Klimaneutral bis zum Jahr 2040: So will Minden den Plan in die Tat umsetzen Stefan Koch Minden. Die Stadt Minden will die Erzeugung von Wärmeenergie verbessern. Und bis zum Jahr 2040 will sie als „klimaneutral“ gelten – also die Atmosphäre nicht mit zusätzlichem CO2 belasten, um damit einen Beitrag zur Verminderung des globalen Treibhauseffektes zu leisten. Wie der Weg dahin führen könnte, hat im Auftrag der Stadt die „energielenker projekts GmbH“, ein Planungsdienstleister mit Sitz in Greven, ermittelt. Das Unternehmen begann im Juli vergangenen Jahres mit einer Bestandserfassung, analysierte die Infrastruktur, wertete Daten von Energieversorgern, Schornsteinfegern, Industrieunternehmen und vielen anderen Stellen aus. Am vergangenen Mittwoch befasste sich der neue Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt und Verkehr mit diesem „Strategischen Energie- und Wärmekonzept Minden 2040“. Wie Lars Bursian, Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz, zu Beginn der Präsentation von Reiner Tippkötter von den Energielenkern erklärte, komme vor allem dem Wärmeverbrauch privater Haushalte eine große Bedeutung zu. Zu klären seien die Möglichkeiten der Bedarfsdeckung durch die zahlreichen Formen der Wärmeerzeugung sowie die Versorgung unterschiedlicher Wohngebiete. Dazu brauche die Stadt eine strategische Planungsgrundlage. Das Bundesland Baden-Württemberg hatte bereits im vergangenen Jahr eine solche verpflichtende Wärmeplanung für größere Kommunen eingeführt. Ausgangslage Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie geht davon aus, dass sich bis zum Jahr 2050 der Verbrauch von Wärmeenergie halbieren lässt und der weitere Bedarf weitgehend durch Wasser, Wind, Sonne und Biomasse gedeckt wird. Derzeit besteht bei Mindener Haushalten der Verbrauch zu zwei Dritteln aus Erdgas, gefolgt von Heizöl. Die geringste Bedeutung kommt der Versorgung über das Wärmenetz zu. Das Bild der Wirtschaftsbetriebe entspricht dem der privaten Verbraucher. Im Ausschuss stellte Tippkötter als Ziel dar, die fossilen Energiequellen bis zum Jahr 2040 weitgehend zu verbannen. Vor allem synthetisches Gas und der verstärkte Anschluss ans Wärmenetz sollen das ermöglichen. Daneben gewinnen Umweltwärme und Solarenergie an Bedeutung. „Die Heizung muss zugunsten der anderen Energieträger auslaufen“, erklärte Tippkötter. Häuser gelte es zu sanieren und auf niedriges Energieniveau zu setzen. Quellen der Energie Woher in Zukunft in Minden die Energie kommen könnte, um Heizöl und Erdgas abzulösen, zeigte Tippkötter ebenfalls. Möglich ist eine verstärkte Abwärmenutzung aus der Industrie. Des Weiteren kommt der Einsatz von lokalen Anlagen zur Erzeugung von Strom und Fernwärme aus Biomasse infrage. Solarthermische Großanlagen können wie in München, Crailsheim und anderen Städten über Wärmenetze Quartiere, Wohngebiete und Stadtteile versorgen. Elektrodenheizkessel wandeln überschüssigen Strom aus Windenergieanlagen in Fernwärme um. Die zahlreichen Baggerseen auf Mindener Gebiet bieten schwimmenden Plattformen mit Solarmodulen Platz, was eine Flächenersparnis beim Betrieb der Anlagen zur Folge hat. Der gleiche Effekt ließe sich auch bei der Solarstromgewinnung im Bereich von drei Abfahrten an der B 65 erzielen. Die Energielenker haben zudem am Weserglacis die Möglichkeit ausgemacht, über Wärmepumpen dem Flusswasser Energie zu entziehen und diese über ein Wärmenetz zu verteilen. Auch das Abwasser im Kanalnetz und in der Kläranlage ist mit den gegenwärtigen technischen Möglichkeiten der Wärmerückgewinnung für die Energieversorgung geeignet. Mit der Tiefengeothermie – der Energiegewinnung aus Erdwärme bis zu 5.000 Meter – haben sich die Experten ebenfalls befasst und eine Karte zur Ergiebigkeit erstellt. Dabei wurden im Stadtgebiet nur wenig geeignete Bereiche ausgemacht. Aber auch weniger bekannte Verfahren wie die Herstellung von synthetischem Gas aus Strom, die Nutzung von Großwärmespeichern oder die zentrale Energieversorgung ausschließlich mit regenerativ erzeugtem Strom kamen zur Sprache. Wo Wärme gebraucht wird Eine sogenannte „Heatmap“ zeigt, wo die meiste Wärme auf Mindener Stadtgebiet gebraucht wird. Es ist der innerstädtische Bereich um den Kern mit seinen Schulen und öffentlichen Einrichtungen sowie Industriebetrieben, die auch auf dem rechten Weserufer für einen erhöhten Bedarf sorgen. Des Weiteren sorgen dichte Wohnbebauung und Wohnblocks für gesteigerten Wärmebedarf. Tippkötter erklärte, dass es in Zukunft auf den Ausbau der bestehenden Fernwärmenetze ankomme. Dazu gibt es als Grundlage das Heizkraftwerk Minden Nord an der Ringstraße, das mittlerweile die Energieservice Westfalen Weser GmbH (ESW) betreibt, ein Tochterunternehmen von Westfalen Weser Energie. Es versorgt seit Mitte der 90er-Jahre unter anderem die Firma Melitta, das Rathaus, Schulen, das Melitta-Bad und den Stadtteil Bärenkämpen mit Fernwärme. Des Weiteren soll das Heizkraftwerk der Kreis-Abfall-Verwertungsgesellschaft mbH Minden-Lübbecke (KAVG) seine Kapazitäten verdoppeln. Es befindet sich an der Karlstraße und versorgt aus Ersatzbrennstoffen vom Deponiebetrieb das benachbarte Chemieunternehmen. Diese beiden Ankerpunkte der Fernwärmeversorgung lassen sich um weitere Wärmeinseln erweitern, die nach und nach zu größeren Netzen zusammenwachsen. Wärmeplanung Das strategische Energie- und Wärmekonzept enthält neben der Bestandserfassung auch einen Plan für die zukünftige Versorgung des Mindener Stadtgebiets. Es zeigt die Bereiche, in denen links und rechts der Weser die Fernwärme ausgebaut werden kann, wo das Gasnetz zu erweitern ist und wo eine Versorgung mit Photovoltaik, Solarthermie oder Flusswasserwärme erfolgversprechend sein könnte. Mehrere Projektgebiete werden identifiziert wie der Innenstadtkern, die Herzog-von-Braunschweig-Kaserne, Mittelweg/Bismarckstraße oder das Areal um das Melittabad. Letzteres könnte in mehreren Ausbaustufen der Fernwärmeversorgung seinen aktuellen Bestand mehr als vervierfachen. Folgen Nach weiteren Diskussionen im Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt und Verkehr wird die Stadt mit den Energielenkern einen Bericht erstellen und dem Rat voraussichtlich im Sommer das strategische Konzept zur Beschlussfassung vorlegen. Es dient nicht nur der Stadt bei weiteren Planungen als Grundlage, sondern auch Industrie- und Gewerbebetrieben, die ihre Energieversorgung sicherstellen müssen. Außerdem wird das Konzept für Förderanträge beim Ausbau von Wärmenetzen von Bedeutung sein. In der kommenden Woche will Bursian im Rahmen des Bündnisses Wohnen – einer Gesprächsrunde zur Verbesserung der Mindener Wohnverhältnisse mit Akteuren des lokalen Immobilienwesens – das neue Strategiekonzept erläutern. Im vergangenen Jahr gewann die strategische Wärmeplanung in kommunaler Hand an Bedeutung, als sich die Stadtwerke als Gasversorger vor dem Hintergrund des Klimaschutzes auch in der Fernwärmeversorgung zu engagieren begannen und weitere Kooperationen anbahnten. Dem war vor zwei Jahren der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vorausgegangen, den Klimanotstand auszurufen. Schon damals war in dem Papier der Wille formuliert, die Stadt klimagerecht zu entwickeln, was zunächst eine Absenkung der CO2-Emissionen um 30 Prozent im Zeitraum 2011 bis 2030 beinhaltete. Auch die Bürger sollen bei diesen Bemühungen mitmachen.

Klimaneutral bis zum Jahr 2040: So will Minden den Plan in die Tat umsetzen

Minden will in den kommenden Jahrzehnten den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern schaffen. 
Die Politik beschäftigt sich nun mit einem strategischen Konzept für die künftige Versorgung. Symbolfoto: © imago images/Future Image

Minden. Die Stadt Minden will die Erzeugung von Wärmeenergie verbessern. Und bis zum Jahr 2040 will sie als „klimaneutral“ gelten – also die Atmosphäre nicht mit zusätzlichem CO2 belasten, um damit einen Beitrag zur Verminderung des globalen Treibhauseffektes zu leisten. Wie der Weg dahin führen könnte, hat im Auftrag der Stadt die „energielenker projekts GmbH“, ein Planungsdienstleister mit Sitz in Greven, ermittelt. Das Unternehmen begann im Juli vergangenen Jahres mit einer Bestandserfassung, analysierte die Infrastruktur, wertete Daten von Energieversorgern, Schornsteinfegern, Industrieunternehmen und vielen anderen Stellen aus. Am vergangenen Mittwoch befasste sich der neue Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt und Verkehr mit diesem „Strategischen Energie- und Wärmekonzept Minden 2040“.

Wie Lars Bursian, Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz, zu Beginn der Präsentation von Reiner Tippkötter von den Energielenkern erklärte, komme vor allem dem Wärmeverbrauch privater Haushalte eine große Bedeutung zu. Zu klären seien die Möglichkeiten der Bedarfsdeckung durch die zahlreichen Formen der Wärmeerzeugung sowie die Versorgung unterschiedlicher Wohngebiete. Dazu brauche die Stadt eine strategische Planungsgrundlage. Das Bundesland Baden-Württemberg hatte bereits im vergangenen Jahr eine solche verpflichtende Wärmeplanung für größere Kommunen eingeführt.

Ausgangslage

Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie geht davon aus, dass sich bis zum Jahr 2050 der Verbrauch von Wärmeenergie halbieren lässt und der weitere Bedarf weitgehend durch Wasser, Wind, Sonne und Biomasse gedeckt wird. Derzeit besteht bei Mindener Haushalten der Verbrauch zu zwei Dritteln aus Erdgas, gefolgt von Heizöl. Die geringste Bedeutung kommt der Versorgung über das Wärmenetz zu. Das Bild der Wirtschaftsbetriebe entspricht dem der privaten Verbraucher.

Im Ausschuss stellte Tippkötter als Ziel dar, die fossilen Energiequellen bis zum Jahr 2040 weitgehend zu verbannen. Vor allem synthetisches Gas und der verstärkte Anschluss ans Wärmenetz sollen das ermöglichen. Daneben gewinnen Umweltwärme und Solarenergie an Bedeutung. „Die Heizung muss zugunsten der anderen Energieträger auslaufen“, erklärte Tippkötter. Häuser gelte es zu sanieren und auf niedriges Energieniveau zu setzen.

Quellen der Energie

Woher in Zukunft in Minden die Energie kommen könnte, um Heizöl und Erdgas abzulösen, zeigte Tippkötter ebenfalls. Möglich ist eine verstärkte Abwärmenutzung aus der Industrie. Des Weiteren kommt der Einsatz von lokalen Anlagen zur Erzeugung von Strom und Fernwärme aus Biomasse infrage. Solarthermische Großanlagen können wie in München, Crailsheim und anderen Städten über Wärmenetze Quartiere, Wohngebiete und Stadtteile versorgen. Elektrodenheizkessel wandeln überschüssigen Strom aus Windenergieanlagen in Fernwärme um. Die zahlreichen Baggerseen auf Mindener Gebiet bieten schwimmenden Plattformen mit Solarmodulen Platz, was eine Flächenersparnis beim Betrieb der Anlagen zur Folge hat. Der gleiche Effekt ließe sich auch bei der Solarstromgewinnung im Bereich von drei Abfahrten an der B 65 erzielen. Die Energielenker haben zudem am Weserglacis die Möglichkeit ausgemacht, über Wärmepumpen dem Flusswasser Energie zu entziehen und diese über ein Wärmenetz zu verteilen. Auch das Abwasser im Kanalnetz und in der Kläranlage ist mit den gegenwärtigen technischen Möglichkeiten der Wärmerückgewinnung für die Energieversorgung geeignet.

Mit der Tiefengeothermie – der Energiegewinnung aus Erdwärme bis zu 5.000 Meter – haben sich die Experten ebenfalls befasst und eine Karte zur Ergiebigkeit erstellt. Dabei wurden im Stadtgebiet nur wenig geeignete Bereiche ausgemacht. Aber auch weniger bekannte Verfahren wie die Herstellung von synthetischem Gas aus Strom, die Nutzung von Großwärmespeichern oder die zentrale Energieversorgung ausschließlich mit regenerativ erzeugtem Strom kamen zur Sprache.

Wo Wärme gebraucht wird

Eine sogenannte „Heatmap“ zeigt, wo die meiste Wärme auf Mindener Stadtgebiet gebraucht wird. Es ist der innerstädtische Bereich um den Kern mit seinen Schulen und öffentlichen Einrichtungen sowie Industriebetrieben, die auch auf dem rechten Weserufer für einen erhöhten Bedarf sorgen. Des Weiteren sorgen dichte Wohnbebauung und Wohnblocks für gesteigerten Wärmebedarf.

Tippkötter erklärte, dass es in Zukunft auf den Ausbau der bestehenden Fernwärmenetze ankomme. Dazu gibt es als Grundlage das Heizkraftwerk Minden Nord an der Ringstraße, das mittlerweile die Energieservice Westfalen Weser GmbH (ESW) betreibt, ein Tochterunternehmen von Westfalen Weser Energie. Es versorgt seit Mitte der 90er-Jahre unter anderem die Firma Melitta, das Rathaus, Schulen, das Melitta-Bad und den Stadtteil Bärenkämpen mit Fernwärme. Des Weiteren soll das Heizkraftwerk der Kreis-Abfall-Verwertungsgesellschaft mbH Minden-Lübbecke (KAVG) seine Kapazitäten verdoppeln. Es befindet sich an der Karlstraße und versorgt aus Ersatzbrennstoffen vom Deponiebetrieb das benachbarte Chemieunternehmen. Diese beiden Ankerpunkte der Fernwärmeversorgung lassen sich um weitere Wärmeinseln erweitern, die nach und nach zu größeren Netzen zusammenwachsen.

Wärmeplanung

Das strategische Energie- und Wärmekonzept enthält neben der Bestandserfassung auch einen Plan für die zukünftige Versorgung des Mindener Stadtgebiets. Es zeigt die Bereiche, in denen links und rechts der Weser die Fernwärme ausgebaut werden kann, wo das Gasnetz zu erweitern ist und wo eine Versorgung mit Photovoltaik, Solarthermie oder Flusswasserwärme erfolgversprechend sein könnte. Mehrere Projektgebiete werden identifiziert wie der Innenstadtkern, die Herzog-von-Braunschweig-Kaserne, Mittelweg/Bismarckstraße oder das Areal um das Melittabad. Letzteres könnte in mehreren Ausbaustufen der Fernwärmeversorgung seinen aktuellen Bestand mehr als vervierfachen.

Folgen

Nach weiteren Diskussionen im Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt und Verkehr wird die Stadt mit den Energielenkern einen Bericht erstellen und dem Rat voraussichtlich im Sommer das strategische Konzept zur Beschlussfassung vorlegen. Es dient nicht nur der Stadt bei weiteren Planungen als Grundlage, sondern auch Industrie- und Gewerbebetrieben, die ihre Energieversorgung sicherstellen müssen. Außerdem wird das Konzept für Förderanträge beim Ausbau von Wärmenetzen von Bedeutung sein. In der kommenden Woche will Bursian im Rahmen des Bündnisses Wohnen – einer Gesprächsrunde zur Verbesserung der Mindener Wohnverhältnisse mit Akteuren des lokalen Immobilienwesens – das neue Strategiekonzept erläutern.

Im vergangenen Jahr gewann die strategische Wärmeplanung in kommunaler Hand an Bedeutung, als sich die Stadtwerke als Gasversorger vor dem Hintergrund des Klimaschutzes auch in der Fernwärmeversorgung zu engagieren begannen und weitere Kooperationen anbahnten. Dem war vor zwei Jahren der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vorausgegangen, den Klimanotstand auszurufen. Schon damals war in dem Papier der Wille formuliert, die Stadt klimagerecht zu entwickeln, was zunächst eine Absenkung der CO2-Emissionen um 30 Prozent im Zeitraum 2011 bis 2030 beinhaltete. Auch die Bürger sollen bei diesen Bemühungen mitmachen.

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