Kipper-Debüt: Unterwegs mit der Müllabfuhr in der Mindener Innenstadt Sebastian Radermacher Minden. Bäckerstraße in Minden, kurz vor halb acht an einem nasskalten Novembermorgen. Jetzt gilt’s. Vorsichtig schiebe ich den schwarzen Behälter mit dem braunen Schild auf dem Deckel vor den Sensor des Greifarms. Plötzlich packt er zu, schnellt nach oben, stellt die Tonne auf den Kopf, schüttelt sie zweimal kräftig durch, fährt wieder herunter und stellt das 240-Liter-Gefäß auf dem Boden ab. Erstes Erfolgserlebnis beim Öffnen des Deckels: Kein Biomüll mehr drin. Heiko Roloffs knapper Kommentar: „Gut so. Nimm’ Dir die nächste Tonne!“ Bei der zweiten hakt’s. Der Greifarm bekommt den Müllbehälter nicht richtig zu packen, bringt ihn beim Hochheben leicht in Schieflage. Abbruch. Benjamin Tiedermann zeigt mir, woran es gelegen hat und packt mit an. „Keine Angst, du musst die Tonne richtig davor schieben“, sagt er und zeigt auf den Sensor. Gesagt, getan. Dann ist auch diese Tonne geleert. Doch für großen Jubel bleibt keine Zeit. Jasper Kock stellt mir bereits den nächsten Behälter hin. Diesmal geht alles glatt. Ist das schon Routine? Heiko Roloff, Benjamin Tiedermann und Jasper Kock von den Städtischen Betrieben Minden (SBM) nehmen mich an diesem Morgen mit auf ihre Biomüllabfuhr-Tour durch die Innenstadt. Roloff sitzt am Steuer des 15-Tonnen-Fahrzeugs, seit rund 20 Jahren fährt er bereits diese Route. Seine Kollegen sind die sogenannten Kipper: Sie leeren die Tonnen. Heiko Roloff kann die beiden am Heck des Wagens über eine Kamera sehen. So hat er im Blick, ob beim Leeren alles glatt läuft. Sobald sie wieder auf ihren Trittbrettern stehen, wird dies auf dem Display angezeigt. Innerhalb von wenigen Sekunden haben sie mehrere Tonnen geleert – und während ich noch fasziniert auf das Display starre, drückt der 54-jährige Roloff schon wieder aufs Gaspedal: „Keine Zeit zu verlieren.“ Im Simeonscarree schlägt meine große Stunde. Hier darf ich mehrere Tonnen ganz alleine leeren und zwischendurch sogar auf dem Trittbrett mitfahren – ein Traum vieler Kinder. Das Fahrzeug setzt sich rasant in Bewegung. Ist zumindest mein Eindruck. Wie schnell sich 30 Stundenkilometer anfühlen können. Mehr sind es nicht, denn schneller kann das Müllauto wegen einer Drosselung gar nicht fahren, wird mir der Fahrer später erklären. Am Straßenrand stehen sechs große 240-Liter-Behälter. „Ganz schön schwer“, denke ich mir, als ich die erste zum Fahrzeug ziehe. „Immer noch ganz schön schwer“, denke ich mir, als ich sie wieder zurück an den Fahrbahnrand stellen will. Jasper Kock greift sofort ein. „Die ist noch nicht leer. Das hat man gehört.“ Deckel hoch: Tonne voll. Das Laub ist derart in den Behälter gepresst worden, dass es sich beim Kippen nicht gelöst hat. In solchen Fällen können die Kipper nachhelfen: Per Knopfdruck kann der Behälter manuell so lange durchgeschüttelt werden, bis sich der Inhalt löst. Notfalls helfen die Mitarbeiter mit der Hand nach – das hält auf. Nicht immer sind es Laub, Grünschnitt und Küchenabfälle, die in den Biomülltonnen landen. Es gibt Behälter, die sind mit vielen Dingen befüllt, nur nicht mit Biomüll. Auch auf unserer Tour kommen solche Negativbeispiele zum Vorschein, als wir testweise einzelne Behälter öffnen. Restmüll, Verpackungen, Dosen, Glas – definitiv kein kompostierbarer Bioabfall. Sollten die SBM-Leute feststellen, dass eine Biotonne größtenteils mit solchen „Störstoffen“ befüllt ist, lassen sie diese ungeleert stehen. Doch nicht immer ist das auf den ersten Blick zu erkennen: Es gibt Müllsünder, die legen unten in die Tonne ein paar Restmüllsäcke und darüber dann Grünschnitt und Laub, erzählt Roloff: „Das sieht man nicht.“ Jede Tonne vor dem Leeren aufzumachen und den Inhalt zu überprüfen, sei nicht ihre Aufgabe und personell auch gar nicht machbar, stellt der Fahrer klar. „Dann schaffen wir die Tour nicht.“ Es gebe aber auch zahlreiche vorbildlich befüllte Tonnen, darauf legt Roloff viel Wert: „Nicht alles ist schlecht.“ Etwa 800 Biotonnen sind auf der Route durch die Innenstadt zu leeren. Bis zu 25 Tonnen an Abfall und rund 100 Kilometer an Wegstrecke können an einem Tag zusammenkommen – dreimal muss das Fahrzeug dann auf der Pohlschen Heide geleert werden. An diesem Morgen sind weniger Behälter zu leeren, denn nicht alle Anwohner haben ihre Biotonnen an die Straße gestellt. Einige vermutlich, weil die Behälter noch nicht voll waren. Andere haben versehentlich die falsche Tonne (Restmüll) bereitgestellt und wiederum andere haben anscheinend den Abfuhrtermin vergessen. So wie der Mann in der Petersilienstraße, der den Behälter gerade noch rechtzeitig laufend zum Fahrzeug zieht, als Jasper Kock und Benjamin Tiedermann eigentlich schon wieder auf ihre Trittbretter steigen wollten. „So etwas kommt öfters vor“, sagt Heiko Roloff. Die Tour in der Innenstadt ist knifflig. Es gibt viele enge Straßen, unübersichtliche Kurven, Sackgassen und wenig Platz zum Rangieren. Für Roloff ist das kein Problem. Das Piepen des Wagens beim Rückwärtsfahren macht mich nervös, ihn nicht. „Das passt“, sagt er zum Beispiel, als er rückwärts eine Einfahrt hochfährt und ein Auto im Halteverbot die Fläche zum Rangieren blockiert. Millimeterarbeit, es passt tatsächlich. „Das ist die Erfahrung“, sagt er und lächelt. Trödeln dürfen die Jungs nicht, um die Tour an diesem Tag zu schaffen, das machen sie mir im Simeonscarree klar. „Zeigt ihm mal, wie das richtig geht!“, höre ich Heiko Roloff durch das geöffnete Fahrerfenster zu seinen Jungs sagen. Dann geht es rund: An beiden Greifarmen werden gleichzeitig die Tonnen geleert, in dieser Zeit holen die Kipper bereits die nächsten Behälter. Der Wechsel erfolgt ohne Unterbrechung, die geleerten Gefäße schieben sie beiseite, in dieser Zeit werden die nächsten gekippt. Ich stehe staunend daneben. Knapp zwei Stunden nach Beginn der Schicht führt das Fahrzeug rund 3,5 Tonnen Bioabfall mit sich, wie die integrierte Waage anzeigt. „Wir haben es heute Morgen etwas ruhiger angehen lassen“, sagt Heiko Roloff. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ich halte sie auf. Auf meinen entschuldigenden Einwand, dass ich den Zeitplan komplett durcheinanderwirbele, sagt der Fahrer in seiner lockeren Art: „Kein Problem, das holen wir später wieder auf.“ Heiko Roloff kennt die Route in- und auswendig. Trotzdem muss er während der Fahrt stets konzentriert sein und Fußgänger, Radfahrer sowie andere Verkehrsteilnehmer im Blick haben. „Ich muss die Augen überall haben, damit nichts passiert.“ Auch nach mehr als 20 Jahren macht ihm die Arbeit noch Spaß, sagt er. Was er aber bedauert: „Es gibt leider immer wieder rücksichtslose Autofahrer, die drängeln, sich beschweren oder keinen Sicherheitsabstand einhalten.“ Das könne er nicht verstehen. „Wir müssen die Tonnen doch leeren. Und ich kann nicht schneller fahren.“ Nach rund zweieinhalb Stunden ist mein Helfer-Einsatz für die SBM beendet. Fazit: Es hat Spaß gemacht – und der Job ist mehr als nur Müll aus Tonnen zu kippen, das wird mir klar. Wie ich mich angestellt habe, will ich zum Schluss wissen. „Wenn Du willst, kannst Du nächste Woche wieder mitfahren und helfen“, sagt Heiko Roloff. Den erneuten Zeitverlust will ich den Jungs aber ersparen... Lesen Sie auch Zu viele Störstoffe im Biomüll: „Im nächsten Jahr wird es Kontrollen geben“

Kipper-Debüt: Unterwegs mit der Müllabfuhr in der Mindener Innenstadt

MT-Redakteur Sebastian Radermacher unterstützte die Städtischen Betriebe Minden beim Leeren der Biomülltonnen in der Innenstadt. Dabei durfte er auch auf dem Trittbrett mitfahren. MT-Fotos: Alex Lehn © lehn

Minden. Bäckerstraße in Minden, kurz vor halb acht an einem nasskalten Novembermorgen. Jetzt gilt’s. Vorsichtig schiebe ich den schwarzen Behälter mit dem braunen Schild auf dem Deckel vor den Sensor des Greifarms. Plötzlich packt er zu, schnellt nach oben, stellt die Tonne auf den Kopf, schüttelt sie zweimal kräftig durch, fährt wieder herunter und stellt das 240-Liter-Gefäß auf dem Boden ab. Erstes Erfolgserlebnis beim Öffnen des Deckels: Kein Biomüll mehr drin. Heiko Roloffs knapper Kommentar: „Gut so. Nimm’ Dir die nächste Tonne!“

Bei der zweiten hakt’s. Der Greifarm bekommt den Müllbehälter nicht richtig zu packen, bringt ihn beim Hochheben leicht in Schieflage. Abbruch. Benjamin Tiedermann zeigt mir, woran es gelegen hat und packt mit an. „Keine Angst, du musst die Tonne richtig davor schieben“, sagt er und zeigt auf den Sensor. Gesagt, getan. Dann ist auch diese Tonne geleert. Doch für großen Jubel bleibt keine Zeit. Jasper Kock stellt mir bereits den nächsten Behälter hin. Diesmal geht alles glatt. Ist das schon Routine?

Über eine Kamera kann der Fahrer sehen, ob beim Leeren der Müllbehälter alles glatt läuft. - © lehn
Über eine Kamera kann der Fahrer sehen, ob beim Leeren der Müllbehälter alles glatt läuft. - © lehn

Heiko Roloff, Benjamin Tiedermann und Jasper Kock von den Städtischen Betrieben Minden (SBM) nehmen mich an diesem Morgen mit auf ihre Biomüllabfuhr-Tour durch die Innenstadt. Roloff sitzt am Steuer des 15-Tonnen-Fahrzeugs, seit rund 20 Jahren fährt er bereits diese Route. Seine Kollegen sind die sogenannten Kipper: Sie leeren die Tonnen.

Oft müssen die Behälter mehrmals gekippt werden, damit sich der festgedrückte Abfall löst. - © Alex Lehn
Oft müssen die Behälter mehrmals gekippt werden, damit sich der festgedrückte Abfall löst. - © Alex Lehn

Heiko Roloff kann die beiden am Heck des Wagens über eine Kamera sehen. So hat er im Blick, ob beim Leeren alles glatt läuft. Sobald sie wieder auf ihren Trittbrettern stehen, wird dies auf dem Display angezeigt. Innerhalb von wenigen Sekunden haben sie mehrere Tonnen geleert – und während ich noch fasziniert auf das Display starre, drückt der 54-jährige Roloff schon wieder aufs Gaspedal: „Keine Zeit zu verlieren.“

Im Simeonscarree schlägt meine große Stunde. Hier darf ich mehrere Tonnen ganz alleine leeren und zwischendurch sogar auf dem Trittbrett mitfahren – ein Traum vieler Kinder. Das Fahrzeug setzt sich rasant in Bewegung. Ist zumindest mein Eindruck. Wie schnell sich 30 Stundenkilometer anfühlen können. Mehr sind es nicht, denn schneller kann das Müllauto wegen einer Drosselung gar nicht fahren, wird mir der Fahrer später erklären.

Am Straßenrand stehen sechs große 240-Liter-Behälter. „Ganz schön schwer“, denke ich mir, als ich die erste zum Fahrzeug ziehe. „Immer noch ganz schön schwer“, denke ich mir, als ich sie wieder zurück an den Fahrbahnrand stellen will. Jasper Kock greift sofort ein. „Die ist noch nicht leer. Das hat man gehört.“ Deckel hoch: Tonne voll. Das Laub ist derart in den Behälter gepresst worden, dass es sich beim Kippen nicht gelöst hat. In solchen Fällen können die Kipper nachhelfen: Per Knopfdruck kann der Behälter manuell so lange durchgeschüttelt werden, bis sich der Inhalt löst. Notfalls helfen die Mitarbeiter mit der Hand nach – das hält auf.

Nicht immer sind es Laub, Grünschnitt und Küchenabfälle, die in den Biomülltonnen landen. Es gibt Behälter, die sind mit vielen Dingen befüllt, nur nicht mit Biomüll. Auch auf unserer Tour kommen solche Negativbeispiele zum Vorschein, als wir testweise einzelne Behälter öffnen. Restmüll, Verpackungen, Dosen, Glas – definitiv kein kompostierbarer Bioabfall. Sollten die SBM-Leute feststellen, dass eine Biotonne größtenteils mit solchen „Störstoffen“ befüllt ist, lassen sie diese ungeleert stehen. Doch nicht immer ist das auf den ersten Blick zu erkennen: Es gibt Müllsünder, die legen unten in die Tonne ein paar Restmüllsäcke und darüber dann Grünschnitt und Laub, erzählt Roloff: „Das sieht man nicht.“ Jede Tonne vor dem Leeren aufzumachen und den Inhalt zu überprüfen, sei nicht ihre Aufgabe und personell auch gar nicht machbar, stellt der Fahrer klar. „Dann schaffen wir die Tour nicht.“ Es gebe aber auch zahlreiche vorbildlich befüllte Tonnen, darauf legt Roloff viel Wert: „Nicht alles ist schlecht.“

Etwa 800 Biotonnen sind auf der Route durch die Innenstadt zu leeren. Bis zu 25 Tonnen an Abfall und rund 100 Kilometer an Wegstrecke können an einem Tag zusammenkommen – dreimal muss das Fahrzeug dann auf der Pohlschen Heide geleert werden. An diesem Morgen sind weniger Behälter zu leeren, denn nicht alle Anwohner haben ihre Biotonnen an die Straße gestellt. Einige vermutlich, weil die Behälter noch nicht voll waren. Andere haben versehentlich die falsche Tonne (Restmüll) bereitgestellt und wiederum andere haben anscheinend den Abfuhrtermin vergessen. So wie der Mann in der Petersilienstraße, der den Behälter gerade noch rechtzeitig laufend zum Fahrzeug zieht, als Jasper Kock und Benjamin Tiedermann eigentlich schon wieder auf ihre Trittbretter steigen wollten. „So etwas kommt öfters vor“, sagt Heiko Roloff.

Die Tour in der Innenstadt ist knifflig. Es gibt viele enge Straßen, unübersichtliche Kurven, Sackgassen und wenig Platz zum Rangieren. Für Roloff ist das kein Problem. Das Piepen des Wagens beim Rückwärtsfahren macht mich nervös, ihn nicht. „Das passt“, sagt er zum Beispiel, als er rückwärts eine Einfahrt hochfährt und ein Auto im Halteverbot die Fläche zum Rangieren blockiert. Millimeterarbeit, es passt tatsächlich. „Das ist die Erfahrung“, sagt er und lächelt.

Trödeln dürfen die Jungs nicht, um die Tour an diesem Tag zu schaffen, das machen sie mir im Simeonscarree klar. „Zeigt ihm mal, wie das richtig geht!“, höre ich Heiko Roloff durch das geöffnete Fahrerfenster zu seinen Jungs sagen. Dann geht es rund: An beiden Greifarmen werden gleichzeitig die Tonnen geleert, in dieser Zeit holen die Kipper bereits die nächsten Behälter. Der Wechsel erfolgt ohne Unterbrechung, die geleerten Gefäße schieben sie beiseite, in dieser Zeit werden die nächsten gekippt. Ich stehe staunend daneben.

Knapp zwei Stunden nach Beginn der Schicht führt das Fahrzeug rund 3,5 Tonnen Bioabfall mit sich, wie die integrierte Waage anzeigt. „Wir haben es heute Morgen etwas ruhiger angehen lassen“, sagt Heiko Roloff. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ich halte sie auf. Auf meinen entschuldigenden Einwand, dass ich den Zeitplan komplett durcheinanderwirbele, sagt der Fahrer in seiner lockeren Art: „Kein Problem, das holen wir später wieder auf.“

Heiko Roloff kennt die Route in- und auswendig. Trotzdem muss er während der Fahrt stets konzentriert sein und Fußgänger, Radfahrer sowie andere Verkehrsteilnehmer im Blick haben. „Ich muss die Augen überall haben, damit nichts passiert.“ Auch nach mehr als 20 Jahren macht ihm die Arbeit noch Spaß, sagt er. Was er aber bedauert: „Es gibt leider immer wieder rücksichtslose Autofahrer, die drängeln, sich beschweren oder keinen Sicherheitsabstand einhalten.“ Das könne er nicht verstehen. „Wir müssen die Tonnen doch leeren. Und ich kann nicht schneller fahren.“

Nach rund zweieinhalb Stunden ist mein Helfer-Einsatz für die SBM beendet. Fazit: Es hat Spaß gemacht – und der Job ist mehr als nur Müll aus Tonnen zu kippen, das wird mir klar. Wie ich mich angestellt habe, will ich zum Schluss wissen. „Wenn Du willst, kannst Du nächste Woche wieder mitfahren und helfen“, sagt Heiko Roloff. Den erneuten Zeitverlust will ich den Jungs aber ersparen...

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