einsturz besser überstanden haben alle Dinge, die liegend gelagert waren", sagt sie. Stärkere Beschädigungen weisen Aktenordner und Bücher auf, die aufrecht gestanden hatten. Aktenkartons, wie sie in ähnlicher Form auch in Minden genutzt werden, haben zum Teil sehr gut Wasser abgehalten - ein wichtiger Punkt, da im KAM die größte Gefahr von einem Hochwasser der Weser oder Löschwasser bei einem Brand drohen könnte (MT vom 21. März).

Auch weitere Mitarbeiter aus Minden haben den Kölnern ihre Hilfsbereitschaft signalisiert. Schultes Stellvertreter Vinzenz Lübben und Benjamin Husemann warten auf ihren Einsatz.

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