Klimaschutzsiedlung in Königstor: Deshalb haben die Anwohner nun einen Anwalt eingeschaltet Claudia Hyna Minden. Gegen Mindens erste Klimaschutzsiedlung regt sich Widerstand. Das geplante Projekt im Stadtbezirk Königstor soll ein Aushängeschild in puncto Umweltschutz werden. Zahlreiche Anwohner glauben jedoch, dass genau das Gegenteil passieren wird. Sie befürchten, dass die ohnehin hohe Verkehrsbelastung massiv steigt. Ihre Bedenken haben die Betroffenen der Stadt mitgeteilt – eine Antwort blieb bisher aus. Nun haben sie einen Fachanwalt eingeschaltet. Bürgerbeteiligung Der Bauausschuss hat im Oktober grünes Licht für das Projekt mit seinen 104 Wohneinheiten gegeben, aktuell läuft die Aufstellung des Bebauungsplans des Gebietes zwischen Hahler Straße und dem Sportplatz am Mittelweg. Im Zuge der frühzeitigen Beteiligung konnten Bürger ihre Stellungnahmen abgeben. Franziska Becker, Thorsten Bornemann, Klaus Briesemeister und Rainer Seidel fühlen sich bereits in dem Punkt übergangen. Das beschleunigte Beteiligungsverfahren habe ihnen nur drei Wochen Zeit gelassen. In dieser Zeit – und auch jetzt noch – haben sie die Verwaltung mit Schreiben kontaktiert und um ein Gespräch am runden Tisch gebeten. Bisher ohne Erfolg. „Eine individuelle Beantwortung ist nicht vorgesehen und kann aus Verfahrensgründen nicht geleistet werden", teilt die Stadtpressesprecherin Susann Lewerenz dazu mit. Einzelne Fragen seien aber mit Bürgern telefonisch erörtert worden. Und ja, einen runden Tisch hätte es ohne Corona im Rahmen einer Bürgerveranstaltung gegeben. Die Stadt bedauere, dass sie derzeit keine echte Bürgerbeteiligung anbieten könne. Anregungen und Bedenken der Anwohner würden derzeit vom Planungsbüro ausgewertet. Anlieger Thorsten Bornemann hat eine Bitte an die Verantwortlichen. Er sagt: Schaut euch die Lage vor Ort an. Die gesamte Planung sei am Schreibtisch entstanden, kritisiert er. Das kann so nicht funktionieren, bekräftigen seine Mitstreiter. Verkehr Die Liste der Kritikpunkte ist lang. An erster Stelle steht die Verschärfung der bestehenden Verkehrsprobleme. Bereits aktuell sei es zu Stoßzeiten nicht möglich, aus der Beethoven- und Schumannstraße nach links auf die Hahler Straße abzubiegen. „Wenn ich um acht Uhr einen Termin habe, plane ich von vorneherein einen Umweg ein", kommentiert Bornemann. Zu dieser Zeit sei die Hahler Straße ein einziger Parkplatz. Schon jetzt sei das Wohngebiet am Sportplatz zum einen durch Lieferverkehr ins kleine Industriegebiet (zwischen Schumannstraße und Wittelsbacher Allee), Verkehr zu (Berufs-)Schulen, Schrebergartensiedlung und Anliegern sowie den Trainings- und Spielbetrieb des Sportplatzes belastet. Die geplante Einbahnstraßenregelung verstärke das Problem und werde zu mehr Umwegen führen, glaubt Rainer Seidel. Diese Bedenken wurden im Bürgerbeteiligungsverfahren vorgetragen und die Planer haben darauf reagiert. Eine möglichst geringe zusätzliche Beeinträchtigung soll mit der Teilung der Verkehrsströme erreicht werden, so die Pressesprecherin. Vorgesehen seien zu diesem Zweck eine Durchfahrtssperre, Wendekreise und die Ausweisung als Einbahnstraße. Auch die Öffnung des Mittelwegs ist eine Option. Die von den Kritikern geforderte ergänzende gutachterliche Expertise zum Verkehr werde noch beauftragt, heißt es aus der Verwaltung. Mit dieser Verkehrsprognose erfolge ebenfalls eine Expertise zum Verkehrslärm. Bebauung Mit den dazu kommenden Wohneinheiten und dem Betrieb an der Kita mit geschätzt 1.000 zusätzlichen Pkw-Bewegungen, werde es vermehrt zu Rückstaus in den Kreuzungsbereichen mit der Hahler Straße kommen, prophezeien die Anwohner. „Die schmalen Straßen können das nicht aufnehmen." Das wiederum führe sowohl zu mehr CO2-Ausstoß als auch zu Lärm. Am neuen Standort der Kindertagesstätte Tausendfüßler, die von der Bismarckstraße hierher zieht, komme es zwangsläufig zu viel Begegnungsverkehr. „Und wie soll ein Notarzt in Spitzenzeiten hier durchkommen?", fragt Anwohnerin Franziska Becker. Rainer Seidel fasst es mit den Worten „Bebauung auf engstem Raum unter dem Mäntelchen Klimaschutz" zusammen. Die Fläche von rund 18.000 Quadratmetern mit mehr als 100 Wohneinheiten, Sportinternat und Kindertagesstätte ist seiner Meinung nach überladen, er nennt es „Wohnmonstrum". Der beauftragte Fachanwalt spricht davon, dass hier ein klassischer Außenbereich vorliege – und kein Siedlungsbereich. Daher sei nicht von einer Maßnahme der „Innenentwicklung" auszugehen. Der Jurist hält größere Abstände für erforderlich: eine Pufferzone zum Sportplatz und auch zu den Grundstücken an der Hahler Straße. Freiflächen Bäume, Grünflächen, Spielplätze fänden kaum Platz. „Eine Ackerfläche hat mehr ökologischen Wert als eine solche Siedlung." Sie diene in Zeiten des Klimawandels auch zur Belüftung der Stadt. Das spiele nun offenbar keine Rolle mehr. Der Flächenverbrauch durch verdichtete Bauweise sei bei der Klimaschutzsiedlung geringer als bei Einfamilienhaussiedlungen, erwidert Lewerenz. Das schließe sowohl den Anteil für die öffentlichen Verkehrsflächen je Wohneinheit als auch auf den privaten Flächen ein. Die konkrete Planung der Siedlung zeige überdurchschnittlich viele Freiflächen. Diese entstünden durch eine gezielte Zonierung und Platzierung von Stellplätzen und Zuwegungen, sagt sie. Die Kritiker argumentieren, dass die Zahl der Stellplätze mit zehn zu niedrig angesetzt sei. Auch die fünf Plätze an der Kita würden nicht ausreichen, prognostizieren sie. Die Stadt gehe hier von falschen Voraussetzungen aus. Wenn es keine Alternative zur Bebauung an dieser Stelle gebe, solle doch zumindest über den Umfang des Wohngebiets nachgedacht werden. Die Mieter hockten viel zu eng aufeinander. „Hier könnte ein sozialer Brennpunkt entstehen", geben die Kritiker zu bedenken. Ihrer Meinung nach gibt es in der Nähe wesentlich geeignetere Flächen, die auch verkehrlich besser angebunden seien. Im Zuge der Entwicklung von neuen Baugebieten würden Alternativen geprüft, heißt es dazu von der Verwaltung. Susann Lewerenz: „Häufig scheitern diese jedoch an der Flächenverfügbarkeit oder sind anderen Nutzungen vorbehalten." Naturschutz Zu Beginn der Planungen sorgten sich die Anwohner um eine mehr als 100 Jahre alte Esche. Sie befürchteten, dass diese im Zuge der Bauarbeiten verschwinden würde. Die Stadt verkündete später, dass der Baum fester Bestandteil der Planungen sei und als Schattenspender an der neuen Kita dienen soll. Franziska Becker und ihre Mitstreiter bezweifeln den Erhalt – denn er sei mit den jetzigen Plänen nicht vereinbar. Die Anwohnerin spricht außerdem von den zahlreichen Tieren, die hier einen Lebensraum haben und von denen einige wie der Feldhase auf der Liste der bedrohten Arten stünden. Wohnqualität Klaus Briesemeister, der in der angrenzenden Eigentümerwohnanlage an der Hahler Straße wohnt, wundert sich nicht, dass die ersten dort bereits jetzt auf dem Absprung sind, wie er erfahren hat. Unweigerlich werde es zu Verlusten der Wohnqualität und zu einer Wertminderung der Immobilien kommen, glaubt er. Hier werde eine Klimaschutzsiedlung auf Kosten der heutigen Anlieger gebaut. Dabei ist die Rede von mindestens 90 Haushalten, dazu kommen die Pächter der angrenzenden Kleingartensiedlung „Friedlicher Nachbar". Was an einer Stelle als Klimaschutz verkauft werde, erzeuge neue Emissionen an anderer Stelle, fasst Rainer Seidel zusammen. Die Stadt argumentiert hingegen, es sei deutlich ökologischer, wenn neue Baugebiete möglichst nah zu Einkaufsmärkten, Freizeiteinrichtungen und Innenstadt liege. Hier würden viele gefahrene Kilometer mit dem Auto gespart und ein weiteres Zersiedeln der Landschaft werde vermindert. Ausgleich der Interessen Bei neuen Bauvorhaben gebe es immer Gegenwind, erklärte Lars Bursian, Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz, im Fachausschuss. Die Stadt werde versuchen, die Anregungen in einem Ausgleich der verschiedenen Interessen zu berücksichtigen. „Das wird allerdings zu keinem Vorschlag der Verwaltung führen, der von der guten und wichtigen Idee der Klimaschutzsiedlung abrückt", so Bursian abschließend. Klimaschutzsiedlung Im Stadtbezirk Königstor soll eine von 100 Klimaschutzsiedlungen in NRW entstehen. Die Auswahlkommission der Energie-Agentur NRW hat dies im Dezember bestätigt.In diesen Siedlungen sollen die wärmebedingten CO2-Emissionen erheblich reduziert sein – damit sollen die Klimaschutzziele erreicht werden. Vorgaben, die erfüllt werden müssen, reichen von Anbindung an öffentlichen Personennahverkehr bis zur Gebäudeausrichtung. In Minden sollen recycelbare massive Bauteile verwendet werden, jedes Gebäude ist mit Photovoltaik ausgestattet, die Fassaden sind begrünt, es gibt Stellplätze mit Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge, sämtliche Gebäude werden im Passivhaus bzw. Drei-Liter-Haus-Standard geplant. Die Siedlung könnte wegweisend für weitere Neubaugebiete in Minden werden.Entstehen sollen 104 Wohnungen: 44 Zweizimmereinheiten für Singles und Alleinerziehende, 40 Dreizimmerwohnungen, zehn mit vier bis fünf Zimmern. Alles soll barrierefrei erstellt werden, überall sollen Balkone sein. Etwa zehn Wohnungen sind rollstuhlgerecht geplant. Geplant sind nur Mietwohnungen. 

Klimaschutzsiedlung in Königstor: Deshalb haben die Anwohner nun einen Anwalt eingeschaltet

Klaus Briesemeister, Rainer Seidel, Thorsten Bornemann und Franziska Becker (von links) wehren sich gegen den Bau der Klimaschutzsiedlung. MT-Foto: Alex Lehn © Lehn

Minden. Gegen Mindens erste Klimaschutzsiedlung regt sich Widerstand. Das geplante Projekt im Stadtbezirk Königstor soll ein Aushängeschild in puncto Umweltschutz werden. Zahlreiche Anwohner glauben jedoch, dass genau das Gegenteil passieren wird. Sie befürchten, dass die ohnehin hohe Verkehrsbelastung massiv steigt. Ihre Bedenken haben die Betroffenen der Stadt mitgeteilt – eine Antwort blieb bisher aus. Nun haben sie einen Fachanwalt eingeschaltet.

Bürgerbeteiligung

Der Bauausschuss hat im Oktober grünes Licht für das Projekt mit seinen 104 Wohneinheiten gegeben, aktuell läuft die Aufstellung des Bebauungsplans des Gebietes zwischen Hahler Straße und dem Sportplatz am Mittelweg. Im Zuge der frühzeitigen Beteiligung konnten Bürger ihre Stellungnahmen abgeben.

siedlung Foto: pr - © pr
siedlung Foto: pr - © pr

Franziska Becker, Thorsten Bornemann, Klaus Briesemeister und Rainer Seidel fühlen sich bereits in dem Punkt übergangen. Das beschleunigte Beteiligungsverfahren habe ihnen nur drei Wochen Zeit gelassen. In dieser Zeit – und auch jetzt noch – haben sie die Verwaltung mit Schreiben kontaktiert und um ein Gespräch am runden Tisch gebeten. Bisher ohne Erfolg. „Eine individuelle Beantwortung ist nicht vorgesehen und kann aus Verfahrensgründen nicht geleistet werden", teilt die Stadtpressesprecherin Susann Lewerenz dazu mit. Einzelne Fragen seien aber mit Bürgern telefonisch erörtert worden. Und ja, einen runden Tisch hätte es ohne Corona im Rahmen einer Bürgerveranstaltung gegeben. Die Stadt bedauere, dass sie derzeit keine echte Bürgerbeteiligung anbieten könne. Anregungen und Bedenken der Anwohner würden derzeit vom Planungsbüro ausgewertet.

siedlung Foto: pr - © pr
siedlung Foto: pr - © pr

Anlieger Thorsten Bornemann hat eine Bitte an die Verantwortlichen. Er sagt: Schaut euch die Lage vor Ort an. Die gesamte Planung sei am Schreibtisch entstanden, kritisiert er. Das kann so nicht funktionieren, bekräftigen seine Mitstreiter.

Die Siedlung mit viel Grün, kleinen Plätzen und Photovoltaikanlagen könnte wegweisend für Mindens Neubaugebiete werden. Grafik: Parallel - © k
Die Siedlung mit viel Grün, kleinen Plätzen und Photovoltaikanlagen könnte wegweisend für Mindens Neubaugebiete werden. Grafik: Parallel - © k

Verkehr

Die Liste der Kritikpunkte ist lang. An erster Stelle steht die Verschärfung der bestehenden Verkehrsprobleme. Bereits aktuell sei es zu Stoßzeiten nicht möglich, aus der Beethoven- und Schumannstraße nach links auf die Hahler Straße abzubiegen. „Wenn ich um acht Uhr einen Termin habe, plane ich von vorneherein einen Umweg ein", kommentiert Bornemann. Zu dieser Zeit sei die Hahler Straße ein einziger Parkplatz. Schon jetzt sei das Wohngebiet am Sportplatz zum einen durch Lieferverkehr ins kleine Industriegebiet (zwischen Schumannstraße und Wittelsbacher Allee), Verkehr zu (Berufs-)Schulen, Schrebergartensiedlung und Anliegern sowie den Trainings- und Spielbetrieb des Sportplatzes belastet. Die geplante Einbahnstraßenregelung verstärke das Problem und werde zu mehr Umwegen führen, glaubt Rainer Seidel.

Diese Bedenken wurden im Bürgerbeteiligungsverfahren vorgetragen und die Planer haben darauf reagiert. Eine möglichst geringe zusätzliche Beeinträchtigung soll mit der Teilung der Verkehrsströme erreicht werden, so die Pressesprecherin. Vorgesehen seien zu diesem Zweck eine Durchfahrtssperre, Wendekreise und die Ausweisung als Einbahnstraße. Auch die Öffnung des Mittelwegs ist eine Option. Die von den Kritikern geforderte ergänzende gutachterliche Expertise zum Verkehr werde noch beauftragt, heißt es aus der Verwaltung. Mit dieser Verkehrsprognose erfolge ebenfalls eine Expertise zum Verkehrslärm.

Bebauung

Mit den dazu kommenden Wohneinheiten und dem Betrieb an der Kita mit geschätzt 1.000 zusätzlichen Pkw-Bewegungen, werde es vermehrt zu Rückstaus in den Kreuzungsbereichen mit der Hahler Straße kommen, prophezeien die Anwohner. „Die schmalen Straßen können das nicht aufnehmen." Das wiederum führe sowohl zu mehr CO2-Ausstoß als auch zu Lärm. Am neuen Standort der Kindertagesstätte Tausendfüßler, die von der Bismarckstraße hierher zieht, komme es zwangsläufig zu viel Begegnungsverkehr. „Und wie soll ein Notarzt in Spitzenzeiten hier durchkommen?", fragt Anwohnerin Franziska Becker.

Rainer Seidel fasst es mit den Worten „Bebauung auf engstem Raum unter dem Mäntelchen Klimaschutz" zusammen. Die Fläche von rund 18.000 Quadratmetern mit mehr als 100 Wohneinheiten, Sportinternat und Kindertagesstätte ist seiner Meinung nach überladen, er nennt es „Wohnmonstrum". Der beauftragte Fachanwalt spricht davon, dass hier ein klassischer Außenbereich vorliege – und kein Siedlungsbereich. Daher sei nicht von einer Maßnahme der „Innenentwicklung" auszugehen. Der Jurist hält größere Abstände für erforderlich: eine Pufferzone zum Sportplatz und auch zu den Grundstücken an der Hahler Straße.

Freiflächen

Bäume, Grünflächen, Spielplätze fänden kaum Platz. „Eine Ackerfläche hat mehr ökologischen Wert als eine solche Siedlung." Sie diene in Zeiten des Klimawandels auch zur Belüftung der Stadt. Das spiele nun offenbar keine Rolle mehr. Der Flächenverbrauch durch verdichtete Bauweise sei bei der Klimaschutzsiedlung geringer als bei Einfamilienhaussiedlungen, erwidert Lewerenz. Das schließe sowohl den Anteil für die öffentlichen Verkehrsflächen je Wohneinheit als auch auf den privaten Flächen ein. Die konkrete Planung der Siedlung zeige überdurchschnittlich viele Freiflächen. Diese entstünden durch eine gezielte Zonierung und Platzierung von Stellplätzen und Zuwegungen, sagt sie. Die Kritiker argumentieren, dass die Zahl der Stellplätze mit zehn zu niedrig angesetzt sei. Auch die fünf Plätze an der Kita würden nicht ausreichen, prognostizieren sie. Die Stadt gehe hier von falschen Voraussetzungen aus.

Wenn es keine Alternative zur Bebauung an dieser Stelle gebe, solle doch zumindest über den Umfang des Wohngebiets nachgedacht werden. Die Mieter hockten viel zu eng aufeinander. „Hier könnte ein sozialer Brennpunkt entstehen", geben die Kritiker zu bedenken.

Ihrer Meinung nach gibt es in der Nähe wesentlich geeignetere Flächen, die auch verkehrlich besser angebunden seien. Im Zuge der Entwicklung von neuen Baugebieten würden Alternativen geprüft, heißt es dazu von der Verwaltung. Susann Lewerenz: „Häufig scheitern diese jedoch an der Flächenverfügbarkeit oder sind anderen Nutzungen vorbehalten."

Naturschutz

Zu Beginn der Planungen sorgten sich die Anwohner um eine mehr als 100 Jahre alte Esche. Sie befürchteten, dass diese im Zuge der Bauarbeiten verschwinden würde. Die Stadt verkündete später, dass der Baum fester Bestandteil der Planungen sei und als Schattenspender an der neuen Kita dienen soll. Franziska Becker und ihre Mitstreiter bezweifeln den Erhalt – denn er sei mit den jetzigen Plänen nicht vereinbar. Die Anwohnerin spricht außerdem von den zahlreichen Tieren, die hier einen Lebensraum haben und von denen einige wie der Feldhase auf der Liste der bedrohten Arten stünden.

Wohnqualität

Klaus Briesemeister, der in der angrenzenden Eigentümerwohnanlage an der Hahler Straße wohnt, wundert sich nicht, dass die ersten dort bereits jetzt auf dem Absprung sind, wie er erfahren hat. Unweigerlich werde es zu Verlusten der Wohnqualität und zu einer Wertminderung der Immobilien kommen, glaubt er. Hier werde eine Klimaschutzsiedlung auf Kosten der heutigen Anlieger gebaut. Dabei ist die Rede von mindestens 90 Haushalten, dazu kommen die Pächter der angrenzenden Kleingartensiedlung „Friedlicher Nachbar". Was an einer Stelle als Klimaschutz verkauft werde, erzeuge neue Emissionen an anderer Stelle, fasst Rainer Seidel zusammen. Die Stadt argumentiert hingegen, es sei deutlich ökologischer, wenn neue Baugebiete möglichst nah zu Einkaufsmärkten, Freizeiteinrichtungen und Innenstadt liege. Hier würden viele gefahrene Kilometer mit dem Auto gespart und ein weiteres Zersiedeln der Landschaft werde vermindert.

Ausgleich der Interessen

Bei neuen Bauvorhaben gebe es immer Gegenwind, erklärte Lars Bursian, Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz, im Fachausschuss. Die Stadt werde versuchen, die Anregungen in einem Ausgleich der verschiedenen Interessen zu berücksichtigen. „Das wird allerdings zu keinem Vorschlag der Verwaltung führen, der von der guten und wichtigen Idee der Klimaschutzsiedlung abrückt", so Bursian abschließend.

Klimaschutzsiedlung

Im Stadtbezirk Königstor soll eine von 100 Klimaschutzsiedlungen in NRW entstehen. Die Auswahlkommission der Energie-Agentur NRW hat dies im Dezember bestätigt.In diesen Siedlungen sollen die wärmebedingten CO2-Emissionen erheblich reduziert sein – damit sollen die Klimaschutzziele erreicht werden. Vorgaben, die erfüllt werden müssen, reichen von Anbindung an öffentlichen Personennahverkehr bis zur Gebäudeausrichtung. In Minden sollen recycelbare massive Bauteile verwendet werden, jedes Gebäude ist mit Photovoltaik ausgestattet, die Fassaden sind begrünt, es gibt Stellplätze mit Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge, sämtliche Gebäude werden im Passivhaus bzw. Drei-Liter-Haus-Standard geplant. Die Siedlung könnte wegweisend für weitere Neubaugebiete in Minden werden.Entstehen sollen 104 Wohnungen: 44 Zweizimmereinheiten für Singles und Alleinerziehende, 40 Dreizimmerwohnungen, zehn mit vier bis fünf Zimmern. Alles soll barrierefrei erstellt werden, überall sollen Balkone sein. Etwa zehn Wohnungen sind rollstuhlgerecht geplant. Geplant sind nur Mietwohnungen. 

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