Knistern, Tüten und „Unchain my Heart“: So lief das erste Mindener Rats-TV Monika Jäger Minden. Frau Jessen knistert. Herr Landwehr vergisst die Tüte. Und Frau Gradler-Gebecke zieht am Ende ihres Redebeitrags („Danke, Tschüss") mit lautem „Schruuum" die Schutzhülle vom Mikrofon – ein akustisches Ausrufezeichen. Lange vor der Corona-Pandemie hatte die Mindener Politik angefangen, über Rats-TV nachzudenken. Jetzt, mitten im Winter-Lockdown 2021, geht es erstmals auf Sendung. Es ist eine gelungene Premiere, vor allem wegen der ausformulierten und auf den Punkt geschriebenen Redebeiträge. Insgesamt lassen sich die fünf langen Stunden und die umfangreiche Tagesordnung von zuhause konzentriert verfolgen. Außerdem ist da das Internet deutlich besser als in der KTG-Mensa, aber das ist ein anderes Thema. Der Start ist unvermittelt. Als Bürgermeister Michael Jäcke ins Bild kommt, läuft noch Musik: „Unchain my Heart", Jäcke scherzt mit der Nebenperson – ist das der Vorspann zu irgendeiner Netflix-Serie? Dann geht es los und das Mikro brummt. Laut. Aus dem Ratsrund stellt Sabine Fecht (CDU) einen Antrag, der komplett unverständlich ist. Offenbar geht es um Verkürzung der Redezeit. Später werden auch andere vergessen, dass sie bei Zusehern für Verwirrung sorgen, wenn sie ihre Redebeiträge einfach in den Raum rufen. Das nehmen die Mikros nämlich nicht auf. Sebastian Landwehr (AfD) geht als erster ans Rednerpult und setzt an. Einen Moment lang fühlt man sich wie beim „richtigen" Polit-TV, bis er stutzt und wieder aus dem Bild geht: Er hat die Tüte fürs Mikro vergessen. Dann spricht er sich gegen die Redezeitbegrenzung auf fünf Minuten aus, wird aber von der Mehrheit überstimmt. Ein Segen, wie sich im Laufe des langen Abends – die Sitzung geht bis nach 22 Uhr – zeigen wird. Eigentlich wollte ich mit einer Freundin gemeinsam schauen – wir beide in Zoom, dann können wir über das reden, was da passiert. Die ist bisher mit ihrem Laptop aber nicht reingekommen. Auch bei mir ruckelt das Bild immer wieder. Dafür brummt das Mikro nicht mehr. Und das Ruckeln hört irgendwann auch auf. Und das mit dem Zusammen Gucken klappt dann kurz darauf auch noch. Gut, denn gerade zu Beginn geht es um spannende Themen wie den Jäcke-Prüfbericht. Ute Hannemann referiert klar und gibt damit einen tiefen Einblick in das innere Wirken der Verwaltung. Gerne würde man wissen, wie die Referentin aussieht. Zu sehen sind aber nur Charts. Was hier noch einigermaßen funktioniert, wird später beim Vortrag über das Integrationskonzept zum Problem: 40 Minuten lang eine Liste nach der anderen zu sehen, manche Texte so klein, dass sie nicht zu lesen sind. Schon gar nicht auf dem Handy. Die Referentin, Patricia Jessen, klingt nett. Wie sie wohl aussieht? Beim Vortrag entschuldigt sie sich, dass die Tüte über dem Mikro knistert. Ich blättere derweil im Integrationskonzept: Da sind Fotos, auf denen Menschen eng an eng sitzen. Das war 2019. Eine andere Welt. Ich bin abgelenkt. 40 Minuten auf Text gucken, das ist anstrengend. Sonst allerdings auch: Da sitze ich mit im Saal, ganz hinten, weit weg von den Redenden, und kann meist die Texte auf den Charts auch nicht lesen. Jetzt kann ich wenigstens Screenshots davon machen – fotografieren darf ich sonst nicht, wenn ich live dabei bin. Aber das Thema bringt auch einen der stärksten Momente des Abends, als nämlich Efstathia Pappa (Die Grünen) ans Mikro tritt und sagt, dass es sie mit Stolz erfüllt, heute hier als Stadtverordnete zu stehen, als gelungenes Beispiel für Integration. Die Politikerinnen und Politiker wirken hier auf dem Monitor viel näher, es ist leichter, ihren Worten zu folgen. Ob das am Medium „TV" liegt oder daran, dass sie alle ihre Beiträge vorher formuliert haben? Leider ist bei den meisten das Mikrofon direkt vor dem Gesicht: Das stört sehr. Dafür klappt das mit der Bauchbinde – einem Einblender dazu, wer da spricht – fast immer. Die ehrenamtlichen Politiker können Aufnahmen verweigern. An diesem Abend macht nur eine davon Gebrauch. Andere denken an das Publikum da draußen und beziehen es mit ein, etwa Lutz Abruszat (CDU), der sich zu Beginn seines Redebeitrags vorstellt und sagt, was er mit dem Thema zu tun hat, oder Peter Kock (SPD), der kurz zusammenfasst, worum es eigentlich geht, bevor er seine Haltung sagt. Durchschnittlich sahen 270 Personen zu, insgesamt wurde der Stream rund 3.000 Mal aufgerufen, so die Stadt Minden. Darunter dürften auch viele der Stadtverordneten gewesen sein, die wegen der Absprachen für einen kleineren Rat nicht persönlich dabei waren. Transparenter soll Lokalpolitik mit dem Rats-TV werden. Viermal wird insgesamt getestet, im Juli dann entschieden, ob es damit weitergehen soll. Kommentar von Monika Jäger: Appetit auf mehr Fürs erste Mal war die Rats-TV-Premiere richtig gut und macht Appetit auf mehr. Ja, es gab ein paar technische Ruckler und Aussetzer. Aber die Konzentration auf fünf Minuten Redezeit, die vorformulierten Beiträge und die meist sachliche Art des Vortragens machten die unterschiedlichen Positionen zu den Themen gut deutlich.  Mehr Transparenz geht trotzdem noch. Jeder, der sich nicht schon in den Problemlagen auskennt, würde von einer kurzen einführenden Information zum jeweiligen Thema profitieren. Transparent wäre auch zu wissen, wer bei Abstimmungen dafür und dagegen ist. Das wird weder im Bild gezeigt noch vom Sitzungsleiter gesagt (und übrigens auch nicht protokolliert, leider). Nur zu raten, welche zwei Abgeordneten wohl gegen das Integrationskonzept gestimmt haben, birgt die Gefahr, eher zu Vorurteilen als zu Transparenz beizutragen. Und wer sich das Ganze hinterher ansieht, würde von Markern im Stream wie „Top 1" oder „Top 5" sehr profitieren, weil er dann direkt dorthin springen kann. Ob es reicht, die Sitzung sieben Tage vorzuhalten, muss sich zeigen. Was allerdings ganz schlecht ankommt: Wenn politisch Aktive zwar etwas zu sagen haben, aber damit weder in Ton noch in Bild zu sehen sein mögen. Da sollte jeder noch mal in sich gehen.

Knistern, Tüten und „Unchain my Heart“: So lief das erste Mindener Rats-TV

Mini-TV-Studio am Rednerpult: Die Ratssitzung in der KTG-Mensa wird zum ersten Mal live übertragen. MT-Foto: Henning Wandel © Henning Wandel

Minden. Frau Jessen knistert. Herr Landwehr vergisst die Tüte. Und Frau Gradler-Gebecke zieht am Ende ihres Redebeitrags („Danke, Tschüss") mit lautem „Schruuum" die Schutzhülle vom Mikrofon – ein akustisches Ausrufezeichen. Lange vor der Corona-Pandemie hatte die Mindener Politik angefangen, über Rats-TV nachzudenken. Jetzt, mitten im Winter-Lockdown 2021, geht es erstmals auf Sendung. Es ist eine gelungene Premiere, vor allem wegen der ausformulierten und auf den Punkt geschriebenen Redebeiträge. Insgesamt lassen sich die fünf langen Stunden und die umfangreiche Tagesordnung von zuhause konzentriert verfolgen. Außerdem ist da das Internet deutlich besser als in der KTG-Mensa, aber das ist ein anderes Thema.

Der Start ist unvermittelt. Als Bürgermeister Michael Jäcke ins Bild kommt, läuft noch Musik: „Unchain my Heart", Jäcke scherzt mit der Nebenperson – ist das der Vorspann zu irgendeiner Netflix-Serie? Dann geht es los und das Mikro brummt. Laut. Aus dem Ratsrund stellt Sabine Fecht (CDU) einen Antrag, der komplett unverständlich ist. Offenbar geht es um Verkürzung der Redezeit. Später werden auch andere vergessen, dass sie bei Zusehern für Verwirrung sorgen, wenn sie ihre Redebeiträge einfach in den Raum rufen. Das nehmen die Mikros nämlich nicht auf.

Sebastian Landwehr (AfD) geht als erster ans Rednerpult und setzt an. Einen Moment lang fühlt man sich wie beim „richtigen" Polit-TV, bis er stutzt und wieder aus dem Bild geht: Er hat die Tüte fürs Mikro vergessen. Dann spricht er sich gegen die Redezeitbegrenzung auf fünf Minuten aus, wird aber von der Mehrheit überstimmt. Ein Segen, wie sich im Laufe des langen Abends – die Sitzung geht bis nach 22 Uhr – zeigen wird.

Eigentlich wollte ich mit einer Freundin gemeinsam schauen – wir beide in Zoom, dann können wir über das reden, was da passiert. Die ist bisher mit ihrem Laptop aber nicht reingekommen. Auch bei mir ruckelt das Bild immer wieder. Dafür brummt das Mikro nicht mehr. Und das Ruckeln hört irgendwann auch auf. Und das mit dem Zusammen Gucken klappt dann kurz darauf auch noch.

Gut, denn gerade zu Beginn geht es um spannende Themen wie den Jäcke-Prüfbericht. Ute Hannemann referiert klar und gibt damit einen tiefen Einblick in das innere Wirken der Verwaltung. Gerne würde man wissen, wie die Referentin aussieht. Zu sehen sind aber nur Charts. Was hier noch einigermaßen funktioniert, wird später beim Vortrag über das Integrationskonzept zum Problem: 40 Minuten lang eine Liste nach der anderen zu sehen, manche Texte so klein, dass sie nicht zu lesen sind. Schon gar nicht auf dem Handy. Die Referentin, Patricia Jessen, klingt nett. Wie sie wohl aussieht? Beim Vortrag entschuldigt sie sich, dass die Tüte über dem Mikro knistert. Ich blättere derweil im Integrationskonzept: Da sind Fotos, auf denen Menschen eng an eng sitzen. Das war 2019. Eine andere Welt. Ich bin abgelenkt. 40 Minuten auf Text gucken, das ist anstrengend. Sonst allerdings auch: Da sitze ich mit im Saal, ganz hinten, weit weg von den Redenden, und kann meist die Texte auf den Charts auch nicht lesen. Jetzt kann ich wenigstens Screenshots davon machen – fotografieren darf ich sonst nicht, wenn ich live dabei bin.

Aber das Thema bringt auch einen der stärksten Momente des Abends, als nämlich Efstathia Pappa (Die Grünen) ans Mikro tritt und sagt, dass es sie mit Stolz erfüllt, heute hier als Stadtverordnete zu stehen, als gelungenes Beispiel für Integration.

Die Politikerinnen und Politiker wirken hier auf dem Monitor viel näher, es ist leichter, ihren Worten zu folgen. Ob das am Medium „TV" liegt oder daran, dass sie alle ihre Beiträge vorher formuliert haben? Leider ist bei den meisten das Mikrofon direkt vor dem Gesicht: Das stört sehr. Dafür klappt das mit der Bauchbinde – einem Einblender dazu, wer da spricht – fast immer. Die ehrenamtlichen Politiker können Aufnahmen verweigern. An diesem Abend macht nur eine davon Gebrauch. Andere denken an das Publikum da draußen und beziehen es mit ein, etwa Lutz Abruszat (CDU), der sich zu Beginn seines Redebeitrags vorstellt und sagt, was er mit dem Thema zu tun hat, oder Peter Kock (SPD), der kurz zusammenfasst, worum es eigentlich geht, bevor er seine Haltung sagt.

Durchschnittlich sahen 270 Personen zu, insgesamt wurde der Stream rund 3.000 Mal aufgerufen, so die Stadt Minden. Darunter dürften auch viele der Stadtverordneten gewesen sein, die wegen der Absprachen für einen kleineren Rat nicht persönlich dabei waren. Transparenter soll Lokalpolitik mit dem Rats-TV werden. Viermal wird insgesamt getestet, im Juli dann entschieden, ob es damit weitergehen soll.

Kommentar von Monika Jäger: Appetit auf mehr

Fürs erste Mal war die Rats-TV-Premiere richtig gut und macht Appetit auf mehr. Ja, es gab ein paar technische Ruckler und Aussetzer. Aber die Konzentration auf fünf Minuten Redezeit, die vorformulierten Beiträge und die meist sachliche Art des Vortragens machten die unterschiedlichen Positionen zu den Themen gut deutlich.

 Mehr Transparenz geht trotzdem noch. Jeder, der sich nicht schon in den Problemlagen auskennt, würde von einer kurzen einführenden Information zum jeweiligen Thema profitieren. Transparent wäre auch zu wissen, wer bei Abstimmungen dafür und dagegen ist. Das wird weder im Bild gezeigt noch vom Sitzungsleiter gesagt (und übrigens auch nicht protokolliert, leider). Nur zu raten, welche zwei Abgeordneten wohl gegen das Integrationskonzept gestimmt haben, birgt die Gefahr, eher zu Vorurteilen als zu Transparenz beizutragen.

Und wer sich das Ganze hinterher ansieht, würde von Markern im Stream wie „Top 1" oder „Top 5" sehr profitieren, weil er dann direkt dorthin springen kann. Ob es reicht, die Sitzung sieben Tage vorzuhalten, muss sich zeigen. Was allerdings ganz schlecht ankommt: Wenn politisch Aktive zwar etwas zu sagen haben, aber damit weder in Ton noch in Bild zu sehen sein mögen. Da sollte jeder noch mal in sich gehen.

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